Der letzte Akt – Ein Trauerspiel

Der Krieg ist vorbei, in Hamburg ist das Leben lange erwacht. Doch mitten in der Stadt gibt es noch eine Trümmerwüste, die gekrönt wird von einem maroden alten Zirkusgebäude, an dem noch die Aufschrift Schilleroper zu lesen ist.

Der Schriftzug ist nach und nach abgefallen (Bild: @chronohh  Matthias Müller-Prove (CC-BY-NC-4.0)).

Spuren der besten und der schlimmsten Zeiten. Es kommen die 60er Jahre und es passiert wieder etwas in dem seit 10 Jahren leerstehenden Haus. Ich möchte euch begrüßen zum letzten Teil dieser Serie über eines meiner Lieblingsdenkmale:

Bauarbeiter ziehen Mauern hoch. Jeder Winkel, jede noch so kleine Nische, wird zu einer Kammer umgebaut. Minimalistischste Schlafräume für 150 Gastarbeiter der Werft Blohm + Voss. Doch auch die Zeit, in der Gastarbeiter, sich so eine Behandlung gefallen ließen, ist vorbei. Ab ’75 gilt das Haus als Ruine. Alles wird nochmal umgebaut, ein Musikclub entsteht. Eine Kneipe gibt es zwischenzeitlich. Auf der Trümmerwüste “Grüne Hölle” entsteht in den 80ern eine neue Wohnbebauung.

Die Schilleroper hat ein paar eingefallene Fenster, das gelebe wellblech wirkt gammelig, und der Vorbau ist halb verfallen.

Die Schilleroper in den 2000ern (Bild: GeorgHH (GNU-Lizenz))

Die Zirkushalle wird schließlich aufgegeben. In den 90ern werden die Nebengebäude als Asylbewerberheim genutzt, das aus der negativen Berichterstattung nicht heraus kommt. Der Grund: Die hygienischen Bedingungen sind menschenunwürdig. Das Gebäude ist Rattenverseucht. Das Heim wird geschlossen.

Das schäbige Ding ist unendlich Wertvoll

Der Blick zum ehemaligen Zirkusbau zu dem Durchgang, der zu den Werkstätten und Stallungen führte (Bild: @chronohh  Matthias Müller-Prove (CC-BY-NC-4.0)).

Es ist Ende der 90er, als das Denkmalamt schließlich feststellt, dass die schäbige Ruine, eigentlich ein wertvolles Denkmal ist. 1998 wird das Stahlgerüst, also der Aufbau, der dafür sorgt, dass die Zirkushalle von innen wirkt wie ein Zelt, unter Denkmalschutz gestellt. Der Bau ist halb verfallen, und wird wegen dieses Charmes noch einmal als Club genutzt. 2006 läuft der Pachtvertrag der Clubbetreiber aus, das Schillertheater wird leer zurückgelassen.

Die Schilleroper von Innen irgendwann in den 2010ern (Bild: @chronohh  Matthias Müller-Prove (CC-BY-NC-4.0)).

Es ist jetzt kein einfaches Denkmal mehr, sondern ein Zankapfel. Die Angst: Investoren könnten das Zirkushaus, das voller Geschichte ist und in dessen Schatten ich selbst so viele schöne Stunden verbracht habe, abreißen. Es folgen Initiativen, Nachbarschaftsfeste, Aufrufe, den einzigartigen Bau zu retten. Immer neue Ideen und immer neues Misstrauen.

Panorama der Schilleroper von Innen (Bild: @chronohh  Matthias Müller-Prove (CC-BY-NC-4.0)).

Das Misstrauen gegenüber Investoren – eine Hamburgensie

Hamburg hat ein großes Problem: zu oft wurde die Stadtpolitik zum Zankapfel, zu selten die Bevölkerung gehört. Stadtentwicklungspolitik im Sinne der Profitorientierung getroffen und die Bevölkerung vor den Kopf gestoßen. Der Denkmalschutz immer wieder ausgehebelt. Bekanntester Fall: Ein Investor, der ein denkmalgeschütztes Haus an der Bernhard-Nochtstr. 2012 zum Einsturz brachte, um es dann abreißen zu können. Wir Hamburger*innen kennen diese Geschichten nicht einfach, sie gehören zum Teil zu unserem Alltag. Das wurde spätestens deutlich, als 2013 in einer Dezembernacht die über 100 Mietparteien der berühmten Esso-Häuser am Spielbudenplatz innerhalb wenigen Minuten ihre Wohnungen verlassen mussten.

Ein Marodes Hochhaus mit improvisierten Holzstützen, die die Balkone halten.

