Hingestellt – Die Ethnologieausstellung im Berliner Stadtschloss

Das Humboldtforum in Berlin, auch Hufo genannt. Eine Institution sollte geschaffen werden, ein Museum im rekonstruierten Stadtschloss. Doch schnell und bis heute hagelt es Kritik für dieses mittlerweile umgesetzte 682 Mio. € Projekt. Ich bin einmal hingefahren, und habe mir das Ethnologische Museum angesehen, damit ihr es nicht müsst. Aber erst einmal:

Wofür wurde das Projekt eigentlich kritisiert?

Kurzgesagt: Geld und Kolonialismus – und zusätzlich problematisch, einige Sponsoren kamen aus der tief rechtsbraunen Ecke. Lang gesagt ist der Faktor Geld selbstverständlich immer einer, der bei staatlichen Projekten diskutiert wird. Und das auch völlig zurecht.

Baustelle des Berliner Stadtschlosses. Ein Betonkonstrukt, mit dem Gerippe einer Kuppel, daneben orange Kräne

So sah das Stadtschloss 2016 während des Baus aus, damals bin ich hier während der DGUF Tagung vorbeigelaufen (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Der Punkt, der mir in dieser Hinsicht zu kurz kam war allerdings: Wie viele sinnvolle Forschungsprojekte hätte man finanzieren können, wenn man für ein Museum einen weniger kostspieligen Bau genommen hätte – Das Ethnologische Museum gab es ja ohnehin schon zuvor, hat es wirklich so einen teuren Bau benötigt? Letztendlich handelt es sich bei diesem Teil der Diskussion also um die Standardfrage danach, wofür Steuergelder eingesetzt werden sollten. Interessanter ist dabei der Punkt:

Kolonialismus

Das Berliner Stadtschloss war unter anderem der Wohnsitz von Kaiser Wilhelm II. Es war Bestandteil einer Zeit, in der Deutschland eigene Kolonien hatte, mit einem Kaiser der dies auch voran trieb. Der Kolonialismus Deutschlands ist also direkt mit dem Berliner Stadtschloss in Verbindung zu bringen. Die Bestandteile der ethnologischen Sammlung stammen teils aus den Kolonien – und auch aus den Kolonien anderer europäischer Staaten.

Schwarzweißfoto des Berliner Stadtschlosses im Original. Ein Bau mit einer Kuppel und einem mit Säulen verzierten Portal

So sah das Stadtschloss im Jahr 1900 aus (Gemeinfrei/historisch).

Immer wieder dabei: Raubgut. Auch von Bevölkerungen, die stark unter den Kolonialmächten gelitten haben. Dabei rede ich von starker Gewalt bis hin zu Völkermorden. Das diese Stücke jetzt in einem Nachbau des Ortes ausgestellt werden, der symbolisch für eine Politik steht, die diese Vorgehensweise bestimmt hat, finde ich persönlich relativ ekelig – und nicht nur ich: auch Gestallter*innen der Ausstellung zeigten sich von dieser Situation irritiert.

Aber Moment mal Miss Jones, ich verstehe das du auf den Symbolcharakter dessen hinaus willst – aber das Humboldtforum gibt sich doch echt Mühe alles aufzuklären

Ja, aber nein. Ich möchte niemanden aus dem Kollegium, der das wirklich intensiv tut angreifen. Im Gegenteil – Es gibt hier Mitarbeiter*innen welche sich mit all ihrer Kraft einsetzen. Doch es wurden meines Erachtens für die Provenienzforschung, also für die Forschung, welches Objekt eigentlich wo herkommt, zu wenige Stellen geschaffen. Und ja das Museum thematisiert das. Vor allem in einem Ausstellungsraum über die Beninbronzen.

Ein Stuhl mit niedrigen Beinen und einer hohen Lehne. Der Stuhl ist aus dunklem Holz. Ein kleiner Kopf und Ärmchen sind aus der Lehne heraus geschnitzt.

Es wird zum Beispiel sehr eindrücklich erklärt, warum und wofür die Urughu in Tansania dringend diesen Stuhl zurück brauchen (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Und wer sich hinsetzt und die Präsentation zu dem Thema ansieht, der weiß am Ende auch ungefähr was diese Bronzen bedeuten. Aber: Wenn man durch das weitere Museum geht fallen zwei Phänomene auf: zum einen stehen immer wieder Bildschirme neben Objekten, auf denen Filme gezeigt werden, die die Objekte erklären. Dabei werden meist Mitglieder der Kultur im Interview gezeigt. Auch das finde ich gut, weil die ihre Kultur eben am besten kennen. Aber, was ich seltsam finde: die begründen lang und breit, warum ein bestimmtes Objekt dringend zurück gegeben werden muss, und es steht einfach im Museum, und ist nicht zurück gegeben.

