Diagnose Heuschnupfen – niesende Mammuts

Die Eiszeit ist vorbei. In Nordeuropa schießen und sprießen die Wälder nur so in die Höhe. Die Vegetation blüht auf und die Menschen beginnen eine neue Lebensart zu entwickeln. Und da passiert es. Ein neues Geräusch hallt durch die Wälder. Die letzten Mammuts vertragen die Pollen, die neuerdings in der Luft liegen, nicht. Die Herde hat ohrenbetäubend lauten Heuschnupfen.

Plüschelefanten mit Heuschnupfen? Miss Jones, willst du uns veräppeln?

Nein keineswegs. Es gibt eine Forschung, die zumindest darauf hindeutet, dass die letzten Mammuts stark unter Heuschnupfen gelitten haben. In dieser Phase hatte sich die Natur durch einen Klimawandel stark verändert. Und die Mammuts waren mit Dingen konfrontiert, die sie nicht kannten. Und da gilt für Klima und Vegetation.

Ein Mammut steht in einem Treppenhaus. Es ist so groß, dass es über zwei Stockwerke reicht. Die Installation steht in Hagen in Westfalen im Wasserschloss Werdringen.

Dieses Mammut könnt ihr im Wasserschloss Werdringen besuchen (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Die Fellrüsseltiere waren ja eine eiszeitliche Steppe gewöhnt und keinen frühlingshaften Wald-Pollenflug. In einigen der Fellelefanten und auch in Mammutkot aus dieser Zeit, in der sich die ganze Welt änderte, wurden Immunglobuline gefunden. Das sind Antikörper, die sich bilden, bei einer allergischen Reaktion.

Ein Mammutunterkiefer von der Seite. Er ist leicht rötlich. Der Unterkiefer besteht aus zwei großen Zähnen mit Reibfläche.

Der Unterkiefer des im Wasserschloss Werdringen rekonstruierten Mammuts (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Man vermutet einen Heuschnupfen, weil das Hauptallergen, das im Magen der Tiere festgestellt werden konnte, das waren Pollen. Das heißt, es ist gut möglich, dass die letzten behaarten Steinzeitelefanten niesend durch die Steppe gezogen sind.

Elefanten können Niesen?

Ja! Das weiß man von der Betrachtung heute lebender Elefanten. Das Niesen kann Geräusche machen, die so laut sind wie ein Düsenjet. Im Regelfall niesen sie, wenn es ihnen in der Nase kitzelt. Elefanten benutzen ihren Rüssel ja quasi für alles. Zum Essen, Trinken, als Werkzeug. Es gibt Kulturen, da gilt der Rüssel eines Elefanten sogar als Hand. Das heißt aber auch Elefanten stochern mit ihrer Nasenspitze in wirklich allem herum.

Ein bronzener Hüftanhänger vor einer gelben Wand. Der nhänger zeigt einen stilisierten Elefanten. Der Elefant hat eine Hand am Rüssel.

Hüftanhänger der Edo (gehört zu den Beninbronzen). Auffällig ist, die Elefantendarstellung, die bei den Edo am Ende des Rüssels eine kleine Hand hat. (Ausgestellt 2022) (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Das kann auch mal etwas Reizendes oder scharfes sein. Und dann niesen Elefanten. Dabei können sie ihren Rotz bis zu 5 Meter weit schleudern. Die gute Nachricht ist dabei, dass Elefanten keine Riesenpopel haben, die sie dabei durch die Gegend schleudern. Weil sie auch mit dem Rüssel Trinken, und gute Schleimhäute haben, gibt es bei ihnen nur flüssigen Rotz und keinen Festen. Solltest du also mal einem niesenden Elefanten begegnen, kannst du also nicht von einem Riesenpopel erschlagen werden. Aber wenn ein Elefant oder auch ein Mammut Heuschnupfen hat, dann ist so nicht nur sein Geruchssinn betroffen, sondern auch sein wichtigstes Werkzeug, seine Hand funktioniert nur unter Schmerzen.

Sind die Mammuts wegen Heuschnupfen ausgestorben?

Es stimmt, dass das Phänomen kurz vor dem Aussterben der Fellrüsseltiere zu beobachten ist. Das war eine Zeit, in der es, durch das Ende einer Eiszeit, auf einmal viel mehr Nahrung gab als zuvor – und das ist natürlich kurios, dass ausgerechnet in dieser Zeit die Megafauna, also die großen Tiere, begannen auszusterben. Das ist schon lange ein Rätsel in der Wissenschaft.

Mammutknochen. Ein Oberschenkel, eine Rippe und ein halber Unterkiefer

Diese Knochen eines Mammuts könnt ihr im Vorgeschichtsmuseum in Berlin besuchen (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Wahrscheinlich gab es hier viele Faktoren – so gibt es eine Untersuchung, die zeigt, dass die letzten Mammuts aufgrund von Inzucht genetische Krankheiten ausgebildet hatten. Der Gleichgewichtssinn wer betroffen, und die Rüsseltiere trockelten beim Laufen. Zusammengefasst kann man sagen: die Tiere konnten sich den neuen Gegebenheiten nicht anpassen. Heuschnupfen ist dabei nur ein Faktor. Aber Mammuts haben sehr wahrscheinlich während der größten Pollensaison ihre Brunftzeit gehabt. Und das mit allergischen Reaktionen – das heißt, sie wurden empfindlich gestört. Denn: zu dieser Störung gehört auch, dass der Geruchssinn, welcher für die Paarung eine wichtige Rolle spielt, eher schlecht als recht funktionierte. Der Heuschnupfen hatte also einen tieferen Einfluss auf das Leben der Mammuts.

Mammutschädel mit einem Stoßzahn.

Ein Steppenmammut, das in Schöningen gefunden wurde (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Ein wichtiger Punkt ist dabei auch: Elefanten orientieren sich in vielen Lebenslagen mit dem Geruchssinn. Zudem haben Immunglobuline einen Einfluss auf die Testosteronproduktion im Mammutkörper. Außerdem ist eines natürlich logisch: ein schon durch Heuschnupfen angegriffener Rüssel kann leichter von Parasiten befallen werden. Das heißt, die Fellelefanten wurden viel leichter krank. So eine Pollenallergie hatte für ein Mammut also vielfältige Folgen – und erst recht für eine ganze Herde.

Aber hatten nur Mammuts Heuschnupfen? Warum sind dann so viele Tierarten ausgestorben?

Die Frage, ob auch andere Tiere Heuschnupfen hatten, ist bisher nicht ausreichend untersucht – es gibt erste, aber nicht ausreichende Betrachtungen am Wollhaarnashorn dazu. Aber selbst bei Mammuts gilt: Ob Sie tatsächlich Heuschnupfen hatten, ist nur eine Vermutung – klar ist: Sie haben auf irgendetwas allergisch reagiert. Und dass es Pollen waren, ist bislang einfach nur das wahrscheinlichste Szenario. Auch klar ist: Mammuts waren ein Teil des Ökosystems. Bricht ein Teil weg, reißt das ein Loch in die ganze Ökologie. Es gibt Boden, der nicht mehr fest getrampelt wird. Oder Pflanzen, die nicht mehr weggegessen werden, wodurch sich diese Pflanzen vermehren, sodass sich die Vegetation langfristig ändert. Für andere Tiere war das Mammut wiederum ein Beutetier. Die mussten sich nun eine neue Nahrung suchen, oder starben ebenso aus.

Eine Collage mit einem blauen Himmel, einem Elefanten der auf einer Zeitung ausgeschnitten zu sein scheint, einem Adler aus einem Hochglanzmagazin, im Hintergrund ein Nashorn, an der Seite ein Riesenpilz auf einem Felsen.

Darstellung eines eiszeitlichen Ökosystems im Museum in Schöningen – so ein Ökosystem funktioniert nur als Gesamtzusammenhang (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Das ist immer so: wenn eine Tierart ausstirbt sind viele Tierarten betroffen, weil alles in einem großen Zusammenhang funktioniert. Deshalb ist das Artensterben unserer Tage auch eine wirklich bedrohliche Angelegenheit. Auch wir sind auf die Ökosysteme dieser Erde angewiesen. Selbst wenn wir uns davon in unserer Lebensart gefühlt weit entfremdet haben – wir brauchen immer noch Ackerfrüchte zum Überleben. Die hier untersuchten Urzeitelefanten stammen aus dem Permafrost Sibiriens. Diese Tiere haben das erlebt, was wir auch gerade erleben: Einen Klimawandel. Das Beispiel mit dem Heuschnupfen zeigt, wie unterschiedlich und unerwartet die Reaktionen auf solche massiven Veränderungen einer Lebenswelt sein können. Und wie wichtig es ist, Ökosysteme zu schützen. Und eines sollte dir dabei klar sein: Den Klimawandel, den die Mammuts nicht überlebt haben, der ging um ein Vielfaches langsamer, und war sehr viel sanfter als das, was der Mensch heute aus dem Planeten gemacht hat.

Und wenn du jetzt denkst: Himmel, ich habe noch nie von niesenden Elefanten gehört! Miss Jones finanziert sich selbst, aber du kannst diesen Blog mit einem Trinkgeld unterstützen, für viele weitere Geschichten.

Literatur:

https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S295047592400008X?via%3Dihub

https://www.sueddeutsche.de/leben/krank-toeroeoeoeoeoe-tschi-1.5711971

https://www.br.de/kinder/hoeren/lachlabor/wie-oft-niesen-elefanten-100.html

https://www.morgenpost.de/panorama/article407348485/aussterben-der-mammuts-forscher-verblueffen-mit-neuer-these.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert