„Wann war’s wirklich Kannibalismus?“ – Ein Werkzeugkasten für kritisches Lesen

Immer wieder schickt ihr mir Artikel zu einem meiner Lieblingsthemen: Kannibalismus. Immer wieder sind es Artikel von Plattformen, die ansonsten seriösen archäologischen Kontext bieten. Journalist*innen, die auf reißerische Presseerklärungen hereingefallen sind. Und manchmal sogar Forscher*innen, die das Know how aus ihrem Studium richtig angewendet haben – und genau deshalb danebenliegen. Der Punkt ist: Es gibt auch innerhalb der Fachwelt Fehlannahmen, wie man Kannibalismus erkennt. Deshalb schreibe ich diesen Beitrag, damit ihr selbst ein Handwerkszeug habt, um zu prüfen, ob das, was ihr gelesen habt, eigentlich stimmt:

Taphonomische Faktoren

Taphonomische Faktoren sind alle Faktoren, die einen Fund verändern. Dies in Bezug auf Kannibalismus zu untersuchen, ist erst seit der Erfindung des Rasterelektronenmikroskops möglich. Und die ersten seriösen Untersuchungen gab es 1999 in Bezug auf Kannibalismusfunde.

Vier Skelette, Fuß an Fuß, sodass je ein Erwachsener und ein Kind Kopf an Kopf gekuschelt liegen.

Die Bestattung einer ganzen Familie (Fund von Eulau) – es beraucht bei so einem filigranen Befund nur einen tollpatischigen Grabungshelfer, der auf den Befund trampelt und man hat Spuren an Knochen, die auf den ersten Blick für Kannibalismus sprechen (Ausgestellt: Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle/ Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Erst seit dieser Zeit hat sich ein Setup entwickelt, um zu prüfen, welche Ursache die Defektmuster im Knochen haben. Das bedeutet: Belege für Kannibalismus aus einer Publikation vor dieser Zeit kannst du seriös nicht verwenden – aber du kannst gucken, ob es eine Nachuntersuchung gab. Für aktuelle Publikationen gilt zu prüfen: Wurden die folgenden taphonomischen Faktoren auch gründlich untersucht:

Natürliche Faktoren

Im Falle von Kannibalismusdeutungen betrachtet man das menschliche Skelett der Person, welche möglicherweise gegessen wurde. Und so einem Skelett kann viel passieren. Weil Kannibalismusbefunde oft aus dem Paläolithikum (Altsteinzeit) stammen, gab es viel Zeit, in der Dinge passieren konnten.

Einer der zerscherbten Schädel

Einer der zerscherbten Schädel, man sieht der Schädel wurde vom Zahn der Zeit stark zernagt (Ausgestellt: Vorgeschichtsmuseuem Halle/Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Der Fundplatz Bilzingsleben zum Beispiel: Hier sind die Knochen sehr kleinteilig. Das liegt daran, dass sie in einem Flussbett über Jahrtausende durcheinander gewirbelt wurden. Das bedeutet: Die Knochen sind durch natürliche Faktoren zerfallen.

Die Forschung selbst als taphonomischer Faktor

Es sind Fälle bekannt, wo Kinder beim Putzen der Knochen geholfen haben und das mit Drahtbürsten. Die Drahtbürstenspuren wurden dann zeitweilig als Beleg für Kannibalismus gedeutet. In einem anderen Fall ist ein Kollege aus Versehen auf einen Knochen getreten. Ein Stein, der in seiner Sohle steckte, hat eine Kratzspur verursacht. Am berühmtesten ist aber wohl der Neandertaler-Fundplatz Krapina.

Schädeldecke eines Neandertalers. Zusammengeklebt aus 6 Kleinteilen. Eine Augenbrauenwulst ist zu erkennen.

Auch bei diesem Abguss eines der Originalschädel aus Krapina kann man erkennen, wie fragmentiert die Knochen sind (Ausgestellt: NHM Wien/Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Hier wurde Kannibalismus damit belegt, dass die Knochen kleinteilig sind und Brandspuren haben. Aber: Der Ausgräber war Geologe. Er verursachte diesen Zustand damit, dass er die Knochen nicht ausgegraben, sondern mit Dynamit in die Luft gesprengt hat.

