Schöningen – Eine Reise in die Welt vor 300.000 Jahren

Endlich nehme ich euch nach einer langen Coronapause mal wieder direkt mit auf eines meiner Abenteuer und schreibe die ersten Notizen für euch noch auf der Zugfahrt nach Hause. Ich war in Schöningen, einem der wichtigsten archäologischen Fundplätze

Ein Grün bewachsener Landsporn ragt in ein gigantisches Loch hinein.

Die Ausgrabung in Schöningen heute. Ein Geländesporn wurde vom Kohlebagger stehen gelassen für Forschungszwecke.

der Welt! Und trotzdem: Vor diesem Abenteuer war ich zwiegespalten, denn es gibt Punkte in der Geschichte des Paläon, so heißt das dazugehörige Museum in Schöningen, die man durchaus kritisieren kann. Aber ich war auch liebevoll erfreut, denn vor 10 Jahren habe ich als Praktikantin in dem Team gearbeitet, dass sich dieses Museum ausgedacht hat.

Hinweise für euren Museumsbesuch

Wenn ihr euch das Museum mal ansehen wollt, bedenkt, es liegt etwas außerhalb des Ortes Schöningen in Helmstedt an der Abbruchkante eines stillgelegten Braunkohletagebaus. Man kommt zwar mit einer Buslinie dorthin, aber es gibt dort weit und breit keinen Supermarkt oder so. Dafür aber eine kleine Gastronomie mit durchschnittlichen Preisen, einer Standardspeisekarte und auch Kaffee und Kuchen. Zu empfehlen ist das Museum für Schulklassen, es ist ein offizieller außerschulischer Lernort. Hier gibt es extra Programme für Klassen, die die Steinzeit und ihre Ökologie thematisieren. Eltern und Großeltern können sich hier ebenfalls über ein Museum freuen, das für die ganze Familie gedacht ist. Für die Kids gibt es kleine Programme, die leider etwas stark versteckt sind. Am besten ist, man nimmt sich Zeit, um mit den

Eine vitirene voller Tierknochen

Viel zu entdecken in den Vitrinen des Museums. Da kann man lange davor stehen, und genau anschauen, welchen Tierknochen wir hier vor uns haben.

Kids gemeinsam das Museum zu entdecken – es ist ein Ausflugsort für Kinder, die auch gerne in ein Museum gehen. Für die Entspannung danach gibt es außerdem einen Spielplatz, und man kann an diesem Ort gemeinsam spazieren gehen. Und zwar in einer kuriosen Landschaft. Am Rande des Tagebaus, der 2016 stillgelegt wurde und langsam wieder zuwuchert. Es wird noch etwa 90 Jahre dauern, bis die Landschaft wieder halbwegs normal ist, aber man kann hier beobachten, wie sich die Natur alles wieder zurückholt. Es soll mittlerweile aber schon wieder Wildtiere in dem riesigen Loch, das mehrere Dörfer verschluckt hat, geben.

Was es in dem Museum zu entdecken gibt

Das Museum selbst ist thematisch stark eingegrenzt. Hier findet man keine Informationen zum Tagebau, sondern alles dreht sich um die im Tagebau gefunden archäologischen Entdeckungen. Willkommen also in der Altsteinzeit. Es sind vor allem Funde von Tierknochen, die gezeigt werden. Die Ökologie, das Zusammenspiel von Flora und Fauna vor 300.000 Jahren wird an der nahegelegenen Ausgrabungsstätte bis

Ein Nackter Homoheidelbergensis - Wachsfigur die einen Pferdeschädel hält.

Begegne dem Homo Heidelbergensis und erkunde seine Welt.

heute erforscht. Der Rand einer ehemaligen Wasserstelle erzählt hier Geschichten aus dieser lang vergangenen Zeit, in der der Homo Heidelbergensis durch das heutige Niedersachsen streifte. Man macht Bekanntschaft mit den Ereignissen einer Wasserstelle lang vor unserer Zeit. Dazu gehört ein ganz besonders Ereignis – dazu später mehr.

