Seit einer gefühlten Ewigkeit sind sie auf dem Meer unterwegs. Und jetzt ist endlich Land in Sicht. Sie sind angekommen, am entlegensten Flecken Erde, der Welt. Rapa Nui. Eine Insel, mitten im Pazifik. 165 km² groß, 3.700 km von der südamerikanischen Küste entfernt, und 2.000 km von Polynesien, der Region, von der aus die Gruppe ihre Überfahrt über das Meer gewagt hat. Es ist der Beginn einer beeindruckenden Kulturgeschichte, die ebenfalls Rapa Nui heißen wird, die mit dem ersten Schritt dieser Siedler auf das Festland im 8. Jahrhundert beginnt.
Rapa Nui – Ach du meinst die Osterinseln, oder? Moment mal die wurden doch von Südamerika aus besiedelt? Thor Heyerdahl hat das doch damals belegt!
Ja, das stimmt. Und es gab lange einen Streit in der Wissenschaft darüber, von wo die Besiedlung der Insel aus vorgenommen wurde, und Thor Heyerdahl hat mit seiner Überfahrt mit der Kon-Tiki bewiesen, dass man diesen Weg tatsächlich segeln kann. Dazu gab es mittlerweile mehr Untersuchungen. Der Streit war: Kam die Bevölkerung aus dem polynesischen Osten, oder dem südamerikanischen Westen auf die Pazifikinsel. Immerhin gibt es hier die südamerikanische Süßkartoffel, aber eben auch Hühner mit eindeutig polynesischen Vorfahren.

Die Überfahrt mit der Kon-Tiki im Jahr 1947 war ein spektakuläres Experiment (Bild: Nasjonalbiblioteket (CC BY 2.0)).
Mittlerweile gibt es zu dieser Frage aber eine Antwort: Es haben beide Positionen recht. DNA-Analysen zeigen: Die Menschen haben zu 90% polynesische und zu 10% südamerikanische DNA. Deshalb ist nicht ganz klar, ob die Rapa Nui vielleicht nach Südamerika gesegelt sind, und danach zurückgekommen, oder aber ob südamerikanische Menschen sich auf den Weg gemacht haben. Klar ist allerdings, dass das Auftreten der DNA aus dem südamerikanischen Raum mit einem Wechsel der Windrichtung ab dem 12. Jahrhundert übereinstimmt.
Miss Jones, seit wann hängt die Genetik von Menschen mit der Windrichtung zusammen?
Ganz einfach, seit dem wir von maritimen Bevölkerungen reden, und den Möglichkeiten wie sie sich überhaupt treffen können. Und beim Segeln spielt der Wind eine sehr große Rolle. Klimamodelle zeigen, wann der Wind im pazifischen Raum die Richtung gewechselt hat. Und da zeigt sich: Zwischen dem 8. und dem 12. Jahrhundert stand er, für eine Besiedlung von Polynesien aus, günstig und dann hat der Wind gewechselt. Zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert stand er günstig für eine Überfahrt von Südamerika aus.

Funfact: Rapa Nui liegt so weit weg von allem anderen, dass es auf den meisten Weltkarten herausgeschnitten ist, oder aber die Legende genau an der Stelle platziert wird. Deshalb musste ich für euch meinen Globus fotografieren, um eine Karte zu bekommen (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Und erst nach diesem Windwechsel findet man die DNA südamerikanischer Herkunft bei den Rapa Nui. Wobei die DNA-Untersuchungen nicht an Schädeln durchgeführt wurden, die vor dem 12. Jahrhundert datiert sind, sodass es hier weiterer Forschung bedarf. Aber: Es gibt mythologische Überlieferungen aus Südamerika, die dazu passen. Doch sowas ist immer ein schwieriger Beleg. Die DNA, und die Klimaanalyse sind aber sehr handfeste Belege für diesen Ablauf. Und vmtl. haben sich die Kulturen auch gegenseitig beeinflusst, und so auf der Insel etwas ganzes neues geschaffen. So treten ab dem 13. Jahrhundert die Moai auf, das sind die berühmten Steinfiguren. Sie entstehen erst nach diesem kulturellen Austausch.
Aber haben die Rapa Nui nicht ihre Insel zu Grunde gerichtet? Ich hab da mal was gehört!
Kurz gesagt: Nö, haben sie nicht. Was du meinst, ist eine Erzählung, die Jared Diamond sich ausgedacht hat. Ein Kollaps einer Zivilisation, die die Ökologie, ihrer Insel zu sehr ausgebeutet hat. Und lange wurde das auch sehr weiträumig geglaubt. Aber: Das ist mittlerweile widerlegt. Tatsächlich kann man aber massive ökologische Veränderungen auf der Insel beobachten, und zwar mit Pollenanalysen.

