DNA-Analysen gelten als das Nonplusultra der modernen Archäologie. In der Presse werden Untersuchungen, die sich DNA-Analysen bedienen, gern gezeigt. Auch aufgrund der gezeigten Faktizität. Das hat zum einen zur Folge, dass man schnell denkt, eine ultimative Wahrheit wäre gefunden worden. Gleichzeitig gibt es in den Kommentarspalten zur Thematik DNA-Analysen sehr viel mehr Diskussionen als zu anderen Ergebnissen. Auch bei mir laufen die Mail- und Kommentarfelder heiß, wenn ich über so ein Forschungsergebnis schreibe. Meistens sind dazwischen Mails, bei denen ich extrem beleidigt werde. Und deswegen habe ich auch aufgehört täglich über neueste Forschungen aus der Archäologie zu berichten. Aber:
Deswegen möchte ich mir heute einmal das Phänomen DNA-Analysen genauer ansehen.
Die erste Frage, die sich dabei eigentlich stellt, ist:

(Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Die Analyse einer DNA ist zunächst eine sehr individuelle Untersuchung. Man schaut sich dabei eine einzelne Person an, über die man Aussagen treffen kann. Diese Aussagen belaufen sich auf mögliche Erbkrankheiten, das biologische Geschlecht der Person, ob der Mensch Laktose verdauen konnte, welche Haut- oder Augenfarbe ein Mensch hatte. Auf der nächsten Ebene können auch Aussagen über Verwandtschaftsverhältnisse getroffen werden – vorausgesetzt, es werden andere Menschen mit einer vergleichbaren DNA-Struktur betrachtet. Oder man kann eine Einordnung machen, ob die Person zu einer größeren genetischen Kulturgruppe gehört bzw. von ihr abstammt, von der eine häufig auftretende Haplogruppe bekannt ist.
Das darf man natürlich nicht damit verwechseln, dass dieser Mensch auch die entsprechende Identität dieser Gruppe gelebt hat – die Person kann ja z. B. auch als Findelkind bei einer ganz anderen Kulturgruppe aufgewachsen sein (und das ist nur eine Möglichkeit).
Alles steht dabei in Abhängigkeit zum Erhaltungsgrad der DNA.
Ein weiterer Faktor ist, ob es eine Kontamination mit einer Fremd-DNA gibt – beispielsweise mit der DNA der Person, die die Überreste untersucht (Svante Pääbo zum Beispiel beschreibt, wie schwierig es war, den ersten richtigen Reinraum für solche Untersuchungen herzustellen). Das heißt, jede Analyse ist auch das Ergebnis der Qualität der Knochenprobe, die untersucht wird.

Foto der Befundsituation in der Lichtensteinhöhle (Bild: Uwe Fricke – Arbeitsgemeinschaft für Karstkunde Harz e.V. (Bild-frei)).
Ein Beispiel für eine der ersten Analysen, die wirklich spannende Ergebnisse über eine vergangene Lebenswelt gezeigt hat, fand in Deutschland statt. Es handelt sich um die Untersuchung menschlicher Überreste aus der Lichtensteinhöhle im Harz. Ein Bestattungsplatz der Bronzezeit, an dem eine Gruppe über einen langen Zeitraum ihre Angehörigen beigesetzt hat. Die Menschen, die hier gefunden wurden, wurden alle auf ihre DNA hin untersucht. Damals ein sehr teurer Aufwand, denn eine einzige Probe kostete noch ca. 500 €. 62 Menschen konnten in einen Stammbaum sortiert werden. Die Verwandtschaftsverhältnisse dieser Familie konnten direkt beschrieben werden. Außerdem waren alle Menschen dieser Gruppe laktosetolerant.

