„Ich wünsche dir viel Kraft“, „bleib stark“ oder „wenn du wen brauchst, ruf mich an!“ – das sind so die häufigsten Dinge, die ich höre, wenn ich nach Lampedusa fahre. Jedes Mal. Und ja, es gibt Situationen, in denen kann ich auch hier nicht mehr, aber alles in allem ist Lampedusa ein unfassbares Paradies, und deshalb wirkt es auf mich eher kurios.
Lampedusa lebt vom Tourismus
Das ist schräg. Sehr schräg. Man hat Spuren des Leids, Denkmäler zu Katastrophen unserer Zeit, umgeben von fröhlichen Touristen im Bade- oder Shoppingwahn. Lampedusa ist eine kleine italienische Gemeinde. Aber es gibt im Ort die via Roma. Drei Bühnen mit Livemusik jeden Abend, ein Open-Air-Kino, zahlreiche Cocktailbars, Cafés und Restaurants.

Man lasse es sich auf der Zunge zergehen: Pistazie-Amarena-Crocant-Eis (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Dazwischen Souvenirgeschäfte, Läden für Flipflops und Badezeug, einfach alles was das Urlauberherz begehrt. Es gibt eine Eisdiele, die hat Eis perfektioniert, hier gibt es die Sorte Pistazie-Amarena-Crocant. Und nicht nur darum kommen hier Gäste her.
Die Natur ist Paradiesisch
Wer morgens zum Hafen geht, der sieht sie. Die Boote, die in einer Reihe liegen und warten, dass die Ausflugsgäste Platz genommen haben. Ich nenne sie auch Bratwurstboote, weil die Touristen darauf liegen wie Bratwürste auf dem Grill. Dann geht es los. Auf dem Badeboot im Bikini um die Insel. Die Klippen sehen, in die Grotten fahren. Blaues und grünes Meerwasser, schwimmen in einem Meer, das so klar ist, dass man jeden Stein am Meeresboden sieht. Mit Glück sieht man eine Schildkröte. Das Wahrzeichen der Insel.

Die Natur auf der Insel ist einfach sooo herrlich schön. Ich komme aus dem Schwärmen kaum raus (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Lampedusa ist einer der letzten Orte, an denen die unechte Karettschildkröte ihre Eier ablegt. Wenn man weiß, wo man hinfahren muss, findet man sogar Haie oder Delfine. Und wer nicht mit dem Boot fährt, kann die Insel auf den zahlreichen Naturwanderwegen genießen, oder einfach an einem der schönsten Strände Europas entspannen. Lampedusa ist vor allem wunderschön. Und genau deshalb kommen die Touristen hier her.
Und mitten drin das Leid der Flüchtenden?
Jein. Durch die Denkmäler wird man natürlich daran erinnert. Aber die Flüchtenden selbst sieht man nur, wenn man weiß, wo sie sind. Es gibt ein Lager, das ist im Inneren der Insel in einem Tal versteckt. Es heißt Hotspot. Und normalerweise halten sich die Flüchtenden sich dort nur wenige Tage auf und schlafen in der Hauptsache, nach der anstrengenden Überfahrt über das Mittelmeer. Das heißt, im Ortsalltag ist das quasi unsichtbar. Man sieht Fluchtboote, aber eben auch, nur wenn man weiß, wo sie liegen.

Hier im zentralen Hafenbecken stoßen Flüchtende und Touristen aufeinander. Aber das bemerkt nur, wer genau hinsieht – findet ihr das Zelt vom Roten Kreuz? (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE))
Die Boote, die deutlich erkennbar an Touristenstränden liegen, werden schnell dort weggebracht. Ich weiß nicht, ob ich das gut finde. Die Urlauber werden so nicht von Flüchtenden gestört, aber zum einen glaube ich gar nicht, dass die Flüchtenden störend sind. Zum anderen sind ja auch sie nur Menschen. Und, ich habe einmal erlebt, wie alles anders war. Und das ist eine vor allem fröhliche Erinnerung.
Ja, aber die Flüchtenden sind ja nicht immer fröhlich
Wenn ich sie treffe, meistens schon. Ich bin direkt am Ufer der Insel unterwegs. Und die meisten Flüchtenden sind nahezu euphorisch, wenn sie das Inselufer erreichen. Das sind tolle Momente. Aber manchmal finde ich auch Sachen, die mich erschüttern. Zum Beispiel gibt es immer wieder Funde, die die Geschichte von Kleinkindern erzählen, die in ihrem kurzen Leben schon viel Leid erfahren haben. Das kann auch ich nicht so gut verdauen. Und das ist okay. Ich aber habe meinen Umgang damit gefunden. Nehme mir einen Moment. Atme durch. Vergewissere mich, ob es allen gut geht. Und bei den Booten, die ich finde, geht es mehrheitlich allen gut.

