Frau sein, in der Welt der Archäologie

Im Rahmen der Genderwochen möchte ich schlussendlich einmal zu einer ganz anderen Frage kommen:  Wie ist es denn, wenn man Frau ist, in der Archäologie?

Tatsächlich könnte man meinen, dass die Archäologie gerade einen Transformationsprozess durchmacht. Denn: Die studierenden dieses Faches sind heute tendenziell weiblich und das gegenüber einer Generation, welche männlich geprägt wurde. Das war schon in den letzten 10 Jahren so, aber die Geschlechterverhältnisse in den archäologischen Führungspositionen haben sich seit dem kaum verändert. Tatsächlich wechseln viele Frauen während oder nach dem Studium den Beruf, denn sie haben kaum eine Chance. Und diese Chancenlosigkeit, wurde mir persönlich bereits im ersten Semester vermittelt. Ein Dozent gab mir beispielsweise den gut gemeinten Tipp:

Und neben weiteren “gut gemeinten” Tipps, wie “Sie sind halt eine Frau, machen sie sich die Schubkarre halt nur halb so voll!”, oder die allgemeine Ansage von z.B. einem Tutor: “Wenn sich die Frauen erst mal damit abgefunden haben, dass sie auf einer Ausgrabung auch dreckig werden, dann werden sie meistens auch von den richtigen Archäologen akzeptiert”, begann es in mir zu brodeln. Denn tatsächlich sind viele Dinge in der Archäologie problematisch. Es gibt die sog. gläserne Decke gerade in der Archäologie. Und das auch, weil die Arbeitswelt in der Archäologie ist nicht darauf ausgerichtet, dass man daneben noch ein Privatleben hat. Und das bedeutet:

Daraus folgt, das ist ein offenes Geheimnis: Es gibt Arbeitgeber, die stellen Frauen  von vornherein gar nicht erst ein, um Probleme welche drohen könnte, falls sie irgendwann mal ein Kind bekommt, zu umgehen. Solche Dinge erfährt man natürlich nie offiziell, sondern immer nur hinter vorgehaltener Hand. In dieser Hinsicht ist eine Frauenquote in der Archäologie dringend notwendig, um Geschlechtergerechtigkeit herzustellen. Und das auch, weil die Art, wie keusch lebende männliche Eremiten die Geschichte interpretieren anders ist, als der Fokus den eine Familienmutter hat, wenn sie auf die Geschichte schaut. Zudem kommen widrige Arbeitsbedingungen, von diesen sind natürlich alle Geschlechter betroffen. Es ist ein weiteres offenes Geheimnis, dass es immer wieder Chefs gibt, die von einem verlangen sich in lebensgefährliche Situationen zu begeben. Arbeitssicherheit ist etwas an dem immer mal wieder gespart wird. Wenn man nun als Frau ohnehin weniger ernst genommen wird und ein Widerspruch als ein weibliches “ich will mich nicht dreckig machen” abgetan wird, dann ist das im Zweifel lebensgefährlich. Auch weil man sich teils eher in eine gefährliche Situation begibt, als dass man als “Zicke” “Emanze” oder irgendwie anders “nervtötend” gilt, und diese Stereotype nicht bedienen möchte.

Pergament: Das heißt, es gibt Situationen, in denen Frau sich lieber in Lebensgefahr begibt, als den gesellschaftlichen Verlust zu erleiden, den es bedeutet, als Emanze abgestempelt zu werden.

Und das sind Dinge, die man nicht aus Statistiken erfährt, sondern aus Unterhaltungen von Archäologin zu Archäologin. Und gerade bei ganz jungen und noch unerfahrenen studierenden spielen solche Faktoren eine große Rolle*.

Als ob das noch nicht reichen würde, findet man sich bei Archäologen ab und zu in einem chauvinistischen Umfeld sondergleichen wieder. Und während ich selber im Zweifel extrem viele Haare auf den Zähnen habe, sodass ich kaum schlechte Erfahrungen vorweisen kann, ist es für mich immer wieder schockierend, was mir Kommilitoninnen und Kolleginnen erzählen. Und dabei geht es nicht nur um den obligatorischen Grapscher aus den Reihen der Dozenten, den es, so traurig es ist, vmtl. in jedem Studienfach gibt. Sondern es geht um ein Frauenbild, welches dazu einlädt frauenfeindliche Stereotype zu reproduzieren. Dieses Bild beginnt bei Sprüchen wie:

… und endet damit, dass Frauen in Teilen der archäologischen Fachwelt mit ihrer Arbeit weniger ernst genommen werden als Männer.

