10 Dinge, die Archäolog*innen echt nerven!

Meistens ist es so: Man lernt irgendwo Menschen kennen und schließlich fragt einer: “Und was machst du so beruflich”, und man antwortet “Archäologie”. Dann stehen meist Münder offen. Fragen beginnen. Sehr viel Leute sind unfassbar interessiert. Andere versuchen irgendwas Originelles zu sagen – Mein Tipp: lasst es! Es sind die immer gleichen nervtötenden Sprüche. Diesen Text schreibe ich für alle Kolleg*innen, die wissen was ich damit meine:

10. Ja! Das ist ein richtiger Beruf!

Für einige Menschen ist Archäologie ein Wort, dass sie aus Abenteurerfilmen kennen. Sie sind oftmals erstaunt, dass es tatsächlich Menschen aus Fleisch und Blut gibt, die so etwas machen. Aber die Medaille dieser Aussage hat auch eine andere Seite. Die kennen vor allem Studierende. “Du kannst damit doch nichts verdienen!” -Sprüche

Pergament mit der Aufschrift: "Kann man damit überhaupt etwas Verdienen". Gemeint ist das Fach Archäologie

Mit Berufszukunft für Archäologiestudierende und solchen Fragen hat sich übrigens der Tag “Wege in den Beruf” auseinandergesetzt. -> Klicke hier um darüber mehr zu lesen

folgen in diesem Falle oft. Das ist sehr demotivierend. Zudem ist die Arbeitsplatzlage prekär. Festhalten muss man aber auch: Archäolog*innen arbeiten oft in Denkmalämtern. Und ganz ehrlich, niemand würde so tun, als ob es Beamt*innen nicht gibt. Doch dieser Satz trifft noch einen dritten Punkt. Es gibt nämlich Menschen, für die ist Archäologie nur ein Hobby. Und sie finden es schlichtweg falsch, das Menschen dafür bezahlt werden. Aber, wer das als Beruf macht, hat gut und gerne 10 Jahre dafür studiert. Wenn man dann quasi diese Qualifikation abgesprochen bekommt, tut das verdammt weh.

9. Ja! Wir arbeiten mit Pinseln. Das tun wir fast nie, aber wenn ‘ne Kamera vorbeikommt hohlen wir sie raus.

Es ist eines dieser Klischeebilder. Ein Stellvertreter für eine ganze Reihe dieser. An diesen Bildern sind wir Archäolog*innen selbst nicht ganz unschuldig. Denn es ist so, dass wir auffällig oft beim Pinseln in TV-Dokumentationen zu sehen sind.
Aber Fakt ist: der Pinsel kommt garnicht so oft zum Einsatz. Pinsel sehen in der Fernsehdokumentation aber total professionell aus. Auf Ausgrabungen wird oft und viel gefilmt. Irgendwann kennt man es, dass einem ein ganzer Pulk an Leuten (Nachbarn,

10 Menschen schauen auf eine sehr dreckiege Frau, die ine eiem Erdloch steht und ihnen etwas erklärt.

So sehe ich dann aus, wenn ich an so einem Tag mit Fragen gelöchert werde. (Das Bild wurde bei Pfahlbauten.at veröffentlicht, ich habe mich in diesem Falle einfach bedient, da ich selber auf dem Bild zu sehen bin – bei rechtsansprücken etc. bitte melden).

Journalisten, Fernsehteams) beim Tag der offenen Grabung über die Schulter schaut, während man gerade konzentriert arbeitet. Aber Studierende auf ihrer ersten Grabung sind auch dabei. Für die gilt meist die Ansage: Solang die Presse da ist, steh’ nicht rum! Tu was! Egal was! Und so gibt es auch von mir Bilder aus jüngern Tagen in Fernsehberichten, wo ich mit einem Pinsel vollständig sinnentleert herumpinsel, einfach nur damit es im Fernsehen gut aussieht und niemand im Hintergrund herumsteht wie bestellt und nicht abgeholt.

8. Nein, es ist nicht schon alles ausgebuddelt!

Einer der Sprüche, der von Leuten kommt, die meist den Eindruck vermitteln, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gegessen. Das schon “Alles ausgebuddelt ist” ist absolut falsch. Und diese Aussage ist gleich auf mehreren Ebenen schwierig. Zum einen, weil ein Großteil der bekannten Bodendenkmäler bewusst nicht ausgegraben wird. Hier gilt die Idee: Was Jahrtausende im Boden überlebt hat, überlebt auch noch weitere Jahrtausende. Was aber ausgegraben wird, wird dabei aber immer auch zerstört. Es liegt also bei jeder Ausgrabung ein triftiger Grund vor. Die allermeisten bekannten Fundplätze ruhen also sicher und hoffentlich noch lange unter der Erde.

Eine Hand, die Nägel sind mit pinkem Nagellack bemalt hält eine Nuckelflasche aus der Bronzezeit unter eine Lupe.

Zur Archäologie gehören viele Arbeitsschritte. Hier nehme ich zum Beispiel gerade eine Nuckelflasche aus der Bronzezeit unter die Lupe, lange nachdem sie ausgegraben wurde.

