Die Kunst der Altsteinzeit und die Frauen

Die Kunst kam mit dem Homo Sapiens nach Europa. Zwar ist es möglich, dass sich Neandertaler*innen dieses Verhalten bei dem Homo Sapiens angeschaut hat, sodass es Zeiten gibt, bei denen man nicht weiß von welcher Menschenart sie hergestellt wurden, aber vor dem Homo sapiens gab es nur kleinere Hinweise auf Kunst und keine ausgeprägte Bildsprache. Die älteste bekannte Steinzeitkunst stammt aus Südafrika und ist zwischen 60.000 und 80.000 Jahre alt. Die älteste europäische Kunst ist zwischen 36.000 und 34.000 Jahren alt, man nennt dieses Zeitalter das Aurignacien. Es ist auch die Zeit der ersten nachweisbaren Musikinstrumente. Bei der bildlichen Kunst handelt sich um Höhlen mit Felsbildern in Südfrankreich und Spanien. Es gibt solche Höhlen aber auch, zum Beispiel im schwäbischen Raum, wo es möglich sein könnte, dass hier schon vor 43.000 Jahren Kunst gefertigt wurde. Aus diesen Höhlen stammt auch sehr frühe figürliche Kunst.

Die Felsmalerei eines Bisons.

Ein Bison aus der Altamirahöhle (Foto: National Museum and Research Center of Altamira)

Als ich begonnen habe Archäologie zu studieren, wurde eine Interpretation zu dieser Felskunst der Steinzeit vorgeschlagen, die als aktueller Vorgangsstand galt. Grundlage dafür waren ethnologische vergleiche mit Kulturen, die auch heute noch Felsbilder erschaffen. Es galt die Idee, die Kunstwerke wurden in Ritualen angefertigt, die mit der Initiation der Männer zusammen hing. Männer malten diese Bilder und Männer wurden durch dieses Ritual zu Männern, die so zu erwachsenen Jägern heranwuchsen. Von einem schamanistischen Ritual bezogen auf die Männlichkeit wurde gesprochen.  Nunja, ich versuche es mal diplomatisch sagen: Der Drops ist mittlerweile gelutscht. Und zwar ganz bestimmt. Denn in Zwischenzeit gab es Untersuchungen, bei denen festgestellt werden konnte, welches Geschlecht die Menschen hatten, die die Abdrücke, ihrer Hände an den Höhlenwänden hinterließen.

Eine Wand aus der Grotte Cauvette. Viele Handabdrücke die mit Roter Farbe gemacht wurden sind dabei zu sehen.

Bekannt ist besonders die Grotte Cauvette für solche Handabdrücke (Foto: © SYCPA – S. Gayet; Ausschnitt aus der TV-Doku Mächtige Männer – Ohnmächtige Frauen?“ Neue Fakten aus der Vergangenheit“, die am 12. Juli um 19:30 im ZDF bei Terra X zu sehen sein wird).

Dreiviertel der gefunden Handabdrücke und Handnegative stammen von Frauen. Und das lässt sich bestimmen, da es aufgrund der biologischen Ausprägungen der Geschlechter Merkmale am ganzen Körper gibt, die sich unterscheiden. Auch an den Händen. Ausschlaggebend ist dabei die Betrachtung der Fingerlänge. So ist bei Männern der Ringfinger deutlich länger als der Zeigefinger, bei Frauen ist dies andersherum oder Zeige und Ringfinger sind gleichlang. Ausschlaggebend für das Identifizieren des Geschlechtes eines Menschen, der einen Handabdruck hinterlassen hat, ist also das Verhältnis der Fingerlängen. Für die alte Interpretation heißt dieses Ergebnis, das man sich von einer Vorstellung der Urgeschichte, in der Männer erstrangig Kulturtechniken beherrschten verabschieden kann.

Ein Negativbild einr Hand. Die Hand wurde ggen den Fels gehalten, und dann rote Farbe aufgesprüht. Das geschah im Paläolothikum durch Spucken.

Auch bei zum Beispiel diesem Handnegativ lässt sich erkennen, der Ringfinger ist deutlich länger als der Zeigefinger. Eine Frau hat sich hier verewigt. Die negative wurden hergestellt, indem die Hand auf den Fels gelegt wurde und dann wurde Farbe dagegen gespuckt (Foto: © Patrick-Aventurier; Ausschnitt aus der TV-Doku Mächtige Männer – Ohnmächtige Frauen?“ Neue Fakten aus der Vergangenheit“, die am 12. Juli um 19:30 im ZDF bei Terra X zu sehen sein wird).

Neben den Felsbildern gibt es in der Altsteinzeit auch Kleinkunst also kleine Figuren, die oftmals ebenfalls in Höhlen gefunden wurden. Meist handelt es sich um Tiere, es gibt aber auch Darstellungen von Menschen. Meist sind es Frauen. Eine der ältesten Figuren diese Art ist die Venus von Hohle Fels, sie ist 6,6 cm hoch und passt von daher gut in eine Hand. Ein Ring war anstelle eines Kopfes in diese Figur eingearbeitet, möglicherweise um sie an einem Band zu befestigen. Vielleicht war die Elfenbeinfigur einmal ein Anhänger oder ein Talisman.

