Das gebrochene Versprechen an unsere Kinder und die Generation Hafermilch in der Archäologie

„Gibt dir Mühe in der Schule“, „Streng dich an!“, „Mach einen guten Abschluss!“, „Geh Studieren!“, denn dann „wirst du eine gute Zukunft haben!“. Das ist das Versprechen der Gesellschaft gegenüber unseren Kindern. Das wurde wohl jedem von uns in der Schule erzählt. Ich durfte das bei einem gleichzeitigen, „Du hast wegen der Legasthenie sowieso keine Chance auf einen guten Beruf“ hören. Dann habe ich das Abi trotzdem geschafft, den Bachelor, den Master ebenso. Und jetzt: Nebenjobs statt Perspektive. Und damit bin ich nicht allein! Deswegen möchte ich es einmal thematisieren, das gebrochene Versprechen, das wir Schulkindern geben:

Unglaubliche Mühe und Anstrengung für die Zukunft

Die Menge an Steinen, die es im Studium gibt, ist immens. Nicht jeder Mensch kann sich Praktika leisten oder eine Regelstudienzeit. Vermeintlich gibt es Bafög, das bekommt aber längst nicht jeder. Einen Studienkredit aufnehmen ist eine Lösung. Aber will man sich wirklich so hoch verschulden um das alles trotzdem zu schaffen? Da hat jeder so seine eigene Strategie.

Ein Mann zieht seine leeren Hosentaschen aus der Hose.

Armut ist ein stetiger Begleiter der Studienzeit – nicht bei allen, aber es gibt viele armutsbetroffene Studierende. Ich kenne aus meiner Studienzeit eigentlich nur 2 Leute, die nicht von Armut betroffen waren (Bild: Tumisu (Pixabaylizienz)).

So habe ich Freund*innen, die sich aus reiner Geldnot High Speed durch das Studium geackert haben, weil sie jung genug waren, ein Promotionsstipendium ergatterten, die Promotion ebenso Highspeed abgeschlossen haben. Aber nun haben sie keinerlei Chance in den Beruf zu kommen – denn sie hatten keine Zeit zu Networken oder nur einmal auf eine Fachtagung zu fahren, geschweige denn praktische Erfahrung zu sammeln. Sie stehen vor der gleichen Karrierewand, wie fast alle. Das ist unglaublich frustrierend. Einige schaffen es in den Wissenschaftsapparat – Glückwunsch möchte man meinen, aber:

Man wird ein Zirkuspferd im Karussell der Wissenschaftsprekariats

Es gibt in der Wissenschaft, gerade in der Archäologie, oft befristete Verträge. Wenn man Glück hat, bekommt man einen 2 Jahresvertrag. Dann umziehen. Von meiner Wohnungssuche kenne ich den Spruch “Oh Akademikerin – tut uns leid, ihre Lebensumstände sind uns zu unsicher – Wir wünschen uns anständige Mieter“. In der Archäologie hat zusätzlich jeder Job mit Glück zu tun. Der Konkurrenzdruck ist gewaltig. Zwar meinen viele es besser zu wissen, es gibt die Idee, dass gerade jetzt, wo die Kinder der Boomerjahre nach und nach in Rente gehen, viele Stellen frei werden.

Ein Alter Mann sitzt fröhlich mit ausgestreckten Armen am Strand.

Ich finde es okay, wenn ihr in den wohlverdienten Ruhestand geht – aber ich finde es nicht okay, ganz genau zu wissen, dass ich das selbst, wie viele in meiner Generation, niemals haben werde.

Aber es ist Ländersache, wie mit dem Phänomen umgegangen wird. Ob man die Stellen abbaut oder befristet. In meiner Region hat es in den letzten 2 Jahren nur drei Stellen gegeben, die explizit für Vor- und Frühschichtler ausgeschrieben waren. Doch: Nur mit einem Uniabschluss galt weder ich noch die meisten meiner Freund*innen als qualifiziert. Die Devise ist: Sie wollen dich am liebsten Anfang 20, mit mindestens einer abgeschlossenen Promotion und 15 Jahren Berufserfahrung, dafür nur ein halbes Gehalt für eine volle Stelle – Das ist natürlich überspitzt gesagt. Aber viele Archäolog*innen fangen an, sich wegen der geringen Hoffnung auf eine Chance, in einer Art vorauseilenden Gehorsam, massiv selbst auszubeuten – ich selbst bin an eine 60 – 80 Stunden Arbeitswoche gewöhnt. Das ist ungesund:

Es gibt seit langem Proteste

Auf Social Media gibt es seit Jahren Aktionen wie #Mittelbau #unbezahlt. Der #ichBinHanna bezieht sich auf ein Video des BMBF in dem erklärt wird, warum das mit den befristeten Verträgen eine tolle Sache sei. Dies hat im Mittelbau für große Aufregung gesorgt. Denn zum einen ist dieses Gesetz Ursache vieler Probleme im Wissenschaftsapperat. Zum anderen wird in dem Video erwähnt, dass ohne diese ganzen Befristungen einzelne das System verstopfen – Dabei scheint es dem BMBF nicht klar zu sein, dass es unhöflich ist, Menschen als Verstopfung zu bezeichnen. Ob das mit der Verstopfung überhaupt stimmt, ist fraglich – es gibt dadurch ja nicht mehr Arbeitsplätze, sondern

anstrengendere Arbeitsplätze, die einfacher abgeschafft werden können. Gerade in der Archäologie gibt es aber haufenweise Fundplätze, die sich im wahrsten Sinne des Wortes, in den Depots der Landesämter stapeln – einzig fehlt es an der Finanzierung für das Universitätspersonal aus dem Mittelbau, das diese Forschungsarbeit leisten könnte. Es gibt also den Bedarf an Archäolog*innen, was fehlt, ist vielfach die Möglichkeit sie einzustellen. Aber Moment:

Was ist der Mittelbau?

Als Mittelbau bezeichnen sich diejenigen Forscher*innen, welche das Studium abgeschlossen haben und nun die Basisarbeit in der Forschung machen. Doktorarbeiten schreiben, im Labor oder auf dem Feld stehen, meist in befristeten Arbeitsverhältnissen. Das Problem ist: Die Befristung kann zu einer Endlosschleife werden. Eine Archäologie-Karriere könnte also sein:

Erst Bachelor in Hamburg, dann Master in Berlin. Zwischendurch ein Erasmussemester in Italien. Dann zieht man für seine Doktorarbeit nach Trier. Dort ist man 2 Jahre mit einer halben Stelle, mit der man die Arbeit finanziert. Zwei Jahre reichen aber nicht, um die Doktorarbeit fertig zu bekommen. Man sucht nach einer Anschlussfinanzierung und findet wieder eine halbe Stelle, dieses Mal in Rostock. Jetzt pendelt man also zwischen Rostock und Trier hin und her. Aber dann die Belohnung: der Dr. Titel. Dann ist man erstmal arbeitslos, hat aber mit etwas Glück eine Stelle bekommen.

Karte mit ganz vielen Stecknadeln und diese sind mit Fäden verbunden.

Als Reiseplanung sieht das toll aus – aber so kann man kein Leben planen (Barta (Pixabaylizenz)).

In Mainz. Nach zwei Jahren läuft die Stelle aus. Aber: Ein neuer Vertrag. Dieses Mal in München, natürlich befristet. Nach den zwei Jahren ist dann ein Jahr Flaute. Aber dann gibt es im Ortsmuseum in Jever ein Volontariat. Also gehts für zwei Jahre nach Jever. Du überlegst in Zukunft lieber im Museum zu arbeiten. Doch leider reicht es immer mehr Museen nicht, wenn man nur eine Promotion und ein Volontariat hat, also gehts dann nochmal für 2 Jahre nach Schwerin. Es soll Kolleg*innen geben, die insgesamt 5 Volontariate gemacht haben. Der Vorteil für das Museum: Für eine Volostelle bekommt man nur ein halbes Gehalt. Wenn du jetzt mitgerechnet hast, ist man inzwischen 40 – 50 Jahre alt. In dieser Phase kommt dann entweder das endgültige Ausscheiden aus dem Beruf. Es gibt keinen Vertrag mehr oder man darf nicht mehr befristet arbeiten. Nachdem man wie ein Zirkuspferd kreuzt und quer durch die Republik gezogen ist, wurde man von diesem System durchgekaut und ausgespuckt wie ein Kaugummi. Dann klebt man irgendwo ohne weitere Perspektive herum und hat nicht mal ein stabiles soziales Umfeld, das einen tröstet.