Ja Moment mal, das ist doch angeblich total kompliziert Sachen zurück zu geben – außerdem sind dann bald unsere Museen leer

Also zum einen Nein: Sind sie nicht – wir haben so Krass viel Zeug in Inventaren liegen, alleine in diesem Museum 500.000 Objekte, im Schnitt werden am Ende davon nur 8% zurück gefordert. Vielmehr würde die Ausstellung sogar davon profitieren, wenn man sie etwas entschlackt, denn viele tolle Ausstellungsstücke gehen total unter und bekommen nicht die Aufmerksamkeit die sie verdienen. Zum Anderen: Ja, das stimmt Sachen zurück geben ist kompliziert. Zum einen muss man genau nachvollziehen, ob das Museum es rechtmäßig besitzt. Kulturgüter werden manchmal zu bestimmten Anlässen verschenkt oder sie wurden sogar rechtlich korrekt erworben.

Messer mit einem Griff aus Gold, der anthropomorph geformt ist.

Dieses Objekt hat nur die Aufschrift im Kunsthandel erworben. Durch solche Strukturen gehen Informationen und Zusammenhänge verloren, die man braucht, um eine Kultur zu verstehen (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Manchmal ist es aber nicht so. Und dann die Herkunft zu bestimmen ist schwierig. Und in anderen Fällen ist die Frage: Wem gibt man das denn zurück? Zum Beispiel, wenn ein Objekt einer Privatperson gehört hat. Diese hatte viele Kinder, und die Kinder hatten viele Kinder, und diese Kinder ebenso. Deshalb gibt es mehr als 1.000 Personen, welche rechtlich völlig nachvollziehbar für sich beanspruchen, das sie dieses Objekt wieder haben möchten. Wem gibt man dann diesen Gegenstand? Zudem hat sich die politische Landkarte in den letzten 150 Jahren immer wieder stark verändert. Es gibt heute Staaten, die es zu Zeit eines Raubes noch gar nicht gab, sich heute in der gleichen Region befinden, aber Repräsentant einer ganz anderen Ethnie sind. Ihr merkt schon Provenienzforschung ist kompliziert. Und dann gibt es da noch die ganz anderen Fälle:

Provenienz unbekannt

Immer wieder steht an Ausstellungsstücken: Provenienz unbekannt oder ähnliches. Das kann eine Möglichkeit sein, das ein Museum Raubkunst zeigt und gleichzeitig öffentlich sagen kann, es hätte das ja nicht gewusst. Es kann aber auch sein, das die Umstände unbekannt sind, weil die Eigentümer bzw. die Kultur oder das Dorf, in dem dieses Kulturgut entwendet wurde, diese Begegnung nicht überlebt hat. Und zu dieser Geschichte verliert das Museum kein Wort.

5 Flachen der Moche Kultur. Alle Haben eine figürliche Darstellung am Bauch, alle sind unterschiedlich.

Aus welchen Zusammenhang stammen diese Figuren der Moche Kultur (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE))?

Und das ist doppelt schlimm, weil mit den Menschen auch die kulturelle Bedeutung der Objekte vergessen wird, sodass am Ende nur ein hübsches Objekt ohne Erklärung im Museum zurück bleibt. Es wird also einerseits sehr offen mit der Geschichte umgegangen und andererseits wird sie verschwiegen. Zudem gibt es viele Keramiken südamerikanischer Kulturen. Z. B. von den Moche. Das sind Objekte welche auch von der anliegenden Bevölkerung geplündert werden um sie zu verkaufen – denn die Menschen sind arm und haben Hunger. Aber auch das wird nicht thematisiert.

Es handelt sich um eine bunte Hinstellung

Das Wort Hinstellung verwende ich für Ausstellungen, bei denen Objekte einfach hingestellt werden und die Erklärungen sind dann nicht weiter aufschlussreich. Ich kann Hinstellungen generell nicht für Leute empfehlen, die wenig Grundwissen mitbringen. Denn ganz ehrlich: Das einzige was ihr dort sehen könnt sind dann Gegenstände 1,2,3 davon sind hübsch – das ist dann aber auch alles – Aber gut, immerhin ist der Eintritt kostenlos. Wenn ihr mittelviel Ahnung habt von Kulturwissenschaften, kann ich euch den Besuch eigentlich nur empfehlen, wenn es ein bestimmtes Ausstellungsstück gibt, das ihr schon immer mal sehen wolltet.

Eine Vitrine mit der Aufschrift Brasilien, Rio Negro. In der Vitrine viele Töpfe.