So sehen die Knochenfunde nach der Ausgrabung aus (Bild: Uwe Fricke – Arbeitsgemeinschaft für Karstkunde Harz e.V. (Bild-frei)).
Ein tolles Ergebnis. Aber ein solches Ergebnis hat Grenzen: Wir wissen nicht, ob sich die Angehörigen dieser Familie z.B. untereinander gestritten haben oder wie das gesellschaftliche Leben dieser Menschen ausgesehen hat. Haben sie gemeinsam in einer Siedlung gelebt oder nur den Bestattungsplatz geteilt? Ein anderes Beispiel ist: Sie konnten alle Laktose vertragen, das heißt nicht, dass sie Milchprodukte konsumiert haben. Es gibt Menschen, die Milch verdauen können, sie aber ekelig finden – oder sie haben gar keinen Zugang zu Milchvieh.
Die DNA-Analyse ist also nur ein weiterer Hinweis auf vergangene Lebensrealitäten
In der Presse liest es sich oft so, als wäre mit einer DNA-Analyse eine Wahrheit gefunden worden. Das ist Anlass für Streit, auch in den Reihen der Archäologie. Oder um es mit den Worten eines der besten Archäologen Deutschlands, Philipp Stockhammer, zu sagen:
„Die Hälfte sieht die DNA-Analyse als Lösung aller Probleme. Für die andere Hälfte ist es ein Werk des Teufels“.
Der Hauptstreitpunkt ist dabei oftmals das Thema Migration. Fakt ist: Wir können bei einer DNA-Analyse durch Vergleiche feststellen, wo zuvor Menschen mit einer ähnlichen DNA gelebt haben. Dadurch sind Rückschlüsse möglich. Fakt ist aber auch: DNA-Analysen zeigen die genetische Struktur von einzelnen Menschen. Und oft wird von sehr wenigen Knochenproben auf ganze Kulturen geschlossen. Das bedeutet, statistisch sind die Ergebnisse nicht haltbar. Durch weitere Erforschung werden DNA-Analysen immer günstiger und auch besser – und das heißt, es gibt immer wieder neue Ergebnisse, die ältere Ergebnisse der DNA-Forschung korrigieren.

(Bild: Pixabay).
Das liegt daran, dass durch mehr Proben ein breiteres Bild einer Gesellschaft gezeigt werden kann, weil man dann mehr Menschen einer Gesellschaft betrachtet hat. Die Ergebnisse stehen dann auf einer breiteren Basis. Und diese Entwicklung ist richtig und wissenschaftlich – das Problem, das ich sehe, ist die Art der deterministischen Absolutheit, mit der seit 15 Jahren die Ergebnisse in der Presse besprochen werden – Ergebnisse, die mittlerweile durch den weitergegangenen Forschungsprozess wiederlegt wurden oder sich anders darstellen.
Doch es gibt zwei andere Hauptpunkte bezüglich DNA-Analysen, die auch unter Archäologen zu Diskussionen führen. Der erste Punkt ist:

(Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Kossinna war ein Archäologe, der zur vorletzten Jahrhundertwende gelebt hat. Er entwickelte Modelle anhand der Kulturkreislehre, ein Konzept, mit dem er versuchte, archäologische Kulturen einzugrenzen. Das Problem dabei war die Grundannahme der Raumgebundenheit dieser Kulturen. Die von ihm erarbeitete modellhafte Betrachtung von Kulturen war viel zu einfach. Es handelt sich eher um eine Projektion der Wahrnehmung von Kulturen, so wie man sich das zu Kossinnas Lebzeiten vorgestellt hat. Die Methode ist eine Art struktureller Bestätigungsfehler, bei dem ein nationalistisches und traditionell völkisches Weltbild zugrunde liegt. Kulturen sind viel komplexer, als in dieser Vorstellung angenommen wird. Um das genauer auszuführen, fehlt mir allerdings hier der Platz (ich will ja einen Blogeintrag schreiben und kein Buch). Nach dem Tod Kossinas haben die Nationalsozialisten seine Arbeit als wissenschaftliche Legitimation der Blut-und-Boden-Politik des Dritten Reiches verwendet. Zu dieser Idee gehört also immer, dass eine Kultur einen geografischen Kulturraum hat, der der Kultur zusteht. Diese Idee ist nicht nur archäologisch inkorrekt, sie birgt auch andere Probleme. So wird z. B. nomadischen Gruppen ihre Menschlichkeit aberkannt, oder die Gemüter entzünden sich an der Frage: Hat derjenige, der zuerst da war, auch mehr Rechte? Und dieser Gedanke ist in unserer Gesellschaft sehr präsent. Schaut man nur auf die Debatten zum Thema Flüchtende oder die Wahlergebnisse der AfD.
Durch einen unvorsichtigen Umgang mit DNA-Analysen besteht die Gefahr, ein menschenfeindliches Gedankengut erneut zu verwissenschaftlichen.
Und das, ohne dass die DNA-Forschung das befürwortet oder DNA-Forscher*innen dieses Weltbild in irgendeiner Weise fördern möchten. Sie würden vermutlich darauf hinweisen, dass wir den europäischen Kontinent dieser Idee entsprechend ganz schnell zugunsten des Neandertalers räumen müssten.

Der Neandertaler war eindeutig vor uns hier. Dieser Schädel von Le Moustier stammt aus der Zeit, wo die ersten Homo Sapiens gerade erst anfingen sich in Mitteleuropa zu bewegen (Ausgestellt: Vorgeschichtsmuseum Berlin/Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Der Punkt ist: Es werden neue Identitäten erschaffen, welche eine Legitimation über die DNA-Struktur erfahren. Dabei wird eine möglichst lange Ortskontinuität einer auserwählten Gruppe konstruiert. Ein Identitätskonstrukt, das im Grunde genommen wissenschaftlich gesehen nicht haltbar ist, aber auf unvorsichtigen Äußerungen von DNA-Forscher*innen zusammengebastelt wird. Was ich sagen möchte, ist: Ja, das ist ein Missbrauch der Forschung durch Rechtsextreme, aber DNA-Forscher*innen machen es den Rechtsextremen dabei auch sehr leicht, beispielsweise durch die Übernahme rechtsextremen Vokabulars in Interviews oder in populären Artikeln. Mein Eindruck ist: Die politische Sensibilität im Kollegium lässt teils zu wünschen übrig. Und das kann zu sehr seltsamen Auffassungen führen:
Ein kurzes Schmankerl aus einem Leserbrief an mich
Es handelt sich um mehrere Seiten, und natürlich wird mir unterstellt, dass ich eine archäologische Verschwörung mitverheimliche, die das hier folgende „Wissen“ unterdrücken würde. Aufhänger ist hierbei die Jamnaya-Kultur. Eine Kultur, welche am Ende des Neolithikums (Jungsteinzeit) aus dem Osten nach Mitteleuropa eingewandert ist. Gleichzeitig lebten schon Menschen in dieser Region. Genetisch gesehen sind diese in der Folge verschwunden (nach neueren Ergebnissen ein paar Jahrhunderte später aber wieder aufgetaucht). Dies veranlasst einige Archäo-Genetiker, von einer „Invasion“ zu sprechen. Die Zuschrift aus meinem Postfach, auf die ich mich jetzt beziehe, sagt aus, dass mit der Jamnaya-Kultur unsere Vorfahren nach Deutschland kamen und dabei ein Invasions-Gen mitbrachten, das uns genetisch dazu veranlagt, immer wieder gewalttätig zu werden. In diesem Sinne hätten wir auch keine Schuld am Holocaust. Wir würden für ein medizinisches Problem beschuldigt, das wir von der Jamnaya-Kultur geerbt hätten und das verursacht, dass wir Völkermorde begehen müssten. Aber für ein medizinisches Problem könnten wir doch gar nichts. Was ich mit diesem Beispiel sagen möchte, ist:

(Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Wer an dieser Stelle jetzt ernsthaft glaubt, es würde so etwas wie ein Invasions-Gen geben oder aber irgendeinen anderen Anlass sieht, den Holocaust zu leugnen oder zu relativieren, dem kann ich nur ganz klar sagen: Du bist hier nicht willkommen!
Für alle anderen: Das Problem ist an dieser Stelle: Ein Wort wie Invasion, bzw. Invasionsgen, das von einigen Archäogenetikern tatsächlich benutzt wird, erzählt eine ganze Geschichte. Dabei ist über die kulturellen Prozesse, rein durch die Betrachtung der DNA, wenig bekannt. Das heißt: Das Wort Invasions-Gen regt an sich eine mordende, plündernde Horde vorzustellen, Fakt ist aber: Wir wissen nicht, wieso sich die Jamnaya-DNA durchgesetzt hat. Es ist gut möglich, dass wir in 10 Jahren ein ganz anderes Bild zeichnen, dann wenn mehr DNA-Analysen durchgeführt wurden und wir zu einer besseren Grundlage kommen. Aber eins hat sich schon gezeigt: Es gibt auch hier wieder Spuren von einer Vermischung.
Das zweite Problem bei der Betrachtung von DNA-Analysen ist: eine scheinbare Evidenz auf Füßen von zu wenigen Untersuchungen
Ein Beispiel ist eine Studie über die Herkunft der Tripolje-Kultur. Eine Kultur, welche in Osteuropa gegen 3.500 v. Chr. große Siedlungen errichtete. Hier war das Ergebnis der DNA-Analyse, dass es sich um eine multikulturelle Gesellschaft handelte (so die Überschrift der Presseerklärung, die diese Studie vorstellt). Tatsächlich wurden in diesem Fall aber nur 8 Personen untersucht, um zu dieser Aussage zu kommen. Das ist, als würde man blind in eine Tüte Gummibärchen greifen, ein rotes erwischen und dann behaupten, es sei wissenschaftlich bestätigt, alle Gummibärchen seien rot.

(Bild: Alexas_Fotos/Pixabaylizenz).
Hinzu kommt: Diese Aussagen sind noch viel schwieriger auf einer anderen Ebene. Die Interpretationen beschreiben Identitäten: Das sind Beschreibungen, mit denen wir Vorstellungen verknüpfen, die aber über die Biologie gar nicht nachweisbar sind. Denn selbst wenn sich herausstellt, dass sich die Tripolje-Kultur aus den Nachfahren vieler Kulturen zusammensetzt, bedeutet das noch lange nicht, dass sich die Menschen als multikulturelle Gesellschaft verstanden haben; vielleicht haben sie sich als etwas ganz Eigenes definiert.

Eine Rekonstuktion des Lebens in der Tripoljekultur (Illustration: S. Beyer, Kiel, cp. Shatilo 2021).
Dass nach einigen Generationen das Wissen darüber, wo die jeweils eigenen Urururururururururururururgroßeltern hergekommen sind, verloren ging, ist zudem wahrscheinlich, da das im Grunde auf fast alle Menschen zutrifft. Eine Person mit 4 oder 5 genetisch nachgewiesenen Herkunftskulturen hat eventuell ein Selbstbild von sich gehabt, das 100 % Tripolje war, oder aber ein ganz anderes, uns unbekanntes Selbstbild. Das Problem, das hier auftritt, ist also das gleiche wie bei vielen Genderdebatten – die DNA wird mit der kulturellen Lebensrealität verwechselt. DNA-Analysen sind Analysen, die den Menschen rein biologisch betrachten. Kulturen sind komplexer und bestehen aus einer Vielzahl an Eigenschaften, Wahrnehmungen und Praktiken. Kultur ist die Vielfalt an Lebengestaltungsmöglichkeiten, die Menschen aus dem machen, was ihnen möglich ist. Die Grenze dessen liegt nicht in der DNA, sondern bei der Grenze der Kreativität.
Kreativität scheint bei einigen heute lebenden Menschen aber geringer ausgeprägt zu sein als bei Menschen aus der Vergangenheit.
Es gibt Menschen, die können sich bestimmte Lebensweisen nicht einmal vorstellen, die in der Vergangenheit aber wirklich gelebt wurden. Meine Vermutung ist: Die Diskussionen zu DNA-Analysen explodieren schier, bis hin zu gefährlichen Gewaltandrohungen, wenn die DNA-Analyse der Weltsicht einiger, meist sehr lauter Menschen widerspricht. Dazu möchte ich ein Beispiel betrachten, das 2018 in England zu massiven Kontroversen geführt hat. Es geht um den Cheddarman. Dieser Mann ist aufgrund der frühen Zeit, aus der er stammt, eine Art nationales Identifikationssymbol und wird immer wieder als der erste Brite bezeichnet. Das Skelett ist 10.000 Jahre alt, also mesolithisch, und wurde in der Region Cheddar gefunden. Das ist die Region, wo auch der Käse herkommt. Aber die DNA-Analyse zeigt, der Cheddarman hat nie Käse gegessen, denn er war laktoseintolerant. Das war aber nicht Aufhänger der Kontroverse. Vielmehr im Fokus stand ein Ergebnis, das zu erwarten war: Der Cheddarman war schwarz. Als die ersten weißen Menschen nach Europa einwanderten, war der Cheddarman nämlich bereits 2.000 Jahre tot.
Das Ergebnis dieser DNA-Analyse wurde in England zunächst mit der Enthüllung einer Rekonstruktion seines Gesichts gefeiert. Doch schnell schlug die Stimmung um in blanken Hass. Die Wissenschaftler*innen wurden in den sozialen Medien übel beschimpft. Sie hätten die Ergebnisse gefälscht, weil sie politisch indoktriniert seien. Dieser Vorwurf war teils gekoppelt an Gewaltandrohungen, auch gegenüber den Familienmitgliedern der Forscher*innen. Diese hatten ein Ausmaß, welches ich hier nicht wiederholen möchte. Aber es zeigt sich deutlich: Hier wurde einer Weltsicht widersprochen, und das hat zu Kontroversen geführt. Dabei ist die Erkenntnis über die Hautfarbe archäologisch irrelevant. Es gibt keine weitere Forschung, die man darauf aufbauen könnte. Die Hautfarbe des Cheddarman sagt nichts darüber aus, wie dieser gelebt hat oder aber welche Kulturtechniken er kannte.
Und wenn die Kommentarzeilen nicht voll rassistischem Hass sind, dann sind sie oft voller sexistischem Hass
Wenn man dieses Beispiel unter Archäolog*innen heute nennt, erntet man großes Augenrollen, weil es keiner mehr höheren kann. Die DNA Analyse eines bestatteten aus einem Wikinger-Kriegergrab in Birka zeigte: Es handelte sich um eine Frau. Die Möglichkeit, dass es weibliche Wikingerkrieger gegeben hat, war gar keine große Neuheit. Schon in älteren Forschungen wurde dies vermutet, doch nun gab es auf einmal einen Beleg. Und als ob es eine feministische Dreistigkeit sondergleichen wäre, herauszufinden, dass es einmal eine biologisch weibliche Kriegerbestattung gegeben hat, ging auch hier der Hassmob los. Und das dieses Mal auch innerhalb der Forschung.

Rekonstruktion einer Kriegerbestattung einer Wikingerfrau (Foto: © Jens Boeck; Ausschnitt aus der TV-Doku „Mächtige Männer – Ohnmächtige Frauen? Neue Fakten aus der Vergangenheit“, von ZDF Terra X ).
Es wurde geprüft und geprüft und geprüft, alles wirklich oft immer nochmal untersucht – einfach nur, weil einige männliche Archäologen eine so dermaßen fragile Männlichkeit haben, dass ihr gesamtes Weltbild zusammenbricht, wenn es ein einziges Mal in der Wikingerzeit eine Kriegerin gegeben hat. Ihre Vorstellungskraft reicht nicht aus, sich das vorzustellen, was vor dieser DNA-Analyse ohnehin bereits über Wikingerinnen bekannt war: Dass diese Frauen in seltenen Fällen Aufgaben, die als Männerrollen angesehen wurden, übernommen haben. Aber weil nicht sein darf, was MANN sich nicht vorstellen kann, wurden sämtliche Möglichkeiten untersucht. Mittlerweile wurde wirklich jede Möglichkeit, was hier hätte falsch laufen können, mehrfach überprüft und neu untersucht. Vmtl. ist keine Aussage der gesamten Archäologiegeschichte mittlerweile gesicherter als die, dass in diesem Grab eine Frau lag. Das Problem an dieser Stelle ist nicht, dass dies überprüft wurde. Jede wissenschaftliche Studie sollte nachprüfbar sein. Das Problem ist: Wäre diese Analyse auch so stark kritisiert worden und so massiv überprüft, wenn sie nicht das Weltbild einiger Leute angekratzt hätte?

Forscher der Universität in Stockholm untersuchen das Skelett des Wikingergrabs aus Birka (Foto: © Jens Boeck Ausschnitt aus der TV-Doku „Mächtige Männer – Ohnmächtige Frauen? Neue Fakten aus der Vergangenheit“, die am 12. Juli um 19:30 im ZDF bei Terra X zu sehen sein wird)
Angenommen, es hätte sich herausgestellt, dass dieses Skelett eine männliche DNA hatte, wäre diese Analyse überhaupt großartig besprochen worden? Hätte das jemals jemand überprüft? Mein Eindruck ist: Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Es zeigt sich deutlich, ob Hautfarbe oder Geschlecht – sobald ein Ergebnis bestimmte Weltbilder tangiert, schießen die Emotionen durch die Decke. Doch es ist nicht die Aufgabe der Wissenschaft, irgendein Weltbild zu bestätigen. Und natürlich fehlt ein Aufschrei in der breiten Öffentlichkeit, wenn es ein Ergebnis gibt, welches wissenschaftlich zwar auf wackligen Füßen steht, aber politisch für das Cherrypicking rechter Stimmungsmacher nützlich ist.
Deswegen würde ich mir wünschen, mehr Sachlichkeit bei diesem Thema walten zu lassen. Zu überlegen, wann man beispielsweise von einer Invasion spricht. Oder: Nach nur 8 Analysen nicht gleich die große Geschichte der Multikulti-Kultur zu erzählen und vor allem DNA-Analysen vorsichtiger zu präsentieren. Und damit meine ich den Umgang in Pressemitteilungen. Die allermeisten Menschen und die allermeisten Journalist*innen haben nie Archäologie studiert. Für sie wirkt eine Presseerklärung, die sich auf DNA-Analysen bezieht, wie eine neu gefundene ultimative wissenschaftliche Wahrheit. Wie ich gezeigt habe, ist das aber problematisch. Gerade in einer politisch so polarisierten Zeit wie unserer. Die Art, wie wir Forscherinnen mit den Ergebnissen der DNA-Analysen umgehen, hat einen direkten Einfluss darüber, inwieweit unsere Ergebnisse politisch missbraucht werden können. Auch, weil DNA oft als ultimative Wahrheit gesehen wird. Und aus dem Blickwinkel der Forschung von vor 30 Jahren gesehen, können wir heute quasi zaubern. Aber genau deswegen braucht es mehr Sensibilität im Umgang mit unseren Forschungsergebnissen und wie wir sie kommunizieren.
Hinweiß: Ich möchte mich bei meinem äußerst liebenswürdigen Kommilitonen Jeffery König bedanken, da er mir bei der Literaturrecherche eine große Hilfe gewesen ist
Literatur:
Lichtensteinhöhle: https://www.uni-goettingen.de/de/538339.html
Stockhammer Zitat: https://www.spektrum.de/news/zankapfel-palaeo-dna/1559594
Mittelmeerstudie Presserklärung: https://medienportal.univie.ac.at/presse/aktuelle-pressemeldungen/detailansicht/artikel/jede-mittelmeerinsel-hat-eigenes-genetisches-muster/
Mittelmeerstudie: https://www.nature.com/articles/s41559-020-1102-0
Geschichte der Hautfarbe: https://migration.hypotheses.org/350
Cheddarman: https://www.nhm.ac.uk/discover/cheddar-man-mesolithic-britain-blue-eyed-boy.html
Wikingerkriegerin: https://www.researchgate.net/publication/319559178_A_female_Viking_warrior_confirmed_by_genomics
Die Theoriedebatte: http://www.medievalworlds.net/8084-5inhalt?frames=yes
https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00438243.2019.1617189
https://www.cambridge.org/core/journals/proceedings-of-the-prehistoric-society/article/reintegrating-archaeology-a-contribution-to-adna-studies-and-the-migration-discourse-on-the-3rd-millennium-bc-in-europe/6F6223448D130FECBDB899F660EA9873
https://www.cambridge.org/core/journals/european-journal-of-archaeology/article/massive-migrations-the-impact-of-recent-adna-studies-on-our-view-of-third-millennium-europe/B225B14D82066373B2C11295AA1D1462
https://www.cambridge.org/core/journals/antiquity/article/retheorising-mobility-and-the-formation-of-culture-and-language-among-the-corded-ware-culture-in-europe/E35E6057F48118AFAC191BDFBB1EB30E