Nein die Wilden im Busch leben nicht in der Steinzeit

Der Fernseher läuft, du schaltest um. Eine Doku. Drei Männer schleichen mit Pfeil und Bogen durch den brasilianischen Regenwald. Sie jagen einen Vogel. Eine donnernde stimmte dröhnt „Die Männer leben auch heute noch so wie in der Steinzeit“. So einen Satz haben wir alle schon mal gehört. Doch diese Darstellung ist mehr als nur problematisch:

Der Fehler liegt schon am Beginn der kulturwissenschaftlichen Forschung

Als die Erforschung von Kulturen begann, gab es noch keine Unterteilung in Ethnologie, Archäologie usw. vielmehr hat alles einen Ursprung: Die Betrachtung von Kulturen im Zeitalter der Aufklärung. Ein Zeitvertreib gutbürgerlicher Familien. Und so waren die Anfänge dieser Wissenschaften auch dilettantisch. Das kann man diesen Menschen nicht vorwerfen, sie wussten es nicht besser. Doch sie haben ihre Weltsicht unbewusst

Zeichnung von Goldie Nagy 2020. Eine Familie. Ein Man und ein Junge aus dem 19ten Jahrhundert, haben sich mit weiteren Familinmitgliedern zu einem Familienfoto Aufgestellt. Neben ihnen sitzt eine Frau, dirch die ein Blitz geht. Auf der anderen Seite Des Blitzes handelt es sich um eine Steizeitfrau. Ein weiterer Mann und ein Weiteres Kind haben sich auf disr Seite ebenfalls zum Famlilienfoto aufgestellt. Doch leben sie in der Steinzeit.

Es ist die immer gleiche Geschichte, dass wir seit 150 Jahren versuchen unsere Welt in ferner Zeit wiederzufinden. Das führt unweigerlich zu Fehlern – in Bezug auf das Thema Geschlechter könnt ihr eine Liste mit Artikeln hier finden (Bild: Goldie Nagy).

auf vergangen Zeiten projiziert. Jana Esther Fries, hat schon einmal in einem Gastartikel geschildert, welche Folgen dies für die Geschichte der Geschlechterforschung hatte. Aber, diese Zeit war auch von rassistischen Stereotypen geprägt, die wir ebenfalls bis heute in kulturwissenschaftlichen Arbeiten wiederfinden. Eines der frühen narrative ist – die Menschen im Buch leben so wie „wir“ in der Steinzeit – aber wie kommt man eigentlich auf so einen Gedanken?

Das Kulturstufenmodell

Diese Idee findet sich sowohl in der Rassentheorie, also auch seit Adam Smith im Liberalismus, bis hin zu Texten von Marx und Engels wieder; prägt unsere Gesellschaft also bis heute. Die Idee ist: Man überträgt die biologische Evolution auf kulturelle Entwicklungen. Laut Kulturstufenmodell entwickeln sich Kulturen, indem sie eine Art Treppe Stufe für Stufe erklimmen. Auf jeder Stufe müssen bestimmte Erfahrungen gesammelt werden, damit die Kultur auf die jeweils nächste Stufe empor klettern kann.

Evolutionsabfolge dargestellt mit vier Figuren, einer Art Schimpanse, ein Halbaffe, ein Mann mit einem Steinwerkzeug, einer mit einem Speer, und ein Homo Sapiens.

Die ganze Idee ist ähnlich der Evolutionstheorie, so wie man sie gängig lernt. Dabei wird implizit eine Wertung abgegeben. Und die wurde dann innerhalb der Art Homo sapiens nochmals projekizert.

