Die Kapuzinergruft in Rom: Gruselort oder missverstandenes Kulturerbe?

Rom 1626. Eine Gruppe Mönche bezieht ein neues Areal. Die Santa Maria Immacolata a Via Veneto ist eine von 1000 Kirchen in der Stadt und eher unscheinbar. Doch es passiert denkwürdiges auf dem Gelände, das nun in den Händen von Kapuzinermönchen liegt. Die Mönche fertigen Kunst aus Menschenknochen in der Gruft ihres neuen Gotteshauses.

Moment? Kunst aus Menschenknochen? Wie muss ich mir das vorstellen?

Die Gruft der Santa Maria Immacolata a Via Veneto ist unter der Kirche gelegen. Es handelt sich um einen langen Flur, der 6 aufeinander folgende Kapellen miteinander verbindet. In 5 dieser Kapellen befindet sich Wandschmuck, der aus Knochen zusammengesetzt wurde.

Ein Kinderskelett lächelt den Betrachter an

Ein sorgfältig drapiertes Kinderskelett in der Kapuzinergruft (Bild: All rights reserved).

Hierzu hat man die Überreste von Menschen kunstvoll drapiert. Schulterblätter zu Blumen angeordnet, Wirbel zu Ornamenten, oder Schädel zu Säulen gestapelt. Die Knochen sind mit kleinen Nägelchen und ähnlichen Hilfsmitteln an der Wand befestigt worden. Kunstfertig sind hier nicht nur ornamentierte Wanddekorationen aus Menschenknochen entstanden, sondern zum Teil auch szenische Darstellungen und immer wieder sieht man Skelette, die in der traditionellen Kutte der Kapuziner dargestellt sind.

Moment mal – Kapuziner – ist so ein Umgang mit Toten überhaupt mit dem Christentum vereinbar?

Oh ja! Es gibt in der ganzen Religion keinen Satz, der sagt, dass man Knochen nicht dekorativ an die Wand hängen darf. Sicher gibt es religiöse Gedanken bzgl. der Pietät. Aber es gibt auch immer wieder Reliquien, die in Kirchen aufbewahrt werden. Besonders kuriose Reliquien werdet ihr bald in einem weiteren Artikel kennenlernen.

Dekor mit zwei Mönchen in Kutte aus Skeletten, und Schmuck aus Beckenknochen, und drei fröhlichen Kinderskeletten.

Ich habe mir vor Ort etwas Zeit genommen, die Knochen ganz genau anzusehen, und zwar einzeln (Bild: Dnalor 01 (CC BY-SA 3.0).

Die Herstellung beider Varianten der Knochenkunst finden ungefähr in der gleichen Zeit statt – der dekorative Charakter von Menschenknochen hängt also auch am Zeitgeist der Neuzeit. Der Vatikan sagt zu Stätten wie dieser Gruft, dass es eher ein Zeichen unserer Zeit ist, dass wir den Tod so sehr ausblenden. Vielmehr gehört der Tod zum Leben, aber dazu. Und es ist eine Art den Tod anzunehmen, dass man die Knochen der eigenen Ordensbrüder arrangiert und schmuck- und liebevoll an der Wand befestigt.

Aber Moment mal, auf den Bildern sind doch eindeutig Kinderknochen zu sehen

Ja, das stimmt! Und hier ist mir etwas aufgefallen. Laut der Legende haben die Kapuziner 1626 bei ihrem Einzug 300 verstorbene Glaubensbrüder mitgebracht, und zudem heilige Erde aus Jerusalem importiert. Die Glaubensbrüder wurden in dieser heiligen Erde in Rom beigesetzt und später wieder ausgegraben und die Knochen dann für die Dekoration verwendet.

Der gesamte Raum ist mit Stuck gestaltet, der Barock wirkt, aber zu 100 % aus Menschenknochen gesteht. Von der Decke hängt ein Kinderskelett.

Manche Kinderskelette hängen sogar von der Decke (Bild: All rights reserved).

Archäologisch gesehen handelt es sich bei der Wanddekoration also um die zweite Bestattung der gleichen Person – das Fachwort hierfür heißt Sekundärbestattung. Und Sekundärbestattungen sind gar nicht selten in Kulturen weltweit. Und ja, es gibt hier Kinderknochen. Das kann man sich damit erklären, dass Familien, die in Not geraten waren, ihre Kinder immer wieder in kirchliche Obhut gegeben haben. Diese Kinder wurden dann zu Nonnen und Mönchen erzogen. Es sei denn, sie sind jung verstorben – und so könnten die Kinderknochen hier gelandet sein. Aber in der Tat:

Die Knochen sind seltsam

Man kann deutlich sehen, auch auf den Bildern, dass sie verschiedenen Farben haben. Hätten sie alle unter den gleichen chemischen Umständen gelegen, als die Weichteile der Körper vergangen sind, hätten sie alle die gleiche Farbe. Knochen verfärben sich nämlich, je nach dem umgebenden Bodenmilieu um sie herum, unterschiedlich. Einige Knochen sind sehr hell, andere sehr dunkel – und das spricht für ganz unterschiedliche Bodenlagerungsumstände. Außerdem habe ich vor Ort eines beobachtet: Es sind auch Frauenknochen dabei.

Eine Wand, die aus gestapelten Köpfen besteht, dazwischen Skelette aufrecht in Mönchskutte.

Ein weiterer Blick zeigt – ganze Wände sind mit Schädeln verziert (Bild: Urheber unbekannt (CC BY 2.5).