Nagespuren

Oftmals wird bei Berichten über Kannibalismus von Nagespuren gesprochen. Doch gibt es hier ein Problem: Nur an den dünnsten Stellen am menschlichen Knochenbau, ist das möglich. Zum Beispiel an den Rippenenden. An massiven Knochen, wie dem Oberschenkel, schafft es das menschliche Gebiss einfach nicht, eine Nagespur zu produzieren. Und doch werden immer wieder Nagespuren an Stellen gefunden, wo das menschliche Gebiss sie gar nicht verursacht haben kann. Das passiert, wenn ein Tier an einem Knochen genagt hat, bspw. bei Höhlenbestattungsplätzen. In Höhlen machen es sich auch andere Tiere gemütlich.

Ein Schädel eines Neandertalers, der Schädel ist im Oberkieferreich leicht vergangen, er hat besonders runde Augen.

An diesem Neandertalerschädel aus der Guttarihöhle hat eine Hyäne genuckelt (Bild: Ghedoghedo (CC BY-SA 4.0)).

Und einige von ihnen bauen sich die Höhle so um, wie sie sie brauchen. Ein in der italienischen Guttari-Höhle am Monte Circeo gefundene Neandertalerschädel soll z.B. von wilden Kannibalen aufgebissen worden sein. Doch Nachuntersuchungen zeigen: Eine Hyäne hatte es sich in der Höhle gemütlich gemacht und an dem Schädel gekaut. Und Tiere verursachen auch oft ein anderes Phänomen:

Die Crack-Twist-Technik

Langknochen, die mit einer Drehbewegung aufgebrochen wurden, um an das Knochenmark zu gelangen. Diese Brüche sind wirklich krass. Eine Torsionsfraktur z. B. am Oberschenkel gibt es selbst heute selten – z. B. bei Motorradunfällen. Hat ein Kind so einen Bruch, alarmiert das Krankenhaus sofort das Jugendamt, denn es gibt nur eine mögliche Erklärung für dieses Bruchmuster: Kindesmissbrauch. Im Paläolithikum war es einem lebenden Menschen fast unmöglich, sich einen solchen Bruch zu holen. Also ist es sehr wahrscheinlich, dass ein Torsionsbruch bei einem Knochen aus dem Paläolithikum erst nach dem Skelettieren herbeigeführt wurde.

8 verschiedene Langknochenbruchstücke mit spitz zulaufenden Bruchmuster, welche vom Verdrehen der Knochen herrühren.

Im niedersächsischen Schöningen wurden Knochen aus der Zeit der Neandertaler gefunden, welche durch das gezielte verdrehen aufgebrochen wurden, um an das Knochenmark zu gelangen. Es handelt sich hier um Pferdeknochen (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Das heißt: Entweder der Mensch wurde erst entfleischt, und dann wurde der Knochen absichtlich so zerbrochen – oder aber, der Mensch ist natürlich skelettiert und dann kam ein Tier. Biologische Untersuchungen zeigen, dass einige Tiere eine rotierende Bewegung mit dem Kiefer machen, sodass ein Torsionsbruch entsteht.

Der Hund liegt nahe einer Treppenstufe im Schatten, seine Augen sind zu und er hechelt.

Bester Freund des Menschen, und Verursacher von Torsionfrakturen, Auch mein lieber Diego würde einen Knochen brechen, wenn ihm langweilig genug ist (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Besonders kurios: Es zeigt sich: je gelangweilter ein Hund ist, der an einem Knochen kaut, umso stärker verursacht er Torsionsbrüche. Das heißt: Man muss untersuchen, wie die Torsionsfraktur verursacht wurde. Ob diese Untersuchung gemacht wurde, kannst du durch genaues Lesen selbst feststellen. (Aber Vorsicht: oftmals wird das aufbrechen des Knochens genau erklärt – die Frage ist aber ob die naturwissenschaftliche Untersuchungsmethode offen gelegt wird, mit der man das festgestellt hat)

Akkurate Schnittspuren

Ein weiteres oft angeführtes Argument, welches zur Interpretation von Kannibalismus führt, ist die Sorgfalt, mit der ein Mensch zerteilt wurde. Dass die Schnitte so gesetzt sind, als ob die Personen sehr genau wissen, wo sie schneiden mussten und so der Eindruck entsteht, das sei Schlachtvieh gewesen. Auch dieses Argument ist schwierig. Denn die Kulturen, über die wir reden, stammen meist aus einer Zeit, in der man von der Jagd gelebt hat.

Auf dieser befinden sich viele kleine Schnittspuren, und eine Große starke, genau in der Mitte von oben nach unten.