Auf der Obersten Stufe steht der “weiße Mann”. So klug und toll wie dieser wollen auch alle anderen Kulturen werden. Das Problem ist nur: Die Kulturstufenidee ist völliger Quatsch. Natürlich entwickeln sich Kulturen. Aber weder nach oben noch nach unten, sondern den Umständen entsprechend. Menschen passen ihre Lebensrealität an ihre Bedürfnisse an. Die Ideen, die dabei entstehen und gelebt werden können unterschiedlich sein. Es gibt kein Schema nach dem sich etwas entwickelt. Sondern einen Rahmen, der in der jeweiligen Gesellschaft, von ihrem Wissen, ihrer Vorstellungswelt sowie ihrer Kreativität geprägt wird. Sie leben nicht besser oder schlechter, mehr oder weniger glücklich, dümmer oder klüger, sondern anders als wir. Doch was ich so selbstverständlich schreibe, ist leider nicht selbstverständlich.

Die Folgen der Kulturstufenidee

Eine Folge der Idee Kulturen herabzustufen war von beginn an menschenverachtend: ich spreche von Versklavung. Die spanische Krone hat 1542 die Indianerschutzgesetze verabschiedet. Ein trügerischer begriff, denn Kannibalen durften nun versklavt werden. Das sollte ihnen eine Hilfe sein, sie sollten dadurch schnell zivilisiert werden. Praktisch für Sklavenhändler, die einfach behaupten konnten, sie würden nur mit Kannibalen handeln.

Die Papiere, mehrere alte Zettel, mit geschwungener Schrift in Spanisch geschrieben.

Ein Faksimile der Gesetzestexte (Bild: Wolfgang Sauber (CC BY-SA 4.0)).

Kannibalismus galt lange als Teil der Kulturtreppe, als selbstverständlich in der Menschheitsgeschichte und so auch bei indigenen Gruppen. Auch das ist völliger Quatsch. Aber, man war von der Kulturstufenidee und von diesem Kannibalismus überzeugt, sodass diese Annahmen so selbstverständlich zur Wissenswelt der Europäer gehörte wie die Schwerkraft, oder das Feuer heiß ist. Man hat das nicht hinterfragt und so Kulturen völlig zu Unrecht Kannibalismus angedichtet. Bis heute führt das zu Vorurteilen. Aber das Ganze funktioniert auch andersherum.

Das Narrativ des „edlen Wilden“

Das ist ein Narrativ aus positiven Eigenschaften, die Menschen aus indigenen Gruppen zugeordnet werden. Bspw.: Sie seien besonders fair, gehen gut mit der Natur um usw. Auch das habt ihr alle schon mal gehört. Auch das ist Quatsch. Der prozentuale Anteil an Arschlöchern ist vmtl. in allen Gesellschaften gleich. Aber dieses Narrativ wirkt wenigstens freundlich. Doch stellt sie die Menschen gleichsam auch als naiv dar, unfähig in einer modernen Welt zu überleben. Die Hilfe der Missionare, die ihnen beibringen, wie die Welt wirklich funktioniert brauchen diese edlen Seelen ganz dringend. Dabei wird ausgespart, dass durch Kolonisierung vielfach Lebensräume zerstört wurden. Dadurch sind die Kulturen überhaupt erst in die Situation gekommen, dass sie bedürftig sind. Um Hilfe zu bekommen, mussten sie dann zum Teil noch ihre eigenen Glaubenswelten gegen das Christentum tauschen.

Ein junger Mann einer Gruppe Nordamerikanischer Native Americans Tanz einen Pow Pow in traditioneller Kleidung.

Dieser Mann tanzt Pow Pow, ein Tanz nicht aus der Steinzeit, sondern heute, nicht aus einer rückständigen oder besseren, sondern aus einer anderen Kultur.

Der „Edle Wilde“ findet nicht nur in dieser Form Platz in der Wahrnehmungswelt der Aufklärung. Er ist Teil des Kulturstufenmodells. Es werden die Kulturen auf den einzelnen Stufen nämlich auch mit positiven Eigenschaften wie „edel“ beschrieben. Das Problem ist, das das ganze Konstrukt Kulturstufenmodell eine Grundlage für Rassismen ist. Wenn man also einen Vergleich zwischen Steinzeit und Indigener Gruppe macht, und ihn im Sinne dieser „edlen Wilden“ formuliert, dann bedient man sich immer noch derselben rassistischen Grundstruktur. Und dass kann absurd werden, denn, ja es gibt ihn in der Forschung, den „Edlen wilden Kannibalen“. Das ist der Kannibale, der laut Behm-Blancke, die Kulturstufen, in denen Kannibalismus notwendig war, durch die Erfindung des Ackerbaus überwinden konnte, ihn aber als ein Ritual weiterführt. Und auch das ist in der heutigen kulturwissenschaftlichen Forschung erwiesener Quatsch.

