Kommentar: DNA-Analysen und die ultimative Wahrheit

DNA-Analysen gelten als das Nonplusultra der modernen Archäologie. In der Presse werden Untersuchungen, die sich DNA-Analysen bedienen gern gezeigt. Auch aufgrund der gezeigten Faktizität. Das hat zum einen zur Folge, das man schnell denkt, eine ultimative Wahrheit wäre gefunden worden. Gleichzeitig, gibt es in den Kommentarspalten zu der Thematik DNA-Analysen sehr viel mehr Diskussionen, als zu anderen Ergebnissen. Auch bei mir laufen die Mail- und Kommentarfelder heiß, wenn ich über so ein Forschungsergebnis schreibe, meistens sind dazwischen Mails, bei denen ich extrem beleidigt werde. Und deswegen habe ich auch aufgehört täglich über neueste Forschungen aus der Archäologie zu berichten. Aber genau deswegen möchte ich mir heute einmal das Phänomen DNA-Analysen genauer ansehen. Die erste Frage die, sich dabei eigentlich stellt, ist deswegen:

Pergament mit der Aufschrift: Was können DNA-Analysen eigentlich?

Die Analyse einer DNA, ist zunächst eine sehr individuelle Untersuchung. Man schaut sich dabei eine einzelne Person an, über die man Aussagen treffen kann. Diese Aussagen belaufen sich auf mögliche Erbkrankheiten, das Geschlecht der Person, ob der Mensch Laktose verdauen konnte, welche Haut oder Augenfarbe ein Mensch hatte und es kann auch eine Aussage über Verwandtschaftsverhältnisse getroffen werden. Vorausgesetzt, es werden andere Menschen mit einer vergleichbaren DNA-Struktur betrachtet. Alles steht dabei auch in Abhängigkeit zum Erhaltungsgrad der DNA. Ein weiterer Faktor ist, ob es eine Kontamination mit einer Fremd-DNA gibt, beispielsweise mit der DNA der Person, die die  Überreste untersucht.

Ein Haufen Menschenknochen in einer Höhle. Die Knochen sind teils von Sedimant bedckt, es sieht aus wie ein durcheinander.

Ein Blick auf Knochen, so wie sie in der Lichtensteinhöhle gefunden wurden (Foto: Uwe Fricke)

Ein sehr gutes Beispiel für eine Analyse, die sehr vorbildhaft durchgeführt wurde, ist zwar schon etwas älter, aber definitiv sehenswert. Es handelt sich um die Untersuchung menschlicher Überreste, die in der Lichtensteinhöhle im Harz gefunden wurden. Genauer gesagt: ein Bestattungsplatz der Bronzezeit, in dem eine gesamte Sippe über einen langen Zeitraum ihre Angehörigen beigesetzt hat. Die Menschen, die hier gefunden wurden, wurden alle auf ihre DNA hin untersucht. Damals ein Sehr teurer Aufwand, denn eine einzige Probe kostete da noch ca. 500 €. Weil die Temperaturen in der Höhle, sehr niedrig sind, hatte sich die DNA besonders gut erhalten und die 62 Menschen konnten in einen Stammbaum sortiert werden. Die Verwandtschaftsverhältnisse dieser Familie konnten so beschrieben werden. Außerdem waren alle Menschen dieser Gruppe Laktosetolerant. Ein tolles Ergebnis. Aber ein solches Ergebnis hat Grenzen:

Die überreste von zwei Menschen, die in der Lichtensteinhöhle gefunden wurden. Die Knochen und Schädel sind nebeneinander Ausgelegt.

Die Überreste von zwei Menschen aus der Lichtensteinhöhle (Foto: Uwe Fricke).