Aber wenn man Glück hat, bekommt man eine der begehrten Festanstellungen und ist dann erstmals in der Situation sich eine Partnerschaft zu suchen und eine Familie gründen zu können. Ich habe für mich ausgerechnet, dass ich bei diesem Lebensweg frühstens im Alter von 58 in der Position sein werde anzufangen eine Familie zu gründen. Deswegen kommt diese Lebensgestaltung nicht für mich in Frage und ich werde in Hamburg bleiben. Meine Meinung:

Das System verhindert eine gesunde Lebensgestaltung

Man muss Forschung schon sehr lieben, um ihr wirklich alles im Leben so krass zu unterwerfen. Sich quer durch Deutschland schubsen zu lassen. Es wird auf diese Weise nicht nur unendlich viel Energie sinnlos verpulvert, es ist schädlich für die psychische Gesundheit und es schließt Leute aus, die aus familiären oder gesundheitlichen Gründen nicht umziehen können. Die geringen Gehälter und schlechten Lebensbedingungen kommen hinzu. Mit Talent oder dem Willen, dem Fleiß bzw. dem Kampfgeist der Forscher*innen hat Karriere oft wenig zu tun.

Einsamer, aber gut gekleideter Mann im Regen.

Erfolg macht also einsam, und selbst bei einem so tollen Beruf wie der Archäologie auch unglücklich (No Name 13 (Pixabaylizenz)).

Es ist Opferbereitschaft, Glück und oft ein echtes und von ganzem Herzen ernst gemeintes: “Ich scheiße auf meine Freunde und meine Familie”. Für die Archäologie heißt das: Es werden Nachwuchswissenschaftler*innen ausgeschlossen, die andere Perspektiven bei ihrem Blick auf die Welt mitbringen – die aber für die Rekonstruktion vergangener Zeiten relevant sein können.

Hört auf Kinder anzulügen

Es ist schade, dass wir in einer Gesellschaft leben, die so ihre Talente verspielt. Es ist schade, dass Träume auf diese Art platzen. Aber vor allem ist es schade, dass wir unsere Kinder anlügen. Ihnen suggerieren, mit guten Noten kommt man weit im Leben. Denn meiner Erfahrung nach kann man trotzdem obdachlos werden. Man kann sich sein Leben lang anstrengen, aber wird trotzdem nie gut genug sein. Das heißt, man macht alle möglichen Abschlüsse mit viel Mühe und Sorgfalt, um dann am Ende weniger zu verdienen und eine schlechtere Lebensqualität zu haben, als diejenigen, die gar keinen Schulabschluss haben.

Eine Tafelzeichnung. Ein Schüler trägt viele Bücher eine Erfolgstreppe nach oben.

Meiner Erfahrung nach ist diese Weltsicht einfach nur eine einzige große Lüge (Bild: geralt (Pixabay).

Klar: ich würde mir wünschen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Bildung und Wissenschaft tatsächlich geachtet werden. Aber wenn wir unseren Kindern erzählen, sie hätten eine Chance, wenn sie sich in der Schule anstrengen, dann lügen wir sie an! Das ist ein gebrochenes Versprechen und es führt auch dazu, dass diejenigen, die sich wirklich Mühe geben anfangen zu verbittern. Was ich davon halte, derzeit auch noch als Bestandteil einer Hafermilch Gesellschaft, die zu viel über ihre Work-Life-Balance jammert, bezeichnet zu werden, ist sowas von frech, dass mir die Worte fehlen.

Und wenn du jetzt denkst: Werd doch Vollzeitbloggerin, der Anfang ist ja schon gemacht – jupp, aber damit sich das trägt bin ich darauf angewiesen, das Leute mir ab und zu ein Trinkgeld zustecken, zum Beispiel mit diesem Paypallink.

Literatur:

Stefan Schreiber – Archäologie am Abgrund – Abgründe der Archäologie: Menschenregierungskünste zwischen Prekarisierung und Selbstausbeutung, FAiG 2019: Prekariat und Selbstausbeutung.

https://www.archaeologie-online.de/nachrichten/archaeologischer-nachwuchs-blickt-pessimistisch-in-die-zukunft-5481/