Wer ist jetzt Behm-Blancke?

Behm Blanke war Archäologieprof. der Universität Jena. Er forschte in der frühen DDR zu Kannibalismus. Die Archäologie war zu Behm-Blanckes Lebzeiten verantwortlich für die Ausgestaltung der Rassentheorie des NS-Regimes gewesen, natürlich auf Basis des Kulturstufenmodells. Behm-Blancke forschte direkt nach dieser Zeit, in dem Wissen, das dies geschehen war, in einer Realität, in der die Schriften von Marx und Engels relevant wurden. Auch diese Schriften beinhalten die Kulturstufenidee. Engels hat selbst ein Kulturstufenmodell entwickelt, dabei berief er sich auf Henry Morgan. Behm-Blanke versuchte nun Kulturen und ihren kannibalistischen Hintergrund zu kategorisieren, und übertrug Befunde der Archäologie in das Modell von Engels. Er nahm also das Modell und passte dann archäologische Funde daran an.

Grafik mit Überschrift Zirkelschluss Kannibalismus. Oben steht Kannibalismus gibt es nur in wenig entwickelten Kulturen. Davon geht ein Pfeil aus, der mit dem Wort Schlussfolgerung markiert ist. Dieser Zeit auf: Weil Kulutr XY wenig entwickelt ist, gibt es bei ihr Kannibalismus. Hiervon zeigt ein Pfeil mit dem Wort Beleg gekennzeichnet wieder auf die erste Aussage. Darunter steht: ... ob es den Kannibalismus wirklich gab, wird nicht geprüft...

Ein Zirkelschlussbeispiel. So banale und offensichtlich Falsche argumentationsstränge habe ich bei der Recherche meiner Masterarbeit selbst in weltberühmter Fachliteratur gefunden

Seriöse Forschung funktioniert andersherum. Man hat erst den Befund und dann die Interpretation. Denn sonst erzeugt man Zirkelschlüsse und biegt sich die Welt so zurecht, wie man es gerne hätte. Behm-Blancke sah aber durchaus, dass dieses Modell zutiefst rassistisch ist. Nicht nur er, sondern auch andere DDR-Forscher*innen, gewöhnten sich an, in ihren Arbeiten dazu zu sagen, dass dies nicht abwertend gemeint sei. Was nichts daran ändert, dass es sich um eine strukturell rassistische Denke, handelt. Denn die Gleichsetzung zwischen prähistorischer Epoche und einer Indigenen oder schwarzen Bevölkerung im Sinne eines Fortschrittsglaubens, sowie eine niedere Einordnung wurde trotzdem gemacht. Heute wird dies nicht mehr so gehandhabt. Doch eure Fragen zeigen mir – diese Idee ist in der Gesellschaft immer noch weit verbreitet.

Aber moment mal, die Naturvölker leben doch total im Einklang mit ihrer Umwelt

Klares Jein. Wenn wir uns z.B. den brasilianischen Jungel ansehen, dann wirkt das für uns wild und unberechenbar. Es gibt heroische Youtuber die dort Abenteuervideos drehen. Für die Indigenen Gruppen, die dort leben ist das ihr Zuhause. Es ist weder heroisch noch unberechenbar, es ist ihr Alltag. Sie tun das, was alle Menschen machen. Sie passen ihre Umwelt ihren Bedürfnissen an. Das heißt: Sie betreiben Forstwirtschaft, bauen im Dschungel Gemüse an.

Ein großes, rundes Gebäude, das einen Platz umschließt. Das Gebäude steht im Regenwald.

