Tamgaly – Die Comicbücher der Karawanen

In Kasachstan, in der Mitte Eurasiens, an einer alten Hauptkarawanenroute zwischen Taschkent und Kulja, liegt ein sehr bildhaftes Kulturerbe auf dem Wüstensand. Es ist eine steinige Landschaft, mit Felsbrocken aus schwarzen, in der Sonne auch bräunlich wirkendem Gestein, die sich über 900 Hektar entlang eines Canyons zieht. In dem Canyon liegt ein Fluss, der Teil der Seidenstraße war. Und entlang dieser scheinbar öden Landschaft aus versprengten Felsbrocken kann man nicht weniger entdecken als eine 4 tausend Jahre andauernde Kulturgeschichte.

Ritzugen in schwarzem Stein. Verschieden Bilder von Tieren vmtl. Pferden sind zu sehen. Der Stein ist zersplittert.

Über die Jahrtausende wurden die steinernen Leinwände von Erdbeben beschädigt. (Bild: Ninara [CC BY 2.0]).

Bis zu 50 x 50 m groß sind die Felsbilder, die Menschen hier in den Stein geritzt haben. Und das beginnt vermutlich schon vor 4.000 Jahren im Neolithikum (Jungsteinzeit). Archäologen konnten bei Ausgrabungen Wohncamps aus dieser Zeit nachweisen. In der Bronzezeit entstehen an diesem Ort dann Siedlungen. In der Zeit zwischen dem 15. Jahrhundert und dem 11. Jahrhundert v. Chr. floriert in Tamgaly das Leben. Zwischen dem 14. und dem 12. Jahrhundert v. Chr. werden dann einige der bemerkenswertesten Bilder in den Fels geritzt. Die Petroglyphen (Felsritzungen) dieser Zeit zeigen immer wieder eine seltsame Menschenfigur mit einem Sonnenkopf. Unter diesem werden Menschen gezeigt, die tanzen. Anlass, dass hier über ein mögliches Ritual oder eine Glaubensvorstellung aus der Bronzezeit nachgedacht wird. Die Einheimischen zumindest nennen diesen Fundplatz Sonnentempel.

Zersprengt Felsen mit Ritzungen aus Tamgaly. Die Bilder zigem Zwei Groß Sonnenmenschen un dadruntr klin tanzende strichmännchen.

Zwei der Ritzungen die Menschen mit einem Sonnenkopf zeigen. Unterhalb der linken Darstellung sind anscheinend Menschen beim Tanzen gezeigt (Bild: Veronesi [CC BY-NC-SA 2.0]).

Doch nicht nur Sonnenfiguren finden sich an den Tempelwänden. Mit Stein oder Metallwerkzeugen wurden hier Bilder durch die Zeiten hinweg erschaffen. Die ältesten finden sich auch auf Steinen, die bei einem Erdbeben abgebrochen sind und nun im Wüstensand liegen. Doch auch bei den jüngeren Zeichnungen lassen sich interessante Merkmale finden. So ändern sich auf den 5.000 erhalten Ritzungen die Lebensgewohnheiten. Szenen von Jagd, dem Nomadenleben und den Tieren werden gezeigt. Und diese haben einen deutlichen Lebenswandel, grade in Bezug auf die Karawanen die hier entlang kamen. Waren es in der Bronzezeit noch Ochsenkarren, die das Bild dominierten, sind es in der Eisenzeit Pferde und Pferdewagen. Diese Tiere werden dann zwischen dem 7. Und 8. Jahrhundert abgelöst von einem neuen Tier, das aus den Karawanen nicht mehr wegzudenken ist: dem Kamel.

Felsritzung aus Tamgaly. Einn Pferd mit Hörnern als Schattenbild

Hier wird der Wandel der Lebenswelt am deutlichsten. Ein Ochse wurde mit einem Pferdebild übermalt (Bild: Ninara [CC BY 2.0]).

Nachdem die Siedlung die Bronzezeit verschwunden ist, bleib Tamgaly ein Rastplatz der Karawanen. Vermutlich ritzen immer mal wieder Angehörige pausierender Karawanen Bilder ihrer Vorstellungswelt genau da hin wo sie gerade ihre Pause einlegen. Sie bilden ihre Lebens- oder auch ihre Vorstellungswelt ab. Und so bleiben die Tierdarstellungen bis in das 1. Jahrtausend n. Chr. das wichtigste Motiv. Doch dann gesellen sich auch 4 Buddha Darstellungen hinzu, die sehr filigran gemeißelt wurden. Es handelt sich um tibetische Buddha Bilder. Ein tantrischer Buddha stammt aus dem 16. Jahrhundert. Doch die Zeiten ändern sich fortlaufend. Zur Sowjetzeit wird aus dieser Region ein Panzerübungsplatz. Und auch aus dieser Zeit finden sich Ritzungen an den Steinen – Vermutlich von Soldaten. 1957 wird dann entdeckt, wie weit dieses Kulturerbe in die Zeit zurückreicht. 2004 wird das ganze Gelände UNESCO-Weltkulturerbe. Und das mit den Ritzungen, das hat bis heute kein Ende genommen. Doch heute werden diese von Touristen gemacht. Teils relativ unachtsam. Nicht brav auf einen nackten Felsen, wie es 4.000 Jahre lag geklappt hat, sondern hässliche Tags direkt über die bronzezeitlichen Originale. Ein wunderschönes Kulturerbe, erhalten über die Jahrtausende, zerstört in kürzester Zeit von Egoisten. Das sind Momente wo Archäolog*innen wirklich böse werden.

Anmerkung:

Dieser Beitrag entstand für den Miss Jones Adventskalender 2020. Aufgrund der Corona-Einschränkungen ein Adventskalender, der zum Träumen über Fremde Orte anregen soll. Eine Vorfreude auf die Zeit nach der Pandemie. Ich stelle hier ausschließlich Orte vor, an denen ich selber noch nicht war, wo ich aber gerne einmal hin möchte.

Literatur:

Jean-Marc Deom, KAZAKHSTAN The Petroglyph Site of Tamgaly-Tas. In: Heritage at Risk 2004/2005.
Dagmar Schreiber, Kasachstan: Nomadenwege zwischen Kaspischem Meer und Altaj, Berlin 2009.
https://de.euronews.com/2017/11/06/die-petroglyphen-von-tamgaly-tanbaly
https://whc.unesco.org/en/list/1145/