Blick auf eines der Essohäuser kurz vor dem Abriss. (Bild: Andreas Kollmorgen (CC BY 2.0)).

Der Grund: Der Investor wollte abreißen, um lukrativ neu zu bauen. Notwendige Instandhaltungsarbeiten wurden Jahrelang unterlassen, woraufhin das prominente Gebäude, das zur Vergnügungsmeile Reeperbahn gehört, Nachts plötzlich unkontrolliert zu wackeln begann, der Einsturz drohte. Ein paar Tage später durften die Mietparteien jeweils einzeln nochmal für 20 Minuten in ihre Wohnungen um das Nötigste zu holen, dann wurde abgerissen.

Der runde Bau der Schilleroper zur Hälfte mit Mauern gestützt, zur hälfte fehlen die Mauern.

Schilleroper nach Abriss der Nebengebäude im Herbst 2021

Solche Geschehnisse im Umkreis von ca. 1 Km zur Schilleroper führen natürlich zu einem tiefen Misstrauen der Bevölkerung gegenüber Immobilienfirmen, aber auch der Stadtentwicklungspolitik selbst. Die Mieten steigen seit Jahren ins Unermessliche – eine 30 qm Einzimmerwohnung für unter 1000 Euro Miete zu bekommen ist quasi ausgeschlossen, und das in einem Stadtteil, in dem eigendlich Normalverdiener*innen und weniger gut situierte leben. Die Schilleroperruine einfach abreisen und Luxuswohnungen bauen wäre für Investoren mit Sicherheit lukrativ. Für alle die diesen Bau schützen wollen eine Horrorvision. Derzeit gibt es Investoren. Diese sollen den Denkmalschutz beachten – leider ist das Denkmalamt aber wenig transparent.

Ein Rotes Stahlgerüst, das ganz rund ist, und zum Teil gibt es Mauerreste. Am Boden ist eine Trümmerwüste.

Die Mauern wurden im Winter mit Presslufthämmern entfernt. Dieser Zustand ist vom 17. Januar 2022.

Doch auch hier haben Angehörige einer Anwohnerinitiative schon die Polizei gerufen. Juristisch den Schutz des Stahlgerüstes durchgesetzt. Denn, seit Herbst 2021 wird die Schilleroper abgerissen. Der Bagger war zu dicht, an das Stahlgestrebe gekommen.

Was von der Schilleroper bleibt

Bei meinem letzten Besuch wurden die Mauern, die in einer der vielen Umbauphasen zwischen die Stahlstreben gezogen wurden, mit einem winzigen Presslufthammer freigelegt – eine archäologische Bauforschung wird leider dadurch unmöglich. Die Innenkonstruktion ist gestützt mit einem Baugerüst. Eigentlich gute Zeichen dafür, dass dieses Mal tatsächlich ein Denkmal erhalten wird. Aber ich bin skeptisch, dass da nicht vielleicht doch plötzlich der Bagger ausrutscht (natürlich gaaaanz zufällig).

Ein Rundes Stahlgerippe umgeben von einer Wüste aus Trümmern.

Das Stahlgerippe kommt zutage (Bild: Januar 2022)

Und ich bin traurig. Denn, es ist nicht das Stahlgerüst an sich, das hier wichtig ist. Sicher, es ist das zentrale Bauelement. Bei keinem anderen Zirkusbau kann man es in dieser Form beobachten: Es ist von einer Filigranität, bei der man wirklich glaubt in einem Zelt zu sein. Aber nicht nur das macht die Schilleroper einzigartig: Sie ist auch der letzte Zirkusbau, den es in Deutschland noch gibt. Verschwindet sie, verschwindet eine ganze Epoche der deutschen Kulturgeschichte. Einst gab es viele Zirkusbauten, doch jetzt haben wir nur noch dieses eine.

Bagger vor der Schilleroper. Das Gerüst steht frei, die nebengebäude sind weg, im Fordergrund ein Bagger.

Der Zirkusbau steht Frei nach dem Abriss der Nebengebäude (Bild August 2021).

Und dieser eine Zirkus, hat mehr erlebt als nur Zirkusgeschichte: Es waren Juden, die hier gespielt haben, und dann fliehen mussten, es waren Zwangsarbeiter, die hier umgekommen sind, Flüchtlinge wurden hier untergebracht. Die Oper selbst ist Bestandteil der Kulturgeschichte des Nordens, der Ort, an dem Hans Albers entdeckt wurde, ein letztes und dazu noch kurioses und wunderschönes Relikt aus der Zeit, in der die Reeperbahn Las Vegas glich. Es ist auch die Geschichte der dänischen Identität Altonas, sowie die eines Jungen Zirkusdirektors, der den großen Traum hatte, die Welt zu verzaubern. Es ist die Vergangenheit Deutschlands als Kolonialmacht, die sich hier findet und die dringend aufgearbeitet werden sollte. Es ist die Geschichte der Kommunisten und Sozialdemokraten und ihrer Verfolgung.