Aber der Punkt mit dem Ausgraben hat noch eine weitere Fassette. Denn Ausgrabungen sind zwar ein wichtiger Teil des Faches, aber es handelt sich nur um einen kleinen Teil der Arbeit. Wir reden von etwa 30%, eine Zahl die einem im Studium immer mal wieder vorgekaut wird. Der Hauptteil ist das Auswerten und Analysieren. Und es gibt Archäolog*innen, die gar nicht graben. Sie beschäftigen sich zum Beispiel mit der Theorie, versuchen die bekannten Punkte der Geschichte in Zusammenhang zu bringen, gestalten Ausstellungen in Museen, oder aber schreiben über Archäologie.

7. Ja, ich war schon mal auf einer Ausgrabung!

Das ist eine super nervige Frage, die oft kommt, wenn Leute rausfinden, dass man Archäolog*in ist. Ich bin ja dazu übergegangen Dinge zu antworten wie: “Du bist Tischler, oder? Warst du denn schonmal in einer Werkstatt?”. Auch wenn ich gerade erklärt habe, das Ausgrabungen nur ein Teil der Archäologie sind, sie sind zentral.

Eine Frau mit Ausgeblichenen Roten Haaren von der Seite. Sie ist bei einer archäologischen Asugrabung, und säubert befunde. Sie trägt ein Weisses T-Shirt uM ihren Kopf ist ein Rots Seidentuch mit Leopardenmuster geknotet.

Zugegeben, auf der ersten Grabung fühlt man sich weder besonders professionell, noch sieht man so aus (hier ein Beweisfoto von mir selbst in dieser Situation). Aber genau deswegen lernt man das ja so früh wie möglich.

Studierende werden deswegen bei der allerersten Gelegenheit auf den Acker gejagt. Selbst wenn man später einen anderen Berufszweig ergreift, auch diese Arbeit baut auf den Ergebnissen von Ausgrabungen auf. Um dies zu verstehen, um zu verstehen wo z.B. Fehlerquellen liegen, sind Ausgrabungen in der Grundausbildung pflicht. Die Frage, ob man schon mal auf einer Ausgrabung war wirkt also so, als ob man den*der Archäolog*in unterstellen würde, noch nicht einmal mit dem ersten Semester begonnen zu haben.

6. Nein! Ich habe keine Peitsche!

Klischeebilder über Klischeebilder…. Mea Culpa, Miss Jones spielt ja auch damit. Eines

Das Miss Jones Titelbild

Eindeutig, in dieser Hinsicht bin ich kein Unschuldslamm…

der Klischeebilder ist Indiana Jones. Und irgendwie ist es auch cool mit dem Abenteuerhelden gleichgesetzt zu werden. Aber: Es ist nicht cool, wenn man von einem Mann, den man grade erst kennengelernt hat, mit einem süffisanten Unterton gefragt wird, ob man eine Peitsche hätte. Das ist nicht originell, das ist unangenehm! Und der Moment wo ich Gespräche beende. Und in der Regel hat man alle diese Sprüche schon gehört. Ganz selten aber passiert es, dass dann doch einer kommt der Originell ist. Aber: Es zu schaffen ein*e Archäolog*in mit einem Indiana Jones Spruch noch ein Schmunzeln abzugewinnen ist die Königsklasse der Rhetorik.

5. Ja, ich habe diesen Beruf wirklich!

Das ist echt nervtötend. Leute, die einfach nicht glauben, was man für einen Beruf hat. Das kann zwei Richtungen annehmen. In der einen Richtung beginnt der*die Gesprächspartner*in einen zu verulken. Macht sich über einen lustig, oder erzählt über sich selbst total absurde Geschichten, die niemals wahr sind, weil der Mensch glaubt selber verulkt zu werden. Also so nach dem Motto “Ahh klar – und ich bin

Raubtierdompteur! – kicher” Vielleicht will die Person die vermeintliche Verarschung mitspielen, oder aber will zurück verarschen. Doof nur, wenn man wirklich so einen Beruf hat. Und was ich auch schon erlebt habe: Menschen die das nicht glauben, ihr Handy zücken und beginnen mein archäologisches Wissen, abzufragen während sie meine Antworten auf Wikipedia gegenchecken. Einfach um zu überprüfen, ob ich wircklich Archäologin bin. Das ist wirklich unangenehm, und da wünscht man sich lieber garkein Gespräch geführt zu haben.

4. Nein, ich habe keine Ahnung von Dinosauriern

Noch so ein Klischee. Wir erforschen die Menschheitsgeschichte. Als Menschen entstanden, waren Dinos lange ausgestorben. Es gibt keine Berührungspunkte.

Dennoch mögen wir Dinos. Dass dieser hier, er heißt Stan, im Nationalmuseum Rio de Janeiro verbrannt ist, hat uns alle traurig gemacht.

Dinoforscher also Paläontolog*innen haben dementsprechend auch keine Ahnung von Archäologie. Das wissen, dass man für die beiden Professionen benötigt ist sehr unterschiedlich. Einziger Berührungspunkt: Beide Fächer machen Ausgrabungen. Aber: paläontologische und archäologische Ausgrabungen unterscheiden sich stark. Nicht nur in den Ergebnissen, sondern auch an den Orten und den Techniken mit denen man vorgeht. Tatsächlich hat das Fach Archäologie mit verdammt vielen anderen Fächern Berührungspunkte. Egal ob BWL (Grabungsfirma), Pädagogik (Wissensvermittlung), Physik (Naturwissenschaftliche Methoden) usw., überall sind Anknüpfungspunkte zur Archäologie vorhanden. Aber mit wirklich keinem universitären Fach hat die Archäologie so wenig zu tun, wie mit der Paläontologie.

3. Nein, du darfst nicht ungefragt zu mir ins Loch klettern!

Ersatzweise darfst du auch nicht auf Denkmälern herumturnen. Du machst damit, nämlich vor allem eines: Sachen kaputt! Und das scheinen nicht alle zu verstehen. Deswegen noch einmal: Wenn Archäolog*innen etwas untersuchen, ist das wichtigste Ergebnis der Kontext. Die Frage ist nicht was gefunden wird, sondern in welchem Verhältnis die Sachen zueinander stehen. Wie sie zusammengehören, oder auch nicht.

Ein Schild in drei Sprachen. Es ist beschriftet mit "Archäologische Zone - Eintritt Verboten". Das Schild ist an einem Holzzaun befestiegt. Es Stammt aus dem Pfahlbaumuseum am Ledrosee in Norditalien.

!IMMER DIE SCHILDER BEACHTEN!

Wenn du einfach in ein Loch kletterst, dass du nicht kennst, dann kann es sein, dass du völlig unbeabsichtigt auf etwas drauf trampelst, dass von großer Wichtigkeit gewesen wäre. Diese Dinge sehen meist nicht aus wie die Sensation des Tages. Eine einfache Tonscherbe kann der Schlüssel zu einer Datierung sein. Trampelst du darauf, kann man die Datierung vergessen. Deswegen gibt es Schilder und Absperrungen nicht zum Spaß! Du bist weder cool und schon gar kein Experte, wenn du diese ignorierst. Und ein Hinweis: Wenn man eine*n Kolleg*in in ein Loch ruft, zum Beispiel um sich eine zweite Meinung zu hohlen, dann fragt der*die hinzugezogene Kolleg*in bevor er*sie zu nahe kommt “Wo darf ich hintreten”. Denn auch jemand vom Fach kann nicht Hellsehen.

2. Ja, ich weiß, ich bin dreckig!

Es ist unfassbar was für ein Gerede immer wider davon gemacht wird, das Dreck dreckig ist. Als Frau darf man sich anhören, das man bloß nicht jammern soll, wenn man dreckig wird, was super nervt. Wenn man dann dreckig ist, darf man sich wiederum auf dem Heimweg z.B. im Bus anhören, dass sich das nicht gehört. Die Situation ist Paradox: Solange man auf der Ausgrabung ist, wird man immer wieder von

Eine Frau mit dreckiegem Gesicht sitzt und guckt Müde in die Kamera.

Ich, todmüde, nach einem anstrengenden Grabungstag. Total dreckig, und nein, es war kein Wasser da, um mir das Gesicht zu waschen, ich musste dafür erst nach Hause fahren.

Anwohner*innen, Passant*innen bewundert, was man für eine tolle Arbeit macht. Im Zweifel kommt das Fernsehen vorbei. Ist man 10 Minuten später im Bus auf dem Weg nach Hause, wird man komisch angesehen und angemotzt, weil man Erdflecken an der Kleidung hat. Einmal wurde ich sogar in der Bahn getreten mit der netten Aufforderung “Wasch dich du Penner”.

  1. “Na schon Gold gefunden!?”

Nein es geht in der Archäologie nicht um Schatzsuche! Und es geht auch nicht um Gold! Klar ist ein Fund aus Gold was Schönes, aber es ist nicht relevant für den Erfolg einer Grabung. Relevant ist die Professionalität der Grabungstechnik und die hoffentlich in einem tollen Zusammenhang gefunden Strukturen. Ein Fleck in der Erde kann dafür ein alles entscheidender Hinweis sein. Zum Beispiel ein Pfostenloch kann

So ein Fleck im Boden kann unter Umständen mehr erzählen, als ein Goldbarren. Es handelt sich um ein Pfostenloch. (Klicke hier um zu erfahren wie man aus Pfostenlöcher Häuser rekonstruiert)

ein echter archäologischer Schatz sein. Die Frage nach Gold reduziert die Arbeit der Archäologie auf Raffgier. Das ist einfach nur beleidigend und kann absolut unangemessen sein. Beispielsweise wurde mir diese Frage gestellt, als ich einmal an Untersuchung in einem Konzentrationslager der Nazis beteiligt war. Die Frage nach Gold in diesem Zusammenhang ist einfach auf so vielen Ebenen komplett daneben, dass mir bis heute die Galle kocht, wenn ich daran denke.