Lato – ein Piratennest über den Wolken

Wer vor hat mal den Osten Kretas zu erkunden, und sich dabei nicht scheut in zahlreichen Serpentinen die Berge hochzufahren, dem empfehle ich doch mal einen Abstecher hoch in luftige Höhe nach Lato zu machen. Der Fundplatz auf den Goulashöhen ist kein Ort für Leute die Höhenangst haben. Und selten habe ich festes Schuhwerk so dringend empfohlen wie bei dieser Stätte. Denn es geht höher und immer höher. Zeitweise handelt es sich nicht um einer Besichtigung einer Stätte, sondern eher um eine Erkletterung. Die Siedlung Lato erstreckt sich über zwei Bergspitzen. Und das merkt man auch körperlich bei einem Besuch. Aber es gibt von dort oben auch eine wunderschöne Aussicht auf die Mirabellobucht und das Mittelmeer.

Die Aussicht von einem Berg aus. Links sind noch ein Paar Felsen zu sehen, im Vordergrund ersteckt sich eine Landschaft. Eine Stadt, die aus weißen Häusern gebaut ist zieht sich ins Meer, das sich dahinter weithin sichtbar ausbreitet, und ganz im hintergrund ist noch ine Bergkette zu erkennen, von der anderen Seite der Meeresbucht.

Und wenn ich grandiose Aussicht meine, dann spreche ich von diesem wunderbaren Ausblick. Der weiße Fleck, der in das Meer rein ragt, ist übrigens die 12.000 Einwohnerstadt Agios Nikolaos.

Bei diesem archäologischen Fundplatz mit der ganz besonderen Aussicht, handelt es sich um eine Siedlung, die zwar freigelegt wurde, aber Fachliteratur zu dieser Siedlung ist nur äußerst spärlich gesät. Das mag an dem Zeitalter liegen, in der diese Siedlung bewohnt war. Die Stadt Lato, benannt nach der Göttin Leto, hatte ihre Blütezeit in der sog. geometrischen Epoche, eine Zeit, welche im Verhältnis zu anderen Kulturzeitaltern Griechenlands eher selten betrachtet wird. Der Ort passt zu den Annahmen über die Dorer, welche im Vergleich zu den Minoern eher einen gewalttätigen Background hatten. Diese haben, so eine Annahme, nach dem Ende der bronzezeitlichen Kultur minoische Gebiet eingenommen und die alte Kultur teils überprägt. Die Dorer waren also eine Gruppe, die sich nicht ohne Grund auf einer Bergkuppe in einer Siedlung einfand, die wirkt wie ein uneinnehmbares Bollwerk. Sie gründeten im 8. Jahrhundert v. Chr. diese Siedlung. Aber: Es gibt Hinweise auf eine minoische Vorbesiedlung, vermutlich haben hier ursprünglich Schäfer saisonal gelebt und ihre Schafe in der saftig grünen Landschaft Kreta weiden lassen. Die Ruinen, die heute noch zu sehen sind, stammen in der Hauptsache aber erst aus der Zeit des 5. Jahrhunderts v. Chr.

Der Eingang zu der archäologischen Siedlung Lato auf Kreta. Im vordergrund ist eine Massive Festungsmauer zu sehen, mit einem schmalen durchgang von weniger als einem Meter breite. Dahinter erstrecken sich ein paar rester einer Architektur die aus filigraneren helleren Steinen gebaut ist.

Der Eingang zu dem Ort Lato ist schmal. Der Durchgang in der massiven Festungsmauer ist gerade mal einen Meter breit.

Es wurde sehr weit oben gesiedelt. Bekannt ist, die Zeiten waren unruhig gewesen nach dem Zusammenbruch der großen bronzezeitlichen Kulturen des Mittelmeerraumes. Und von hier oben, hat man nicht nur eine gute Aussicht auf das Mittelmeer, sondern es ist auch sicher. Die gesamte Stadt ist von einer massiven Festungsmauer umgeben, mit nur wenigen Eingängen. Diese waren eng gebaut, und durch die steilen Berghänge um die Siedlung herum leicht zu verteidigen. Lato war also nicht nur in Stadt, es war eine regelrechte Festung, gesichert mit Türmen und anderen Wehranlagen. Diese erstreckte sich über zwei Berge, auf denen 7 Terrassen angelegt worden wahren, um die bergige Region bewohnbar zu machen. Archäolog*innen haben diese Anlage deswegen auch in 7 Stadtviertel unterteilt, wobei fraglich ist, ob dies nicht eine künstlich geschaffene Wahrnehmung ist. Diese Bereiche sind nicht vollständig ausgegraben und bei einem der Stadtteile wird vermutet, es handele sich um einen Palast.

