Nichts bringt mir mehr Spaß – nicht einmal Archäologie –

Es ist seit einigen Wochen so. Genauer gesagt, seit dem ich mein Masterzeugnis habe. Ich habe im Sommer zunächst Jobangebote bekommen und auch Bewerbungen geschrieben. Und war dabei recht erfolgreich. Nur wurde mir dann klar, dass ich wegziehen muss – und ich wohne jetzt schon weit weg von dem Leben, dass ich als mein Leben empfinden würde. Für eine Karriere muss ich dann noch weiter weg – Denn in Hamburg gibt es für mich beruflich keine Perspektive – sehr guter Abschluss hin oder her – wo keine Jobs sind, sind keine Jobs.
Aber: Ich habe Heimweh, großes Heimweh. Seit 2013, wo ich meine Wohnung an meiner geliebten Stresemannstraße aufgeben musste, träume ich von meinem Streseleben. Seit 2017 lebe ich nun auf der Elbinsel. Hier gibt es nichts von dem, was ich brauche, damit sich mein Leben lebendig anfühlt. Es ist totenstill hier. Anstelle von coolen Clubs, Punkrock und Bars gibt es hier einen stinklangweiligen Deich. Es gibt nicht einen – es gibt null Orte, wo ich als Queerer Mensch gerne hingehen mag, um mich wohl zu fühlen, wie ich bin. Ich hasse es hier zu leben. Abgrundtief und jede einzelne Sekunde hier fühlt sich scheiße an und das einzige, was ich will, ist: weg hier.

Was ich so dringen brauche – Krach und Dreck

Als ich aus Wien nach Hamburg zurückgekehrt bin, war das aus Heimweh. Heimweh zu meinem Stresemannstraßenleben. Ich habe damals direkt an den Bahnschienen gelebt. Meine Freunde haben sich immer darüber lustig gemacht, weil meine Wohnung war wie bei den Bluesbrothers – wenn ein Zug fuhr wackelten die Wände – und irgendein Zug fuhr immer. Ich lebte direkt an einer 6-spurigen Bahntrasse und konnte von meinem Bett aus sehen, wohin die Züge fuhren. Ich habe nächtelang am Fenster gesessen und mich daran gefreut zu lesen, wo die Bahnen denn hinfahren. Auf diese Art war ich mit der Welt so richtig verbunden. Das habe ich sehr geliebt. Dazu kommt: die Stresemannstr. ist eine 6-spurige Hauptstr. Die meist befahrende Straße Deutschlands, sie hat, glaube ich, sogar einen Preis für die meisten Staus bekommen und sie ist die Straße mit der bundesweit höchsten gemessenen Feinstaubbelastung. Viele meckern, dass sie sehr laut und dreckig ist.

Ich habe genau das sehr geliebt. Ich musste nur das Fenster aufmachen und war mitten im Großstadtalltag. So hatte ich mir das Leben immer vorgestellt – genauso bin ich glücklich, wenn um mich herum möglichst viel Trubel ist. Zu Fuß maximal 30 Minuten, egal was ich wollte oder brauchte war einfach da – sogar die liebsten, verrücktesten Treffpunkte, mit den buntesten Leuten. In meiner Umgebung viele Freunde und Bekannte. Viele Freaks, die wie ich den Trubel und den Dreck brauchen, um glücklich zu sein – und in meinem Falle auch um mich zu konzentrieren. Wenn man meine Uni-Hausarbeiten ansieht, alle in denen ich eine 1 habe, haben eines gemeinsam: Ich habe sie auf irgendwelchen Punkkonzerten geschrieben – meistens während ich dort Barschichten übernommen habe. Ich brauche das – frei nach dem Motto, je krasser mir jemand besoffen auf den Tresen kotzt, umso besser wird meine Note. Mit meiner Therapeutin habe ich dieses Phänomen genau betrachtet, dass Ergebniss:
Ich mag den Geruch von St. Pauli nicht einfach – ich brauche ihn. Gerade den Geruch der Ecken in St. Pauli wo die Touristen reiß ausnehmen. Da wo es ranzig ist, da fühle ich mich wohl. Und es war bevor ich nach Wien ging so: ich war einfach die Punkerin in Hamburg, die permanent mit einem Buch vor der Nase herumgelaufen ist – und das war für alle Leute in meinem Umfeld damals voll okay. Ich kann sogar Fachtexte lesen während dich demonstriere. Und das sogar besser, als wenn es um mich herum ruhig ist. Denn aufgrund von meiner Legastheniegeschichte habe ich Angst, wenn es so ruhig ist wie damals in der Schule. Wenn etwas mich zu sehr an die Provinz erinnert, in der ich aufgewachsen bin, bekomme ich Panik. Wenn es ein bisschen stinkt, wenn es laut ist, wenn Trubel da ist, dann habe ich hingegen das Gefühl, dass ich in Sicherheit bin – das eben nichts aus diesem Früher, dass mir so große Angst macht gleich wieder da ist. Und das, weil es zusätzlich in meinem Punkumfeld einige unumstößliche Verhaltensregeln gab, die alle schützen, sowas wie “Nein heißt nein” oder “Frag’ gefälligst bevor du wen anfässt”. Anders gesagt: Das dreckige Umfeld auf St. Pauli hilft mir die mentale Stabilität zu haben, die ich brauche um mit meinen Traumata langfirstig zurecht zu kommen.