Ein Rundhaus der Yanomami. Sie haben die Umgebung an ihre Bedürfnisse angepasst (Bild: Kuliw (CC BY-SA 4.0).

Diese Indigenen Gruppen haben einen Wissensschatz über die Natur im Regenwald. Sie wissen, z.B. dass ein bestimmter Baum besser gedeiht, wenn sie drum herum ein bisschen roden, damit dieser Baum mehr Platz hat. Was uns vorkommt wie wilde Natur, ist im Grunde genommen ein Forst. Also ein bewirtschafteter Wald – eine Kulturlandschaft und keine Naturlandschaft. Der Wald ist die Lebensgrundlage der einheimischen Kulturen, deshalb Pflegen sie ihn. Es gibt Umweltschutzorganisationen die Indigene Gruppen vertreiben, um die Wälder zu schützen. Es zeigt sich aber immer wieder, dass das kontraproduktiv ist. Auf Satellitenbildern kann man sehen, dass die Teile des Regenwaldes wo indigene Gruppen leben, besser gedeihen als die Regionen, wo der Wald nicht gepflegt wird.

Aber sind dann nicht bestimmte Kulturtechniken dieser indigenen Gruppen nicht tatsächlich auf prähistorische Kulturen übertragbar?

Wiederum klares Jein. Es gibt die Archäologisch-Ethnologische Methode. Dabei wird genau das gemacht. Man bildet einen sog. Analogieschluss, das heißt man vergleicht zu Beispiel ähnliche Werkzeuge einer prähistorischen und einer indigenen Gruppe, dabei schaut man wie das Werkzeug verwendet wird. Doch diese Methode ist umstritten. Einen wirklich validen Analogieschluss zu machen ist sehr schwierig.

Ein Scherenschnitt von einer Jagt. Zu sehen sind Menschen, die Speere tragen in einer leicht bewölkten Landschaft mit hüfthohen Grasbewuchs.

Eine Jagt in einer eiszeitlichen Steppe läuft unter ganz anderen Umständen ab, als eine Jagt in einem Heißen dicht bewachsenen Regenwald (Das Bild stammt aus dem Forschungsmuseum Schöningen).

Dazu ein Beispiel: Bei den Rentierjägern der Ahrensburger Kultur wurden die ältesten bekannten Pfeil und Bogen gefunden. Auch einige Indigene Gruppen jagen mit Pfeil und Bogen. Doch es gibt hunderte verschiedene jagt Techniken. Im Regenwald jagt man anders als die Ahrensburger Kultur in der endeiszeitlichen Tundra. Andere Umstände erfordern andere Jagttechniken. Leider werden solche Analogien dennoch gebildet. Und noch weniger Valide: Religiöse Vorstellungen werden quer durch Zeit und Raum aufeinander Übertragen ohne, dass man dies prüfen könnte. Aus Kulturen, die ähnliche Objekte anfertigen, die aber völlig unterschiedliche Bedeutungen haben, einen Analogieschluss zu machen, ist also eine hohe Kunst.

Ein Pfeil in einem Pfeilschaftglätter. Der Pfeilschaftglätter besteht aus Sandstein.

Auf der anderen Seite kann man mit Hilfe indigener Gruppen herausfinden, wie einzelne Werkzeuge funktionieren. Wie man es zum Beispiel mit diesem Pfeilschaftglätter untersucht hat.

Ein Problem: Archäologie und Ethnologie sind heute getrennte Fächer und es fehlt beiderseits wichtiges Vorwissen im anderen Fach. Dennoch kann das Wissen indigener Gruppen helfen. Vor allem, wenn es darum geht herauszufinden, wie Gegenstände, die sich ähnlich sind, hergestellt werden. Dies zu dokumentieren kann wertvoll sein. Vor allem für die Indigenen Kulturen, die wertgeschätzt werden, wenn man sie zum mündigen Bestandteil der Betrachtung macht.

Warum sollten Indigene Gruppen unmündig sein?