Klar, wir können eine Menge lernen über die Verwandtschaftsgrade dieser Menschen, aber das heißt nicht, dass wir alles über sie wissen. Wir wissen nicht, ob sich die Angehörigen dieser Familie z.B. untereinander gestritten haben. Oder aber wie das Gesellschaftliche leben dieser Menschen ausgesehen hat. Haben Sie gemeinsam in einer Siedlung gelebt, oder nur den Bestattungsplatz geteilt? Ein anders Beispiel ist: Sie konnten alle Laktose vertragen, dass heißt aber noch lange nicht, das sie auch Milchprodukte konsumiert haben. Es gibt Menschen, die können Milch verdauen, finden sie aber zum Beispiel extrem ekelig. Die DNA-Analyse hat also Grenzen. Deswegen ist sie oftmals nur ein weiterer Hinweis für eine Interpretation. In der Presse liest es sich aber oftmals so, als wäre mit einer DNA-Analyse eine Wahrheit gefunden worden. Und das ist Anlass für Streit auch in den Reihen der Archäologie. Oder um es mit den Worten eines der besten Archäologen Deutschlands, Philipp Stockhammer, zu sagen:

„Die Hälfte sieht die DNA-Analyse als Lösung aller Probleme. Für die andere Hälfte ist es ein Werk des Teufels“.

Der Hauptstreitpunkt ist dabei oftmals das Thema Migration. Fakt ist: Wir können bei einer DNA-Analyse durch Vergleiche feststellen, wo zuvor Menschen mit einer ähnlichen DNA-Struktur gelebt haben. Dadurch sind Rückschlüsse auf Herkunft oder Wanderungsbewegungen möglich. Fakt ist aber auch: DNA-Analysen zeigen die Gentische Struktur von einzelnen Menschen. Und oftmals werden bei solchen Analysen von sehr wenigen Personen auf ganze Kulturen geschlossen. Das bedeutet statistisch sind die Ergebnisse nicht haltbar. Durch weitere Erforschung werden DNA-Analysen immer günstiger und auch besser. Das heißt in Zukunft werden sie häufiger eingesetzt werden. Ergebnisse, die heute als gesichert gelten, können also in der Zukunft noch widerlegt werden, vor allem im Bereich Migrationsforschung. Das liegt daran, dass durch mehr DNA-Proben ein breiteres Bild einer Gesellschaft gezeigt werden kann, weil man dann ja auch mehr Menschen einer Gesellschaft betrachtet hat. Die Ergebnisse stehen dann statistisch auf einer breiteren Basis steht. Doch es gibt zwei andere Hauptpunkte bzgl. DNA-Analysen die auch unter Archäologen zu Diskussionen führen. Der erste Punkt ist:

Pergament mit dr Aufschrift: Viele Archäolog*innen fühlen sich durch die Art des Umgangs mit DNA-Analysen an Gustav Kossinna erinnert.

Kossinna, war ein Archäologe der zur vorletzten Jahrhundertwende gelebt hat. Er entwickelte beispielsweise Modelle anhand der Kulturkreislehre. Dabei handelt es sich, um ein Konzept mit dem er versuchte archäologische Kulturen einzustufen, und einzugrenzen. Die Problematik dabei war die Grundannahme der Raumgebundenheit dieser Kulturen. Anders gesagt: die von ihm erarbeitete modellhafte Betrachtung von Kulturen war viel zu einfach. Es handelt sich eher um eine Spiegelung der Wahrnehmung von Kulturen und wie diese scheinbar Funktionieren. Und zwar so wie man sich das zu Kossinnas Lebzeiten vorgestellt hat. Ein nationalistisches Weltbild wird dabei zur Grundlage genommen. Kulturen sind aber sehr viel komplexer als in dieser Vorstellung angenommen wird. Um das genauer auszuführen, fehlt mir allerdings hier der Platz (Ich will ja einen Blogeintrag schreiben und kein Buch). Die Hauptproblematik an Kossinnas Methode ist, dass seine Ideen Gesellschaften viel zu stark vereinfacht haben. Und zwar so, dass nach seinem Tod die Nationalsozialisten seine Arbeit als Blaupause für die wissenschaftliche Legitimation, der Blut und Bodenpolitik des Dritten Reiches verwendet haben. Es ein Kreislauf einer rechtsradikalen Ideologie welche durch Kossinnas Arbeit verwissenschaftlicht wurde und dann als legitimation für die Nationalsozialisten diente, ohne eine kritische Reflexion zu erfahren.