Wie kommt man denn mit solchen Vorraussetzungen in einem Auslandstudium in Wien zurecht?

Kurz gesagt: garnicht. Lang gesagt: Als ich in Wien lebte, hatte ich permanent Heimweh. Habe manchmal z.B. Dosenfisch etwas in der Sonne gammeln lassen, um einen Geruch zu erzeugen, der so ähnlich war wie zu Hause. Das muss niemand verstehen – Aber in Wien habe ich irgendwann wircklich alles vermisst. In Wien gibt es keine Reeperbahn, keine Möven und das alternative Umfeld ist schrecklich klein und zersplittert. Punkrock ist in Wien ganz anderes als in Hamburg. Die Luft in Wien schmeckt seltsam, es ist kaum Salz darin, der Regen kommt von oben und nicht von der Seite und beim Bäcker kann ich mir keinen Hanseaten kaufen. Keine Lakritze im Supermarkt und keine Fritz Cola – geschweige denn Club Mate. Einmal recherchierte ich eine Woche wo ich Niederegger Marzipan bekommen könnte, weil ich wenigstens einmal etwas schmecken wollte, was mich an zu Hause erinnert – und fand am Ende ein kleines Kellergeschäft in der MAHÜ, das eine einzige Packung im Angebot hatte. Irgendwann war mein Heimweh so schlimm, ich konnte nicht mehr zur Uni gehen. Ich konnte nicht mal aufstehen. 2016 wurde mir klar: Ich muss nach Hause zurück, sonst gehe ich endgültig kaputt.

Man lässt mich nicht nach Hause – 5 Jahre Wohnungssuche

Seit dem bin ich wieder in Hamburg – Aber: Es ist nicht mein Leben, sondern ein Leben in einer Warteschlange, in der ich auf mein Leben warte: Ich wohne seit 2017 auf der Elbinsel Wilhelmsburg – übergangsweise, bis ich was anständiges gefunden habe – anders gesagt, der Lockdown begann für mich schon 2017 und ist bis jetzt nie beendet gewesen – denn dieser Übergang dauert jetzt schon Jahrelang. Ich wache morgens auf, und vermisse die Trubelgeräusche  – anstelle dessen Vogelgezwitscher. Ich gehe durch die Straßen, die sich anfühlen wie aus dem Provinzleben vor dem ich so große Angst habe. Ich kann nur selten nach St. Pauli fahren, weil das Bahnticket zu teuer ist. Freunde habe ich nur sehr noch wenige, weil ich zu weit weg wohne, bei Punkkonzerten helfe ich auch nicht mehr. Auch wenn ich es sosehr vermisse und um ehrlich zu sein, meine Noten darunter ganz schön gelitten haben – Aber: Der Weg ist zu weit. Ich habe eine neurologische Erkrankung, das ist einfach zu gefährlich, weil ich im Notfall nicht rechtzeitig nach Hause komme. Mit dem Fahrrad würde das von der Entfernung her gehen – aber ich darf wegen der Krankheit nicht Fahrrad fahren – und die Öffis brauchen viel zu lang. Ich bin abgeschnitten von meinem Leben, auf einer grünen einsamen Insel, von der ich, wenn, dann nur mit viel Vorbereitung herunterkommen kann.

