Vom vorbereiten einer Steinzeitjagd

In der Nähe eines rauschenden Baches auf einer kleinen Anhöhe sitzt eine Gruppe Menschen. Sie haben es sich gemütlich gemacht unter einem kleinen Felsüberhang auf dem Vorplatz der Blätterhöhle – sie reden und lachen. Nebenbei flicken sie ihre Ausrüstung und fertigen neue Pfeile. Die Jäger*innen, von denen man nicht genau weiß, ob sie noch im Mesolithikum (Mittelsteinzeit) oder schon im Neolithikum (Jungsteinzeit) gelebt haben hinterlassen dabei Spuren, die erst in den letzten Jahrzehnten von Archäologen entdeckt wurden. Bruchstücke von Flint (hier nachlesen was Flint ist) zum Beispiel, die bei der Werkzeugherstellung als Abfall auf dem Boden liegen blieben. Durch diese Funde wissen wir heute von dieser illusteren Runde, und wir wissen auch das dieser geschützte Platz immer wieder von Nomadengruppen zur Rast genutzt wurde. 2015 gelang dann der Fund von einem Objekt, dass für Archäolog*innen etwas Besonderes ist. Ein offenbar verloren gegangenes Werkzeug der Steinzeitmenschen: Ein Pfeilschaftglätter.

Was ist ein Pfeilschaftglätter?

Ein Pfeilschaftglätter ist ein Sandsteinwerkzeug, dass zum Schleifen verwendet wird. Es handelt sich um zwei gleichförmig bearbeitete Steine, die beide eine Rille haben. Legt man die Steine zusammen ergibt das ein Loch in der Mitte, mit dem Holzstücke glatt geschmirgelt werden können. Bei dem Fund aus der Blätterhöhle ist die Rinne in der Mitte etwa 9 mm breit, und es wird angenommen, dass damit Hölzer die in Pfeilen verbaut wurden entrindet und geglättet wurden. Der Sandstein funktionierte dabei so wie Schmirgelpapier.

Ein Pfeil in einem Pfeilschaftglätter. Der Pfeilschaftglätter besteht aus Sandstein.

Pfeilschaftglieder. Eine Replik, die die Verwendung zeigt, ausgestellt im Archäologiemuseum Wasserschloss Werdingen.

Zur Zeit der Blätterhöhle war dieses Werkzeug keine neue Idee mehr. Bereits vom Ende der Altsteinzeit sind vergleichbare Objekte bekannt. Ein scheinbar sehr effektives Werkzeug – denn bis in die Eisenzeit hinein finden Archäologen diese Schmirgelsteine. Aber – und das macht diese Funde so besonders – Pfeilschaftglätter werden nur sehr selten gefunden. Es handelte sich vmtl. gerade in der Steinzeit, in der die Jagt überlebenswichtig ist, um ein Werkzeug, dass man nur ungern verliert – Denn der Erfolg einer Jagt ist auch von gut gemachten Equipment abhängig.

Eine Pfilspitze aus Gelbgrauen Hornstein.

Eine Pfeilspitze aus der Jungsteinzeit. Meist die einzigen Überreste, die wir von den Jagtwaffen kennen – ein Hinweis darauf wie die Jagdwaffen hergestellt wurden zu finden ist also etwas besonderes (Bild: Didier Descouens [CC BY-SA])

Natürlich kann man mit so einem Schleifstein nicht nur Holz schleifen. Von anderen Fundplätzen ist zum Beispiel auch ein Zusammenhang mit dem Bearbeiten von Knochenwerkzeugen bekannt. Aber bei der Betrachtung der Oberflächen dieser Schmirgelsteine wurden vor allem Holzreste gefunden. Und das deckt sich mit ethnologischen Beobachtungen. Eine Untersuchung mit einem hochauflösenden 3D-Scann an einem der weniger bekannten Pfeilschaftglätterfunden zeigte, wie genau die Schmirgelsteine verwendet wurden. Die Untersuchung machte die Art der Abnutzung des Schleifsteines sichtbar – auffällig ist dabei das die Rillen nach außen hin in beide Richtungen größer werden. Durch die Benutzung ist der Hohlraum also etwas ausgefranst. Und da dies in beide Richtungen der Fall ist, geht man davon aus, das der Schleifstein zum Schleifen in beide Richtungen über den Pfeilschaft hin und her gezogen wurde. Und, weil das auch in der Steinzeit, trotz viel Übung, niemand genau gerade hinbekommt, sind die Öffnungen nach einiger Zeit der Benutzung etwas erweitert.

Zeichnung eines Pfeilschaftglätters - Deutlich zu sehen ist die Mittelrinne welche an dan Aussenseiten ausgefranst ist.

Die Mittelrinne ist zu beiden Seiten hin abgenutzt (Die Zeichnung zeigt kein real existierendes Fundstück, sondern soll das Prinzip veranschaulichen)

Die Gruppe, die auf dem Vorplatz der Blätterhöhle ihre Jagd, vorbereitet würde es sicherlich seltsam finden, das es Jahrtausende später Archäolog*innen gibt, die sich über einen notwendigen Alltagsgegenstand wie einen Schleifstein sosehr freuen. Doch für Wissenschaftler*innen ist so ein Fundstück – das aus dem Alltag und von dem Handwerk der Steinzeit erzählt – mit Gold nicht aufzuwiegen. Denn so ein Schleifstein gibt einen kleinen Einblick, was denn alles so gemacht wurde, in diesem Moment wo die Steinzeitgruppe sich um ihr Lagerfeuer versammelte.

Und wenn du jetzt Lust hast mehr über das Leben und Sterben in der Steinzeit, oder die Blätterhöhle zu erfahren, begleite mich doch in meinem Podcast direkt zum Fundplatz und lerne die Wissenschaftler kennen die dort Forschen. (Achtung Podcast startet sofort beim anklicken)

Literatur:

Wolfgang Heuschen, Michael Baales, Jörg Orschiedt: Neue Grabungen in der Blätterhöhle in Hagen und auf ihrem Vorplatz. In: Archäologie in Westfalen-Lippe 2015.

Juan F. Gibaja, Joao Marreiros und Niccolò Mazzucco: Hunter-Gatherers’ Tool-Kit: A Functional Perspective, Cambridge 2020.
Florian Sauer: Ein spätpaläolithischer Pfeilschaftglätter von der Freilandfundstelle Oberweiherhaus (lkr. Schwandorf). In: Archäologisches Korrespondenzblatt 47·2017.
Bernhard Stapel: Spätmesolithikum im Münsterland – Vreden „Stadtlohner Straße”. In: Westfalen in der Alt- und Mittelsteinzeit. Online lesbar unter: https://docplayer.org/60678614-Westfalen-in-der-alt-und-mittelsteinzeit-michael-baales-hans-otto-pollmann-und-bernhard-stapel.html

https://www.lwl.org/pressemitteilungen/nr_mitteilung.php?urlID=37364

https://st.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=71235

 

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