Die Gemüter entzünden sich an der Frage: hat derjenige der zuerst da war, auch mehr Rechte? Und dieser Gedanke ist in unserer Gesellschaft immer noch existent. Durch einen unvorsichtigen Umgang mit DNA-Analysen könnte sich eine solche Sichtweise wiederum etablieren. Und das, obwohl wir dementsprechend den europäischen Kontinent dann ganz schnell zugunsten des Neandertalers Räumen müssten. Der Punkt ist: Es werden neue Identitäten erschaffen, welche eine Legitimation über die DNA-Struktur erfahren. Dabei wird eine möglichst lange Ortskontinuität einer auserwählten Gruppe konstruiert. Ein Identitätskonstrukt, das im Grunde genommen wissenschaftlich gesehen nicht haltbar ist. Vorallem weil sich Kulturen über die Jahrtausende so stark verändern, dass sie immer wieder neue Formen von Gesellschaften ausprägen. Aber dennoch missbrauchen Rechtsextreme scheinbare kontinuitäten für ihre Zwecke.

Der denkende Neandertaler aus demLandesmuseum in Halle.

Er war zuerst da, der Neandertaler… (Diese Figur steht im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle)

Die Struktur der Herkunft eines Menschen ist komplexer und es gibt nicht „den einen Stammhalter“, von dem wir jeweils abstammen, oder die „Eine Kultur“. Um das zu verstehen denk einmal an deine Eltern. Jeder deiner Eltern hat zwei Eltern. Und auch die haben wiederum jeder zwei Eltern. Spielen wir dieses Spiel nur 600 Jahre lang, dann hast du statistisch eine Millionen Vorfahren. Die DNA, die du in dir trägst sind von dieser Million Menschen nur die Teile, die sich bis heute durchgesetzt haben. Zum einen hast du also Vorfahren, die vor 600 Jahren gelebt haben, die sich in deiner DNA bis heute aber nicht mehr erhalten haben, mit denen du aber direkt verwandt bist. Zum anderen war die Menschheitsgeschichte immer wieder geprägt von Wanderungen und Migrationen, die auch Bestandteil deiner Herkunft sind. Denn Menschen haben sich aus den verschiedensten Beweggründen immer wieder miteinander vermischt. Es lässt sich also gar nicht sagen, wer wo genetisch „zuerst“ gewesen ist, sondern nur welche DNA-Strukturen sich intensiver durchgesetzt haben. So lässt sich maximal sagen, wer eine große Übereinstimmung mit einer DNA-Struktur hat, die besonders Früh gefunden wurde. Das bedeutet aber nicht, dass jemand, der ein anderes genetisches Muster hat, nicht vielleicht vor 600 Jahren den exakt gleichen Vorfahr hatte wie du. Dabei ist eines klar: Genetische Strukturen, die bei vielen deiner Vorfahren vorkommen, setzen sich eher durch als Strukturen die selten sind.

In der Archäologie werden aber nicht nur 600 Jahre betrachtet, sondern Jahrtausende, und schaut man in die Paläogenetik, sogar Jahrmillionen. Eine Identität über diese DNA-Analysen zu konstruieren ist also schwierig, weil es rein Faktisch gar nicht funktioniert kann. Das hält Rechtsextreme aber nicht davon ab, dass sie es trotzdem tun. Hierfür möchte ich euch einen kurzen Schmankerl aus meinen Leserbriefen zusammenfassen (Die Originale sind mehrere Seiten lang und natürlich unterstellen sie mir, dass ich eine Archäologische Verschwörung mit verheimliche, die das hier folgende „Wissen“ unterdrücken würde). Aufhänger ist hierbei die Jamnaya-Kultur. Eine Kultur welche am Ende des Neolithikums (Jungsteinzeit) aus dem Osten nach Mitteleuropa eingewandert ist. Gleichzeitig lebten aber schon Menschen in dieser Region. Genetisch gesehen, sind diese in der Folge, nach aktuellem Forschungstand, verschwunden (Nachtrag: Aber nach noch neueren Ergebnissen ein Paar Jahrhunderte Später wieder aufgtaucht). Dies veranlasst einige Archäo-Genetiker von einer „Invasion“ zu sprechen. Die Zuschrift aus meinem Postfach, auf die ich mich jetzt beziehe, sagt aus, dass mit der Jamnayakultur unsere Vorfahren nach Deutschland kamen und dabei ein Invasions-Gen mitbrachten, dass uns genetisch dazu veranlagt immer wieder gewalttätig zu werden. In diesem Sinne hätten wir auch keine Schuld am Holocaust. Wir würden für ein medizinisches Problem beschuldigt, dass wir von der Jamnayakultur geerbt hätten und das verursacht, dass wir Völkermorde begehen müssten. Aber für ein medizinisches Problem könnten wir doch gar nichts. Was ich mit diesem Beispiel sagen möchte ist:Pergament mit der Aufschrift: Der unvorsichtige Umgang mit DNA-Analysen öffnet die Tür für den Missbrauch der Wissenschaft Archäologie durch rechtsextreme Ideologen.