Und das ist ungewöhnlich für die sterblichen Überreste der Angehörigen eines Mönchsordens. Vielleicht hat man aber auch falsch gegraben – denn die Knochen, die hier dekorativ an die Wand gebracht wurden, wurden erst ab dem 18. Jahrhundert so kunstvoll drapiert. Seit der Bestattung 1626 war also viel Zeit vergangen, und vielleicht hat man von daher aus Versehen auch Frauenskelette mit in das Wanddekor eingebaut, weil man sich den Ort der Bestattung ein bisschen falsch gemerkt hatte, oder diese Legende, die ich hier zitiere, im Detail fehlerhaft ist.

Kannst du ein Foto von so einem Frauenknochen zeigen?

Leider nicht. In der Gruft darf man nicht fotografieren. Und ich war dort auch sehr verärgert deshalb. Ich hätte gerne eigene Fotos gemacht für euch. Aber der Eintritt, lohnt sich im Grunde ohnehin nicht. Eigentlich hatte ich eine Freikarte, die wurde nicht akzeptiert. Ich habe versucht, denen zu erklären, wozu ich Bilder machen möchte. Aber die haben mich unverschämt behandelt. Ich war in dem Museum und in der Gruft und irgendwie war ich auch von dem Museum enttäuscht, weil es für 10 € echt durchschnittlich war. Und natürlich hätte ich gerne Fotos gemacht.

Eine Art Wand mit Bilderrahmen, komplett aus Knochen gestaltet. Gerahmt in Bogenform werden zwei gekreuzte Arme, die ebenfalls aus Knochen bestehen.

Wenn man so etwas sieht – dann will man das natürlich gerne fotografieren (Bild: All rights reserved).

Es waren viele Knochen dabei, die ich mit euch gerne noch einmal in Ruhe angesehen hätte. Ich habe mindestens zwei Knochentumore gefunden, mehrere Frauen, einen verheilten Knochenbruch. Einen Schädel mit Spuren einer Hungernot in der Kindheit. Interessante Zahnprobleme und vieles mehr, was erzählenswert gewesen wäre. Und das kann ich leider nicht für euch machen. Aber auf der anderen Seite habe ich auch Verständnis für das Fotoverbot

Warum hast du plötzlich Verständnis?

Zu einem ist das hier eine Andachtsstätte der Kapuziner. Ich bin Gast bei ihnen und sie legen die Regeln fest. Aber: Die Kapuzinergruft wird von vielen Leuten nicht besucht als kulturhistorischer Ort der Kapuziner, sondern als Gruselfaktor. Und das nervt. Die Skelette und Szenerien und vor allem die Menschenknochen sind mittlerweile ein „Geheimtipp“ der online beschrieben wird, mit Worten wie „Bizarr“ oder „schauderhaft“. Für mich als Archäologin ist das unverständlich. Ja, ich mag Knochen, aber sie sind für mich weder gruselig noch bizarr oder ähnliches. Sie sind Körperteile von uns.

Ein Skelett in einer Mönchskutte zum Schlafen gelegt auf einem Bett aus Langknochen, darüber ein gotischer Spitzbogen aus Oberschenkeln, auf denen Schädel liegen.

Ich finde dieses Bild ja eher friedlich als gruselig (Bild: all rights reserved).

Jeder hat mehr 200 davon in sich drin und wir alle benutzten Knochen jeden Tag. Wenn wir keine Knochen hätten, würden wir schrecklich unvorteilhaft auf dem Boden rumwabbeln. Das ist eine schauderhafte und unfassbar unpraktische Vorstellung für mich. Dass wir Knochen haben, und auch dass Menschen, die vor unserer Zeit lebten, Knochen hatten, das ist völlig normal. Und wie die Kapuzinergruft zeigt, sehen Knochen sogar schön aus. Aber es scheint ein gesellschaftliches Phänomen zu ein, dass man sich vor Knochen gruseln muss. Auch wenn es sich eigentlich nur um Hydroxylapatit handelt und daran absolut nichts grusliges ist.

Aber ist es nicht die Vorstellung vom Tot an sich, die Menschen zum Schaudern bringt?

Das kann sein. Wir sind weit entfremdet vom Tod heutzutage. Und ich habe auch schon erlebt, dass ich beschimpft werde, weil ich mich als Archäologin eben viel mit Toten beschäftige. Aber das hat ja nichts mit den 3.000 – 4.000 Menschen zu tun, deren Überreste in Rom kunstvoll aufgestapelt wurden. Ich glaube, es ist mehr der aktuelle Zeitgeist, der aus dieser Kunst eine Geisterbahn für Touristen macht. Und das ist schade.

5 Postkarten, die auf einer alten Weltkarte liegen

Weil man vor Ort nicht fotografieren durfte, zeige ich euch dieses Mal auch abfotografierte Postkarten (Bild: all rights reserved).

Denn erst dadurch wird der Umgang mit dieser Kunst wirklich pietätlos. Und nicht wenige Touristen werden vor dem Betreten der Kapelle erstmal in einen Sack gesteckt – und zwar berechtigterweise – es gehört sich nämlich nicht in Minirock und Bikinioberteil durch eine katholische Gruft zu laufen. Doch viele der Gruselfans tragen solch unpassende Kleidung.

Skelette in brauner Mönchskutte

(Bild: All rights reserved).

Auch das ist respektlos, und dass die Kirche für solche Gäste Säcke bereithält, die sie anziehen müssen, finde ich zwar irgendwie witzig – aber deshalb verstehe ich auch, warum das Fotografieren vor Ort verboten ist – weil dort viele respektlose Menschen hingehen. Es ist nur schade, dass ich euch deshalb nicht soviel von diesem Kulturerbe zeigen kann.

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Literatur:

https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2018-11/kapuzinergruft-rom-4000-tote-friedhof-helmut-rakowski.html

https://romtipps.de/kapuzinergruft.html

Die unheimliche Kapuzinergruft in Rom: die Knochen-Krypta!

Kapuzinergruft