Was gute Geschichtscomics, Graphic Novels usw. brauchen
Ich bekomme immer wieder anfragen, ob ich die ein oder andere Graphic Novel für euch diskutieren kann. Und ich scheue mich manchmal, das tatsächlich zu veröffentlichen, was ich denke, denn es gibt Bücher, die finde ich schlecht, und es gibt Bücher, die finde ich gut – aber letztendlich ist das Geschmacksache.

Nach wie vor zu meinen Favoriten gehört der Ursprung der Welt (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Aber, da ich die Frage auch irgendwie nicht unbeantwortet lassen will, schaue ich mir heute verschiedene Comics mit Geschichtsbezug an und bespreche dabei die drei Zutaten, die es braucht, damit es eben auch ein guter Comic ist. Und diese drei Zutaten könnt ihr in der Buchhandlung immer direkt selbst überprüfen:
1. Geschichte, die mitreißt und gut erzählt ist
Geschichten aus der Geschichte sind einfach unfassbar spannend, wenn sie gut erzählt werden. Und bei manchen Geschichten fällt es, um ehrlich zu sein, schwer, sie schlecht zu erzählen. Eine Graphic Novel, in der ich besonders oft blättere, ist „Der Fotograf von Mauthausen“. Es ist eine wahre Geschichte – Der im KZ Mauthausen internierte Fotograf Francisco Boix versuchte Fotos von den Vorgängen im Konzentrationslager aus dem KZ zu schmuggeln.

Das Buchcover alleine scheint einen schon in die Geschichte zu ziehen (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Er wollte der Welt zeigen, was dort geschah. Ich habe von dieser Geschichte zum ersten Mal gehört, als ich auf einer Ausgrabung in dem Lager gearbeitet habe, und tatsächlich auch ein Sachbuch über und mit den Fotografien von Boix zu Hause, in dem ich genauso häufig blättere. Dieser unglaubliche Mut dieses Mannes und seiner Unterstützer motiviert mich. Wäre er eine Frau, wäre er lange Miss Jones des Jahres gewesen, aber auch so ist seine Arbeit für mich Inspiration.

Blick in den Comic. Zum Teil wurden die Originalfotografien detailgetreu abgezeichnet (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Auch wenn ich nicht soviel riskiere wie Boix, habe ich mir unter anderem ihn zum Vorbild genommen. Ich fotografiere Fluchtboote auf Lampedusa, um zu zeigen, was da eigentlich passiert. Diese Graphic Novel immer mal wieder in die Hand zu nehmen, ist mehr als Motivation. Die Geschichte an sich packt einen einfach total.

Der Moment der Befreiung von einer Originalfotografie her abgezeichnet – wie viele Wochen diese Zeichnung wohl gedauert hat? (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Dabei muss die Geschichte gar nicht so aufreibend sein, damit ein Comic so gut ist. Einer der besten Graphic Novels mit Historienbezug ist und bleibt „Vom Ursprung der Welt“. Und dieses Werk hat gelinde gesagt keinen wirklichen roten Faden. Was dieses Werk zusammenhält, sind die Sprünge zum Thema Vulva quer durch die Geschichte.

Z.B. wird die Darstellung von Sheela-na-gig erklärt (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Dabei werden unfassbar humorvoll Anekdoten erzählt. Die Aufklärung über die weibliche Sexualität passiert nebenbei mit einer unfassbaren Leichtigkeit. Es bringt einfach Spaß, dieses Buch zu lesen. Deshalb hier noch einmal der Lesetipp.
2. Authentizität
Das ist das große Schlagwort der Stunde in der heutigen Social Media Welt. Aber wie soll den jetzt ein Comic authentisch sein? Es sind gezeichnete Bilder mit einer guten oder schlechten Geschichte. Alles daran scheint künstlich – Was kann daran denn authentisch sein?

Das Cover bringt einen direkt in die Situation, die der Autor erlebt hat (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Dazu möchte ich einen besonderen Comic zeigen. Er heißt „Barfuß durch Hiroshima“ von Keji Nakasama, und es handelt sich um einen Anime. Also japanische Zeichentrickkunst – also ein Genre, das man oberflächlich betrachtet weit weg von dem Wort authentisch platzieren möchte. Und doch ist dieses Buch der vermutlich authentischste und ergreifendste Comic, den es zu kaufen gibt.

Was hier gezeigt wird, sind Augenzeugenberichte (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Nakasama erzählt in dieser Graphic Novel nämlich seine eigene Geschichte. Die Geschichte davon, wie es war, die Atombombe über Hiroshima zu überleben. Dieser Anime war einer der ersten Animes überhaupt und hat das gesamte Genre mit begründet und geprägt. Gleichzeitig ist es ein authentisches Dokument, dass die Geschehnisse im Japan aus der Sicht eines Jungen zeigt, der versucht in einer völlig zerstörten Welt zu überleben.

Es ist eindrucksvoll, wie authentisch die Zeit nach dem Angriff mit der Atombombe gezeigt wird (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
In diesem Falle hat der Junge Hiroshima selbst erlebt. Aber wenn es um das Thema Steinzeit geht, dann haben wir keine überlebenden – Aber was wir dann haben sind Archäologi*nnen. Und da kann ich euch empfehlen, mal einen Blick bei Sidestonepress zu wagen. Hier gibt es kleine Hefte, als PDF kostenlos zum Herunterladen, aber auch für wenig Geld als Booklet zum Kauf (Link hier zum Buch über Genderstereotypes, und hier zu Migration).