Wer an dieser Stelle jetzt ernsthaft glaubt, es würde so etwas wie ein Invasions-Gen geben, oder aber irgend einen anderen Anlass sieht den Holocaust zu leugnen oder zu relativieren, dem kann ich nur ganz klar sagen: Du bist hier nicht willkommen! Für alle anderen: Das Problem ist an der Stelle aber auch der Umgang mit den Analysen von archäologischer Seite. Ein Wort wie Invasion, dass von einigen Archäogenetikern tatsächlich benutzt wird, regt die Phantasie an und erzählt eine ganze Geschichte. In diesem Fall eine gewalttätige Geschichte. Dabei ist über die kulturellen Prozesse in diesem Moment, rein über die Betrachtung der DNA, gar nichts bekannt. Anders gesagt: Wir wissen nicht, wieso sich die Jamnaya-DNA durchgesetzt hat. Es ist gut möglich, dass wir in 10 Jahren an dieser Stelle in ganz andres Phänomen sehen. Dann wenn mehr DNA-Analysen durchgeführt wurden und wir zu einer statistisch besseren Grundlage kommen. Aber eins hat sich jetzt schon gezeigt: Es gibt auch hier wieder Spuren von einer Vermischung. Und das ist nur ein Punkt der zeigt, dass die Verwendung eines martialischen Wortes sehr kurz gegriffen ist. Denn eine Vielzahl an interpretationen für diese Beobachtung sind möglich.

Die eigentlich spannende Frage lautet also nicht: wie hätten wir die Geschichte gern? Sondern: was werden wir in der Zukunft noch alles spannendes in Erfahrung bringen. Dazu darf man DNA-Analysen aber nicht als etwas endgültiges ansehen.

Das zweite Problem mit der Betrachtung von DNA-Analysen möchte ich anhand von zwei Beispielen erläutern. Zum einen eine Studie darüber woher die Menschen, die auf den Mittelmeerinseln leben, stammen. Bei dieser Studie wurden 66 Individuen untersucht und das, obwohl es mehr als 160 Mittelmeerinseln gibt. Das Ergebnis ist, dass jede Insel eine eigene Einwanderungsgeschichte hat. Die Untersuchung ist aber stark angreifbar, da nicht mal bei jeder zweiten Insel ein Skelett analysiert wurde. Es wird bei dieser Arbeit aber ein scheinbar glasklare Ergebnis gennant. Dieses suggeriert eine bestimmte Identität der Inselbewohner*innen. Das zweite Beispiel ist eine Studie über die Herkunft der Tripolje-Kultur. Eine Kultur welche in Osteuropa gegen 3.500 v. Chr. große Siedlungen errichtete, mit jeweils über 15.000 Einwohnern. Hier war das Ergbniss der DNA-Analyse, dass es sich um eine Multikultigesellschaft handelte (So die Überschrift der Presseerklärung, die diese Studie vorstellt). Tatsächlich wurden in diesem Fall aber nur 8 Personen Untersucht, um zu dieser Aussage zu kommen. Das ist als würde man blind in eine Tüte Gummibärchen greifen, ein rotes und erwischen und dann behaupten, es sei wissenschaftlich bestätigt, alle Gummibärchen sind rot.

Ein Haufen bunter Gummibärchen.

… so einfach ist es leider nicht.

