Wandelnde Mumie steuert mit Nazis besetztes Ufo durch die Zeiten

Die Faszination Archäologie als Einstiegsdroge für den Gedankenstrudel der Verschwörungstheoretiker und wie rechtsradikale Stimmungsmacher das nutzen

Diese Geschichte beginnt irgendwann, für jed*e Archäolog*in. Für mich beginnt sie in einem meiner ersten Unisemester, an einem Samstagmorgen um 10. Ich habe die Nacht vorher in einer Bar gearbeitet und möchte eigentlich ausschlafen. Das geht aber nicht, denn eine Freundin meiner Mitbewohnerin steht direkt an meinem Bett und brüllt mir aus kurzer Distanz direkt in das Gesicht. Noch nicht einmal wach, werde ich mit einer Gedankenwelt konfrontiert die mich seit dem begleitet. Der Welt der Verschwörungstheoretiker*innen. Dabei möchte ich nicht sagen das diese Menschen grundsätzlich feindselig sind. Ich habe mittlerweile auch einige sehr nette Prä-Astronautiker kennen gelernt die sich überaus erstaunt darüber äußerten, dass ich mich gar nicht mit Aliens beschäftige. Es gibt einfach Menschen die fasziniert die Idee von Aliens und daran ist auch nichts falsch, und auch erst mal nichts rechtsextrem. In diesem Falle wurde ich allerdings beschuldigt den Geist einer Mumie geweckt zu haben, der mir seit dem überall hin folgen würde und sich in der WG eingenistet hätte. Ich sei eine Grabschänderin. Als ich erwiderte, dass ich noch nie etwas mit Mumien gemacht hätte werde ich auch noch zu einer Lügnerin abgestempelt. Ich kochte mir einen Tee während ein undurchdringlicher Wortschwall in der WG-Küche regnete. Über Aliens, die ich verstecken würde, über Chemtrails die ich mit verheimlichen würde und vor allem über die große Verschwörung der ich angehören würde, die die Wahrheit vor der Menschheit verbirgt. Aber woher kommen solche Annahmen eigentlich?

Ein Ausschnitt aus en Nascalinien. Ein Hund oder Wolf mit einem nach oben gereckten Schwanz

Eine Tierdarstellung die zu den Nascalinien gehört (Lizenzfreie Onlinegrafik)

Bekanntester Vertreter der Zunft der abenteuerlichen Interpreteure ist Erich von Däniken. Ein Buchautor der vorgibt, dass er die Wissenschaft Archäologie mit seinen „Forschungen“ in Erklärungsnöte bringt, tatsächlich aber nur genervtes Schulterzucken verursacht. Ein Thema das von Däniken maßgeblich mitgeprägt hat, ist das Thema Nascalinien. Prä-Astronautiker stellen zu diesen die verschiedensten Überlegungen an. Dabei argumentieren sie auf eine Art und Weise die Tief in dem Feld Interpretation verortet ist. An dieser Stelle gibt es eine argumentative Spaltung zwischen Archäolog*innen und denjenigen die nicht wissen wie innerhalb des Faches argumentiert wird. Das Problem ist, dass diejenigen welche sich für Archäologie interessieren ihre Informationen meistens aus populärwissenschaftlichen Publikationen nehmen, welche ebenfalls häufig Interpretationen enthalten, die aber wie Wahrheiten wahrgenommen werden. Das Prinzip mit dem Archäolog*innen einen Fundplatz betrachten funktioniert allerdings etwas anders. Kurz gesagt: Man reduziert die gesamte Geschichte auf das was faktisch belegbar ist. Im Falle der Nascalinien handelt es sich, grob gesagt, faktisch gesichert, um Linien im Boden. Betrachtet man sie von oben lassen sich in diesen Linien Strukturen erkennen. Diese kann man in einigen Fällen z.B. als Tiere deuten. Schon an dieser Stelle beginnt die Interpretation. Warum, möchte ich an einem anderen, ganz einfachen Beispiel erklären:

Strichzeichnung eines Menschen oder eines Froschs mit einem Runden Kopf. Die Arme sind erhoben.

Diese Umzeichung einer Felsritzung zeigt ein Motiv, das auf den ersten Blick eindeutig wirkt. (Grafik ist selbsterstellt)

Eine simple Darstellung. Es handelt sich um die Umzeichnung einer Felsritzung, in einem Stil der Archäologen wohl bekannt ist. In einer Diskussion wären sich alle schnell einig das es sich um die Darstellung eines Menschen handelt. Diese Interpretation wäre wenig umstritten. Vermutlich ein Mann mit einem Phallus, der in dieser Darstellungsart bzgl. der Körperhaltung eine besondere Bedeutung hat. Es gibt solche einfachen Felsbilder in vielen prähistorischen Kulturen, zu vielen Zeiten, auf allen Kontinenten. Auch die Körperhaltung ist in diesem Zusammenhang eher gewöhnlich. Die Auffällig nach oben und nach unten gereckten Gliedmaßen und die strichmännchenähnliche Zeichenart findet sich immer und immer wieder an Felswänden. Aber es handelt sich bei dieser Annahme um eine Interpretation. Wir können die Menschen nicht mehr Fragen was sie wirklich darstellen wollen. Zumindest in den meisten Fällen. Bei dem gezeigten Bild ist das anders. Es handelt sich um eine Felsritzung der Nordamerikanischen Hopi. Die Hopi gibt es heute noch und sie würden über die bisher getätigten Annahmen den Kopf schütteln. Für sie ist klar, dass dieses Felsbild einen Frosch zeigt. Die Frage ist: Währt ihr darauf gekommen?

Felsbilder von Huashan in China. Eine Felswand die über und Über mit roten Figuren bemalt ist. Viele Strichmännchen ähnliche Zeichnungen sind dabei, die die Arme heben.