Die Idee der Kulturstufen hat tiefe Kerben in unserer Denke hinterlassen. Forschungsgeschichtlich wurden Menschen anderer Kulturen von oben herab betrachtet – unsere Vergangenheit aber mit Funden heroisiert. Indigene Gruppen wurden „entdeckt“ wie seltene Tierarten. Kulturgüter wurden ihnen entwendet und endeten als Trophäen. Oder in Europäische Museen gestellt, die Wissen über fremde Kulturen vermitteln sollen, ohne das die Plünderer dieser Kulturen, überhaupt interessiert waren diese Kulturen aus einer anderen Perspektive, außer der der Überlegenheit zu betrachten.

Ein Bronzekopf. Die Haare sind unter einer Geflochtenen Kappe verborgen, die Person trägt Halsringe mit Korallenbesatz.

Ein Bronzekopf vmtl. aus dem 16. Jahrhundert. Es handelt sich um einen Oba, was an der Geflochtenen Kappe zu erkennen ist. Leider lässt sich durch die Plünderungen heute nicht mehr Sagen, um welchen Oba es sich handelt. Aber die Rückgabe dieser Bronzen wird derzeit teils vollzogen, und ist bis heute in der Diskussion.

Es gibt also eine kulturgeschichtliche Machtasymmetrie. Bei dieser ging es auch darum die „niederen Kulturen“ zu unterwerfen. Das wirkt sich bis heute aus, nicht nur in Form von Protesten der Kulturen, die ihre geraubten Kulturgüter zurückhaben wollen. Es gibt ca 100 sog. unkontaktierte Völker. Das sind indigene Gruppen, die gar keinen Kontakt zur Westlichen Welt haben. Dabei ist eines klar: Diese Menschen wissen, dass es die „Westliche Welt“ gibt – aber sie wollen nichts mit ihr zu tun haben. Und ich kann es ihnen nicht verübeln.

Die Folgen der Kolonialzeit mal aus der Sicht unkontaktierter Völker

Als die Europäer den amerikanischen Kontinent betraten brachten sie eine unsichtbare Gefahr mit – Krankheitserreger. Viele indigene Menschen verstarben deswegen. Doch diejenigen, die keinen Kontakt hatten zu diesen weißen Menschen bleiben gesund. Ein guter Grund sich fernzuhalten. In Brasilien gab es in den 80ger Jahren zuletzt Bestrebungen Bevölkerungen gezielt zu kontaktieren. In dem Wissen um die Krankheitserreger wurde dabei ein großer Aufwand für eine medizinische Versorgung getrieben. Dennoch starben 90% der neu kontaktierten Menschen. Deswegen wurde die Kontaktaufnahmen schließlich verboten. Doch nicht nur diese Geschichten sprechen sich herum im Regenwald. Die unkontaktierten Kulturen haben durchaus Kontakt zu bereits kontaktierten Kulturen, von denen sie die Geschichten kennen. Zum Beispiel über Holzfäller, die gewalttätig gegenüber indigenen werden.

Ein Junge und ein Mann. Sie stehen im Regenwald neben einem Langhaus. Beide haben Körperbemalung, und tragen nur einen Lendenschurz. Das Bild ist aus dem Flugzeug gemacht, der Mann hat Pfeil und Bogen auf das Flugzeug gerichtet.

Dieses Bild wurde 2012 in der Region Acre aus dem Flugzeug heraus gemacht. Es zeigt eine Siedlung einer isoliert lebenden Menschengruppe. Sie zeigen deutlich, dass sie sich verteidigen werden (gemeinfrei).

Dieser Buschfunk funktioniert schon sehr lange. Bereits in der Zeit, in der die Europäer in Brasilien anlandeten, verschwanden komplexe Kulturen im brasilianischen Regenwald. Es sprach sich herum, das diese weißen Leute Menschen versklavten. So flohen Indigene tiefer in den Regenwald, wo die weißen sie nicht finden. Wenn wir also über diese indigenen Gruppen sprechen, sprechen wir auch von 400 Jahren Fluchtgeschichte. Es sind teils Nachfahren der Menschen, die in den Regenwald geflohen sind und sich dann dort kulturell neu formiert haben, um in dieser Lebensrealität zurecht zu kommen. Es gibt also unkontaktierte Völker die weniger „ursprünglich“ leben, als vielmehr das Leben leben, dass ihnen übrigbleibt, um sich vor den weißen zu schützen und die bis heute immer tiefer vor den weißen in den schwindenden Wald fliehen. Sie sind vielleicht sogar Nachfahren südamerikanischer Hochkulturen. Und in dieser Hinsicht macht die oft genannte Idee: „Die Menschen leben immer noch wie in der Steinzeit“ einfach gar keinen Sinn.

Aber macht es nicht doch manchmal Sinn diese Menschen zu kontaktieren?

Gerade bei Bevölkerungen, die vom Klimawandel stark getroffen sind und wo fraglich ist, ob sie sich an diese Umstände anpassen können, ist das eine wichtige Frage. Aber verkraften das diese Menschen? Werden sie krank? Verfallen dem Alkohol? Man mag einwenden, mit guter Bildung können sie sich anpassen. Aber das wirkt, wieder so, wie der weiße Mann, der dem rückständigen Indigenen die Welt erklärt. Das ist kein Umgang auf Augenhöhe. Diejenigen, die sich nicht an diese Regelungen, dass man diese Kulturen nicht kontaktiert, nicht halten sind bezeichnenderweise vor allem evangelikale Missionare. 2018 wurde der Missionar John Allan Chau dabei von den Sentinelesen getötet. Eine Inselkultur, welche klar gemacht hat, dass sie nicht kontaktiert werden will und die diese Entscheidung mit Waffengewalt verteidigt. Auch sie haben implizit Kontakt mit der Welt über ihre Nachbarkultur, den Jarawa. Sie kennen die Folgen, die weitere Kontakte haben können. Diese Region war 2004 von dem Tsunami im Südpazifik betroffen – als danach ein Helicopter dort eine Runde flog, um nachzusehen, ob die Sentinelesen Unterstützung brauchen, wurde dieser mit Pfeilen beschossen.

Ein Mann an einem weißen Strand. Er ist nur schemenhaft zu erkennen, denn es handelt sich um eine Kamera, die von einem Helicopter aus Film. Deutlich zu sehen ist, der Mann reichtet Pfeil und Bogen direkt auf den Helikopter, von dem aus er fotografiert wird.

Dieses Bild zeigt das Ereignis nach dem Tsunami 2004 © Indian Coastguard/Survival.

Ein gutes Zeichen, denn sie zeigen, das sie noch in der Lage sind sich zu verteidigen. Es zeigt sich, dass die Sentinelesen und die Jarawa bestens zurechtkommen – in beiden Gruppen gab es keine Opfer. Die Kulturen haben ein tradiertes Wissen über ihre Umwelt. Sie wussten, dass ein Tsunami kommt und haben sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Man kann davon ausgehen, dass sie nicht auf einen evangelikalen Missionar angewiesen sind. Die Sentinelesen leben eben nicht in der Steinzeit, sondern genauso wie wir im 21. Jahrhundert – und sie wissen ganz genau, was das bedeutet. Doch wir sollten sie schützen. Nicht nur vor Krankheitserregern, der Klimawandel wird in ihrer Region großen Schaden anrichten, dafür muss eine Lösung her. Und da gibt es ein anderes Problem: wenn wir sie als Steinzeitmenschen bezeichnen, scheiben wir sie implizit in eine lang vergangene Zeit. Es liegt aber in der nahen Zukunft, dass die Inselkulturen des Südpazifiks drohen im Meer zu versinken.