Mein Alltag – ist zum heulen

Ich sitze also seit 2017 jeden Abend am Deich und schaue über die Elbe – wie ein Katze die man ausgesetzt hat. Da auf der anderen Seite, da wo der Fernsehturm steht, etwas links, da ist zu Hause – wenn Dom ist sehe ich sogar das Riesenrad. Ich schaue dahin und habe Heimweh. Ich stelle mir dann vor, was da wohl gerade passieren mag, es roch immer so schön nach Popcorn und Süßkram, wenn Dom war. Das tut es immer noch, aber es ist so weit weg, dass ich es mir vorstellen muss. Ich habe das Gefühl aussortiert worden zu sein, dass mein eigenes Leben mich weggeworfen hat und, dass dort drüben irgend eine andere Person mein Leben lebt. Dass sich diejenigen, die dort leben dürfen, wo zu Hause ist, sich über mich lustig machen. Und es ist ja wirklich so, dass ich fast alle Freundschaften verloren habe, einfach nur, weil ich nie da sein kann. Ich glaube, die meisten haben mich einfach vergessen, weil ich aus deren Perspektive verschwunden bin. Und das ja schon seit 2013 als ich nach Wien gezogen bin – und zu Freunden in Wien habe ich logischerweise auch kaum noch kontakt. Wien ist ja noch weiter weg. Manchmal glaube ich, der einsamste Mensch der Welt zu sein.

Der totale Breakdown

Als ich nun da saß, vor ca. 2 Monaten, mit dem fertigen Master und daran dachte ganz wegzuziehen, wegen Job, wegen Karriere, wurde mir klar, dass ich seit Jahren dafür kämpfe, dass mein Leben, also das Leben, so wie es in meiner geliebten Bluesbrothershütte war, zurückzubekommen. Oder wenigstes etwas Ähnliches – etwas mit Punkrock – etwas in St. Pauli – Ich will keinen dekadenten Kram – ich will ein Zuhause – die hinterletzte Bruchbude ist mir lieb. Als ich da so saß und an meine Zukunft dachte wurde klar, dass ich, wenn ich wegziehe, das, wirklich endgültig aufgebe. Dass mein Leben, so wie es zu mir passt, dann nie wieder existieren wird. Und dass in dem Wissen, dass ich jetzt schon Schwierigkeiten habe von Herzen zu lachen, und dass es seit Jahren jeden Tag schwieriger wird optimistisch zu bleiben, und weiter von Wohnungsbesichtigung zu Wohnungsbesichtigung zu ziehen. Mir wurde schlagartig klar: Wenn ich ganz aufgebe und in eine ganz andere Region ziehe, dann wird mein Lachen niemals wiederkommen.
Und so habe ich vor zwei Monaten die Wohnungssuche noch mehr intensiviert. Versucht irgendwie zu kämpfen. Versucht irgendwie ein Leben aufzubauen, dass zu mir passt. Miss Jones wird gerade zu einer Firma für Wissenschaftskommunikation. Aber das macht die Wohnungssuche noch schwerer – und ich habe in den letzten 5 Jahren bereits sage und schreibe 996 Wohnungen besichtigt. Jetzt es ist so: Ich muss mir eingestehen, die letzten Kraftreserven sind aufgebraucht. Um ehrlich zu sein, die Freude in meinem Leben, sie ist mittlerweile so klein. Ich finde sie manchmal tagelang gar nicht mehr. Ich schaffe es nicht mehr gute Artikel zu schreiben. Ich brauche die Zeit, um gegen wirklich schlimme Gedanken anzukämpfen – die ich bekomme, durch diese Lebenssituation, in der ich immerzu leide und aus der es einfach keinen Ausweg zu geben scheint. Zu meinem Alltag gehören mittlerweile 4-5 Stunden am Tag, in denen ich nichts anders tue als weinen.

So privat wurde ich hier noch nie – und das hat eine Grund, Miss Jones kann so nicht mehr – Ich kann erst wieder richtig weiter machen wenn eine Lösung da ist

Es ist mittlerweile so: Ich schaffe nichts mehr. Und als ich gerade in meinen Archäologiebüchern geblättert habe, um für euch einen Artikel zu schreiben, wurde mir klar, dass ich nicht einmal mehr dafür Freude empfinde. Meine Leserzahlen sinken – kein Wunder, ich klatsche in letzter Zeit alles nur noch hin. Das mache ich zwischen den Tagen, an denen ich so traurig bin, dass ich garnicht mehr aufstehen kann. Und das tut mir leid. Ich kann es besser und ich will das auch besser machen. Aber ich bin so lieblos – weil ich absolut keine positiven Ressourcen mehr übrig habe, weil wircklich jeder Tag damit beginnt, das ich aufwache und mich in eine Leben wiederfinde, in dem ich totunglücklich bin. Das einzige, was ich noch habe, ist Heimweh und krasse Einsamkeit. Und ich kann mittlerweile nichts anders mehr fühlen, nichts anders mehr denken und sehe auch keinen Ausweg mehr aus dieser Situation. Und deswegen kann ich gerade einfach nicht mehr Bloggen.