Auf dem Satellitenbild sieht man – Heute ist die Insel karg aufgrund der modernen Landwirtschaft (Bild: ESA (CC BY-SA 3.0 igo)).
Es zeigt sich: Als die ersten polynesischen Menschen auf der Insel eintrafen, wuchs hier beispielsweise die Honigpalme weit verbreitet. Und die verschwand dann ziemlich schnell. Das Verschwinden von Bäumen wurde als Ausgangspunkt der Kollapstheorie gesehen. Diamond schloss aus den Pollenanalysen auf einen Mangel an Baustoff und auf Hungersnöte. Lange wurde gerätselt.

Auch heute wirkt die Landschaft karg – auch wenn es ein paar Palmen gibt (Bild: Rivi (CC BY-SA 3.0)).
Dann hat man einen anderen Übeltäter gefunden: Von den Polynesiern mitgebrachte Ratten sollen die Nüsse der Palmen weggefuttert haben. Und bis vor wenigen Jahren war das auch der aktuelle Forschungsstand. Beleg dafür: Nagespuren. Doch neue Analysen zeigen – auch das stimmt nicht! Die Nagespuren sind zu gering, um einen nennenswerten Einfluss auf die Baumbestände gehabt zu haben.
Ja – und wie soll es denn dann gewesen sein? Warum ist die Bevölkerung denn dann kollabiert?
Die Bevölkerung ist gar nicht kollabiert. Und das kann man an der Entwicklung der DNA relativ sicher sehen. Das Prinzip ist ganz einfach: Man hat die genetische Vielfalt auf der Insel untersucht. Kommt es zu einem Kollaps, heißt das, ein Großteil der Bevölkerung stirbt.

Am bekanntesten sind die Rapa Nui aber sicherlich für ihre Kolossalstatuen, die Moai – und wie ihr vielleicht ahnt, gibt es zu denen hier bald einen eigenen Artikel 😉 (Bild: Rivi (CC BY-SA 3.0)).
Dann pflanzen sich danach nur einige, eben die überlebenden fort. Ein sog. Flaschenhalseffekt entsteht. Und das heißt, dass die Nachfahren, dieser Katastrophenüberlebenden sich untereinander genetisch viel ähnlicher sind, und dass es genetische Merkmale gibt, aus der Zeit vor der Katastrophe, die aus der Population verschwinden.

(Bild: Pixabay).
Eben einfach weil viele Menschen gestorben sind, und ihre DNA nicht mehr weiter geben. Einen solchen Flaschenhalseffekt kann man in der DNA einer Bevölkerung also nachweisen, wenn es ihn gibt. Bei den Rapa Nui gibt es ihn aber nicht, hier spricht alles für eine ganz normale stetige Bevölkerungsentwicklung. Das zeigen auch die Hunger- und Stressmarker an den Knochen. Die gibt es zwar, aber in einem relativ normalen Ausmaß.
Und was ist das dann für eine Geschichte, mit den verschwundenen Bäumen?
Hier hat es vmtl., in den durchaus korrekten Pollenanalysen, einige Fehldatierungen gegeben. Wir können auf jeden Fall auf weitere Untersuchungen in der Zukunft gespannt sein. Derzeit geht man von folgendem Szenario aus: Die polynesische Bevölkerung schuf eine spezielle Form der Landwirtschaft, und hat für den Feldbau Platz gebraucht. Das Problem: Es gibt auf dieser Insel starken Wind. Also wurde in Steingärten angepflanzt, damit das Bodensediment nicht wegweht.