Wie ist das Museum gestaltet

Alles in allem ist die Gestaltung des Museums sehr modern. Kein Wunder ist es ja auch noch relativ neu – und um dir Frage zu beantworten, welche meiner Ideen von vor 10 Jahren umgesetzt wurden – alle meine Ideen wurden umgesetzt und darüber habe ich mich sehr gefreut. Die Inszenierungen wirken allerdings zum Teil ein wenig zusammengewürfelt. Es erschließt sich nicht immer ein roter Faden. Vielleicht wurden hier die Ideen von zu vielen Leuten unabgesprochen umgesetzt. Interessant wird das

Winzige Knochen.

Ja – Das sind Knochen eines Desman – Dem Vorbild für Scrat von Ice Age. Gefunden in Schöningen. Im Film zerstört dies kleine Tier die halbe Welt auf der Jagt nach Eicheln, und im Museum kann man ihm ganz nahe kommen.

Museum, wenn man keinen roten Faden erwartet, sondern sich die Sachen Detail für Detail ansieht, als wäre es ein Puzzle und sich so ein Bild macht, wie die Welt im Paläolithikum (Altsteinzeit) ausgesehen hat. Wer Urzeittiere liebt, wird hier Freunde treffen. So zum Beispiel ein Desman, ein Tier, das Vorbild für Scrat aus dem Film Ice Age gewesen ist.

Die einzigartigen Reste des Homo Heidelbergensis

Auch der Mensch, genauer gesagt der Homo Heidelbergensis, wird gezeigt. Dieser ist allerdings im Fundgut nur durch seine Spuren vertreten. Aber diese sind weltweit einzigartig. Es handelt sich um die ältesten Speere der Welt – das ist besonders, weil Holz besondere Umstände braucht um so eine lange Zeit zu überstehen. Die Speere gehören zu einem Wildpferdjagtplatz. Genauso wie Bratspieße, die gleich noch

Spitze eines Holzspeeres

Speerspitze einer der Schöninger Speere. Vom Zahn der Zeit ein bisschen verbogen, handelt es sich um Higtech aus der Zeit vor 300.000 Jahren (Dazu bald mehr).

Hinweise auf die Zubereitung liefern. Wir kennen hier keine Menschenknochen, aber Werkzeuge. Neben dem Equipment für Jagt und Speiß gibt es noch mehr Spuren menschlicher Aktivitäten. Beispielsweise sog. Klemmschäfte – also so Holzgriffe – in die vermutlich Steinwerkzeuge eingespannt wurden um einen besseren Halt bei der Arbeit zu haben, oder auch Wurfhölzer für die Vogeljagt finden sich in der Ausstellung. Alles in allem Spuren, die vom Leben in der Welt vor 300.000 Jahren sprechen.

Szenen vom Leben vor 300.000 Jahren

Und daraus lässt sich viel ableiten, die Fantasie wie die Gesellschaft dieser Zeit funktioniert hat, ist quasi unbegrenzt. Gezeigt wird das u.a. in einem Papierdiorma. Das ist eine der schönsten Ausstellungsideen, die ich jemals gesehen habe. In dem Diorama wird eine Geschichte erzählt, die ich euch nicht Spoilern möchte. Aber ich möchte auch schon eine Szene von diesem einzigartig schönen Kunstwerk zeigen, für das alleine sich die Fahrt nach Schöningen schon gelohnt hat. Ich habe selten eine schönere Art die Steinzeit darzustellen gesehen. Es lädt zum Staunen ein.

Ein Mehrschichtieges Papierdiorama, im Hintergrund ist ein Mensch mit Speer zu sehen, dazwischen Wiesen, und ein Baum. Im Forergrund befindest sich eine Frau mit Baby im Arm.

Eine der schönsten Darstellungen der Steinzeit überhaupt. Einfach zum Staunen.