Ein Baum eine angesprayte Wand. Daheimter erhebt sich der Lauechtturm der Schilleroper.

Der charakteristische Leuchtturm prägt das ganze Viertel. Auch mit seiner Geschichte vom Altonaer Blutsonntag. (Der Leuchtturm wurde mittlerweile entfernt)

Und nicht zuletzt war die Schilleroper ein Austragungsort des Altonaer Blutsonntag, der Anlass für die ersten politischen Hinrichtungen im NS-Regime. Ein Denkmal wie dieses, mit seinen Höhen und Tiefen, das gibt es einfach kein zweites Mal. Und das liegt nicht nur an der Beschaffenheit des Stahlskelettes. Es ist soviel mehr. Hier sollte etwas erreichtet werden, was der Geschichte dieses Ortes gerecht wird. Das sich ehrlich mit den schlimmen Zeiten auseinandersetzt, und gleichzeitig auch an die Glanzzeiten erinnert.

Ich bin im Herzen bewegt

Die Eigentümerfirma gibt sich bedeckt. Hier soll gemischter, sozialer Wohnraum entstehen, steht auf der Homepage. Alles ist sehr intransparent, das ist ein mulmiges Gefühl. Es gibt keine Kommunikation, es ist nicht bekannt, was mit dieser, mit unserer Geschichte, die so vielen Anwohner*innen so wichtig ist, geschehen wird. Und das macht Vielen, und auch mir, große Angst. Es beleibt die Hoffnung, dass es irgendwas bringt, dass die Oper 2018 als European Heritage ausgezeichnet wurde. Und die Erinnerung.

Denn als ich das erste Mal in der Zirkushalle stand, hat es mich zu Tränen gerührt. Nie zuvor und nie danach hat mich eine Architektur im Herzen so bewegt. Ich stand in der ehemaligen Manege, in diesem alten, kaputten, schäbigen Bau, der von außen so schwerfällig und klapprig wirkt. Und von innen sah es immer noch aus, wie ein leichtes Zirkuszelt. Um mich herum Spuren vieler sehr dunkler Zeiten, aber gleichzeitig eine unbändige Fröhlichkeit. Das Gefühl, die Elefanten von einst noch hören zu können, die Tränen von gestern noch sehen zu können, den Applaus noch zu spüren, und das Leid noch zu riechen. Das ist es, was bewahrt werden sollte.

Anmerkung: Besonders traurig ist für mich, dass ich mich selbst kaum engagieren kann. Ich suche zwar seit Jahren eine Wohnung in der Umgebung, weil es mein zu Hause ist, aber ich finde einfach nichts. Der Begriff Anwohnerinitiative hat für mich den Faden Beigeschmack von den Dingen, die mir wirklich am Herzen liegen ausgeschlossen zu sein. Weniger wert zu sein, als die Menschen, die sich in meinem zu Hause noch eine Wohnung leisten können, keine Stimme zu haben – und das tut verdammt weh.

Wenn dir die Einblicke in die Geschichte bei Miss Jones gefallen, dann kannst du ihr als Dankeschön ein kleines Trinkgeld hinterlassen, mit diesem klick findest du einen Paypallink.

Literatur:

Horst Königstein: Die Schiller-Oper in Altona, Frankfurt am Main 1983.

Anke Rees: Die Schiller-Oper in Hamburg – Der letzte Zirkusbau des 19. Jahrhunderts in Deutschland, Hamburg 2010.

https://www.anke-rees.de/schiller-oper/https://www.denkmalverein.de/gefaehrdet/gefaehrdet/neubau-statt-schilleroper

https://www.st-pauli-archiv.de/fotos

https://www.abendblatt.de/hamburg/article107742330/Altbau-auf-St-Pauli-nach-Mauer-Einsturz-abgerissen.html

https://www.spiegel.de/panorama/esso-haeuser-in-hamburg-st-pauli-vorwuerfe-nach-raeumung-a-939322.html

https://www.circus-paul-busch.de/inhalt_-1_history.htphttps://www.ndr.de/geschichte/Schiller-Oper-Altona-Hamburg-Verfall-Denkmalschutz-Ruine,schilleroper178.htmlhttps://www.youtube.com/watch?v=1DuRkSWFlNg

https://schilleroper-ini.blogspot.com/2021/09/ausgebremst-verzockt.html

Was passiert mit der Schilleroper?

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