Die Gleichsetzung von Schwarzen Kulturen mit der Steinzeit

In der Forschungsgeschichte wurden Schwarze Menschen auch in die Rassentheorie einsortiert. Es gibt Vergleiche von ihnen mit Affen und Reihungen, die die Evolution zeigen von Schimpansen über Schwarze Menschen hin zu weißen – dieser pseudobiologische Kokolores ist eng mit der Kulturstufenidee verwandt und bildete die Basis rassistischer Stereotype. Die Gleichsetzung Steinzeit und Schwarz war eine Abwertung schwarzer Menschen.

Buchcover mit der Aufschrift "The evolution of Living Things". Dadrunter ist eine Evolutionsreihe, aus 5 Wesen. Ein schwarzer Affe, dann ein dunkelbrauner etwas größerer Affe, dann ein mittelbrauner aufrecht gehender Mann, dann ein Aufrecht gehender Hellbrauner Mann mit einem Speer und dann ein weißer Mann mit einem Anzug.

Dieses 2016 erschienene Kindermalbuch zeigt dieses Stereotyp ganz unterschwellig.

Und das ist absolut zu verurteilen. Das Problem ist nur: welche Hautfarbe hatten die Menschen der Vergangenheit? Das ist teils überhaupt nicht klar. Und dennoch wird die Evolution bis heute immer wieder auch farblich von Schwarz zu Weiß dargestellt. Dabei ist es durchaus möglich, dass man auch bei anderen Homonidenarten verschiedene Farben finden kann. Denn wie z.B: bei Eisbären, ist in Schneelandschaften eine helle Haut biologisch durchaus sinnvoll. Die DNA-Forschung ist bei früheren Homonidenarten nicht so weit, dass wir darüber ein Urteil fällen können.

Ein Nackter Homoheidelbergensis - Wachsfigur die einen Pferdeschädel hält.

Es macht also durchaus Sinn, diesen Homo heidelbergensis weiß darzustellen, weil er in einer Eiszeit gelebt hat – auch wenn man keinen Beleg für die Hautfarbe hat.

Eine Darstellung der Entwicklung von Schwarz zu weiß ist also wissenschaftlicher Quatsch und folgt nur der alten, rassistischen Struktur. Schaut man sich nur den Homo sapiens an, ist das Teils anders. Am Anfang waren nämlich alle Homo sapiens schwarz. Kurz vor der Jungsteinzeit gab es dann aber eine Mutation, die eine hellere Hautfarbe ermöglichte und die sich dann verbreitet hat. Weiße Homo sapiens gibt es auch in Europa erst seit gut 10.000 Jahren, den Homo sapiens selbst gibt es hier aber schon viel länger. Das heißt, wenn ich euch über bestimmte Zeiten erzähle, ist es wissenschaftlich korrekt Menschen der nordeuropäischen Steinzeit schwarz darzustellen.

Malerei aus Lascaux. Links und rechts ist je ein Auerochse, in der Mitte sind Pferde.

Zwei Auerochsen aus den Felsbildern von Lascaux – Die Menschen, die diese atemberaubende Kunst schufen, waren höchstwahrscheinlich Schwarz (Gemeinfrei).

Allerdings fällt mir das aufgrund der Abwertungsgeschichte schwer. Ich möchte nicht heute lebende Schwarze mit der Steinzeit gleichsetzen – weil es ein falsches Klischeebild der Steinzeit gibt. Allerdings wird in dieser Denke Steinzeit ebenfalls abgewertet und mit Keulen und Grunzen gleichgesetzt. Diese rassistische Abwertung funktioniert also gegenläufig und setzt auch Menschen der Steinzeit herab. Als Archäologin sehe ich in den Menschen der Steinzeit aber etwas ganz anderes: Kulturen, die großartiges vollbracht haben und die ich verehre. Ich hoffe ich transportiere diese Sichtweise in der Art wie ich die Schwarzen Kulturen der nordeuropäischen Steinzeit zeige. Und ich hoffe auch, dass ich meine Wertschätzung für heute Lebende POC-Personen deutlich genug zeige.