Sehr gut ist auch, wenn man will, dann findet man wirklich fundiere Informationen. So habe ich hier vor ein paar Wochen bereits die Besonderheit von Dendrodaten, also Holzanalysen in der Archäologie erklärt. Auch in dem Museum finden sich einige der vielfältigen Möglichkeiten der Holzanalyse gut erklärt. Sowas erkenne ich immer daran das andere Museumsbesucher*innen an einer Station lange stehen bleiben und dabei fortwährend begeistert und fasziniert sind. Die Spannung bzgl. der Erklärung – gerade in Bezug auf die Dendrodaten raubte den Leuten, die ich beobachtet habe, den Atem.

Viel cooles also – Aber es gibt auch Kritik

Wie immer gibt es nicht nur positives. Und so gab es schon bevor ich nun diese Worte schrieb viel Kritik an dem Museum. Vor allem, weil es mit falschen Versprechungen der damaligen Politiker gebaut wurde. Die Leute aus Schöningen hatten sich große Touristenströme erhofft, die Geld in die Stadt spülen würden. Aber ein kleines Museum, außerhalb eines Ortes, das zieht nicht ansatzweise so viele Leute in Schöningens

Das Museumsgebäude. Ein verspiegelter Klotz mit wild plazierten Fenstern in der Landschaft.

Das Museumsgebäude – es sieht ein wenig aus wie ein Ufo in einer dystopischen Landschaft die weniger Meter Weiter in einem rieseigen Loch versinkt.

Innenstadt wie erhofft. Es ist halt nicht Disneyworld was hier gebaut wurde. Aber der Geist, in dem das Museum errichtet wurde, ist noch spürbar. Die riesige Architektur, die im Vergleich zur Ausstellung überdimensional wirkt, oder aber der riesige, aber verhältnismäßig leere Parkplatz sprechen davon, dass das alles irgendwie anders gedacht war.

Man merkt diesen Geist aber auch in einer Filminszenierung, welche bei Archäolog*innen hauptsächlich Augenrollen auslöst:

Eine Jagt, herbeiphantasierte Schamanentänze etc. werden gezeigt. Alles in totaler Machoaufmachung in einem pseudoethnologischen Kontext. Frauen kommen nicht vor in dieser Vorstellung der Steinzeit. Und alles in allem ist der Film fachlich gesehen fast albern, überzogen, nicht nachweisbar und dem Forschungsstand widersprechend. Und wenn nur um das Faktum, dass es heute gar

keine Menschen geben würde, wenn es in der Welt vor 300.000 keine Frauen gegeben hätte. Ob es eine solch machistische Lebenswelt voller Männer, die tanzen, grunzen und jagen jemals gegeben hat – also außerhalb der Fantasie und dem Selbstbild, bestimmter hier nicht genannter Archäologen – steht auf einem anderen Blatt.

Hinzu kommt ein bisschen ungenutztes Potenzial

Wirklich beeindruckend ist ein Panoramafenster direkt in Richtung des ehemaligen Tagebaus. Und es ist eindrucksvoll zu sehen, wie der seit 2016 geschlossene Braunkohletagebau langsam wieder zuwuchert. An diese Stelle fehlt aber im Grunde eine Thematisierung dessen, was man da sieht. Klar man sieht ein großes Loch in der Erde das hier und da erste grüne Flecke aufweist. Aber es erklärt sich nicht von selbst, dass mehrere Dörfer in diesem Loch verschwunden sind, dass der Tagebau direkt an

Blick in ein riesieges Loch in der Landschaft hinter dem Spielplatz

Der Blick durch die Panoramascheibe in das riesige Tagebauloch hinter dem Spielplatz vom Museum.

der deutsch-deutschen Grenze lag, und deswegen eine spannende eigene Geschichte hat. Auch welcher Umweltschaden hier entstanden ist erklärt sich nicht. Man sieht einfach nur dieses beeindruckende große Loch. In ein paar Jahren wird es aussehen wie eine grüne Wildlandschaft, die aber im Grunde eine Pionierökologie ist. Ca. 90 Jahre soll es dauern bis das Loch insoweit voll Wasser gelaufen ist, dass man sagen kann, es ist jetzt wieder normal – denn auch zuvor lag dort ein See. Mit einer Erklärung direkt über dem Fenster könnte man das riesige Loch noch eindrucksvoller inszenieren.

Eine zerpflügte Landschaft mit einzelnen Grünen flecken

Die Natur hohlt sich die Landschaft zurück. Wenn du genau hinsiehst entdeckst du die ersten grünen Flecken.

Denn es ist so groß – es sprengt anders gesagt die Vorstellungskraft. Und in einem Museum, dass hauptsächlich die Ökologie der Welt vor 300.000 Jahren thematisiert, ist es ein einfaches eine Brücke zu schlagen, dahingehend, was wir heute mit unserer Lebenswelt anstellen. Vorallem mit einem Panoramafenster in Richtung eines Tagebaus, der geschlossen wurde, weil sich diese Umweltzerstörung finanziell noch nicht einmal rentiert hat.

Eine gute Zeit zwischen Ökologie und Dystopie

Insgesamt muss ich sagen – es ist ein tolles Ziel für einen Familienausflug mit einem leicht dystopischen Charakter, bei dem man durchaus eine sehr gute Zeit haben kann – und wirklich etwas lernt. Es ist aber gut sich Zeit zu nehmen und alles ganz genau zu betrachten, weil er rote Faden ein bisschen fehlt. Die Ausstellung ist aber im Verhältnis

Ein Blick in die ASustellung, sie ist in Würfeloptik gestalltet.

Der größte Ausstellungsbereich in der Übersicht.

zur Optik des Gebäudes relativ klein, sodass man hier schnell durch ist, auch wenn man sich Zeit nimmt. Das Motto sollte also sein, sich entspannt durch die Ausstellung zu chillen und zu genießen, die Ergebnisse einer der wichtigsten Ausgrabungen der Welt direkt und endspannt betrachten zu können.

2 Gedanken zu „Schöningen – Eine Reise in die Welt vor 300.000 Jahren

  1. Danke, lese hier zum ersten Mal von diesem Museum. Das Gebäude gefällt mir eigentlich und so ein Tagebau ist auch ein irrer Anblick. Aber so weit außerhalb der Stadt. Und dann noch eine Machosteinzeit ohne Frauen…

    Echt Schade um die verschenkten Gelegenheiten. Was haben die sich bloß dabei gedacht?

    • Naja, mit der Machosteinzeit ist dieses Museum ja nicht alleine, sowas findet man ja leider immer wieder – seltsam nur es in einer so neuen Ausstellung zu sehen, wo man eigentlich schon über diesen Punkt hinweg war. Und es ist ja auch nur ein Ausstellungselement. Aber ja. Es ist einfach ein Forschungsmuseum. Es steht da wo der Fundplatz ist, und nicht da wo man gut hinkommt. Und da ist natürlich die Frage, warum baut man das so!?
      Und was die damals gedacht haben – dass die etwas ganz Tolles bauen, und dass mehrere hunderttausend Besucher jedes Jahr nach Schöningen strömen werden, um sich das anzusehen. Und sie haben ja auch was Tolles gebaut, aber das schauen sich natürlich viel weniger Leute an, weil es total an den Bedürfnissen der Menschen vorbeigebaut wurde. Ich empfand die politische Stimmung dieser Zeit als sehr seltsam, ich habe auch gesagt was ich denke, aber ich war Praktikantin und hatte dementsprechend das standing einer unwissenden, die besser nicht zu laut sagt, dass eine alleinerziehende arbeitslose Mutter von vier Kindern aus Hamburg wohl kaum für einen Wochenendausflug mit dem Porsche nach Schöningen fahren wird. Aber ich hatte den Eindruck, so war das Weltbild der Leute, die das alles beschlossen haben… schade.

      Das ändert nichts daran, dass es dieses Museum jetzt gibt. Und dass es trotzdem ein toller Ort ist. Vor allem für die Forschung. Und dass man hier eben am Puls der Wissenschaft Ökologiegeschichte lernen kann. Und gerade für Schulklassen ist das einfach großartig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.