Eine Abbildung der Venus von Hohle Fels. Es handelt sich um eine Figur mit einem winzigen Kopf, und einem riesiegen Körper. Die Fru hält die Arme unter den Brüsten, die äusserst groß sind. Wie ist Korpulent und Nackt sodas ihre Vulva zu erkennen ist.

Die Venus von Hohle Fels (Bild: Ramessos  [CC BY-SA]).

Wirklich Dominat werden Figürliche Darstellungen von Frauen dann im Gravettien, das ist die Zeit zwischen 30.000 und 25.000 Jahren vor heute. Aus dieser Zeit stammt die wohl berühmteste Venus Figur: die Venus von Willendorf. Diese Figur ist 11 cm hoch und besteht aus Kalkstein. Spuren einer roten Bemalung waren bei der Bergung noch auf der Figur zu sehen. Auffällig ist, kleine Details wie die einzelnen Finger der Hand, sind trotz dessen, dass die Figur so klein ist, sehr detailreich gearbeitet. Die Figur wurde schnell als die Darstellung einer schwangeren Frau interpretiert. Der Grund dazu ist der sehr Dick darstellte Bauch und die großen scheinbar angeschwollenen Brüste. Sie gilt einigen Forschern von daher als Fruchtbarkeitssymbol. Da die Frau nackt gezeigt wird vermuten andere eher erotische Motive hinter der Bedeutung dieser Darstellung. Hinzu kommt die Vermutung, dass die Leibesfülle ein Schönheitsideal gewesen sein könnte.

Die Veneus von Willendorf von rchts. Eine shr Dicke stilistisch Dargestellte Frau mit iner Kurzhaar oder Felchtfriesur. Evtl. trägt sie auch eine Haube. Die Frau hat Dünne Arme, die sie auf ihre Brüste gelegt hat. Diese sind sehr Dick, und auch der Bauch und die Hüften sind sehr füllig.

Die Darstellung der Venus von Willendorf ist einerseits eine stark stilisiere Frauendarstellung, andererseits aber anatomisch sehr korrekt (Foto: ©Naturhistorisches Museum Wien; Ausschnitt aus der TV-Doku „Mächtige Männer – Ohnmächtige Frauen?“ Neue Fakten aus der Vergangenheit“, die am 12. Juli um 19:30 im ZDF bei Terra X zu sehen sein wird).

Auffällig ist: Es gibt gerade im Gravettien auch andere Figuren. Sie zeigen Männer, oder auch Phalli, besonders bekannt ist zum Beispiel auch der Löwenmensch aus der Holenstein-Stadel Höhle. Aber in der Anzahl deutlich Dominat sind figürliche Darstellungen von Frauen. Interessant ist dabei die Ausbreitung über ganz Europa. Das bedeutet, dass der Kommunikationsraum, in dem diese Frauenfiguren verstanden wurden, sehr groß gewesen ist. Von den Pyrenäen bis Sibirien haben die Menschen gewusst, was diese Figur ausdrückt. Und alleine dieser Umstand ist wahnsinnig interessant, wenn wir versuchen uns diese urgeschichtliche Gesellschaft, in der kleine Menschengruppen jagend und sammelnd in einer Eiszeit lebten vorzustellen.

Und wer sich noch mehr Informationen darüber abholen möchte wie man sich diese Zeit eigentlich Vorstellen kann, und was für ein Leben es war in der Altsteinzeit, dem empfehle ich am 12. Juli um 19:30 Terra X zu schauen. Im ZDF läuft dann die Doku „Mächtige Männer – Ohnmächtige Frauen?“ Neue Fakten aus der Vergangenheit“, die die Geschichte der Geschlechter thematisiert. Ich durfte schon einmal in diese Doku reinschauen und gerade diese Zeit wird sehr gut nach dem neuesten Forschungsstand erklärt. Ich wünsche euch also viel Spaß am nächsten Sonntag.

Literatur:

Wilhelm Angeli: Die Venus von Willendorf, Wien 1989.

Walpurga Antl-Weiser: The anthropomorphic figurines of Willendorf. In: Wissenschaftliche Mitteilungen aus dem Niederösterreichischen Landesmuseum 19. St. Pölten 2008.

Jean Clottes und David Lewis-Williams: Schamanen – Trance und Magie in der Höhlenkunst der Steinzeit. Paris 1997.

Nicolas J. Conrad und Klaus Joachim Kind: Als der Mensch die Kunst erfand – Eiszeithöhlen in der Schwäbischen Alb. Darmstadt 2017.

Sibille Wolf: Faszination Frau – weibliche Darstellungen der Altsteinzeit. In: Die Kunst der Mammutjäger – Eiszeiten – Die Menschen des Nordlichts. Hamburg 2017.

Höhlenmalerei: Handabdrücke stammten von Frauen