Ein rätselhafter Totenglaube in der Jungsteinzeit

Südlich von Kiel liegt Flintbek. Ein Ort mit einer langen, sogar sehr langen Geschichte. Vor 6.000 Jahren ist hier jemand mit einem Wagen lang gefahren. Das war klar seit dem Radspuren bei Ausgrabungen ans Tageslicht kamen. Es sind nicht irgendwelche Radspuren, sondern der älteste Beleg für das Auftreten des Rades in der Menschheitsgeschichte. Doch nicht nur das macht Flintbek bemerkenswert. Hier gibt es seit dem Neolithikum (Jungsteinzeit) Spuren von einer Besiedlung. Gegen 3.500 v. Chr. werden dann 4 Totenhütten gebaut. Grabbauten die sehr selten sind. Der Grabtyp dieser Hütten ist nach Konens Høj benannt, einem anderen Fundplatz, an dem es ähnliche Bauten, aus dieser Zeit, gibt. Hier und da tauchen diese Gräber auf. Vor allem im heutigen Dänemark. Es ist das Gebiet, in dem die Trichterbecherkultur lebt.

Eine Totenhütte wird wie ein Dach gebaut, dass ohne Stockwerk direkt bis zur Erde ragt. Zwei massive Firstpfosten, die bis zu 50 cm in die Erde gerammt sind, werden dazu errichtet, um einen Dachgiebel zu tragen. Dieser wird rundum mit Bohlen belegt, sodass ein ovales Holzdach entsteht. Zur zusätzlichen Befestigung werden die Dachbohlen dann am Boden mit Geröllsteinen gestützt. Das ganze Dach wird mit Lehm verstrichen und mit Grassoden belegt, der Innenraum mit Steinplatten und Flintbruch gefüllt, sodass die Hütte einen Fußboden hat. In dem so entstandenen Raum wird eine verstorbene Person beigesetzt.

Eine Kostruktio eier Totehütte. Sie besteht aus einem mit Grass bewachsenen Holzdach.

Eine Rekonstruktion einer Totenhütte aus Flintbek. Ausgestellt im Steinzeitpark Dithmarschen.

In Flintbeck fanden sich Beigaben in 3 dieser Totenhäuser. Eine Flintaxt zum Beispiel. Oder auch Querschneidige Pfeilspitzen. Solche Pfeile wurden für die Jagt verwendet, vielleicht stehen diese besonderen Bestattungen also mit dieser Aufgabe in Zusammenhang. Aber das ist nur eine Vermutung. Bei dem vierten Grab hat man gar keine Hinweise warum die vor 5.500 Jahre beigesetzt Person zu der Ehre kam, solch ein Grab zu erhalten. Aber: Das es sich um herausragende Personen handelt, ist unbestritten. Ein Problem bei der Analyse ist: DNA konnte bei diesem Fundplatz aufgrund der Knochenerhaltung nicht untersucht werden. Aber die Untersuchung anderer Orte zeigt ein interessantes Bild. Im Benzingerode gibt es z.B. zwei vergleichbare Einzelbestattungen von Männern, bei denen sich durch Knochenanalysen feststellen ließ, dass sie mehr Fleisch zu essen hatten als ihre Mitmenschen. In Ostorf gibt es ein ganz ähnliches Phänomen. Nur, dass es hier keine Genderfrage zu sein scheint, wer mehr Fleisch zu essen bekam.

Auffällig sind die Gräber aber nicht nur, weil es sich um Einzelbestattungen handelt, was in dieser Zeit ungewöhnlich ist. Die Bauart selbst sorgt im neolithischen Norddeutschland für Aufsehen. Nach der Beisetzung der Person unter dem Dach, wird das Grab nämlich unter einem Hügel vergaben. Und ein solcher Hügel hat einen Durchmesser von 6 Metern. Auch andere Gräber, dieser frühen Phase der Trichterbecherkultur, bekommen solche Hügel. Aber: Gräber dieser Art sind aufgrund der Bauart mit dem Dach höher als anderer Gräber dieser Zeit. Möglicherweise sind es Orientierungspunkte mit einem großen Wiedererkennungswert in der Landschaft. Auf jeden Fall fallen sie auf, diese großen Hügel aus der Zeit vor 5.500 Jahren.

Rekostruktionsbau eines Hauses aus der Jugsteinzeit. Das Flintbeckhaus hat ein Geschoss, dieses hat vorn eine Lehmwand, ud an der Giebelwand ist die Mauer aus Holz. Das Dach Besteht aus Stroh.

Nachbau eines der in Flintbek gefundenen Häuser aus der Jungsteinzeit. Ausgestellt im Steinzeitpark Dithmarschen.

Vielleicht sind diese Gräber aber auch aus einem ganz anderen Grund besonders. Denn es lässt sich zeigen, es handelt sich um einige der ältesten Gräber in Flintbek. Deutlich lässt sich beobachten, die Einwohnerzahl wuchs von Generation zu Generation. Die Siedlung wird größer, und bei mehr Menschen wird natürlich auch häufiger gestorben. Nur 75 Jahre später werden deswegen große Dolmengräber (Großsteingräber) errichtet. In diesen können viele Menschen bestattet werden. Man beginnt die Menschen also in einer Art Totengemeinschaft niederzulegen. Möglicherweise sind die auffälligen Totenhütten die Gräber der Gründer*innen des Ortes. Oder aber die aufwendigen Grabbauten stammen aus einer Zeit, in der Flintbek so wenige Einwohner hat, dass sehr selten ein Mensch verstarb und dieser aber dann besonders fehlte. Zwei Hände weniger, die mit anpacken, können in einer kleinen Gemeinde in großes Problem sein. Und vielleicht rückt in der Folgezeit auch deshalb der Gemeinschaftsgedanke in dieser Kultur in den Vordergrund. Mit dem Auftreten der Großsteingräber verschwinden die Totenhütten endgültig aus der Bestattungssitte der Trichterbecherkultur. Die Gemeinschaft rückt in das Zentrum des Totenglaubens.

Literatur:

Rüdiger Kelm, Großsteingräber, Riesenbetten und Schalensteine – Spuren der Steinzeit aufder Dithmarscher Geest, Albersdorf 2018.

Doris Mischka, “Flintbek LA 3, Biography of a Monument”. In: Journal of Neolithic Archaeology 12 (2), 2010. https://doi.org/10.12766/jna.2010.43.

Berd Zich: Das Hügelgräberfeld von Flintbek nach zwanzig Ausgrabungsjahren. http://www.geschichtsverein-bordesholm.de/Veroeffentlichungen/Jahrbuecher/J01_2_Zilch_Flintbek.pdf