Hingestellt – Keramiken aus verschiedenen Kulturen (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Leider könnt ihr hier nicht nur nichts dazu lernen, denn der Hintergrund der Ausstellungstücke bleibt meist unerwähnt. Und wenn ihr viel Ahnung habt von Kulturgeschichte, dann kann ich euch das Museum auch nicht empfehlen. denn die museale Anordnung ist zwar modern, aber nicht so, dass man sich für eigne Projekte inspirieren könnte. Und die wenigen Beschilderungen, oder die teilweise ganz fehlenden Beschriftungen und das unstrukturierte durcheinander der Kulturen machen ein Liebhaberherz auf die Dauer so richtig unglücklich, weil die Kulturgüter so wenig wertgeschätzt werden – und das obwohl sie sie im teuren Nachbau des Stadt Schlosses stehen. Es wirkt fast so, als währe es eine Trophäensammlung aus der Kolonialzeit, und es hat sich seit dem wenig geändert.

Kannst du auch was Gutes über das Museum sagen?

Ja! Tatsächlich gibt es hier tolle Kinderprogramme. Besonders gefeiert habe ich die Hängematten in die man sich legen kann um Geschichten aus dem Brasilianischen Dschungel zu lauschen. Das war wirklich toll. Aber es fehlt wieder etwas – und zwar eine genau Erklärung der kulturellen Bedeutung der Hängematte in dieser Region. Und das gehört zu einer Wertschätzung der Kulturen hinzu.

Eine 3/4 runde Federkrone mit mindestens 30 cm Durchmesser. Sie besteht aus gelben und orangenen Federn.

Unweit zu den Hängematten ist sogar dieser tolle Federschuck für ein Dach ausgestellt – und weitere Objekte aus dem Amazonasdelta – das im zusammenhang zu erklären währe also möglich (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Bei den Tikuna z. B. ist die Hängematte nämlich zum Beispiel ein alltagsprägendes Kulturgut. Dennoch ist diese Inszenierung schön. Und ich muss sagen: für mich war das Museum super ich konnte das ein oder andere Kulturgut fotografieren, das ich euch hier in Zukunft zeigen kann. Ich glaube aber, dass ich die Einzige bin, für die ein Besuch in diesem Museum wirklich sinnvoll war. Es ist schade, das in dem Museum die Geschichten fehlen – also das Storytelling.

Welche Geschichten könnten den erzählt werden?

Zum Beispiel die Geschichte von Iyoba Idia.  Die steht nämlich in dem Museum. Man könnte die Geschichte dieser Frau viel intensiver zeigen. Anhand ihrer Lebensgeschichte zeigt sich auch, wie wichtig es ist, dieses geraubte Kulturgut zurück zu geben.

Büste einer Frau mit mondförmiger Mütze. Der Kopf besteht aus Bronze. Die Frau hat ein Dekor aus zwei senkrecht verlaufenden Strichen auf der Stirn.

Die Büste der Iyoba Idya soll zurückgegeben werden – leider erfährt man wenig über die Person, die hier gezeigt wird (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

In dem Bereich südamerikanische Kulturen stehen sehr viele Keramiken. Ich hatte den Eindruck, man steht im Einkaufszentrum – einem Laden für exquisite Töpfe und Flaschen, die zur Anschauung in der Vitrine stehen – Laien erschließt sich das nicht. Man könnte anstelle eine Vitrine mit ähnlichen Keramiken kommentarlos vollzustopfen einige wenige Exemplare auswählen und dann genau erklären, was ist das eigentlich für eine Kultur, wie funktioniert sie, und warum ist ein Gesicht auf dem Topf? Das würde beim Betrachten viel mehr Spaß machen.

Zusammengefasst muss ich sagen,

ich bin kritisch gegenüber dem Humboldtforum. Einfach weil dieses koloniale Gehabe endlich ein Ende finden muss. Was mich zusätzlich enttäuscht sind fehlende Beschreibungen.

Zwei Flaschen aus Keramik. Beide haben ein Gesicht und ausgeformte Ohren.

Warum sehen uns diese Keramiken der Cancay an? Wer waren die Cancay? Sowas erklärt sich nicht von alleine (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE))!

Das Schloss sollte ein Prestigeprojekt sein, das Deutschland als kulturell relevant repräsentiert – am Ende hat man sowohl das Schloss, als auch die ethnologische Ausstellung einfach hingestellt. Im Inneren besteht das Schloss aus moderner Architektur. Wer mich kennt weiß, dass ich moderne Architektur meistens als unangenehm schäbig empfinde. Im Hufo war mein Eindruck, dass das nur die Lieblosigkeit der Hinstellung unterstreicht. Das heißt: wenn ihr ein schönes ethnologisches Museum sehen wollt: fahrt nach Hamburg ins MARKK, das wird seit einigen Jahren immer besser und besser und besser.

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