Die Felsbilder von Huashan. Es sind nicht die einzigen Felsbilder, die den Froschdarstellungen sehr ähneln. Aber das heißt noch lange nicht das hier nicht doch Menschen dargestellt sind.

Weil schon die Wahrnehmung eines ganz einfachen Bildes offenbar nur vage möglich ist, handelt es sich bei jeder Aussage, die über das Erwähnen des faktischen hinaus geht um eine Interpretation. Bezieht man dies nun auf die Nascalinien, so ist jede Suche nach einer Begründung warum diese angelegt wurden, oder was sie darstellen, eine Interpretation in einem Sammelbecken der Möglichkeiten, die alle nicht belegbar sind. Es ist wie so oft in der Archäologie, es steht am Ende ein großes Fragezeichen. Dieses Fragezeichen öffnet ein Loch der fehlenden Erklärungen. Und die Frage ist: Wer füllt es? Erich von Däniken hat mit seiner Art dieses Loch zu füllen auf jeden Fall ein profitables Geschäft gemacht. Aber wissenschaftlich ist das nicht. Eine gute Interpretation bedient sich möglichst vieler Fakten, welche in einem Zusammenhang gebracht werden. Je enger diese Fakten beieinander liegen, um so stichhaltiger ist die Belegbasis und dennoch kann alles falsch sein. Und an dieser Stelle scheitern viele Prä-Astronautiker. Warum? Weil die als Argumente herangeführten Funde oftmals sehr weit auseinander liegen. Es wird sich zwar verschiedenster archäologischer Funde bedient, diese aber oftmals zusätzlich aus ihren jeweiligen Kontexten gerissen.

Die Pyramiden von Gizeh vor einem Sonnenaufgang.

Immer wieder gerne Überinterpretiert: Die Pyramiden (Lizenzfreie Onlinegrafik)

Zum einen Zeitlich: Soll heißen, ja es stimmt! Man kann mit einem Faustkeil keine Pyramide bauen. Aber das ist noch lange kein Beleg dafür, dass die Ägypter außerirdische Hilfe hatten (Um damit gleichzeitig auch die Frage einer Leserin zu beantworten). Denn zum einen müsste man diese Hilfe nachweisen, was man nicht kann, zum anderen hatten die Ägypter keine Faustkeile zu der Zeit in der die Pyramiden gebaut wurden. Zwischen dem Verschwinden des Faustkeils und dem Bau der Pyramiden liegt eine Jahrtausende andauernde technische Entwicklungsgeschichte. Anders gesagt, sind die Ägypter nie auf die Idee gekommen, einen Faustkeil zur Errichtung der Pyramiden zu verwenden, denn dieses Werkzeug war zu ihrer Zeit lange in Vergessenheit geraten.

Eine Mayapyramide vor einem grauen bewölkten Himmel.

Oft wird auch bei den Maya über Spuren von außerirdischem Leben philosophiert. (Lizenzfreie Onlinegrafik)

Zum anderen aber auch Räumlich: Soll heißen, ja es gibt sowohl Pyramiden in Ägypten und bei den Maya! Aber wenn es zwischen den beiden Kulturen einen Kontakt gegeben hätte, dann wäre das schriftlich dokumentiert gewesen. Und wenn Pyramidenverrückte Ägypter nach Lateinamerika gegangen wären, um dort eine Pyramide zu errichten, dann hätten sie über 3.000 Jahre lang diesen Plan schmieden müssen um ihn dann zu Verwirklichen. Denn so groß ist der Zeitabstand zwischen dem Errichten der Pyramiden in Ägypten und dem Errichten der Mayapyramiden. Und ja es gibt überall auf der Welt Strukturen die Pyramidenförmig sind. Der Mensch scheint ein Bedürfnis danach zu haben sich baulich monumental auszudrücken. Ob Stonehenge oder die Elbphilharmonie, Monumentalität ist ein Phänomen, dass sich durch die Geschichte des Homo Sapiens zieht seit dem er entdeckt hat, dass er die Umwelt verändern kann. Eine Pyramide ist dabei eine der einfachsten geometrischen Formen, die sich Monumental errichten lässt. Also ist es nur logisch wenn mit genau dieser Form herum experimentiert wurde. Ein Beleg für Außerirdische ist das globale auftreten von Pyramiden also nicht.

Wüste in Praller sonne mit Reifenabrücken. Ein Warnschild mit einem Alien ist neben den Reifenspuren aufgestellt.

…. Symbolbild …. (Lizenzfreies Onlinebild)

Man könnte darüber lachen das Menschen sich von solchen Umständen verrückt machen lassen. Und das wurde mir schon oft geraten, ich solle diese Menschen nicht ernst nehmen. Aber erstens ist das nicht ernst nehmen eines Menschen für mich immer die allerletzte Option. Zum anderen habe ich immer wieder mal Begegnungen, die vor allem von einem durchtränkt sind: Hass und dem unbedingten Glauben daran das wir uns alle Gegenseitig misstrauen sollten. Das ist ein Problem: Es geht nicht um einzelne Ufologen, sondern meiner Ansicht nach um ein Misstrauen das genährt wird. Die angeblich durch meine WG spukende Mumie ist dabei nur ein Teil eines Gesamtkonzeptes, das auf Misstrauen begründet ist. Wer erst einmal in diesen Gedankenstrudel gerät, entdeckt immer mehr vermeintliche Unsicherheiten in unseren Leben. Diese Reise kann viele Wege gehen und an vielen Punkten beginnen. Von Heilsteinen, über Chemtrails, bis hin zu Repitiloiden. Dabei sind es keine dummen Menschen die sich in diesem Strudel bewegen, sondern verunsicherte Menschen. Meiner Beobachtung nach wird ihr Misstrauen gegenüber dieser Welt nur Stück für Stück genährt. Irgendwann scheint keine Theorie mehr absurd genug zu sein. Und das ist ein Problem. Denn wer erst einmal in einem gewissen Umfang seiner eigenen Umwelt misstraut, der zieht sich in eine Parallelgesellschaft zurück. Eine Weltanschauung die einfache Antworten bietet und da anknüpft wo einige einen Kontrollverlust spüren. Einfach gesagt, es ist sehr viel einfacher einer reptiloiden Aliengesellschaft die Schuld daran zu geben, dass man sich aus irgend einem Grund nicht wohl fühlt, als selber die Verantwortung zu übernehmen und das eigene Leben zu ändern. Jemand, der sich tief genug in diesen Gedankenstrudel begeben hat wird leider nicht befähigt, Schritte einzuleiten die das eigene Leben verbessern, sondern es wird eine vermeintliche Handlungsunfähig im Gehirn erzeugt. Schließlich ist es verdammt schwer sich gegen reptiolide, oder eine ganze Weltverschwörung, zur Wehr zu setzen. Das Gefühl des Kontrollverlustes und des Misstrauens steigert sich dadurch. Und den Menschen geht es immer schlechter.