Das Cover zeigt schon, wie viel Mühe in den Zeichnungen steckt (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Diese kleinen Dinger, gibt es bislang zwar leider nur auf Englisch und sie haben keine zusammenhängende Geschichte. Dennoch sind sie unfassbar liebevoll gemacht, mit tollen Zeichnungen und kurzen und leicht verständlichen Texten. Die Texte wurden allesamt von Archäolog*innen verfasst, das heißt diese Büchlein sind unterhaltsam, niedlich und authentisch. Und sie beantworten viele Fragen rund um die jeweiligen Themenkomplexe. Es ist also möglich auch authentisch über lang vergangene Zeiten einen Comic zu machen.

Mit sehr guten Zeichnungen werden die aufgezeigten Problematiken verdeutlicht (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Vielleicht ist das sogar authentischer als andere Formate der Geschichtsvermittlung, denn je weiter wir in die Geschichte zurückgehen, umso weniger wissen wir – und Comiczeichnungen haben von Natur aus den künstlerischen Spielraum, die dadurch entstehende Lücke zu füllen.
3. Liebe und Mühe
Das ist, glaube ich, der wichtigste Punkt. Alle bisher vorgestellten Bücher haben nämlich eines gemeinsam: Man hat verdammt viel Liebe und Mühe in sie investiert. Ich denke, das ist der Hauptpunkt bei allen gezeichneten Vergangenheiten: Werden die lieblos gestaltet, dann sind sie nicht ansprechend.

Dieses Cover ist dem anderen Buch über Mauthausen ähnlich, aber es spricht einen weniger an (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Man kann auf eine gute Storyline verzichten, wenn der Comic authentisch und liebevoll ist, wie bei dem Ursprung der Welt. Und man kann auf Authentizität verzichten, wenn eine Graphic Novel liebevoll und mit einer guten Geschichte erzählt wird, wie viele tolle Fantasiegeschichten zeigen. Aber eine authentische Geschichte mit Storyline, die aber komplett lieblos gestaltet ist, das funktioniert nicht. Und so geht es mir leider mit dem Werk „Mauthausen“.

Die Zeichnungen sind detailliert, aber irgendwie schematisch (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Und das ist überraschend, denn es ist im Grunde genommen fast die gleiche Geschichte, wie die in dem eingangs gezeigten Comic über den Fotografen Boix. Der Unterschied ist, dass dieser Comic mit weniger Mühe gestaltet wurde. Diese Graphic Novel ist nicht schlecht. Tatsächlich würde ich sie wahrscheinlich in höchsten Tönen loben, würde ich nicht im Vergleich dazu, das sehr viel bessere Werk „Der Fotograf von Mauthausen kennen“.

Meine Favoriten sind also ganz klar „Der Fotograf von Mauthausen“ und „Barfuss durch Hiroshima“ (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Deshalb, lohnt es sich immer, wenn du eine Geschichte zeichnen willst, deine Arbeit mit ganzen Herzen zu machen. Man spürt das, selbst wenn deine zeichnerischen Kompetenzen nicht gut sind. Die Mühe und Liebe, die in einen Comic investiert wird, die macht das Buch erst rund. Und es gibt Comics, die haben 10 Jahre gebraucht, bis sie fertig waren. In denen steckt dann aber besonders viel Liebe.
Fazit
Ich habe einige Zeit mit einem Comiczeichner zusammengewohnt. Und ihr glaubt nicht, wie viel Mühe er in seine Arbeit gesteckt hat. Er ist für mich noch immer ein Vorbild. Wir haben damals jeden Morgen zusammen Café getrunken. Er hat in der ersten Stunde des Tages erstmal einen kleinen A-4 Comic gezeichnet.

Aus „Auf der Spur der Menschen vor 80.000 Jahren“ – diese Novel ist zwar authentisch, aber leider irgendwie lieblos gestaltet, und die Storyline ist auch nicht spannend (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Das waren kleine Geschichten, in der Regel nicht erzählt, weil sie gut waren, sondern er ist erst einmal wach geworden. In dieser Zeit habe ich mir ein Beispiel an ihm genommen, neben ihm gesessen und etwa eine Stunde lang Archäologie recherchiert. Und falls du das liest: Ed – I miss you so hard! Aus dieser Lebenserfahrung weiß ich, wie viel Mühe und Leidenschaft in einem guten Comic steckt. Die wirklich tollen Geschichten und Bilder – die werden nicht einfach hingekritzelt. Es dauert manchmal Jahre, oder Jahrzehnte bis eine Graphic Novel fertig ist.

Es bringt mehr Spaß dieses Bild aus dem Gender Stereotypes Buch anzusehen, in dem viel Liebe, Mühe und Details stecken (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Deshalb ist das auch echte Kunst. Und sie wird in unserer Gesellschaft noch viel zu wenig wertgeschätzt. Aber ich hoffe, ihr kennt jetzt ein paar mehr Werke, und geht im Buchladen nicht achtlos an der Comicabteilung vorbei. Denn es lohnt sich teils wirklich gut erzählte Kunst mit nach Hause zu nehmen.