Es ist ein Freudentag auf Delos. Sie ist endlich erwachsen und das muss gefeiert werden. Es wird getanzt und gelacht, und dann wird ihr der Kopf geschoren. Das Blut ihrer ersten Periode wird in einem Gefäß aufgefangen. Damit bemalt sie sich das Gesicht und die nackte Brust. Dann wird sie auf einer Decke an den Strand getragen, wo sie liegen bleibt, um ein Mondbad zu nehmen.

Drei Kykladenidole (Ausgestellt: Vorgeschichtsmuseum in Berlin/Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Als die Zeremonie abgeschlossen ist, ist sie nicht nur eine anerkannte erwachsene Frau – nein, sie bekommt auch eine Figur aus Marmor von ihrer Mutter geschenkt, die das ganze für den Rest ihres Lebens festhält. Und diese Figur ist so schön, dass sie 5.400 Jahre später Pablo Picasso inspirieren wird.
Lass mich raten – der einzige Beleg zu dieser Geschichte ist die Marmorfigur? Was für eine Marmorfigur?
Im Neolithikum (Jungsteinzeit) entstand auf den Kykladen, eine Inselgruppe, die heute zu Griechenland gehört, eine Kultur, welche für ihre besonderen Idolfiguren bekannt ist: die Kykladenkultur. Dass es in dieser Zeit Figürchen gibt, ist nichts Außergewöhnliches, sondern ein spannendes kulturelles Phänomen. Überall im Mittelmeerraum und auch in Mitteleuropa gibt es in dieser Zeit kleine Figuren. Besonders ist der einzigartige Charme, den die Figuren versprühen, die in der Kykladenkultur entstehen.

Dieses Kykladenidol stammt aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. und wurde in Delos gefunden (Ausgestellt: Vorgeschichtsmuseum Berlin/Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Die bestehen aus Marmor, und sie sind sehr schlicht und gleichsam haben sie einen tiefen Charakter. Dass Pablo Picasso gerade diese Figuren als Inspiration nutzte, ist belegt – aber nicht nur er. Die Figuren wirken mit solch einer zeitlosen und futuristischen Schönheit, dass sie sich bei genauem Hinsehen auch im Hintergrund von einigen Star Trek Szenen finden. Ein Problem ist, dass sie manchmal auf dem Kunstmarkt landen, und für moderne Kunst gehalten werden. Dabei handelt es sich in Wirklichkeit um jahrtausendealte archäologische Funde.
Okay, man hat hübsche Figuren gefunden – aber wie kommt man da auf die Idee mit einem Periodenritual? Weil sie ein bisschen aussehen, als hätten sie Bauschschmerzen?
Also Kulturwissenschaftlich gesehen würde man es einen weiblichen Initiationsritus nennen. Und solche Riten gibt es in vielen Kulturen, zum Beispiel bei den Tikuna. Was bei den Kykladenidolen auffällt ist – sie waren einmal bemalt, bei einigen Figuren ließ sich noch eine Bemalung zeigen. Es handelt sich um rote Streifen, bei denen einige Forscher*innen glauben, dass dies eine klassische Gesichtsbemalung von einem Ritual darstellt.

Diese Idole wurden auf Kreta gefunden, wenn man sie ansieht, könnte man sich fragen – haben die denn alle Bauchschmerzen? (Ausgestellt: Nationamuseum in Iraklio /Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Dieses Muster würde entstehen, wenn man seine Finger in Periodenblut tränkt, und sich dann mit den Fingern einmal von oben nach unten über das Gesicht fährt. Als ein anderer Hinweis gilt, dass die Figuren fast immer Frauen zeigen. Und zwar junge Frauen, wie man an den Proportionen erkennen kann – sie halten sich fast immer den Bauch, so wie beim Periodenschmerz. Es gibt tatsächlich auch einige männliche Figuren, die sich allerdings auch den Bauch halten.

Diese kretischen Amulette sehen zum vergleich schon fast ein bisschen aus, als währen sie sauer oder bockig (Ausgestellt: Nationalmuseum Iraklio /Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Diese sind sehr selten. Deshalb gibt es die Idee, dass es vielleicht eine Transperson zeigen soll, welche ebenfalls ihren Initiationsritus durchläuft – auch das währe im vergleich mit anderen Kulturen nicht ungeöhnlich. Andere sagen wiederum, dass die Figuren nur verschränkte Arme haben, weil man den Marmor so leichter bearbeiten kann.

Diese Idole sehen wiederum ein bisschen aus, als ob sie frieren – man kann also vieles in die Armgeste hineininterpretieren (Ausgestellt: Nationalmuseum Iraklio /Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Und woher will man denn auch wissen, dass die Kykladenidole eine ganz bestimmte Person zeigen?
Weil man sie in Gräbern gefunden hat – und in Siedlungen. Ein Kykladenidol scheint ein Objekt gewesen zu sein, das eine Frau ein Leben lang begleitet hat. Zu Hause, und am Ende Ihres Lebens wurde ihr die Figur dann mit ins Grab gegeben – so die Idee. Interessant ist dabei, dass auch Männer eine solche Figur im Grab haben können.

Diese Figuren stammen aus Archanes/Kreta, sie stammen alle aus Grabkontexten (Ausgestellt: Nationalmuseum Iraklio /Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Und auch Männer haben dabei weibliche Figuren in ihrem Grab liegen. Dabei gibt es die Idee, dass ein Mann vielleicht die Figur seiner bereits verstorbenen Frau, Tochter, Mutter oder Schwester mit ins Grab bekommen hat – dass er die Figur in seiner Trauer vielleicht über Jahrzehnte als Erinnerung aufbewahrt hat. Denn nicht alle Frauen haben eine Figur. Es kann allerdings sein, dass es diese Figuren auch aus anderen Materialien gab als Marmor. Zum Beispiel aus Holz.

Dieses Idol aus Delos ist sehr stilisiert – dabei spricht man von Violinidol, es ist eine der vielen Ausprägungen dieser Figurenform (Ausgestellt: Leipziger Antikensammlung /Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Und diese Figuren sind dann einfach nicht bis heute erhalten. Ich glaube nicht daran, denn das würde es zumindest Rückstände von diesen Figuren geben, doch die gibt es nicht. Aber die Art, wie die Figuren gefunden wurden, spricht für eine individuelle Zuordnung – bei den Minoern auf Kreta gibt es sogar Amulette.
Moment mal, gerade waren wir noch auf den Kykladen in der Jungsteinzeit – die Minoer sind doch Bronzezeit und auf Kreta – wie hängt das denn miteinander zusammen?
In der Jungsteinzeit ist die Kykladenkultur die prägende Kultur des heute griechischen Mittelmeerraumes gewesen. Sie waren anscheinend auch auf Kreta, und haben dorthin ihre kulturelle Idee, also ihre Idole mitgebracht. Auf Kreta werden dann in der Bronzezeit die Minoer sehr erfolgreich. Also eine ganz andere Kultur – aber die Idee der Kykladenidole bleibt erhalten.

Diese Figur stammt aus dem Neolithikum auf Kreta, und man sieht schon relativ deutlich die Ähnlichkeiten (Ausgestellt: Nationalmuseum Iraklio/Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Auch die Minoer bestatten ihre Angehörigen mit diesen Marmorfiguren. Diese sehen zum Teil etwas anders aus, aber die Unterschiede sind für Laien kaum zu erkennen. Auch diese Figuren haben diese Schlichtheit, eine prominente Nase und einen Blick der nach oben gerichtet ist, mit einem geschorenen Kopf. Kykladenfiguren haben aber bei näherer Betrachtung unglaublich unterschiedliche Typen. Es gibt sie mit ausgearbeiteten Beinen, es gibt sie in einer Form, die eher an eine Violine erinnert, als an eine Frau, es gibt sie mit runden und mit eckigen Konturen.

Diese Kykladenidole kommen aus Kreta. Man sieht deutlich, dass sie als Kettenanhänger genutzt wurden, und dass sie teil mehrteilig sind (Ausgestellt: Nationalmuseum Iraklio /Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Das liegt daran, dass diese Figuren über einen Zeitraum von mehreren Tausend Jahren in einem breiten geografischen Raum hergestellt werden – und unter diesen Umständen kommt es natürlich zu verschiedenen Moden und Geschmacksveränderungen. Ein besonderer Typ, den es nur auf Kreta gibt, ist das Kykladenidol als Kettenanhänger bzw. Amulett.
Und wie kommt man jetzt auf die Idee mit dem Mondbad?
Das weiß ich auch nicht. Ich vermute das, da einige Kolleg*innen mal wieder Periode mit Mondkult in einem gedacht haben. Vielleicht zusätzlich auch, weil der weiße Marmor so mondfarben ist. Aber da die Figuren einmal bemalt gewesen sind, waren sie das vmtl. nicht immer.

Diese 4 Figuren aus dem Kreta der Zeit zwischen 3000 und 2100 v. Chr. haben wenn ihr genau hinseht noch reste von Farbe oder Verfärbungen (Ausgestellt: Nationalmuseum Iraklio /Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Es fällt aber eines definitiv auf: die Füße. Kykladenidole haben Füße, aber sie können nicht auf diesen Füßen stehen, dafür sind die Füße nicht im richtigen Winkel. Die Beine und die Füße sind so angewinkelt, dass die Figur liegt. Und zwar nicht flach auf dem Boden, sondern leicht schräg, so wie z.B. am Strand.

Zwei Figuren, die Musik spielen. Sie werden als männlich interpretiert, tragen aber eigentlich keine Geschlechtsmerkmale. Vielleicht war das Geschlecht bei dieser Darstellung auch nicht relevant (Foto: Sailko (CC BY-SA)).
Daher kommt die Idee, dass man die junge Frau in einem Tuch getragen hat, und an den Strand gelegt. Das lässt sich natürlich überhaupt nicht beweisen – aber auffällig ist diese Körperhaltung natürlich schon. Im Verlauf der Geschichte gibt es aber auch Figuren, die ganz anders aussehen, da sie zum Beispiel gezeigt werden, wie sie Musikinstrumente spielen. Vielleicht ein Hinweis auf Vergnügen, vielleicht wurde aber auch Musik religiös genutzt – das können wir nicht herausfinden, weil wir die Leute ja nicht mehr fragen können. Und weil die Figuren ihr Zeitalter so sehr prägten, gibt es auch die Idee, dass sie Vorläufer der Gottheiten sind, die von den Minoern verehrt wurden, und sich in der geometrischen Epoche dann zu den Antiken griechischen Göttern endwickelt haben. Denn hier gibt es auch sehr prominente weibliche Figuren. Aber die zeige ich euch an ein anderes Mal.

Aber die eigentliche Faszination dieser Figuren geht nicht von Interpretationen, sondern von ihrer zeitlosen Schönheit aus (Ausgestellt: Nationalmuseum Iraklio/Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Literatur:
Rainer Albertz, Gerhard Hiesel, Horst Klengel, Heidemarie Koch, Hans Georg Niemeyer, Josef Wiesenhöfer und Karola Zibelius-Chen: Frühe Hochkulturen – Ägypter -Sumerer – Assyrer – Babylonier – Hethiter – Minoer – Phöniker – Perser, 2. Auflage, Stuttgart 2003.
Stylianos Alexiou: Minoan Civilization, Heraklion 1973.
Max Kunze, Cecile Prinz und Gudrun Walinda: Götzen, Götter und Idole – Frühe Menschenbilder aus 10 Jahrtausenden, Mainz 2010.
Valentin Müller; Frühe Plastik in Griechenland und Kleinasien – Ihre Typenbildung von der neolithischen bis in die Griechisch-Archaische Zeit (Rund 3000 bis 600 v. Chr.), Augsburg 1928.
Gérard Seiterle: Mädchen der Kykladen-Insel – Eine neue Deutung der Kykladenstatuetten. In: Götzen, Götter und Idole – Frühe Menschenbilder aus 10 Jahrtausenden, Mainz 2010.
Giesele Zalhaas: Kykladen. In: Ausstellungskataloge der Prähistorischen Staatssammlung Band 12 Hermann Dannheimer (Hrsg.), Prähistorische Staatssammlung München – Museum für Vor- und Frühgeschichte, Mainz 1985.
Bayrische Staatssammlung München: Kykladen – frühe Kunst der Ägäis, Katharina Horst, Harald Schulze und Bernhard Steinmann, München 2015. https://www.academia.edu/34424212/Kykladen_Fr%C3%BChe_Kunst_in_der_%C3%84g%C3%A4is
https://www.archaeologie-online.de/nachrichten/fruehgriechische-kykladen-kultur-in-karlsruhe-zu-sehen-1938/
Klaus Tausend: Frühe Kulturen der Ägäis Band 1: die Ahnen der Homerischen Helden, Stuttgart 2021.