Ein Treppenhaus einer Wendeltreppe die sich nach untern schraubt.

Die Gedankenspiralen, die sich ergeben, können also ein Teufelskreis sein. (lizenzfreies Onlinebild)

Ein gutes Beispiel für eine Einstiegsliteratur in den Gedankenstrudel, fand ich in der Sommerpause, in einem Zeitschriftenkiosk, an einem Bahnhof. Zwischen National Georaphic, Geo, P.M. History, Spiegel Geschichte usw. stecke ein mir bislang unbekanntes Blättchen. Die „mysteries“. Sie wirkte aufgrund der Präsentation in diesen Kiosk wie ein ganz gewöhnliches Geschichtsblättchen. Doch diese Zeitschrift, die so harmlos zwischen den Magazinen hing, hat es in sich. Sie verspricht die Rätsel dieser Welt, vor allem auch der Archäologie, zu Lösen. Bei der Ausgabe, die ich erwischt habe, wird gleich auf der Titelseite mit einem Interview, mit von Däniken geworben. Auch das Editorial strotzt vor Verschwörungstheorien, in einer für mein empfinden hasserfüllten Sprache. Zitat von Herausgeber Luc Bürgin:

„Wenn Dummheit strafbar wäre, säßen auch unsere Regenten hinter Gittern. Statt hysterisch den Klima-Notstand zu beschwören, wären die parteiischen Wendelhälse besser beraten den Intelligenz-Notstand auszurufen. Leider fehlt es ihnen dazu an Grips.“

Diese Ausdrucksweise zeugt vor allem, von wenig Etikette. Es erinnert mich eher an den ein oder anderen Hatepost, den ich bei Facebook bekommen habe, als an ein Editorial, dass in eine Zeitschrift einleitet. Das heißt nicht, dass man keine Meinungen nennen sollte, doch zu einer Meinung gehört meines Erachtens auch ein Argument. Und gute Argumente machen eine beleidigende Ausdrucksweise unnötig. Beim Blättern entdeckte ich gleich wieder „Mysterien“, die mit Interpretationen spielen. Steinritzungen die vermeintliche Ufo´s zeigen oder mexikanische Figuren, die angeblich Aliens darstellen. Alles bewegt sich auf der Argumentationsebene, die ebenso funktioniert wie das Froschbeispiel.

Grafik. Zwei umzeichnungen von Felsritzungen die Atrichmeänschen mit quadratischen Körpern zeigen. Die Figuren haben die Häne richtung Himmel gereckt.

Zu Erinnerung: hier noch eine vergleichbare Darstellung aus dem Italienischen Valcamonica. Ebenfalls ein ungezeichnetes Felsbild, bei dem wir uns Fragen können, sehen wir hier Frösche? Oder Menschen? (Selbsterstelle Grafik)

Ein Artikel fällt mir besonders ins Auge. Ein Mensch, der in den 50er Jahren gefilmt wurde, wird gezeigt. Es handelt sich um einen Marokkaner, dessen Gesicht und Körper  stark deformiert sind. Dabei wird die Frage gestellt, ob es sich um einen Neandertaler handeln könnte. Der Mann wird mehrfach als Affenmensch bezeichnet. Er sei nackt herumgelaufen und hat rudimentäre Geräte verwendet. Während es in diesem Magazin offenbar ausreichend ist, den Mann mit herabwürdigen Worten zu bezeichnen, berichtete Herausgeber Bürgin bereits in seinem Buch „Geheimakte Archäologie“ von diesem Mann und erwähnte dabei, dass es nicht möglich sei seinen Schädel einer heute existierenden menschlichen Rasse zuzuordnen. An dieser Stelle sei kurz angemerkt; Rassenforschung wurde aufgrund von Unwissenschaftlichkeit nach der Nazizeit aus der Archäologie verbannt.

Die Aufgeschlagene Zeitrschrift Mysteries liegt auf einer Weltkarte. Die Zeitschrift ist nicht zu lesen, aber die Bilder sind zu sehen. Sie zeigen schwarzweisfotos eines behinderten Mannes.

So wird Azzo Bassou in der Zeitschrift Mysteries gezeigt.

Wie schon erwähnt ist dieser Beitrag dem Mann gegenüber sehr herablassend geschrieben. Der offenbar behinderte wird in eine steinzeitliche Gesellschaft interpretiert, der er nicht angehört haben kann. Er wird mit einem primitiven Vorfahr gleichgesetzt, den es so ebenfalls nicht gegeben haben kann. Der Beitrag schließt mit einem Bild des Mannes und der Bildunterschrift „Urzeitmensch oder Sonderling“. In meinen Augen ist das einfach nur Menschenverachtend. Sowohl diesem offenbar körperlich behinderten Mann, als auch dem Neandertalern selbst gegenüber, die hier völlig falsch dargestellt werden. Ich persönlich weiß nicht, welche Krankheit der Mann namens Azzo Bassou hatte, aber ich weiß, dass man jeden Menschen mit würde behandeln sollte!

Neandertalerrekonsturktion aus dem Vorgeschichtsmuseum in Halle. Der Neandertaler hat seinen Kopf auf seine Hand gestützt. Er hat einen Nackten leicht behaarten Oberkörper, eine Kurzhaarfrisur und einen leichten Bart. Der neandertaler schau nachdenklich nach oben.

Die Darstellung des denkenden Neandertalers, ausgestellt im Landesmuseum in Halle, zeigt die moderne Auffassung über diese Menschenart als handwerklich äußerst begabte und und sehr intelligente Lebensform.

Es gibt noch viele weitere Artikel in dieser Zeitschrift. Sie alle eint eine Grundhaltung. „Wir werden angeschwindelt“ oder auch „Uns werden Sachen verheimlicht“, bei einem gleichzeitigen „Was ist die Wahrheit?“, und einem „Warum werden wir angeschwindelt?“. Diese Denkart manifestieren sich in einem Artikel über eine Stätte in Sakkara (Ägypten). Der Fußt darauf, dass es einige Bereiche des Fundplatzes gibt, welche für Touristen offenbar nicht zugänglich sind. Der Autor, wiederum Luc Bürgin hat nach einigen Angaben im Jahr 2013 einen Wächter geschmiert, um einen Blick in diesen Teil der Nekropole zu werfen. Mit Aussagen wie „Eintritt strengstens Verboten“ heizt er die Leser*innen an. Die Annahme, dass etwas verheimlicht wird, wirkt so glaubhafter. Hierbei fallen zwei Dinge auf: Zum einen Stammen die meisten abgebildeten Fotos dem Anschein nach nicht, wie angegeben, von Bürgin, sondern sie wurden bereits zuvor auf dem Internetblog des Buchautors Gregor Spörri veröffentlicht.  Zum anderen zeigen die Bilder aus dem „Streng verbotenen Teil“ Artefakte in einem schlechten zustand und teils auch Holzstützen. Für mich als Archäologin ein Hinweis darauf, dass es hier kein Mysterium gibt, sondern gute Gründe, warum dieser Bereich eines Fundplatzes der Öffentlichkeit nicht gezeigt wird. Denn eines ist vielen Archäologiefreund*innen nicht klar:

Ein an einen Zaun genageltes Schild mit der Aufschrift "Archäologische Zone Eintritt Verboten". Die Aufschrift ist auch ins Englische und Italienische übersetzt.

Auch bei anderen Fundstellen, wie hier am Ledrosee, darf man nicht da hin wo die echten Funde liegen. Warum? Man würde die Funde damit zerstören!

Archäologie ist gefährlich und gefährdet. In Grunde gibt es bei jeder Stätte deswegen Bereiche, die man nicht zu sehen bekommt. Denkmäler sind nämlich vor allem eines: Dauerbaustellen. Es kann sein, dass ein Jahrtausende altes Bauwerk zu Teilen einsturzgefärdet ist, dass Pigmente jahrtausende alter Bemalung durch die Atmung von Menschen verschwindet, weil sie Luftfeuchtigkeit verursacht. Manchmal findet sich hinter der Absperrung aber auch nur ein ganz banaler Pausenraum oder eine Abstellkammer. In anderen Fällen müssen Sachen restauriert werden, Schäden müssen ausgeglichen werden. Sie entstehen zu Beispiel dadurch, dass Besucher*innen irgendwo dran hochgeklettert sind, oder weil die Konservierungsbedingungen nicht optimal sind. Fundstätten sind fragil, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht so aussehen. Es kann auch sein, dass gerade zu einem Teil einer Stätte eine Forschungsarbeit entsteht und das die Besucher an dieser Stelle die Forscher stören würden. Und es kann sein, dass ein Teil einer Stätte noch nicht fertig bearbeitet ist und das es deswegen noch nicht möglich ist die Stätte für die Bevölkerung zu öffnen, weil Besucher immer auch ein bisschen Schaden anrichten, selbst wenn sie das gar nicht möchten. Bürgin scheint dies absolut nicht klar zu sein, denn in diesem Artikel werden Fotos gezeigt, auf denen Menschen auf den Fundstücken herumklettern. Dadurch gehen aber auch die am besten erhaltenen und massivsten Gegenstände irgendwann kaputt. Wenn es also nicht möglich ist die Funde so zu sichern, dass nicht auf ihnen herumgeturnt wird, dann müssen die Bereiche welche Gefahr laufen Schäden davon zu tragen von der Öffentlichkeit abgeschirmt werden, um sie auch für nachkommende Generationen zu erhalten. Man könnte über jede archäologische Stätte eine solche Enthüllungstory erzählen, die letztendlich nichts weiter enthüllt, als Banalitäten. Oder, wie in der Geschichte, die Bürgin verfasst hat einfach nichts enthüllt.

Die Zeitschrift Mysteries liegt zugeschlagn auf einer Weltkarte. Nur der Obere Teil der Zeitschrift ist zu sehen.

Die „mysteries“. Eine Zeitschrift voller Verschwörungstheorien. Aber was steckt dahinter?

Aber warum versucht ein solches Magazin solche Enthüllungen zu tätigen? In einem Interview äußerte sich Bürgin dahingehend, dass er die Fragen stellen möchte, die sonst keiner stellt. Das wir seiner Ansicht nach täglich belogen werden. Im Grunde genommen ist es ja cool Fragen zu stellen, erst recht die Fragen zu stellen, die sonst keiner zu fragen wagt. Doch diese Art der Herangehensweise, ist kritisch zu betrachten. Einerseits werden hier realistische Antworten oftmals nicht akzeptiert und in der Zeitschrift selber als Mainstream abgetan. Andererseits werden eigene Antworten gegeben, die aber auf einer sehr wackeligen Belegbasis stehen. Und zum dritten ist dazu zu sagen: Die Fragen die gestellt werden sind weder besonders investigativ, noch herausragend kritisch. Die Frage, was beispielsweise eine bestimmte Abbildung bedeuten soll, stellt sich irgendwie jeder Mensch, der sie betrachtet. Es ist die Frage, die zu dem Mensch-Frosch-Problem führt. Oder um ein anderes Beispiel zu nehmen; an anderer Stelle wird gefragt wie der Mumifizierungsprozess bei einer bestimmten Mumie abgelaufen ist. Das ist eher eine durchschnittliche Frage innerhalb der Archäologie. Dennoch wird es in der mysteries so aufbereitet, als seien dies extrem behütete Geheimnisse die dringend enthüllt werden müssen. Das Motto scheint zu sein: „Wir tun so als wären wir die einzigen, die kritische Fragen stellen und haben deshalb die Wahrheit gepachtet“. Es wird hier das Narrativ einer vermeintlichen alternativen Wahrheit gesponnen die von einer angeblich mutigen Zeitschrift verkündet wird. Ich bezweifle allerdings, dass Bürgin jemals vor irgendjemanden Angst haben musste seine Theorien zu äußern. Bei mir ist das anders, ich habe durchaus Angst, dass ich mit diesem Artikel Kritik in einem Ausmaß hervorrufe, derer ich nicht gewachsen bin. Denn die erwähnte Zeitschrift erscheint, nach eigenen Angaben, in einer Auflage von 25.000 Exemplaren. Das sind 25.000 potenzielle Menschen, die von diesem Beitrag brüskiert sein könnten. Darüber hinaus erscheint das Magazin beim Koppverlag und wird in der Zukunft einen neuen Herausgeber aus diesem Verlagshaus haben. Das Verlagshaus, kennen allerdings nur wenige und können es deswegen schlecht einordnen. Aber, bei dem was ich über die Verstrickungen von diesem Verlag mit rechtsextremen Kreisen gehört habe, handelt es sich um Menschen, vor denen man ernsthaft Angst haben sollte. Schon 2012 berichtete das Medienmagazin Zapp über dieses Verlagshaus, das immer wieder am rechten Rand nach Leser*innen gräbt:

Geschichten über eine vermeintlich verbotene Geschichte, oder Dinge, die von der Archäologie verheimlicht werden, spielen in diese rechte Ideologie mit ein. Sie verstärken das angstmachende Unsicherheitsgefühl der Menschen und führen damit langfristig zu einer Positionierung in extremistischen Lagern. Auf der offiziellen Homepage des Verlages, sind normale archäologische Publikationen, wie zum Beispiel „Archäologie im Rheinland“, in einer Reihe wie offenbar verschwörungstheoretischen Inhalten wie bei dem Buch „Verbotene Archäologie“ bestellbar (Beispiel: https://www.kopp-verlag.de/?query=Arch%C3%A4ologie&channel=de&sid=P4NUn550CTRvBSORbdjyZB8iOe4t8u&followSearch=9867&__immediate=true&act=search&websale8=kopp-verlag.01-aa). So wird der Eindruck erweckt, es handele sich bei allen Publikationen um Fachliteratur. Und diese vermeintliche Fachliteratur wird dann neben Islamophoben Schriften auf der Koppverlag Homepage beworben.

Werbeanzeige für Drei bücher nebeneinander: 1. Gräber die es nicht geben dürfte 2.: Mystery Ausgabe September/Oktober 2019 3.: Sicherheitsrisiko Islam.

Screenshotausschnitt einer Seite des Koppverlages

Dieses Prinzip funktioniert. Und so sind es immer wieder Artikel vom Koppverlag über vermeintlich archäologische Entdeckungen, die mir aufgeregte Leser*innen zuschicken, mit der Frage, ob ich die eine oder andere tolle Entdeckung nicht bei mir veröffentlichen möchte. Ich möchte niemanden dafür verurteilen, denn auf einen nicht Archäologen, müssen diese Beiträge wie die Erkenntnisse aus realer Forschung wirken. Tatsächlich werden wie bei anderen Medienmitteilungen auch Namen von Forscher*innen und Instituten genannt, von denen die ein oder andere Entdeckung stammen würde. Auch Befundbilder werden gezeigt. Doch all zu oft musste ich Feststellen, dass wirklich alles gefaked war. Nicht nur die Namen der Wissenschaftler*innen, ganze Institute, die angeblich zitiert werden, gibt es in der Realität nicht. Ganz abgesehen, von ihren Forschungsexkursionen. Auch Photoshop ist ein gern gesehener Begleiter dieser Art Publikationen. Wem nun aber die Softskills fehlen, diese enthüllenden Entdeckungen als fehlerhaft zu enttarnen, der ist in dem heutigen Mediendschungel verloren. Dabei hätte der Koppverlag diese Fälschungen gar nicht nötig. Denn von Däniken höchst persönlich veröffentlicht seine aktuellen Schriften bei ihnen. In einem Youtube Video lobt er dieses Unternehmen in diesem Zusammenhang, als einen ganz besonders „Sauberen“ Verlag. Was er damit meint, bleibt mir persönlich unklar, aber es erscheint, als würde sich von Däniken wohl fühlen auf braunen Wegen.

Grafik mit einer Vielzahl an Abbildungen: Ein Diamant, zwei Osterinselfiguren, Eine Pyramide, Eine Mayapyramiede, die Nascalinien, Menschen in Schwarzblauen Roben. Darüber ist die aufschrift "Just because wihite People couldn't do it Doesn't mean It was Aliens"

Ein Meme aus dem Internet, das ziemlich genau auf den Punkt bringt was eines der Probleme ist, die an dieser Stelle entstehen.

Tatsächlich sind es also politische Extremisten, die vermeintliche Wahrheiten verkünden, welche gegenüber dem sog. Mainstream stehen. Das funktioniert nicht nur bei Reichsbürgern, die sich in eine Panik vor dem Bevölkerungsaustausch hinein steigern, sondern es funktioniert eben auch mit der Archäologie. Das Prinzip ist dabei ganz einfach und die Archäologie erfüllt dabei gleich 2 Aufgaben: Zum einen wird das Unsicherheitsgefühl und das Misstrauen der Menschen geschürt, in dem wirre Theorien gesponnen werden, die letztendlich nur die Aufgabe erfüllen Menschen zu verunsichern. Dabei werden auch gerne Stereotype bedient. Anders gesagt, man traut einer nicht weißen Kultur nicht zu, dass sie ein bestimmtes Monument geschaffen hat, und glaubt deswegen lieber an Aliens. Ganz nebenbei werden dabei nicht weißen Kulturen ihre kulturellen Leistungen aberkannt und sie so wiedermal als primitiv dargestellt. Außerdem wird die aktuelle archäologische Forschung damit unglaubwürdig gemacht. Zum anderen wird aber auch ein vermeintlich besseres damals konstruiert, das glaubwürdiger ist, als das Bild was Forscher*innen zeichnen. Dieses Geschichtsbild dient als Modell einer idealen Welt. Dies wird nicht zuletzt bei einem Blick in das AfD Wahlprogramm 2017 deutlich, in dem unter Punk 9.3 offen dafür plädiert wird ein solches Identitätsstiftendes Geschichtsbild zu erschaffen. Verlagshäuser wie der Koppverlag haben mit dieser Aufgabe lange begonnen. Sie sind aber bei weitem nicht das Ende der braunen Fahnenstange.

Ausschnitt aus einer Übersicht mit 8 Youtubevideos. 1.: Stefan Schubert - Sicherheitsrisiko Islam 2.: Erich von Däniken - Neue Erkenntnisse, 3.: Europa - Grenzenlos 4.: Megacrash - Die große Enteignung komt, 5.: Anis Amri und die Bundesregierung. 6.: Der Linke-Staat Teil 2 - Antifa und Staatspropaganda, 7.: Die Destabilisierung Deutschlands, 8.: Geheimnissache Deutsche Atombombe

Aber ein Blick auf die Youtubeseite des Verlages zeigt schon deutlich wess Geistes Kind hier Dominiert.

Es geht noch viel krasser: Wie die meisten Entdeckungen dieser krassen Art begann die nun folgende damit, dass mich aus dem plötzlichen heraus auf Facebook eine Nachricht erreichte. Ich bekam den Hinweis nach der Veröffentlichung meines Tagungsberichtes über die Fachtagung „Odin mit uns“, von einem Leser, mit dem Zusatz, es könnte mich interessieren. Vielen Dank für diesen Tipp an dieser Stelle. Der Link führte zu einer Seite die anmutet wie Wikipedia, aber voll gestopft ist, mit einem Brei aus rechtsextremer Ideologie und Verschwörungstheorien. Ich befand mich mit einem Mausklick direkt in einer Enzyklopädie rechter Weltanschauung. Die Inhalte auf der Website in einem Ausmaß herabsetzend gegenüber bestimmten Gruppierungen, dass ich mich Frage, wie es sein kann, dass öffentlich Inhalte verbreitet werden, die gegen das Grundgesetz verstoßen. Beispielhaft hierfür ist für mich ein Beitrag über „Negride“ der sich liest wie eine Sammlung ehrverletzender Vorurteile und Beleidigungen gegenüber Schwarzen Menschen. Er entbehrt jeglicher Achtung gegenüber der Menschenwürde.

Schrift vor einem Pergament: !Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland Art. 1 (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sei zu achten und zu schützen ist verpflichtung aller staatlichen Gewalt."

Deswegen nur zur Erinnerung: Mit diesem Artikel beginnt unser Grundgesetz! Und zwar aus sehr guten Gründen! (Selbsterstelle Grafik)

Diese Plattform heißt Metapedia und es gibt sie bereits seit 2007. Um die 80.000 Beiträge sind in diesem Onlinelexikon eingespeist. Betrieben wird diese Enzyklopädie in der Schweiz, angemeldet ist sie aber in Schweden, was Strafverfolgungen massiv erschwert. In Deutschland wird dieses Projekt vom Verfassungsschutz beobachtet. Auch hier werden die Köpfe der Leser*innen verdreht, mit Inhalten welche Wissenschaftlich daher kommen. Tatsächlich aber, wird hier Ideologie vermittelt. Dies passiert auf eine unterschwellige Art und Weise, sodass ein Mensch, der sich mit dem jeweiligen Fachgebiet nicht auskennt und sich auch nicht weiter mit solchen Ideologien beschäftigt hat (Beispielsweise weil es interessantere Lebensinhalte gibt als rechten Blödsinn) relativ einfach auf diese Inhalte hereinfallen kann. Hierdurch schleichen sich nach und nach einzelne Narrative in die Gesellschaft, welche rechte Stimmungsmache begünstigt. Gleichzeitig produziert Metapedia dabei ein geschlossenes Weltbild, welches in einem Ausmaß allumfassend ist, dass es die Verfechter dieser alternativen Wahrheiten langfristig den Bezug zur Realität verlieren können. Damit meine ich, dass das Vermögen verloren geht das Faktische von dem Ideologischen zu trennen,  und zwar in einem Ausmaß, dass auch sprachlich eine Differenz zu Menschen der allgemeinen Gesellschaft entsteht. Dieses Paralleluniversum, dass aus Pseudowissen besteht, begründet sich vor allem in den Nutzungsbedingungen für Autoren, welche die Regel beinhalten, dass nur bestimmte Medien für das Verfassen von Artikeln verwendet werden dürfen. Zu Abschreckung wird ein Fall präsentiert, bei dem jemand Blockiert wurde, weil diese Person Informationen aus der „Welt“ und damit aus der „Lügenpresse“ genommen hatte. In meinen Augen entsteht durch diese Art einer Weltsicht Gehirnwäsche.

