Tossens, das liegt irgendwo im Nirgendwo direkt an der Nordsee. Besser gesagt, es handelt sich um ein Dorf mit nicht mal 700 Einwohnern auf der Ostseite vom Jadebusen. Es ist eine alte Gemeinde, die vom Leben am Meer geprägt ist. Sie hat sich eingerichtet mit Ebbe und Flut und auch mit den rauen Gefahren an der Küste. Die Menschen aus früheren Zeiten hatten ganz eigene Strategien dafür entwickelt – sie kannten Sturmfluten, wussten um die großen Gefahren – Um so wichtiger, dass es eine Kirche gibt, wo man höhere Mächte um Schutz bitten kann.
Und genau dieser Ort braucht ebenfalls besonderen Schutz.
Die Idee, die an der Nordseeküste dazu weit verbreitet ist: Man baut für die Kirche eine eigene Wurt. Und genau so eine Wurtenkirche haben auch die Tossener im 14. Jahrhundert errichtet. Und was die Gemeinde da geschaffen hat, wirkt bis heute eindrucksvoll. Dass hier besonders viel Sorge getragen wurde, ist auch wenig verwunderlich, denkt man an eine Sache: Eine Kirche ist dieser Zeit das vermutlich wertvollste Gebäude des ganzen Dorfes. Dort trifft man sich um zu Beten, zu Heiraten, zu allen wichtigen Anlässen des Lebens – und natürlich auch um auf ein gutes nächstes Jahr zu hoffen – Darauf das die Sturmfluten nicht zu schlimm werden, der Fischfang und die Ernte ertragreich ist.

Die Kirche liegt weit oberhalb des Dorfes – man erreicht sie nur über eine Treppe (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Eine Kirche ist sogar mehr als das: Es ist der Ort, zu dem man geht, wenn man absolut nicht weiter weiß. Deswegen muss sie gut geschützt werden. Die Sturmflut geplagte Bevölkerung direkt an der Nordsee baut sich deswegen selbst eine Art Berg. Im 14. Jahrhundert wird mit großen Kraftanstrengungen in Tossen ein riesiger Erdhaufen aufgeworfen. Auch aus den Erfahrungen, der vergangenen Sturmfluten heraus – die Legende davon, wie die Stadt Rungholdt vom Meer verschluckt wurde. Auf dem wird dann die Kirche errichtet. Einen solchen riesigen Sandhügel nennt man Wurt. Und in Tossens ist diese Wurt gewaltig.

Die Backsteinkirche macht bis heute Eindruck – und das in einem so kleinen Ort (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Die Mühe und die Anstrengungen lohnen sich. Eine stattliche Backsteinkirche steht bis heute auf der Kirchenwurt. Man kann einfach nach Tossens fahren und auf die Kirchenwurt klettern. Und wenn du jetzt denkst, Moment mal, heißt so ein Hügel nicht Warft? Oder Wierde? Vielleicht kennst du diese Hügel sogar unter dem Namen Terp. Und alle diese Worte sind korrekt. Es gibt für diese Bauart schlichtweg und eifnach mehr als eine Bezeichnung.
Die St. Bartholomäus Kirche
Was man auf diesem künstlichen Berg findet, ist nicht einfach nur irgendeine Backsteinkirche, sie hat eine zusätzliche Besonderheit, die ich besonders charmant finde. Die Bartholomäuskirche hat keinen Glockenturm, sondern einen direkt angebauten, frei stehenden Glockenstuhl. Das heißt, die Hauptglocke ist einfach draußen frei schwingend aufgehängt, zwischen zwei parallel verlaufenden Backsteinmauern. Sowas sieht man nicht oft.