Der Blick vom westlichen Siedlungshügl der archäologischen Fundstätte Lato zum Östlichen Siedlungshügel. Zu sehen ist, das die Siedlung in Terrassen den Berg hochklettert. Es sind nur Ruienen von Häusern vorhanden.

Der Blick von einem Siedlungshügel der Siedlung zu dem anderen herüber.

Das Lato bis heute nicht ganz ausgegraben ist, ist im Grunde genommen auch gut so, denn es gilt ein archäologischer Grundsatz: Was Jahrtausende in der Erde überlebt hat, wird auch noch Jahrtausende dort überleben. Lassen wir es in der Erde, denn dort ist es sicher. Graben wir es aus, wird es vielleicht von jemanden absichtlich oder unabsichtlich kaputt gemacht. Und doch lässt sich ein bisschen über die Lebensweise aussagen. So wurden beispielsweise 6 Wohnhäuser freigelegt und es zeigte sich, das die Häuser sich alle ähneln. Es gibt aber kein typisches Lato-Haus, typisch ist vielmehr, dass die Architektur dem jeweiligen Bereich der Berglandschaft angepasst wurde. Die Gebäude wurden aus dem Gestein der Umgebung gebaut und teils mit Lehm verstrichen. Zudem ergab die Untersuchung der Wohnhäuser, dass die Haushalte Regenwasser sammelten, für die Frischwasserversorgung. Dieses Wasser wurde in einer Art aus Felsgestein gebauten Tank, unterirdisch unter den Häusern aufbewahrt. Allgemein scheint die Frischwasserversorgung auf den Berggipfeln ein Problem gewesen sein. Ich empfehle bei einem Besuch einmal darauf zu achten an wie vielen Orten hier Regenwasser gesammelt wurde.

Ein Kaputte Gitter über einem Loch im Boden.

Aber Vorsicht ist angesagt, denn die unterirdischen Wasserbecken gibt es bis heute. Und diese sind nicht immer gut gesichert. Also bitte nicht hereinfallen.

Bei den archäologischen Untersuchungen sind auch Spuren zutage getreten die rund um das 3. Jahrhundert v. Chr. datiert werden. Dabei handelt es sich um eine Agora. Einen Marktplatz und dazu einen ausgeprägt gestalteten öffentlichen Raum mit vielen Möglichkeiten sich aufzuhalten, oder auch Sport oder Kulturereignissen beizuwohnen. Erhalten sind zum Beispiel steinerne Sitzbänke. Und diese sind zum Teil so angelegt, dass man von ihnen aus die Aussicht auf die Mirabellobucht genießen konnte. Ein Stück Lebensgefühl lässt sich hier also auch noch wahrnehmen. Wobei, dass auch nur ein Eindruck sein kann. In der Zeit, in der diese Baustrukturen errichtet wurden, von denen aus man das Meer so gut beobachten konnte, waren die Kreter*inen nämlich auch berüchtigt für ihre Piraterie. Von den Bewohner*innen von Lato wird erzählt, sie seien auf See gut positioniert gewesen. Es ist möglich, dass dort wo heute Agios Nikolaos liegt, der Hafen dieser Stadt gewesen ist und das man auf das Meer heraussah, während man auf liebe angehörige Seefahrer*innen und Seeräuber*innen wartete. Im 2. Jahrhundert v. Chr. ging diese Kultur verloren. Das anstrengende Leben auf dem Bergrücken wurde aufgegeben und der Ort verlassen.

Eine lang Steinstufe vor einer alten Mauer, davor erstreckt sich ein Platz.

Die Stufen vor einem Platz dienten als Aufenthaltsort.

Die Stadt Lato wurde in der Zeit zwischen dem 3. und dem 2. Jahrhundert v. Chr. vor allem für politische Aktivitäten, wie einem Bündnis mit Knossos oder einer Handelsbeziehung mit Milet bekannt. Es gibt Überlieferungen über Vereinbarungen bzgl. Zollfreiheiten, oder auch über ein Schuldenarchiv. Einer Art Vergabeprinzip, durch das die Einwohner*innen von Lato ein Darlehen aufnehmen durften, mit dem sie dann investieren konnten. Sie handelten mit Agrarprodukten und auch mit Sklav*innen. Diese wurden dabei oftmals bei Raubzügen zu See gefangen genommen. Die Piraterie war die Grundlage für das große Geschäft namens Menschenhandel in der hellenistischen Welt. Besatzungen geenterter Schiffe wurden dabei verkauft. In Lato, wie in den anderen Siedlungen Kretas dieser Zeit, galten nicht wie im Rest Griechenlands demokratischen Grundsätze. Anstelle dessen gaben einige reiche Familien den Ton an. Es ist also kein Wunder, das Lato ein bisschen anmutet wie ein Piratennest. Die Raue Zeit erklärt also warum die Gebäude in der Siedlung eher grobschlächtig wirken und nicht so akkurat in der Landschaft platziert sind, wie die der minoischen Vergangenheit der Insel. In der Bronzezeit waren die Straßen gerade gewesen, in Lato zieht sich ein krummes Straßengewirr über einen Bergkamm.

Eine Treppe aus groben Stein zieht sich einen Berg hoch. Sie verläuft eng zwischen Ruinen, ebenfalls aus weisen Steinen, die Grob behauen sind.

Und teilweise sind es keine Straßen, sondern Treppen, die durch den Ort führen.

Mich hat diese Stätte in der Hauptsache an andere Stätten auf Kreta erinnert. Beispielsweise der Palast von Malia. Dieser ist zwar mehr erforscht, aber auch hier irrt man zischen alten Steinen umher. Und wie in Gournia hat man den Blick auf einen Hafen in weiter Ferne, den man als diesen als Laie aber leider nicht erkennt. Und wenn man nicht mindestens ein paar Jahre Archäologie studiert hat, dann bleibt alles ein Haufen alter Steine. Und das ist schade, denn gerade das Zeitalter, in dem hier gesiedelt wurde, ist den meisten Menschen weitgehend unbekannt. Durch eine gute touristische Aufarbeitung wäre dieser Fundplatz eine Bereicherung für das Allgemeinwissen über die Kulturgeschichte. Er wäre aber auch eine Bereicherung als Ausflugsziel, im krisengeplagten Griechenland. Es gibt zwar hier und da einige wenige erklärende Schilder, doch sie sind rar gesät. Gleichzeitig gewinnt diese Stätte aber zunehmend an Bekanntheit, aufgrund der außergewöhnlichen Lage. Es ist nicht wie in der Siedlung Gournia, in der man den ganzen Ort quasi für sich alleine hat. Viele Besucher*innen irren durch die eisenzeitlichen Straßenlabyrinthe und bekommen keine ausreichende Erklärung. Aber stellenweise ist es durch die unterirdischen Zisternen sogar ein bisschen gefährlich sich die Stätte anzusehen. Und durch die geringe Forschung zu Lato gibt es nicht einmal einen guten Reiseführer, den ich euch empfehlen kann. Und das ist sehr schade.

Siedlungsterrassen des Osthanges der archäologischen Siedlung Lato von untern Fotografiert. Die Siedlung klettert mit hilfe einer terrassierung den Berg hoch.

Den dieser Fundplatz hat wirklich viel zu bieten. Es ist nur leider so wenig dazu publiziert worden.

Nicht desto trotz möchte ich all jenen diese Stätte empfehlen, die Lust haben auf eine grandiose Aussicht und den Abenteuerwillen sich eine archäologische Stätte zu erklettern. Viele Gebäude sind in der Grundstruktur noch gut zu erkennen und man kann sich vorstellen, wie beschwerliche die Menschen so weit oben auf einem Berg gelebt haben. Dieser Ort regt auf jeden Fall die Fantasie an, hat aber auch einen kleinen Abenteuercharme. Denn nicht nur das man sich durch die Heimstätte der Seeräuber vergangener Tage bewegt, die Lage der Stätte an sich zu erobern und sich die luftigen Höhen einmal selbst anzusehen ist ein kleines Abenteuer.

Eine vielfältiege grün bewachsene Berglandschaft.

Und nur weil es so wunderschön ist, zeige ich euch zum Abschluss auch noch die Aussicht von Lato ins Bergland hinein.

Literatur

Für diesen Artikel habe ich vielfach Notizen verwendet, die ich vor Ort gemacht habe. Zudem konnte ich aufgrund der Coronakrise nur sehr begrenzt auf die Bücher der Fachbibliothek zugreifen, deswegen war es eine große Freude, dass mir eine sehr liebe Kommilitonin einige ihrer eigenen Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt hat.

Angelos Chaniotis, Das Antike Kreta, H.C. Beck Wissen, Nördlingen 2004

Angelos Chanitis, From Minoan Farmers and Roman Traders – Sidelights on the Economy of Aincient Crete, Stuttgard 1999.

Lambert Schneider, Kreta – 5000 Jahre Kunst und Kultur: Minoische Paläste, byzantinische Kapellen und venezianische Stadtanlagen, Hamburg 2005.

Ein Gedanke zu „Lato – ein Piratennest über den Wolken

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