Bild von der Googlestartseite. Davor ist eine Lupe plaziert die das Googleloge vergrößert.

Hand aufs Herz, jeder von uns Googelt jeden Tag kurz, nebenbei und unaufmerksam irgendwas zwischendurch, sieht nen Wiki Eintrag und klickt ihn an. Liest drei Sätze, denkt „Aha!“ und macht alles wieder zu. Aber landet man dabei jedes mal wirklich auf Wikipedia?

Google Deutschland hat die Seite insoweit gesperrt, als die Artikel bei gewöhnlichen Googlesuche nicht angezeigt werden. In Österreich sieht das ganz anders aus. Da kommen Metapediaeinträge zwischen anderen Vorschlägen gerne mal auf der ersten Seite, wenn man nach etwas sucht. Besonders problematisch: Die Glorifizierungen von besonderes Kritisch zu betrachtenden Archäologen, wie Gustav Kossinna landen bei Google so ganz weit oben. Die Frage ist, warum Österreich eine solche Form der indoktrinierenden Wissensvermittlung, in diesem Ausmaß zulässt. Das Problem dabei ist, dass Metapedia optisch so eng an Wikipedia angelegt ist und auch der Schreibstil so klingt, als das die Leser*innen, die nur oberflächlich etwas nachsehen wollen, sich auf dem normalen Wiki glauben. Metapedia knüpft direkt daran an und gibt dem Menschen der hier bewusst oder aus Versehen etwas nachschlägt mit jedem Artikel eine kleine Dosis rechtsradikaler Gehirnwäsche mit. Merkwürdige Beiträge findet man dabei schon bei einfachen Suchbegriffen wie Beispielsweise „Sonne“. Die Hälfte dieses Artikels ist den Mythologien der Sonne gewidmet. Als allererstes wird man dabei natürlich auf die Germanen verwiesen. Besonders interessant wird es, schaut man sich, bei diesem einfachen Suchbegriff den einzigen Literaturverweis an. Es handelt sich um die „Artgemeinschaft – germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung„. Eine Organisation, welche in extrem rechte Kreise einzuordnen ist. Ihr bisher bekanntester Vorsitzender war Jürgen Rieger von der NPD.

Ausschnitt eines gesammten Artikels aus der Metapedia. Es handelt sich u, den Artikel zum Thema Sonne.

Screenshot des Metapediabeitrages über die Sonne

Wer sich durch diese Enzyklopädie blättert, dem wird schnell auffallen wie ähnlich sich Verschwörungstheorien und rechte Gedankenwelt sind. Es geht hier schnell um Chemtrails, oder um die Zitat „Klimareligion“. Die Bezüge zwischen rechtsradikalen und Verschwörungstheorien sind dabei sehr eindeutig. Nicht zuletzt berichtete ein Aussteiger aus der Identitären Bewegung in einem Interview bei Belltower-News davon, dass verschwörungstheoretische Formate einen wichtiger Bestandteil dieser rechten Jugendkultur sind. Das diese Inhalte stark an die des Koppverlag erinnern, ist spätestens an der Stelle wenig erstaunlich, an der man die auffallend hohe Rate an im Koppverlag erschienenen Büchern bemerkt, die für die Artikel der Onlineenzyklopädie zitiert werden. Aber was hat das alles jetzt mit Archäologie zu tun? Zum einen möchte ich dieses Beispiel zeigen:

Ausschnitt aus der Metapedia. Es handelt sich um den Artikel zum Thema Steinzeit.

Screenshot des Metapediaeintrages über die Steinzeit

Wie in diesem Ausschnitt zu sehen ist, kommt in dem auf Metapedia angepriesenen Weltbild nicht einmal die Steinzeit ohne Germanen aus. Obwohl es nicht wirklich irgendwas gibt, was die Steinzeit mit Germanen in Verbindung bringt, wird jeder kleinste Anker genommen, um diese als großartige Vorfahren darzustellen. Die Formulierung bzgl. der Sesshaftwerdung in der Jungsteinzeit klingt so, als sei es eine germanische Errungenschaft. Dabei handelt es sich um ein grundlegendes Phänomen der Neolithisierung, dessen Ursprung nicht einmal in der Nähe der Region liegt, in der wir heute Deutschland verorten. Diese Information ist also schlichtweg falsch. Das Problem besteht darinnen, dass Menschen, die nicht dem Fachpublikum angehören, auch solche kleinen Informationen in ihr Weltbild einbauen. Die Wahrnehmung der Geschichte der Menschheit ist ein Mosaik, dass aus den verschiedensten Bausteinen besteht. Von Guido Knopp´s Dokumentationen, bis hin zu Disney´s Schneewittchen baut sich jeder Mensch aus den ihm zur Verfügung stehenden Informationen ein eigenes Geschichtsbild. Wird dieses Geschichtsbild durch solche Texte infiltriert kommt es langfristig zu der Problematik, dass das ideologisierte Wissen gegenüber dem fachlich beweisbaren an Glaubwürdigkeit gewinnt. Dies führt uns zum Archäologieproblem Nummer 2: Die Erforschung der Menschheitsgeschichte ist akut gefährdet ideologisch aufgeladen zu werden. Dies liegt unter anderem an dem Interpretationsloch, dass sich daraus ergibt, dass wir die Menschen nicht mehr Fragen können, was sie denn z.B. mit einem Bild gemeint haben. Also ob es denn jetzt wirklich ein Mensch oder ein Frosch ist, den wir da sehen. Zum anderen gibt es aber auch die Problematik, dass Archäologen bei der Rekonstruktion von Gesellschaften taphonomische Faktoren sind. Das heißt, dass sie selber den Befund verändern, oder aber die Sichtweise auf einen Fund oder eine ganze Kultur. Oftmals ist auch an den, von Archäologen getätigten Interpretationen eher der aktuelle Zeitgeist zu erkennen, als die kulturelle Realität einer prähistorischen Kultur. Archäologische Forschung ist und bleibt damit immer anfällig für politisch extremistischen Missbrauch. Das viele Archäolog*innen sich auf die Faktizität ihrer Befunde zurückziehen und es häufig kein Angebot einer Interpretation gibt vergrößert diese Lücke, in der sich andere mit ihrer Interpretationen breit machen.