So sieht so ein Steingarten als archäologischer Fundplatz aus (Bild: Science).
Man nennt das auch Kiesmulchanbau. Die Rapa Nui haben vmtl. auch einen sehr guten Dünger verwendet: den Kot ihrer mit auf die Insel gebrachten Hühner, wahrscheinlich gemischt mit ihrem eigenen Kot und mit Asche. Zumindest deuten Analysen darauf hin. Für weiteren Windschutz wurden Mauern, die sog. Manavai errichtet und Becken in denen Regenwasser aufgefangen wurde. Ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem mit Aquädukten und unterirdischen Wasserleitungen wurde von den Rapa Nui gebaut.

Die Osterinsel aus der Luft – sieht karg aus, und ist doch von ganz eigener Schönheit (Bild: NASA/Gemeinfrei).
Es entstand so eine von Landwirtschaft geprägte Insel. Sie war also bewusst so gestaltet worden. Es entstand eine Gesellschaft, die sich sehr gut ernähren konnte. Man hat ausgerechnet, dass auf der Insel, mit dieser Art von Feldbau problemlos bis zu 19.000 Personen ernährt werden könnten. So viele Personen haben aber zu keinem Zeitpunkt, und auch in keinem der Kollapsmodelle auf der Insel gelebt. Und das heißt: Die Idee des Kollapses ist definitiv falsch.
Und wieso ist die Idee von dem Kollaps so weit verbreitet?
Ich vermute, weil sie noch nicht so lange widerlegt ist, und weil es ein Narrativ ist, das man sich gut merken kann. Die Inselbevölkerung, die einen Ökozid an sich selbst begeht. Ein mahnendes Beispiel für Menschen, die ökologiefreundlich sind. Und auch eine Geschichte für Leute aus politischen Spektren, die indigenen Gruppen eher Unfähigkeit unterstellen möchten. Nichts von beiden scheint zu stimmen. Jedenfalls nicht bei der Betrachtung dieser Kulturgruppe.

So sieht die Schrift der Rapa Nui aus. Leider weiß heute keiner mehr, wie man sie liest (Bild: msdstefan (CC BY-SA 3.0 de)).
Vielmehr ist es doch erstaunlich, dass die Rapa Nui es geschafft haben einen Dünger zu entwickeln, der so leicht herzustellen ist, und auch auf einem Boden funktioniert, der aufgrund von Wind leicht erodiert. Und dass sie so über Jahrhunderte am abgelegensten Ort der Welt gelebt haben, mit einer ganz eigenen, einzigartigen Kultur und sogar einer eigenen Schrift. Aber ganz ohne Metall.
Anmerkung: Es gibt derzeit verschiedene Meinungen in der Forschung wann die Erstbesiedlung geschah, einige sehnen sie im 4. Jahrhundert, andere im 13. Jahrhundert, ich schließe mich derzeit aber Auffassung an, die die Besiedelung im 8. Jahrhundert für wahrscheinlich hält. Ich finde diese Auffassung aufgrund der Fundlage und den Klimamodellen für plausibel.
Literatur:
Thomas Barthel: Grundlagen zur Entzifferung der Osterinsel. In: Abhandlungen aus dem Gebiet der Auslandskunde Band 64 . Reibe B: Völkerkunde, Kulturgeschichte und Sprache Band 36.
Hannah Bloch: Wie die Moai laufen lernten. In: National Geografic 4/2018, Hamburg
Jan j. Borsema: The Survival of Easter Island – Dwindling Resources and cultural Resilience, New York 2015.
https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.ado1459
https://www.dainst.org/forschung/projekte/ressourcennutzung-auf-der-osterinsel-rapanuiisla-de-pascua-chile/2576
https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/osterinsel-analyse-widerlegt-kollaps-theorie-a-ac3417e9-9947-4f6e-86ed-3e41c0c49979
https://www.archaeologie-online.de/nachrichten/alte-dna-belegt-fruehen-kontakt-zwischen-osterinsel-und-amerika-6039/
https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/osterinsel–der–oekologische-suizid–der-rapanui-ist-ein-mythos-35058976.html
https://www.scinexx.de/news/archaeologie/osterinsel-dna-schreibt-geschichte-um/
https://www.br.de/mediathek/podcast/das-kalenderblatt/05-04-1722-jakob-roggeveen-entdeckt-die-osterinsel/1853682
https://www.scinexx.de/news/geowissen/osterinsel-windwechsel-brachte-polynesische-siedler/
https://www.pnas.org/doi/full/10.1073/pnas.1408918111