Mein Fazit

Ich denke, es gibt die Wilden im Busch nicht. Es gibt Kulturen, die gefährdet sind und für die das, was wir als Wildnis wahrnehmen Lebensraum und Kulturlandschaft ist. Und es gibt auch nicht die Steinzeit, denn das, was ihr als Steinzeiten erfassen, dauert immerhin 2,5 Millionen Jahre und ist ein Sammelbecken diverser Kulturen. Zu sagen, die Wilden im Busch leben noch in der Steinzeit, ist auf verschiedenen Ebenen verkürzend, falsch und diskriminierend. Damit müssen wir aufhören, wenn wir in einer Welt leben wollen, in der alle Menschen sich miteinander verstehen. In der wir gemeinsam die großen Herausforderungen, wie den Klimawandel bewältigen wollen – denn immerhin – die indigenen Gruppen Brasiliens pflegen mit dem Regenwald die Lunge unseres Planeten.

Foto von einem Flugzeug aufgenommen. Am Boden stehen zwischen zwei Häusern, deren Strohdächer man sieht zwei Frauen. Sie sind unbekleidet, tragen aber Körperbemalung. Beide zeigen Richtung Kamera. Sie stehen direkt nebeneinander, und die eine Frau klammert sich mit einem Arm an die andere.

Eine Unkontaktierte Gruppe in Acre. Das Bild entstand als 2009 diese Gruppe erstmals bei einem Flug bemerkt wurde (Bild: Gleilson (CC BY 2.0)).

Ich wünschte mir, es wäre einfach zu sagen, in meiner Welt ist kein Platz für Rassismus. Aber dieser Artikel hat mir gezeigt, dass ich selbst unbemerkt rassistische Strukturen reproduziere. Dabei würde ich das niemals mit Absicht machen, ich will antirassistisch arbeiten. Doch auch ich bin geprägt von der Gesellschaft. Deswegen ist es gut, wenn wir uns unaufgeregt über dieses Thema austauschen. Ich glaube nun umso mehr an die Idee von meinem Blog, Kulturen auf Augenhöhe zu zeigen. Ich bin vielmehr sogar dafür, dass es Kultur als Schulfach geben sollte, in dem wir schon Kindern interkulturellen Respekt und gegenseitiges Interesse beibringen. Es sollte darum gehen, dass wir diese alten Strukturen aufbrechen und uns als Menschen in unserer Diversität wertschätzen. Das ist Teil davon dieses seltsame Wesen Namens Homo sapiens zu verstehen und eine Zukunft zu schaffen, in dem es diesem Wesen gut geht.

Übrigends, ich gehe jobben, damit du hier kostenlos etwas über Kulturen lernen kannst. Ich würde es nett finden, wenn du mir mit diesem Link ein kleines Trinkgeld schickst, damit ich nicht alle Kosten für diesen Blog alleine tragen muss.

Literatur:

Alexander Herrera, Ein Kurzbeitrag zur kritischen Archäologie aus Lateinamerika, Forum Kritische Archäologie 1, 2012.

Ulf Ickerodt: Einführung in das Grundproblem des archäologisch-kulturhistorischen Vergleichens und Deutens – Analogien-Bildung in der archäologischen Forschung, Frankfurt am Main 2012

Linda Owen & Martin Porr: Ethno-Analogy and the Reconstruction of Prehistoric Artefact Use and Production. In: Urgeschichtliche Materialhefte 14, Tübingen 1999.

Ein Teil dieses Beitrags ist von einigen Diskussion auf der Kiel Conference des Roots Forschungsclusters inspiriert.

Außerdem bezieht sich ein weiterer Teil auf meine Masterarbeit. Diese Quelle kannst du bei mir per Mail anfragen, wenn du sie prüfen willst.

https://www.sapiens.org/biology/racism-sexism-human-evolution/

https://www.survivalinternational.org/articles/3604-Uncontacted%20want%20to%20be%20left%20alone

https://www.survivalinternational.org/articles/no-biodiversity-no-human-diversity

https://www.survivalinternational.org/articles/3435-the-ancestor-myth-why-todays-tribal-peoples-should-not-be-compared-to-our-ancestors

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