Der letzte Vorhang

Die NSDAP ist noch neu an der Macht an diesen Tagen, an den sich der Intendant Hanns Sattler nicht damit abfinden will (die Vorgeschichte dazu). Er selbst ist Sozialdemokrat und muss einen Menschen nach dem anderen verabschieden, oft tränenreich. Viele Mitglieder des Ensembles sind jüdisch, sie verlassen Deutschland, solange es noch geht.

Großer Aufmarsch von 1933 vor dem Rathhaus Altona. Eine große Menschenmenge mit Hakenkreuzflaggen.

Ein großer Aufmarsch der NSDAP. 1933 vor dem Rathaus Altona (Bild: Staatsarchiv Hamburg).

Doch Sattler bleibt nichts anders übrig, er muss ein möglichst unpolitisches Programm erstellen. Irgendwie die Schilleroper durch die Zeit zu bringen. Im Sinne der Strategie Kraft durch Freude findet er dabei eine Nische in dem neuen System. Doch jede Improvisation muss er sich genehmigen lassen. Aber Sattler tanzt immer wieder aus der Reihe. Ich möchte euch begrüßen zum traurigsten Teil meiner Serie über die Schilleroper:

Es spricht sich rum, dass Sattler ein widerständiger Geist ist, nicht „Heil Hitler“ sondern  „Guten Tag“ sagt. Die Möglichkeit, seine Stücke über die Angebote von Kraft durch Freunde anzubieten, wird in der Folge immer seltener an die Schilleroper vergeben.  Sattler versucht alles. Werbeposter zieren die Wände und Schaufenster der Lebensmittelgeschäfte in Altona. Doch die Zeiten werden immer schlechter. Als dann

Schilleroperprogramm Ein Bild zeigt einen Dirgigentenarm mit einem Taktstock.

Der Versuch, unpolitisch zu sein (Bild: Urheber unbekannt).

eines Tages einer seiner Dirigenten in Naziuniform dirigieren will, kann Sattler sich nicht zusammenreißen. Er darf es dem Dirigenten zwar nicht verbieten, bricht aber in schallendes Gelächter aus, in dieser Uniform sehe der Künstler aus, wie von der Freiwilligen Feuerwehr.

Das NS-Regime – keine gute Zeit für die Meinungsfreiheit

Schließlich ist das Opernhaus so unterbesetzt, dass es kaum mehr möglich ist, ein Stück auf die Bühne zu bringen. Die meisten Künstler*innen sind geflohen. Sattler führt das Haus in der Tradition, die sich seit 1918 bewährt hat, weiter und bietet die Zirkushalle für Veranstaltungen von sozialdemokratischen Gruppierungen an. So wird hier 1935 ein Fest gefeiert. Es ist der 8. September, der Tag der Jugendweihe für die Kinder der Sozialdemokraten Altonas. Eine schöne Zeremonie. Tröstend. Denn die meisten Jugendlichen, die hier gefeiert werden, haben mittlerweile nur noch ein Elternteil zu Hause. Die NSDAP hatte Hamburg eifrig von Sozialdemokraten bereinigt. Die Kinder, die im Alltag großes Leid erleben, genießen diesen Moment der Unbeschwertheit in dem Opernhaus. Einige berichten noch im hohen Alter davon, wie gelungen diese Feierlichkeiten sind, die geschaffen werden als ein Moment der Abwechslung und Leichtigkeit für sie. Es war ein schöner Tag, bis zu dem Moment, an dem die Tür aufsprang, die GESTAPO in die Schilleroper marschierte, und alle übrig gebliebenen Väter und Lehrer verhaftete.

Die Grenze ist weg

Der Text des Großhamburggesetzes

Das Großhamburggesetz von 1937

Nach diesem furchtbaren Tag geht das Leben in der Schilleroper weiter. Wenngleich Sattler nun noch stärker unter der Kontrolle der NSDAP steht. Die Finanzen sind eng, die Umstände werden immer schlimmer. Das Theater, das einst direkt an die Grenze zwischen Altona und Hamburg gebaut wurde, ist plötzlich nicht mehr an einer Grenze. 1937 wird das bisher zu Schleswig-Holstein gehörige Altona den Hamburger Gebieten hinzugefügt. Das betrifft auch andere bislang eigenständige Orte, wie zum Beispiel Wandsbek oder Sülldorf. Das Groß-Hamburg-Gesetz macht aus dem verdichteten Ballungsraum mit vielen kleinen Orten eine Großstadt.

Das Nobistor vor der Großen Freiheit. Ein Einfaches Formschönes Metalltor zwischen alten Backsteinbauten

Dieses Foto des Nobistor, dem Stadttor zwischen St. Pauli und Altona, von 1880 zeigt, dass die Grenze schon seit längeren kaum noch wahrnehmbar war. Der rechte Pfosten steht heute noch an Ort und Stelle auf der Reeperbahn, die Strasse die dahinter rechts rein geht, heißt bis heute Große Freiheit. (Bild: Aufgrund des hohen Alters gemeinfrei).

Für die Schilleroper heißt das, es wird der Oberdirektion der Hamburger Theater unterstellt. Das Gebäude verfällt zwar Zusehens, aber es werden immer noch Sattlers Stücke gezeigt. Und es wird natürlich immer noch geprobt.

Das Ende aller Vorstellungen

In einer Pause bei den Proben läuft das Radio. Die Nachrichten verkünden ungeheuerliches. Eine Schauspielerin steht auf, entschuldigt sich. Sie geht auf die Toilette und weint. Unter der Nazidirektion hat sie Angst öffentlich zu weinen, weil es ihr als Systemkritik ausgelegt werden könnte. Es ist der 1. September 1939. Der Tag des Überfalls auf Polen. Deutschland ist jetzt im Krieg. Es dauert nicht lange, und eine weitere Schauspielerin taucht in der Toilette auf und eine Dritte. Die Frauen halten sich in den Armen und weinen gemeinsam über diese furchtbare Nachricht. Ohne zu wissen, dass es eine der letzten Male ist, die sie in diesem Theater sein werden.

Ein Duzend Schauspielerinen auf einem Schwarzweißbilf. Sie tragen Bikinioberteile und Röcke und räkelns sich in halb humorvollen halb erotischen posen.

Eine der letzten Schauspielgruppen, die in der Schilleroper aufgetreten sind , sie spielten “Giuditta“(Foto 1939, Urheber unbekannt).

Wenige Wochen später schließen die Nazis die Schilleroper für immer. Der Grund: Es gibt keinen Luftschutzbunker. Das Gebäude gilt als zu marode, um den Krieg überstehen zu können. Sattlers Theatercrew wechselt an eine neue Adresse auf der Reeperbahn. Der Intendant wird den Krieg überleben, und dabei sein Widerstreben gegen die Nazis nie aufgeben. Auch andere Theater zeigen ihre Kritik. Das Ernst Drucker Theater muss sich zwar in St. Paulitheater umbenennen, zeigt aber an seinem, 100. Geburtstag die “Zitronenjette”. Ein Stück, das zeigt, dass Menschen, die anders sind, zwar nicht von der Obrigkeit, wohl aber von den St. Paulianer*innen selbst wertgeschätzt werden.

Ein Zirkus wird zum Lager

Und das Opernhaus aus Belch steht wieder leer. Es wird verkauft, weiterverkauft, einige Monate als Gebetsraum einer Freikirche genutzt, wieder verkauft, komplett leergeräumt, es gibt einen Eigentümerwechsel, die Zirkushalle wird als Garage benutzt, dann zu einer Werkstatt umgebaut, hier werden Fahrzeuge aufgerüstet, um sie an die Ostfront zu schicken. Dann schlägt eine Brandbombe ein. Das Bühnenhaus wird getroffen und zerstört, wieder wird alles umgebaut. Es ist der Beginn des traurigsten Kapitels der Schilleroper, die jetzt ein Lager ist. 700 Männer, in der Hauptsache Italiener, werden an diesem Ort, der einst erreichtet wurde, um Freude in die Welt zu bringen interniert.

Heute erinnert eine improvisierte Gedenkstätte an diese Zeit

Es ist ein Zivilarbeitslager, bestückt wird mit Insassen meist aus dem Lager Sandbostel. Die Aufgabe der Internierten: Sie müssen die Kriegstrümmer von Hamburgs Straßen Räumen. Aber sie werden auch eingesetzt in den Familienbetrieben der umliegenden Nachbarschaft. Der Hauptprofiteur des Lagers ist Alwin Hönisch. Er hat das Operngebäude erworben und die Zwangsarbeiter als Geschäftsmodell für sich entdeckt. Hönisch ist Gastronom. Er stellt nicht nur das Lager zur Verfügung, sondern wird auch dafür bezahlt, es mit Essen zu beliefern. Es ist ein sicheres, geregeltes Einkommen und ein Paradebeispiel für rücksichtsloses Profitinteresse. Denn die Qualität der Lebensmittel wurde nicht geprüft. Diese war in einem Ausmaß mangelhaft, dass es Todesfälle gab. Dem NS-Regime war das allerdings egal. Und so konnte Hönisch gut verdienen am Naziregime.

Dir Trümmerwüste Hamburg

Als der Krieg vorbei ist, ist die Region schwer bombardiert. Die großen Theater, Opern, und Zirkusse der Reeperbahn sind zerbombt, Hamburg gleicht einer Schuttwüste.

Es ist fast alles kaputt. Nur ein Gebäude hat den Krieg weitestgehend unbeschadet überstanden und das, obwohl es schon zu Kriegsbeginn als marode galt. Die Schilleroper an der Lerchenstraße in Altona, direkt an der Grenze zu St. Pauli steht sie noch immer unbeachtet mitten in einer Trümmerwüste. Der Eigentümer ist immer noch Alwin Hönisch, der hier nun Flüchtlinge in den Betten unterbringt, die zuvor für Zwangsarbeiter gedacht waren. Ein Geschäftsmodell auf Zeit. Die Schilleroper ist eine Zeitlang Hotspot des Schwarzmarktes. Gegen 1948 wird neben und in denTrümmern gelebt:

Was sollte werden aus dem großen Runden Haus? Ideen folgen auf Ideen. Eine Zeit wird die Oper wieder als Garage genutzt. Umbauarbeiten werden 1948 von der Baubehörde zunächst verboten, es ist unklar, wie stark die Trümmerwüste um den Blechzirkus herum vermint ist. Eine Trümmerlandschaft, die langsam zugewuchert, und deswegen auch als „Die Grüne Hölle“ bezeichnet wird. Vielleicht könnte man hier irgendwann ja mal einen Park draus machen, grün ist es hier ja eh schon. Wirklich kümmern tut sich niemand um die Ruinen an dieser Stelle. Eine Zeitlang heißt diese Region auch „Zigeunerwiese“, denn in der Grünen Hölle siedelt sich eine Gruppe fahrendes Volk an (ich habe nicht herausgefunden, was genau für eine Gruppierung). Sie lebten hier, bis zu dem Tag, an dem eines ihrer Pferde tot umfällt. Das sehen sie als böses Omen. Am nächsten Tag war die Gruppe abgereist und die Grüne Hölle wurde mit dem alten Theaterbau alleine zurückgelassen.

Das Hotel an der Stresemannstr.

Das alte Zirkushaus wurde einmal mehr umfunktioniert. Dieses Mal entsteht ein Hotel. Höhnisch hat eine neue Idee. Die Stresemannstraße entsteht. Eine Bundesstraße, die St. Pauli mit der Autobahn in Altona verbindet. Nur wenige Meter von der Schilleroper entfernt liegt ihr Startpunkt. Das wollte Hönisch nutzen. Ein Fernfahrerhotel, für die LKW-Fahrer, die immer regelmäßiger durch Hamburg knatterten. Doch die Fernfahrer fuhren einfach vorbei. Anstelle dessen, zog ein Schriftsteller ein, der gleich zwei Jahre blieb, immer wieder Künstler,

Die Schilleroper in den frühen 2000ern. Der zirkus ist mit gelben Wellbleck verkleidet.

In der nächsten Folge: Die Schilleroper von den 50ern bis heute (Bild: Rauter, (CC BY-SA 2.0)).

Schauspielerinnen. Das Hotel entwickelte sich zu einer Art Arbeitsunterkunft für gering-solvente. Es war nicht tragfähig. 1952 war Höhnisch pleite. Was dann mit der Schilleroper geschah, und wie es dort heute aussieht, das erfährst du in der nächsten Folge dieser Serie am nächsten Freitag.

Wenn dir die Einblicke in die Geschichte bei Miss Jones gefallen, dann kannst du ihr als Dankeschön ein kleines Trinkgeld hinterlassen, mit diesem klick findest du einen Paypallink.

Literatur:

Horst Königstein: Die Schiller-Oper in Altona, Frankfurt am Main 1983.

Anke Rees: Die Schiller-Oper in Hamburg – Der letzte Zirkusbau des 19. Jahrhunderts in Deutschland, Hamburg 2010.

https://www.st-pauli-archiv.de/fotos

https://www.anke-rees.de/schiller-oper/

https://www.circus-paul-busch.de/inhalt_-1_history.htp

https://www.ndr.de/geschichte/Schiller-Oper-Altona-Hamburg-Verfall-Denkmalschutz-Ruine,schilleroper178.htmlhttps://www.youtube.com/watch?v=1DuRkSWFlNg

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