Ausschnitt aus den Felsritzungen von Tanumshede in Schweden. 6 Figuren befinden sich auf einem Schiff das als gebogene doppelline Dargestellt ist. Eine Figur steht neben dem Schiff. Es handelt sich um eine Rot ausgemalte ritzung auf einem grauen Fels. Die Figuren sind Strichmänchenartig gezeichnet mit rundlichen Bäuchen. Sie haben die Arme erhoben.

Die Frage ist also in erster Linie nicht, was wir in dieser Felsritzung aus Schweden sehen. Es ist nicht erheblich, ob es sich hier um Menschen auf einem Boot oder um Frösche am Rand eines Teiches handelt. Die eigentliche Frage ist: Wer versucht uns mit welcher Absicht, welche Interpretation als Wahrheit unterzujubeln. Denn um Interpretationen handelt es sich in jedem Falle! (lizenzfreies Onlinebild)

In der Archäologie gibt es dabei ein Problem: Gibt man sich einer Interpretation hin, die auch nur geringfügig vage erscheint, so ist es relativ sicher, dass man dafür im Kollegium in Grund und Boden kritisiert wird (so wie mit Sicherheit eine Kritik an meinem Mensch-Frosch-Vergleich kommen wird). Außerdem besteht dann die Möglichkeit, dass man falsch liegt. Auf der anderen Seite, gibt es in der Forschungsgeschichte eine Vielzahl an Beispielen für den ideologischen Missbrauch der Menschheitsgeschichte. So hat die Archäologie beispielsweise einen erheblichen Anteil an der Rassenideologie der NS-Zeit. In dem Wissen über diese beiden Punkte, vermeiden es viele Archäolg*innen heute Interpretationen zu äußern. Durch diese Vermeidungshaltung entsteht allerdings eine große Basis für genau diese Instrumentalisierung, da das Feld der Interpretationen so anderen überlassen bleibt. Durch dieses Missverhältnis ist ein Balanceakt entstanden, der für alle Archäolog*innen aber vor allem für diejenigen die Archäologie für die Allgemeinheit vermitteln quasi nicht zu bewältigen ist.

Steinzeitgruppe in einer Hügellandschaft vor einem Alpenpanorama. vereinzelt liegt schnee. Im hintergrund sind zwei Mammuts und weitere Tiere und Menschen zu sehen. Im vordergrund sitzen 6 Menschen um ein Lagerfeuer. Sie tragen Kleidung aus fell.

Lebensbild zum Thema Steinzeit: Zum einen orientieren wir unsere Idee davon wie es in der Vergangenheit war daran, wie wir Menschen und z.B. Affen heute kennen, andererseits leiten wir von unserer Geschichte Verhaltensweisen ab, die wir als typisch menschlich definieren. Dabei handelt es sich um einen leicht manipulierbaren Kreislauf. Dieser Kreislauf führt direkt zu den Gedanken, die wir heute über unsere Mitmenschen haben. (Lizenzfreies Onlinebild)

Zusammengefasst kann man nur sagen, dass beim Lesen von Texten über Archäologie immer Vorsicht geboten ist. Es gibt im Grunde keine Wahrheiten und schon gar keine einfachen. Aber: Es ist sehr leicht mit Hilfe der Menschheitsgeschichte ein bestimmtes Menschenbild zu erzeugen oder zu bestätigen. Und das gibt es tatsächlich bei jeder archäologischen Publikation und jedem Format, denn jeder Mensch hat ein solches Menschenbild im Kopf. Dieses Bild von einer vermeintlichen Wahrheit über den Homo Sapiens, die Menschheit, die Deutschen oder auch die Gesellschaftssysteme ist geprägt von unseren individuellen Erfahrungen. Rückwirkend, lässt sich mit Hilfe der Archäologie dieses Weltbild verändern, sobald sie als Legitimation gilt. Dies ist ein Nährboden für extremistische Ideen. Deswegen ist es hochbrisant, wenn wir dieses Phänomen am rechten Rand aus den Augen verlieren. Denn das macht uns alle Manipulierbar.

Literatur:

Frank Waters: Das Buch der Hopi – Nach den Berichten der Stammesältesten, aufgezeichnet von Kacha Hónaw (Weißer Bär), Köln 1983.

https://www.gesetze-im-internet.de/gg/BJNR000010949.html

https://www.afd.de/wp-content/uploads/sites/111/2017/06/2017-06-01_AfD-Bundestagswahlprogramm_Onlinefassung.pdf

https://verfassungsschutz.brandenburg.de/media_fast/4055/TB_Mitte_d_Gesellschaft_web.15975259.pdf

https://taz.de/!5178506/

https://www.noz.de/deutschland-welt/medien/artikel/577985/magazin-mysteries-nahrung-fur-verschworungstheoretiker#gallery&0&0&577985

http://www.oocities.org/de/anubiscly/Azzo.htm

https://www.derstandard.at/story/2000073792284/spoe-erstattet-anzeige-gegen-neonazistischen-wikipedia-klon

Interview: Ein Aussteiger erzählt über seine Zeit bei der „Identitären Bewegung“

Die Gruft der Riesen von Sakkara