Bei diesen Booten zum Beispiel weiß ich – hier geht es allen gut. Ich habe die Leute nämlich selbst in Empfang genommen. Sie waren sehr glücklich, dass sie überlebt haben (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Und dann mache ich mein Herz an. Irgendwie kann ich das gut. Nicht in Leid und Traurigkeit verharren, sondern einfach mein Herz einzuschalten, das sich fragt: Was kannst du für diese Menschen, für dieses Kind tun? Und die Antwort ist: Meine Arbeit gut machen. Meine Arbeit ist möglichst genau festzuhalten, was dort passiert. Das Glück, das Leid, die Umstände und Gefahren. Um genau das dann zu zeigen. Und diese Arbeit, sie macht mich glücklich. Ich bin, sobald ich auf Lampedusa ankomme, fast durchgängig einfach nur zufrieden.
Aber stopp, warst du nicht selbst mal psychisch ganz kaputt gewesen?
Ja. Das stimmt. Es gab diese Phasen. Und mir wurde damals von Leuten, die ich für Freunde gehalten habe, geraten, nicht noch einmal dahinzufahren – damals war das ganze noch eher ein kleines Hobbyprojekt von mir. Aber diese Menschen haben nicht verstanden, wie ich ticke und wer ich bin. Sie haben es bestimmt gut gemeint, aber meinen Charakter an ihren eigenen Maßstäben gemessen. Und weil Menschen unterschiedlich sind, funktioniert das halt nicht. Was zunächst passiert war: Immer mehr Leute wollten bei meinem Projekt dabei sein. Aber eigentlich nur, um damit anzugeben. Das hat mir unfassbar viel Arbeit gemacht. Dann bin ich umgezogen. Und fand dort die Leute, die mich davon abgehalten haben, wieder loszufahren. Sie haben nicht verstanden, je besser ich meine Arbeit machen kann, umso besser geht es mir – und andersherum.

Zugegeben, die meisten denken bei Lampedusa auch nicht an solch tolle Sonnenuntergänge. Aber ich denke eben auch daran (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Ich wurde immer unglücklicher, weil ich wusste, wie sehr ich mit meiner Arbeit etwas bewegen kann, und ich konnte die ganze Zeit nicht weiter machen. Das hat mich wirklich unglücklich gemacht. Lampedusa wurde immer kleiner in meinem Leben. Und die Erinnerung in die überfüllten Boote, die ich selbst gesehen hatte, die Erinnerung wie dieser Mann einfach tod umgefallen ist immer größer, sie waren das einzige, was ich zeitweise hatte. Und daran habe ich mich sosehr festgehalten, dass ich immer häufiger Platzangst bekommen habe. Bahnfahren war für mich unmöglich. Das waren alles Faktoren, warum ich damals ein halbes Jahr Pause eingelegt habe. Weil ich einfach nicht mehr konnte. Zumal ich in meiner Wohnung super unglücklich war.
Hast du nicht Angst, dass so eine Situation wieder kommt?
Ja, klar. Aber: Ich passe gut auf mich auf, ich habe eine Therapie gemacht, aber natürlich kann es jedem passieren, dass man etwas psychisch nicht verkraftet. Vor allem, wenn man mit großem Leid konfrontiert ist. Aber ich habe meine Schutzmechanismen. Ich schaue genau, mit welchen Menschen ich mich umgebe. Und ich schaue, dass sie mir nicht versuchen zu helfen. Also natürlich helfen mir viele Menschen, aber es gibt diese Art, die ich als toxisch empfinde. Eben, wenn man Sachen als Hilfe bezeichnet, die größeren Schaden anrichtet, als es nutzen hat. Es gibt Leute, die eben nicht helfen, sondern bevormunden, und mir aus reiner „Sorge“, die Sachen, die mir guttun, einfach wegnehmen wollten. Wie eben, dass sie mich aus „Fürsorge“ davon abgehalten haben nach Lampedusa zu fahren, wodurch es mir noch schlechter ging.

Wenn ihr mich fragt – ich könnte hier jeden Tag wandern gehen (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Menschen, die eben erst helfen, und dann nachdenken, was wohl helfen könnte. Und genau solche Leute brauche ich, gerade auf Lampedusa, nicht. Denn da geht es darum, dass man voll bei dem Projekt ist. Und alleine dieses Lebensgefühl, zu 100% bei der Sache zu sein, das gibt mir erst wirklich das Gefühl so richtig lebendig zu sein. Und deshalb ist es gut, dass ich das mache. Ich weiß, andere könnten das nicht. Aber ich kann das eben. Und es macht mich glücklich. Also bitte hört auf mich zu bedauern oder anzufangen zu jammern und emotionalem Beistand anzubieten, dafür, dass ich Dinge tue, die mich wirklich von Herzen glücklich machen. Wenn ich Hilfe brauche, dann sage ich das. Ich bin nicht das Opfer – sondern Akteurin. Diejenigen, die wirklich Beistand brauchen, sind die Betroffenen der menschenunwürdigen Fluchtumstände.
Und hier kannst du Bilder finden (Alle Bilder: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)), die dir zeigen, wie schön Lampedusa eigentlich ist: