1 mm über dem Meer – was ich auf Lampedusa wirklich messe

Auf Lampedusa bin ich in der Hauptsache, um Fluchtboote zu beobachten. Das Ziel ist so viele Informationen zu sammeln wie möglich, und das möglichst akkurat. Ich nutze dafür archäologische Methoden. Und das bedeutet, vor allem messe ich die Boote. Doch um gut arbeiten zu können, habe ich viele Methoden auch etwas abgewandelt. Ein Blick darauf, was passiert, wenn ich ein Boot gefunden habe:

Als Erstes einen Überblick verschaffen

Das kann je nach Situation unterschiedlich sein. Sind Leute auf dem Boot, muss ich die natürlich erst einmal versorgen. Ist es verlassen, macht es einen Unterschied, ob es an der Küste im Wasser liegt, oder an Land gezogen wurde. Liegt es im Wasser, kann es sein, dass ich erstmal einen Badeanzug anziehen muss und hinschwimmen. Liegt es unten an einer Klippe, muss ich erstmal klettern. Auch das Material und die Bauart machen einen Unterschied. In den meisten Fällen liegen viele Gegenstände um ein Boot herum, die ebenfalls mit der Flucht in Zusammenhang stehen.

Befundfoto: Ein Autoreifen liegt auf dem Boden, halb schräg auf ihm darauf eine gelbe Babyschwimmweste, daneben liegt ein blauer Babyschwimmschuh.

Diesen Cluster habe ich am 16. September 2023 neben einem Boot gefunden, bei dem ich das Ende der Rettung noch aus der Ferne gesehen habe. Also ich weiß, dass es dem Baby, das den Schuh und die Weste anhatte, gut geht (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Z.B. weil die Menschen, die aus dem Boot ausgestiegen sind, erst einmal ihre Rettungsweste ausziehen, und sie dann einfach liegen lassen. Das dokumentiere ich als Erstes. Für mich sind das wichtige Hinweise, weil sie zum Gesamtbild der Flucht gehören und zusätzliche Hinweise geben. Und: An so etwas wie Rettungswesten, oder heutzutage öfter genutzt, Autoreifen, kann man auch eine ungefähre Schätzung machen, wie viele Personen an Bord waren, eine Kombination dieser Dokumentation mit Satellitenbildern ist oft zusätzlich aufschlussreich.

Als Erstes kommt der Cluster

Ich fotografiere also das gesamte Umland, und zähle alles, was ich sehe. Dabei trage ich die ganze Zeit eine Actioncam, damit keine Informationen verloren gehen. Erst, wenn ich einen Überblick habe, baue ich auf.

Zwei Boote im Wasser an der Küste. Sie sind voll mit Autoreifen. Die Boote bestehen aus rostigen Metall. Sie sind 6,5 m lang, 2,3 m breit und ca. 50 cm hoch. Sie sind offenbar selbstgebastelt.

Diese beiden Boote habe ich am 12. September 2023 gefunden. Aber ich konnte erst bei Sonnenuntergang mit dem Dokumentieren beginnen. Deshalb habe ich entschieden, schnell nur die wichtigsten Maße zunehmen. Denn ich hätte die Klippen im Dunkeln nicht mehr hochklettern können (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Das heißt ich suche einen Platz, wo ich mein Equipment gut lagern kann, entscheide, wie ich vorgehe, und dann prüfe, in welchem Zustand das Boot ist. Manchmal sind es auch mehrere Boote – und dann entscheide ich, in welcher Reihenfolge ich vorgehe. Manchmal ist es zu gefährlich, ein Boot zu betreten. Dann schaue ich, welche Maße ich davon überhaupt nehmen kann.

Mein Mega Fail, die Boot-Schemata

Ursprünglich hatte ich mir mal Schemata ausgedacht, damit ich keines der wichtigen Maße vergesse. Das waren vorgefertigte Zettel mit verschiedenen Boottypen, wo ich mit Buchstaben gekennzeichnet hatte, welche Maße ich bei welchem Typ nehmen muss, damit ich alles Wichtige messe und nichts vergesse. Das Problem war: Es stimmte mit der Realität nicht überein. Zum einen gibt es unfassbar viele Boottypen, die so unterschiedlich sind, dass man da viel individueller herangehen muss.

Miss Jones sitzt am Ufer neben einem Fluchtboot und zeichnet es ab. Sie trägt einen Strohhut.

So ruhig konnte ich hier also nur sitzen und zeichnen, weil ich bei diesem Befund nicht alleine unterwegs war (Bild: Jonathan Kündiger (all rights reserved)).

Zum anderen hat sich gezeigt: dass es kaum machbar ist, vor Ort zu zeichnen und diese Schemata durchzugehen. Warum: Ich bin meistens alleine unterwegs – ich habe nicht genug Geld, um jemanden zu bezahlen, der mitkommt. Wer schonmal einen Befund gezeichnet hat, weiß: Man braucht am besten zwei Leuten. Alleine geht das bei kleinen Befunden. Ich aber stehe auf Booten, die von Wellen hin und her gepeitscht werden, teils über und teils unter Wasser, und in der Situation nehme ich dreidimensionale Daten. Mittlerweile arbeite ich deshalb so: Ich messe vor Ort und zeichne alles später, zu Hause am PC.

Wie funktioniert das?

Ich habe eine Actioncam. Die ist um meinen Bauch geschnallt, und ich diktiere die genommenen Maße in die Kamera. Und weil ich Legasthenikerin bin, und man sich in der Eile ohnehin häufig vertut, zeige ich jedes genommene Maß in die Kamera, sodass ich das später prüfen kann.

Ich sitze auf dem Bug eines Bootes und messe ihn.

Hier messe ich mit dem Zollstock den Innenwinkel vom Bug (Bild: Timo Knorr (all rights reserved)).

Ich habe also zum Messen eine Standardausrüstung. Die umfasst: zwei 20 m Bandmaße, einen Zollstock mit Winkelmesser, ein Geodreieck und ein Lasermessgerät. Außerdem habe ich ein extra Handy, um das Boot von allen erdenklichen Perspektiven zu fotografieren, um ggf. später ein 3D-Modell anzufertigen.

Was genau misst du?

Alles, was ich kann. Ich fange grob an. Größte Länge, größte Breite, Höhe von außen, und gehe dann immer mehr in kleinere Details. Wie dick ist die Bordwand? Welchen Winkel hat der Kiel? Welchen Winkel hat der Bug? Welche Struktur hat das Boot? Gibt es Schäden? Wie groß sind die Schäden? Vor Ort ist es so, dass ich unfassbar konzentriert sein muss, um nicht auch die kleinste Ecke zu vergessen.

Metallboot innen. Ein Zollstock liegt auf der Oberkante der Innenversteifung und zeigt, dass diese in genau 50 cm Höhe beginnt. An die Metallstange ist eine Tüte geknotet.

Ich nehme also alle Masse mit dem Zollstock mit. Hier z.B. wie die hoch die Querverstrebung der Innenversteifung ist (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Auch weil man erst dadurch erkennt, dass die Boote teils sehr unterschiedlich sind, auch wenn sie sich ähnlich sehen. Ein Problem ist, dass ich in der Regel nie alle Maße von einem Boot nehmen kann. Das heißt, ich muss so viele Maße nehmen wie möglich, um dennoch einen guten Gesamteindruck zu dokumentieren. Für Innenräume eignet sich das Lasermessgerät besser als das Maßband, Außen eignet sich das Maßband besser.

Misst du noch mehr als Länge – Breite – Höhe?

Ja und nein. Bei einer Exkursion habe ich z.B. Holz- und Metallproben mitgenommen. Das war aber nur aufgrund des Zustands der beprobten Boote möglich, der sich bislang nicht wiederholt hat. Zum einen haben die Wellen einige Metallboote so sehr verbogen und oxidiert, dass ich Metallproben einfach abbrechen konnte, als wäre es ein krümeliger Keks. Zum anderen habe ich auch ein Holzboot gefunden, das so gegen einen Stein geschleudert wurde, dass das Holz gebrochen war – und Holz kann man archäologisch gut untersuchen.

Ein blaues Boot aus Holz, in das sich ein Fels gebohrt hat, unfassbar viele Holzstücke liegen um das Boot drumherum.

Das Boot wurde 2024 in einem Unwetter gegen den Stein gedrückt – deshalb brauche ich die Holzproben dann nur noch aufzusammeln (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Beides wird in einem Labor erforscht und gemessen – auch das muss ich selbst bezahlen, deshalb kann ich das nur in seltenen Fällen machen. Zu den Ergebnissen werde ich also an anderer Stelle mehr sagen – sobald sie fertig sind. Das heißt, ja ich messe mehr als Länge, Breite, Höhe – was genau ist aber immer ganz von dem Befund abhängig.

Und warum misst du die Boote so genau?

Stumpf gesagt – weil ich das für die Befundaufnahme meiner Doktorarbeit brauche, für die genaue Beschreibung der Boote – das setze ich dann in einen Kontext mit den Objekten an Board, um aus der Kombination dieser Informationen so viel wie möglich über die Fluchtrealität in Erfahrung zu bringen. Für mich hat das aber noch mehr Hintergründe: Die Boote werden zerstört – entweder weil die italienische Regierung das macht, oder weil die Wellen an der Küste sie zerschmettern.

Ein Knoten aus rostigen Metall

Diesen Befund habe ich 2024 gefunden – es ist ein Boot, das mehrere Monate von den Wellen gegen die Felsen geworfen wurde. Man sieht: Es bleibt kaum etwas davon übrig (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Das heißt, es ist irgendwann nichts mehr von ihnen übrig. Aber: Die Kinder und Enkel der Menschen, die heute fliehen, werden wissen wollen, was passiert ist, und wie genau das aussah. Und für diese Menschen möchte ich so viele Details wie möglich erhalten. Und manche Details möchte ich auch so breit wie möglich in der heutigen Öffentlichkeit streuen.

Was denn zu Beispiel?

Im September 2023 gab es 112 Boote, die innerhalb von drei Tagen auf der Insel angekommen sind. In dieser Zeit habe ich Boote gemessen. Die meisten Boote, die von den Menschen genutzt wurden, waren aus Metall. Sie scheinen selbstgebastelt zu sein. Diese Boote hatten eine Boardwanddicke, die fast immer 1 mm dick ist. Das habe ich gemessen, vor Ort, mit dem Geodreieck. Und während durch die Presse der Aufreger ging, dass 10.000 Menschen in Europa angekommen sind, und die Populisten von einem Kriegsakt gegen die EU geschwafelt haben, stand ich auf diesen Booten.

Drei rostige Boote aus Metall. Sie sehen sehr klapprig aus.

So wie Matteo Salvini geredet hat, könnte man meinen, Flüchtende kommen in Militärbooten nach Lampedusa. Tatsächlich sind es Klapperkisten. Das Bild habe ich m 13. September 2023 gemacht. Damit möchte ich zeigen, wo die eigentliche Katastrophe liegt (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Meine Zahl war nicht 10.000 Menschen, meine Zahl war 1 mm. Ich stand auf diesen Booten, und weiß, es ist als würde man auf einem Blatt Papier über das Mittelmeer fahren. Dass das Boot bei nur einer Welle sinkt – und dass es schlichtweg und einfach ein paar windstille Tage gab, die die Flüchtenden genutzt haben. Und deshalb messe ich so genau. Weil ich denke, dass diese Zahl, 1 mm, viel genauer ausdrückt, welche humanitäre Katastrophe eigentlich im Mittelmeer passiert.

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