Tatsächlich entsteht dadurch ein wissenschaftliches Problem. Denn: Wir erforschen die Menschheitsgeschichte, es ist aber nicht die Menschheitsgeschichte, wenn sie nur von Männern erforscht wird, die mit einem anderen Blickwinkel auf die Geschichte sehen! Es ist die Männergeschichte, wenn man so will. Zwar haben sich in den vergangen 20 Jahren mehr und mehr Frauen innerhalb der Archäologie organisiert und auch geschlechtsspezifische Themen in die Wissenschaft eingebracht. In diesem Zuge entstand Beispielsweise die FemArch. Ihr Widerhall in der Wissenschaft ist heute in vielen Arbeiten der Archäologie spürbar. Aber es ist nicht so, dass man sagen könnte, dass eine  Studentin der Archäologie heute einem männlichen Studenten gleichgestellt ist, wie ich mit diesem kurzen Einblick in die Lebensrealität von mir und meinen Kommilitoninnen zeigen wollte.

Aber, das muss nicht so bleiben:

Denn es gibt auch viele extrem coole Männer in der Archäologie. Diejenigen, welche manchmal auch Zeugen werden von diesen kraftraubenden Phänomenen. Sie sind oftmals ebenfalls genervt von chauvinistischen Verhaltensweisen. Bekommen Sie aber aus einer anderen Perspektive mit. Manchmal habe ich schon erlebt, dass Kollegen eingegriffen haben, und einfach an der richtigen Stelle etwas gesagt haben wie “Hey, das ist nicht cool, das nervt!”. Und manchmal aber auch, dass sie sich hilflos gegeben haben aufgrund solcher Verhaltensweisen anderer Männer, die ihnen unangenehm waren. Viele gute Freunde, und dabei spreche ich jetzt von männlichen Kollegen, haben mich auf meinem Weg immer wieder bestärkt. Sie möchten selber einen Unterschied machen und achten deswegen auch auf kleine Anzeichen von unfairen Verhaltensweisen. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Denn natürlich werden auch Männer schlecht behandelt, wenngleich dies anders aussehen kann. Noch anders gestaltet sich dies alles bei Kolleg*innen mit einem Trans- oder Intergeschlechtlichen Hintergrund. Worauf ich hinaus möchte ist:

Im kleinen ist die Formel dafür, dass wir alle gut miteinander auskommen, das wir uns gegenseitig wahrnehmen. Ein Auge haben darauf, ob etwas unfaires Passiert. Dass wir unsere Herzen und unsere Köpfe offen halten für unsere Mitmenschen und den Mund aufmachen, wenn uns etwas ungerecht erscheint. Für einander da sein und uns gegenseitig auf Augenhöhe sehen, das sind die Dinge, die jeder einzelne von uns im kleinen jeden Tag umsetzen kann. Denn was im kleinen Beginnt kann in einem Fach, in dem man gelegentlich in Höhlen klettert, sich an Abhängen abseilt, taucht oder tiefe Löcher buddelt lebensgefährlich werden, oder eben nicht. Wenn das Vertrauen da ist zu sagen, dass man z.B. gerne einen Helm hätte. Dieser Blick kann langfristig auch dazu führen, dass Kollegen aller Geschlechter, die eine Familie gegründet haben ebenfalls weniger benachteiligt werden. Ob das allerdings reicht um gegen die Gläserne Decke, die Frauen eine Karriere im Bereich Archäologie erschwert anzukommen, dass bezweifle ich. Aber es ist ein Anfang.

Meine Bitte an euch ist deswegen: Passt aufeinander auf, bleibt fair und habt ein offenes Herz für eure Mitmenschen.

* Die Sorge in, bestimmten Situationen als Mimose bezeichnet zu werden, kenne ich auch aus Gesprächen mit dem jungen männlichen Archäologie-Nachwuchs.

Literatur:

Wie ihr richtig bemerkt habe, besteht der Beitrag vielfach aus subjektiven Eindrücken meinerseits, aber auch aus Dingen, die mir befreundete Archäologinnen erzählt haben. Darüber hinaus habe ich einmal in Statistiken gesehen:

Gutsmiedl-Schümann, Doris und Helmbrecht, Michaela, Geschlechtergerechtigkeit vom
Archaologiestudium bis zum Arbeitsalltag. In: BLICKpunkt Archäologie 3/2017, Berlin 2017.

https://www.femarc.de/9-hauptbeitraege/4-teaser-2.html

Professorinnen in den archäologischen Disziplinen

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