Anstelle eines Turmes hat die Glocke diesen Anbau – Die Glocke hängt draußen (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Im Inneren gibt es eine Orgel – die soll sehr schmuckvoll sein. Sie wurde im Jahr 1811 gebaut. Aber um sie zu sehen, muss man Glück haben und an einem Tag in Tossens auftauchen, an dem einem auch jemand die Tür aufmacht – in einer so kleinen Gemeinde, ist das natürlich nicht so oft. Als ich da war, war leider niemand da. Aber dennoch kann ich die ein oder andere Geschichte von meinem Ausflug erzählen. Denn die Kirchenwurt birgt die Geschichte des ganzen Dorfes. Und zwar in Form der Bestattungen auf dem künstlichen Hügel.

Leider waren alle Türen verrammelt als ich da war (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Die Wurt selbst ist nicht nur Standort der Kirche, sondern auch der Ortsfriedhof – und das seit die Bauarbeiten an dieser Stelle erstmals begonnen haben. Nicht nur, dass man hier dicht am heiligen Grund bestattet wird. Es ist auch so, dass die Gräber der Angehörigen, je höher sie liegen, umso weniger Gefahr laufen überspült oder frei gespült zu werden. Im nassen norddeutschen Boden verwesen Leichen zusätzlich schlecht – selbst das funktioniert auf einer Wurt besser.
Dadurch haben sich hier die Geschichten des Ortes erhalten, in Form von alten Grabsteinen oder Familiengrabstätten.
Und das sind Dokumente, die vom Leben in vergangenen Jahrhunderten erzählen. Besonders bewegt hat mich dabei ein Gedenkstein aus dem Jahr 1744, der die Geschichte von Hercke erzählt. Eine Frau, die 7 Tage vor ihrem 34. Geburtstag verstarb und die von ihrem Mann und ihrem Kind sehr vermisst und betrauert wurde.

Der Gedenkstein für Hercke ist mehr als ein Grabstein. Er ist fast so vollgeschrieben wie die Runensteine früherer Zeiten (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Sie bekam nicht einfach einen Grabstein, sondern die ganze Geschichte wurde in Stein gemeißelt. Das ist eine sehr norddeutsche Grabtradition. Trauernde Familien hinterließen im weiteren Nordseeraum Grabsteine, die das Leben verstorbener Personen festhielten, und sie manchmal charakterisieren. Und das sogar in den Bereichen, in denen Schriftkultur ansonsten nicht so wichtig ist. An anderer Stelle gibt es dann auch Gräber, wo Familien über Generationen gemeinsam beigesetzt wurden. Dann gibt es wiederum Begräbnisstätten, die sehr kunstvoll sind – Kunstvoller als man es in einer so kleinen Gemeinde erwartet.

Diese Grabplatte erinnert mich ein bisschen an das Bildgrab vom Ostfriesenhäuptling Sibo Atten (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Bei einem Grab freue ich mich schon darauf nachzurecherchieren, um was für ein Grab es sich handelt. Denn es erinnert mich sehr an die Bildgrabsteine ostfriesischer Häuptlinge. Nur aus jüngeren Zeiten. Ostfriesland ist hier nicht weit und vielleicht hat sich diese Grabkultur ja späterhin weiter verbreitet – immerhin, die Region war einige Zeit lang von ostfriesischen Häuptlingen besetzt – und das lange genug, um hier die Teekultur einzuführen. (Artikel folgt, sobald ich mehr herausgefunden habe) Die Kirche ist also ein Ausflugsziel, dass man besuchen kann, wenn man ohnehin in der Gegend ist. Und wer ein Auge für Details der Geschichte hat, und Spaß dabei sich für diese Details Zeit zu nehmen, der kann hier viel entdecken. Denn es ist ein Ort der vielen kleinen Spuren einer Dorfgeschichte, die sich hier Hinweis für Hinweis entschlüsselt und Spuren vergangener Leben zeigt.

Die massive St. Bartholomäuskirche thront erhaben auf ihrer Wurt mit dem historischen Dorffriedhof (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
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Literatur:
https://www.nomine.net/tossens-st-bartholomaeus
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