Hinzu kommt: diese Aussagen, sind noch viel schwieriger auf einer anderen Ebene. Die Interpretationen der beiden Beispiele beschreiben je Identitäten. Die, dass es einzelne Inselidentitäten gab, oder die einer Multikulti Gesellschaft. Das sind Beschreibungen, mit denen wir Vorstellungen verknüpfen, die aber über die Biologie gar nicht nachweisbar sind. Den, selbst wenn sich herausstellt, dass sich die Tripolje-Kultur aus den Nachfahren vieler Kulturen zusammensetzt, bedeutet das noch lange nicht, dass sich die Menschen als Multikulti-Gesellschaft verstanden haben. Es ist eher wahrscheinlich, dass sie ein neues Ganzes gebildet haben. Und das nach einigen Generationen das Wissen darüber wo die jeweils eigenen Ururgroßeltern hergekommen sind verloren ging. Eine Person mit 4 oder 5 genetisch nachgewiesenen Herkunftskulturen hat evtl. ein Selbstbild von sich gehabt, dass 100% Tripolje war, oder aber ein ganz anderes uns unbekanntes Selbstbild.

Eine Zeichnung von einer gleben Steppenlandschaft in der eine riesiege runde Siedlung errichtet ist.

So könnte eine Mega Siedlung der Tripoljekultur ausgesehen haben (Bild: Susanne Beyer)

Wozu man sagen muss, dass wir nicht wissen wie die Menschen sich selbst genannt haben, archäologische Kulturen tragen Namen, die ihnen Archäologen gegeben haben. Das gleiche gilt für die Untersuchung auf den Mittelmeerinseln. Auch wenn wir Besiedlungsgeschichten von Inseln haben, die unterschiedlich sind, heißt das nicht, dass die Selbstwahrnehmung der Menschen unterschiedlich gewesen sein muss. Sie haben sich vielleicht auch Insel-übergreifend besucht, kannten ihre Nachbarn und haben sich kulturell als einer Identität zugehörig angesehen. DNA-Analysen sind Analysen, die den Menschen rein Biologisch betrachten. Kulturen sind aber komplexer und bestehen aus einer Vielzahl an Eigenschaften, Wahrnehmungen und Praktiken.

Eine Karte von der Mittelmeeregion.

Nur kurz zur Erinnerung: Das Mittelmeer ist verdammt groß und schon sehr lange ein Dreh und Angelpunkt der Menschheitsgeschichte.

Und das gilt auch für unsere Gesellschaft. Und vmtl. Gibt es genau deswegen Punkte, bei denen die Diskussionen zu DNA-Analysen schier explodieren. Denn, es gibt DNA-Analysen, die der Weltsicht einiger, meist sehr lauter Menschen, widersprechen. Dazu möchte ich ein Beispiel betrachten, dass 2018 in England zu massiven Kontroversen geführt hat. Es geht um den Cheddarman. Dieser Mann gilt als erster bekannter Homo Sapiens, der auf den Britischen Inseln gelebt hat. Er ist von daher eine Art nationales Identifikationssymbol. Das Skelett ist 10.000 Jahre alt und wurde in der Region Cheddar gefunden. Das ist die Region wo auch der Käse herkommt. Aber die DNA-Analyse zeigt, der Cheddarman hat nie Käse gegessen, denn er war Laktoseintolerant. Das war aber nicht Aufhänger der kontroverse. Vielmehr im Fokus stand ein Ergebnis das zu erwarten war, da dieser Umstand auf alle europäischen Menschen dieser Zeit zutrifft, die bisher analysiert wurden: Der Cheddarman war Schwarz. Als die ersten weißen Menschen aus dem Nahen Osten nach Europa einwanderten, war der Cheddarman bereits 2.000 Jahre lang tot.

Das Ergebnis dieser DNA-Analyse wurde in England zunächst mit einer Enthüllung einer Rekonstruktion des Gesichts vom Cheddarman glorifiziert. Doch schnell schlug die Stimmung um in blanken Hass. Die Wissenschaftler*innen wurden in den sozialen Medien übel beschimpft. Sie hätten die Ergebnisse gefälscht weil sie politisch indoktriniert seinen. Dieser Vorwurf war gekoppelt an tonnenweise harte Beleidigungen und auch Bedrohungen. Diese hatten ein Ausmaß, welches ich hier nicht wiederholen möchte. Aber es zeigt sich deutlich: Hier wurde einer Weltsicht widersprochen und das hat zu kontroversen geführt. Dabei ist die Erkenntnis über die Hautfarbe archäologisch absolut vernachlässigbar. Es gibt keine weitere Forschung, die man darauf aufbauen könnte. Die Hautfarbe des Cheddarman sagt nichts darüber aus wie dieser gelebt hat, oder aber was für Kulturtechniken er kannte. Das macht dieses Ergebnis für die Wissenschaft ein Stück weit irrelevant.

Bild auf eine Bestattung aus der Fotoperspektive. Viele Menschen Mit schilden tummeln sich um in große Grabkammer.

Rekonstruktion einer Kriegerbestattung einer Wikingerfrau (Foto: © Jens Boeck; Ausschnitt aus der TV-Doku „Mächtige Männer – Ohnmächtige Frauen? Neue Fakten aus der Vergangenheit“, die am 12. Juli um 19:30 im ZDF bei Terra X zu sehen sein wird).

Relevanter war da eine Untersuchung welche ebenfalls zu sehr vielen Diskussionen geführt hat. Und wenn man dieses Beispiel unter Archäolog*innen heute nennt, erntet man großes Augenrollen, weil es keiner mehr höheren kann. Die DNA Analyse eines bestatteten aus einem Wikinger-Kriegergrab in Birka zeigte: Es handelte sich um eine Frau. Die Möglichkeit, dass es weibliche Wikingerkrieger gegeben hat, war dabei gar keine große Neuheit. Schon in älteren Forschungen wurden dies vermutet, doch nun gab es auf einmal einen Beleg. Und als ob es eine feministische Dreistigkeit sondergleichen wäre herauszufinden, dass es einmal eine biologisch weibliche Kriegerbestattung gegeben hat, gingen auch hier das Gemecker und die Vorwürfe los. Es wurde geprüft und geprüft und geprüft. Auch von den Archäolog*innen, die sich nicht damit einverstanden geben wollte, dass es in der Menschheitsgeschichte auch einmal eine Frau gegeben haben könnte, welche eine Aufgabe erfüllte, die sonst als Männerrolle gesehen wird (Zumindest war das mein subjektiver Eindruck in dieser Zeit). Und tatsächlich, es wurde ein möglicher Fehler gefunden.

Ein Frau und ein Mann stehen von einigen Knochen in einem hell ausgeleuchteten Raum. Sie halten Zettel in der Hand mit denen sie Analysen machen.

Forscher der Universität in Stockholm untersuchen das Skelett des Wikingergrabs aus Birka (Foto: © Jens Boeck Ausschnitt aus der TV-Doku „Mächtige Männer – Ohnmächtige Frauen? Neue Fakten aus der Vergangenheit“, die am 12. Juli um 19:30 im ZDF bei Terra X zu sehen sein wird)

…. waren die Knochen vielleicht vertauscht worden? Das Grab wurde schon lange bevor es DNA-Analysen gab entdeckt, könnte man überhaupt sicher sein, dass hier die richtigen Knochen untersucht wurden. Mittlerweile wurde dies mehrfach überprüft. Es ist sicher, dass die Knochen zu der Bestattung gehörten und das diese Knochen eine weibliche DNA in sich tragen. Das Problem an dieser Stelle ist aber nicht, dass dies überprüft wurde. Jede wissenschaftliche Studie sollte nachprüfbar, wiederholbar und belegbar sein. Das Problem ist: wäre diese Analyse auch so stark kritisiert worden und so  massiv überprüft, wenn sie nicht das Weltbild einiger Leute angekratzt hätte? Angenommen es hätte sich herausgestellt, dass dieses Skelett eine männliche DNA hatte, wäre diese Analyse überhaupt großartig besprochen worden? Mein Eindruck ist: hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Es zeigt sich deutlich, ob Hautfarbe oder Geschlecht, sobald ein Ergebnis bestimmte Weltbilder tangiert, schießen die Emotionen durch Decke. Doch es ist nicht die Aufgabe der Wissenschaft irgendein Weltbild zu bestätigen, sondern sich mit offenen Fragen dieser Welt und in diesem Fall der Lebensrealität der Menschen der Vorzeit anzunähern. Skurriler weise fehlt ein vergleichbarer Aufschrei in der breiten Öffentlichkeit, wenn, es ein Ergebnis gibt, welches wissenschaftlich zwar auf wackligen Füßen steht, aber politisch für bestimme Gruppen verwendbar ist. Wie bei den Analysen, die sich mit Migration beschäftigen.

Ich sehe hier in Missverhältnis. Deswegen würde ich mir wünschen, mehr Sachlichkeit bei diesem Thema walten zu lassen. Zu Überlegen, wann man beispielsweise von einer Invasion spricht. Oder: nach nur 8 Analysen nicht gleich die große Geschichte der Multikulti Kultur zu erzählen und vor allem DNA-Analysen vorsichtiger zu präsentieren. Und damit meine ich den Umgang in Pressemitteilungen. Die allermeisten Menschen und die allermeisten Journalist*innen haben nie Archäologie studiert. Für sie wirkt eine Presserklärung, die sich auf DNA-Analysen bezieht wie eine neu gefundene ultimative wissenschaftliche Wahrheit. Wie ich gezeigt habe ist das aber in Bezug auf beispielsweise das Thema Migration problematisch. Es wird aber dennoch von der Öffentlichkeit als eine Art ultimative Wahrheit angesehen und so mit Weltbildern verknüpft. Und an dieser Stelle kann sehr leicht ein Missbrauch entstehen. Bitte versteht mich nicht falsch, DNA-Analysen sind großartig. Wir können Sachen bestimmen, von denen hätten unsere Kollegen nur vor wenigen Dekaden geträumt. Die DNA der Wikingerkriegerin, oder die des Cheddarman zum Beispiel. Aus diesem Blickwinkel gesehen, können wir heute quasi Zaubern. Aber genau deswegen braucht es mehr Sensibilität im Umgang und eine Differenzierung darüber was den nun eine ultimative Wahrheit sein soll. Denn die gibt es auch bei DNA-Analysen nur in einem sehr begrenzten Rahmen. Und vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn wir mit DNA-Analysen tatsächlich so verantwortungsbewusst und respektvoll umgehen würden, als wäre es tatsächlich Wissen, dass ein bisschen magisch ist.

Hinweiß: Ich möchte mich bei meinem äußerst liebenswürdigen Kommilitonen Jeffery König bedanken, da er mir bei der Literaturrecherche eine große Hilfe gewesen ist

Nachtrag: Da ich den Teil über das Neolithikum sehr verwirrend und teils auch falsch erklärt habe, wurde dieser Teil des Textes am 5.8.2020 verändert.

Literatur:

Lichtensteinhöhle: https://www.uni-goettingen.de/de/538339.html

Stockhammer Zitat: https://www.spektrum.de/news/zankapfel-palaeo-dna/1559594

Mittelmeerstudie Presserklärung: https://medienportal.univie.ac.at/presse/aktuelle-pressemeldungen/detailansicht/artikel/jede-mittelmeerinsel-hat-eigenes-genetisches-muster/

Mittelmeerstudie: https://www.nature.com/articles/s41559-020-1102-0

Geschichte der Hautfarbe: https://migration.hypotheses.org/350

Cheddarman: https://www.nhm.ac.uk/discover/cheddar-man-mesolithic-britain-blue-eyed-boy.html

Wikingerkriegerin: https://www.researchgate.net/publication/319559178_A_female_Viking_warrior_confirmed_by_genomics

Die Theoriedebatte: http://www.medievalworlds.net/8084-5inhalt?frames=yes

https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00438243.2019.1617189

https://www.cambridge.org/core/journals/proceedings-of-the-prehistoric-society/article/reintegrating-archaeology-a-contribution-to-adna-studies-and-the-migration-discourse-on-the-3rd-millennium-bc-in-europe/6F6223448D130FECBDB899F660EA9873

https://www.cambridge.org/core/journals/european-journal-of-archaeology/article/massive-migrations-the-impact-of-recent-adna-studies-on-our-view-of-third-millennium-europe/B225B14D82066373B2C11295AA1D1462

https://www.cambridge.org/core/journals/antiquity/article/retheorising-mobility-and-the-formation-of-culture-and-language-among-the-corded-ware-culture-in-europe/E35E6057F48118AFAC191BDFBB1EB30E