Die Schnittspuren auf dem Fersenbein des Elefanten, erzählen die Geschichte, wie er zerteilt wurde – ebenso im Paläolithikum, und ebenso Professionell © Universität Leiden / Wil Roebroeks

Man hatte also das grundlegende Wissen, wie ein Körper aufgebaut ist und wo man einen Schnitt setzen muss sowieso. Die Menschen haben jeden Tag akkurat Tiere zerlegt – und dieses Wissen ja nicht plötzlich vergessen, nur weil sie einen Menschen zerlegen. Und nur weil man einen Menschen zerteilt, hat man noch lange nicht vor ihn zu essen.

Die Welt der Sekundärdbestattungen

Schnittspuren können darauf hinweisen, dass es sich um einen besonderen Bestattungsbrauch handelt. Gerade das sorgfältige Abschaben ist dabei häufig in den Bereich einer Sekundärbestattung einzuordnen. Der Fokus lag hierbei darauf, die Knochen zu reinigen, nicht darauf, Fleisch zu gewinnen. Ein anderer Hinweis darauf, dass wir es mit einer Bestattung zu tun haben, ist der abgeschnittene Kopf.

Ein menschlicher Schädel. Auf der linken Seite ist er zerbrochen, sodass das ganze Auge und die Stirn dort fehlen.

Dieser Schädel wurde in der Blätterhöhle gefunden. Es ist der Schädel einer 17-22 Jahre alten Frau, die vor rund 5.600 Jahren gelebt hat, auch von ihr wurde nur der Kopf bestattet ((Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Ob in der Blätterhöhle oder beim Homo Naledi. Am bekanntesten sind vermutlich die Schädelnester der Offnethöhle. Diesen Fundplätzen ist gemein: Sie stammen von Menschengruppen, die nicht sesshaft waren. Doch bei ihnen war es wichtig, ihre Angehörigen an einem bestimmten Ort beizusetzen.

Ein winziger Schädel, er passt in eine Hand.

Das ist der kleine Schädel Namens Leti, auch dieser Vormensch bekam eine Kopfbestattung (Bild: ©Wits University – Dear Wits University, Your image description asks to be contacted for publication rights, but no contact details are provided. Could you please let me know how to reach you?).

Wenn jemand weit von diesem Platz entfernt verstorben ist, musste man ihn transportieren. Und das geht einfacher, wenn man nur einen Teil des Körpers mitnimmt. Es wurde also nur der Kopf bestattet. Man hat ihn vom Körper abgetrennt, nicht aus blutrünstigen Gedanken, sondern aus sehr liebevollen Motiven. Natürlich gibt es viele Interpretationen für einen abgetrennten Kopf. Aber: Wer direkt Kannibalismus vermutet, macht es sich zu einfach.

Ethnologische Vergleiche

Die Vorgehensweise der Ethnoarchäologie ist in Bezug auf die allermeisten Anwendungsfelder absolut problematisch. Geht es um Kannibalismusinterpretationen, wird das nicht besser. Denn: Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis für Kannibalismus als integralen Bestandteil auch nur einer einzigen ethnologisch beobachteten Kultur.

Grafik mit Überschrift Zirkelschluss Kannibalismus. Oben steht, Kannibalismus gibt es nur in wenig entwickelten Kulturen. Davon geht ein Pfeil aus, der mit dem Wort Schlussfolgerung markiert ist. Dieser Zeit auf: Weil Kultur XY wenig entwickelt ist, gibt es bei ihr Kannibalismus. Hiervon zeigt ein Pfeil, mit dem Wort Beleg gekennzeichnet wieder auf die erste Aussage. Darunter steht: ... ob es den Kannibalismus wirklich gab, wird nicht geprüft...

Ein Zirkelschlussbeispiel. So banale und offensichtlich falsche Argumentationsstränge habe ich bei der Recherche meiner Masterarbeit selbst in weltberühmter Fachliteratur gefunden (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

… Moment gab es da nicht diese Krankheit? Ja – die gab es. Die Fore in Papua-Neuguinea haben Kuru, was angeblich durch das Verspeisen von menschlichem Gehirn verursacht wird. Kuru ähnelt Creutzfeldt-Jakob. Der Punkt dabei ist: Es hat sich gezeigt, die Krankheit wird vmtl. durch Ziegen- bzw. Schaffleisch verursacht, und das nur, wenn eine bestimmte Abwehrkraft fehlt – genauer, werde Ich Kuru aber in einem anderen Beitrag beleuchten. …..Aber Miss Jones – es gibt indigene Gruppen, die sagen selbst von sich, sie essen Menschen! Ja, auch das stimmt. Und das hat verschiedene Ursachen. Für einige Kulturen ist das eine Schutzbehauptung gegenüber den Weißen gewesen. Für andere ist es Teil der Gedankenwelt, tatsächlich verspeisen sie aber nur symbolisch Menschen, so wie die Christen ihre Oblaten, die ja auch das Fleisch Christi sein sollen.

Ein Schrumpfkopf mit langem Haar, das mit bunten Federn geschmückt ist.

Ein Schrumpfkopf aus der Kultur der Shuar – auch solche Objekt regen natürlich die Phantasie der Kolonisten an – auch Schrumpfköpfe und Kannibalen wurden in einem gedacht, obwohl sie nichts miteinander zu tun haben (Bild: Gian Cornachini (CC BY-SA 4.0)).

Andere Kulturen haben durch die Kolonialzeit so viel vergessen, dass sie ihre Kultur aus Beschreibungen von Missionaren und Kolonisten zusammensetzen müssen. Es kann aber auch ein Teil einer Identität sein, stolz zu behaupten: „Ich stamme von Kannibalen ab.“. Das impliziert, dass man aus einer Gruppe kommt, die sich nichts gefallen lässt. Ein wirklich vollzogener Kannibalismus wurde bis heute niemals ethnologisch beobachtet.

Zwei junge Männer einer Gruppe nordamerikanischer Native Americans tanz einen Pow Wow in traditioneller Kleidung.

Bei meiner Masterarbeit habe ich einen Fall gefunden, bei dem ein „Indianer“ unter Kannibalismusverdacht geraten war, weil er auf einen Jüngeren „Indianer“ zugelaufen war, nachdem dieser Hingefallen war – ob der Ältere dem Jüngeren dabei vielleicht einfach nur aufhelfen wollte wurde nicht geprüft (Bild: Marc Lautenbacher (CC BY-SA 4.0)).

Wohl aber Interaktionen, welche in der frühen Ethnologie die Fantasie anregten. Zum Beispiel die Huronen, die die Gebeine ihrer Toten entfleischen und zerschlagen. Dann wird alles umgerührt, bis die Knochen von 1000 Personen total durchmischt sind. Das Ziel: Alle Toten sollen im großen Dorf im Himmel gleichberechtigt zusammenleben. Und da ist sie wieder – die liebevolle Idee, die nur zu gerne missverstanden wird, um eine reißerische Überschrift zu generieren.

Und wann kann ich jetzt bei einem Artikel erkennen, ob es wirklich Kannibalismus gab?

Nach der Untersuchung der Knochen unter dem Mikroskop, nachdem man Taphonomische Faktoren ausgeschlossen hat. Liegen die Spuren so, dass man einen maximalen Fleischgewinn vermuten kann, dann ist das ein guter Hinweis. Bei diesen Schnittspuren handelt es sich vor allem um Spuren an den Rippen, die neben den Wirbeln entlang laufen, und im Falle von Nagespuren, an den allerdünnsten Knochenstellen.

Der Cheddarman als Skelettbefund zusammengelegt auf einen dunkelroten Untergrund.

Von allen Skelettbefunden, die ich ich bisher geprüft habe, ist es einzig dieses Skelett, der Cheddarman, bei dem ich einen Verdacht auf Kannibalismus als berechtigt ansehe (Bild: Geni (CC BY-SA 4.0)).

Wenn dies genannt und gezeigt wird, mit einem Schema des gesamten Skelettes, und der Anzeige, wo die Schnittstellen sein sollen, mit Nahaufnahmen der jeweiligen Knochendefekte. Bei gleichzeitigem Verzicht auf ethnologische Vergleiche, eine reißerische Sprache, oder heranziehen veralteter Forschungen als Beleg. Dann kann es sein, dass das, ein Fall ist, in dem wirklich jemand abgekratzt ist und dann angenagt wurde.

Hey, Artikel zu schreiben, ist zeitaufwändig und anstrengend – du kannst das hier alles kostenlos lesen, nur weil andere ab und zu ein Trinkgeld schicken, mit dem ich die Unkosten bezahlte – wenn dir Miss Jones gefällt, möchte ich dich also bitten dich daran zu beteiligen.

Literatur:

Die hier verwendenden Informationen sind aus einer Masterarbeit entnommen, die ich auf Anfrage gerne zur Verfügung stelle.