Das wahrscheinlich schönste Museum, dass ich je gesehen habe

Das Museo Civico Archaeologico in Verucchio ist ungelogen, dass schönste Museum, dass ich jemals gesehen habe. Es ist ganz am Rande der kleinen Stadt Verucchio gelegen, in einem alten Hof, der Extra für dieses Museum restauriert wurde. Ich empfehle zu Fuß dort hin zu gehen, denn auf dem Weg lässt sich bereits eine einzigartige Aussicht auf das Umland genießen. Das mittelalterliche Kopfsteinpflaster ist dabei stellenweise nicht ganz so einfach zu überwinden, ich rate also auf Highheels zu verzichten.

Der Ausblick auf dem Weg in das Museum ist Atemberaubend.

Das Museum selbst ist direkt an einem steilen Abhang gebaut. Die unglaubliche Schönheit der Landschaft im italienischen Hinterland entfaltet sich bei nahezu jedem Blick aus den Fenstern des Gebäudes. Wer sich das Museum, und die ebenfalls im Ort gelegene Rocca del Sasso an einem Tag ansieht, der bekommt einen der beiden Besuche geschenkt. Ein Angebot, dass man unbedingt wahrnehmen sollte.

Es lohnt sich schon, dass Museum zu besuchen, nur um aus dem Fenster zu sehen.

Was macht Veruchio Archäologisch so interessant?

In dem Museum werden Gräber der Villanovakultur ausgestellt die aus dem direktem Umland stammen. Die Menschen der Villanovakultur siedelt hier bereits in der Eisenzeit. Es wird vermutet, dass ihre Siedlung genau dort stand, wo heute Verucchio liegt, und das sich hier später auch eine etruskische Siedlung befunden hat. Durch die kontinuierliche Bebauung des Ortes ist es leider nicht möglich diese Siedlung zu erforschen. Aber es wird davon ausgegangen, dass auch die Rocca Del Sasso auf Resten Villanovazeitlicher Siedlungen errichtet wurde. Die Lage auf einem Bergrücken ist dabei typisch für Siedlungen dieser Kultur. Unklar ist für die Villanovakultur jedoch, in welchem Verhältnis sie zu der etruskischen Kultur stand. Es könnte sein, dass es die Vorläufer der Etrusker gewesen sind.

Auch das Museum liegt auf dem Bergrücken, auf dem die Menschen vermutlich schon seit der Eisenzeit gelebt haben.

Die Gräber

Klar hingegen ist, dass diese Gegend bereits im 9ten Jahrhundert vor Christus weit entwickelt war. Die nahe Anbindung an das Mittelmeer beim heutigen Rimini ist vermutlich Bestandteil dieser Entwicklung gewesen. Es wird angenommen, dass in späteren Siedlungsphasen Aristokratische Familienstrukturen in der Siedlung ausgeprägt waren. Dies wird nicht zuletzt auch aus gefundenen Grabinventaren geschlossen. Denn gleich mehrere Nekropolen konnten in der Umgebung aufgefunden werden. Das Aufkommen von sehr ähnlichen Brandbestattungen in den früheren Phasen spricht für ein ursprünglich eher egalitäres Gesellschaftssystem.

Inhalt eines Grabes aus dem 8ten Jahrhundert, welches noch mit Waffen ausgestattet gewesen ist.

Auffällig ist, dass es hier noch im 8ten Jahrhundert v. Chr. Bestattungen mit Waffen gibt, welche im weiteren Etrurien in dieser Zeit verschwinden. Tatsächlich finden sich in dieser Zeit bei Zweidritteln aller männlich definierten Bestattungen Waffenbeigaben.

Diese Fibeln werden, aufgrund ihrer geschwungenen Form, als Drachenfibeln bezeichnet. Sie finden sich in der Regel in Männerbestattungen.

Die Frauenbestattungen in Verucchio sind besonders auffällig, da sie nicht nur ein breites Repertoire an Schmuckgegenständen und Fibeln enthalten, sondern auch weil eine hohe Anzahl davon mit Bernstein verziert sind. Es handelt sich in der Regel um Nordseebernstein, welcher auf weite Handelskontakte der Siedlung hindeutet. In den Gräbern Verucchios konnten vielerlei wichtige Funde gesichert werden. Dazu gehören auch seltene Textilreste, welche mich eigentlich an diesen wundervollen Ort gelockt haben.

Jede der aufwändig gearbeiteten Sanguisugafibeln aus den Frauengräbern, ist mit einer individuellen Ornamentik verziert gewesen.

Ein einzigartig liebevoll gestaltetes Museum

Das Museum überzeugt durch seine Einfachheit. Es sind nicht teure Präsentationen, die es zu etwas besonderen machen, sondern die liebevolle Gestaltung, und der Ideenreichtum, der es zu einem besonderen Ort macht. Ausgestellt sind die Gräber einer in der näheren Umgebung von Archäologen erforschten Nekropole der Villanova Kultur. Die Grabinventare sind dabei immer im Zusammenhang präsentiert. Einzelne Vitrinen zeigen einzelne Grabkomplexe. Der Besucher bekommt am Anfang eine Karte in seiner jeweiligen Sprache in die Hand gedrückt. Auf der Karte ist in einfacher Sprache erklärt worum es sich bei den jeweiligen Objekten handelt Es gleicht eher einer Liste, als einer Erklärung, die über den Zeigefinger funktioniert. Dem Besucher wird das Gefühl vermittelt, selber Archäolog*in zu sein, und durch das eigene Inventar zu laufen und es zu begutachten.

Jede Vitrine zeigt das Inventar eines Grabes. Dem Besucher wird also jeder Fundkomplex im Zusammenhang vor Augen geführt.

Eine besonders Freundliche Atmosphäre

An einigen Stellen befinden sich auch erklärende Texte an den Wänden. Diese sind gut geschrieben. Besonders ist, die Einfachheit der Grafischen Darstellungen Menschen, welche mit Gegenständen aus dem Grabinventaren gezeigt werden, wodurch sich der Zweck der Gegenstände selbst erklärt. Die Dargestellten Menschen sind dabei in schlichten schwarzweiß gehalten, sodass der Blick unweigerlich auf die dargestellten Fundstücke fällt. Es ist so kinderleicht zu verstehen, was für Gegenstände vor einem liegen.

Die Funktion der Objekte ist in dieser Darstellung kinderleicht zu verstehen.

Besonders fallen mir auch die engagierten und freundlichen Mitarbeiterinnen auf, welche sich bemühen mir jede Frage zu beantworten, trotz Sprachbarriere. Ich suche in dem leider etwas kleinen Museumsshop nach Literatur, und bekomme dabei tatkräftige Unterstützung. Die Angestellte welche mir Bücher heraus sucht und ich stecken und gegenseitig mit unserer Freude an der Archäologie an, und zum Abschluss schenkt sie mir sogar noch zwei Poster von dem Museum.

Textilien aus der Vorgeschichte

Am meisten hat mich das Museum durch die gezeigten Fundstücke in einen Bann gezogen. Ein besonderes Ausstellungsstück ist eine Vorform der Toga. Eines der wichtigsten Fundstücke der Textil- archäologischen Forschung überhaupt, liegt in einer dunklen Ecke des Museums. Wer es bestaunen möchte muss in diese Ecke gehen. Hier wird durch einen Bewegungsmelder für kurze Zeit Licht auf dieses faszinierende Stück Stoff geworfen, dass durch zu viel Licht zerstört werden kann. Was für Laien nur ein alter brauner Lappen ist, ist für Archäologen ein Unschätzbar wertvoller 2700 Jahre alter Schatz.

Das Textilhandwerk war in Verucchio von besonderer Bedeutung. Deswegen finden sich haufenweise Garn rollen in den Gräbern.

Die Textilien, sind zum Teil so gut erhalten, dass sich die Herstellungsarten nachvollziehen lassen. Das Spinnen und Weben der Stoffe lässt sich in Verucchio nachvollziehen. Es wurde zumeist mit Wolle, und seltener mit pflanzlichen Fasern gearbeitet. Die Analyse hat gezeigt, dass die Wolle offenbar in verschiedensten Farben gefärbt gewesen ist. Spuren pflanzlicher Farbstoffe blieben auf den Textilfasern erhalten. Sogar der Schnitt von zwei Mänteln aus Männergräbern konnte nachvollzogen werden. Es handelte sich um sehr prachtvolle Kleidungsstücke, welche mit Glasperlen und Bernstein-knöpfen geziert gewesen sind.

In der Schriftlichen Überlieferung waren die Etrusker die Erfinder der Toga. Sie trugen zunächst einen Mantel, den sog. Tebenna, welcher der römischen Toga voraus gegangen sein soll. In Verucchio wurde ein Stoffstück gefunden, bei dem vermutet wird, dass es sich um eben eine solche Tebenna handelt. Wer mehr über diese einzigartigen Fundstücke wissen möchte, der findet einen kleinen Artikel in „Die macht der Toga – Dresscode im römischen Weltreich“ auf Seite 69.

In den Gräbern fanden sich Spindeln welche aus wertvollen Materialien wie z.B. Bernstein gearbeitet gewesen sind. Diese Spindeln, wurden vermutlich nur für die Bestattung hergestellt.

Dazu passt, dass eine Vielzahl Spinn- und Webutensilien in den Grabkontexten gefunden wurden, die zumeist als Frauengräber gedeutet werden. Zahlreiche Spinnwirtel, Garnrollen und Webgewichte wurden in den Grabkammern aufgefunden. Zum Teil wurden diese Objekte aus kostbaren Materialien hergestellt. So fanden sich Spindeln aus Bernstein, welche für die Benutzung unbrauchbar gewesen sind, aber vermutlich den Status und den Wohlstand reicher Etruskerinnen angezeigt haben.

Nicht einfach nur Bernstein, sondern Bernsteinkunst

Ebenfalls aus Bernstein bestehen haufenweise Fibeln, die in dem Gräberfeld gefunden wurden, sie zeugen von einer hohen Kunstfertigkeit. Es handelt sich um Sanguisugafibel, auch Blutegelfibeln genannt. Häufig wurde bei ihnen Bernstein als Zierde verwendet. Es finden sich aber auch Glas Bronze und Bein als Gestaltungsmaterialien auf den fein gearbeiteten Gewandhaltern. Diese wurden häufig sehr individuell, und mit den modernsten Techniken ihrer Zeit hergestellt. Dabei wurden Individuelle Ornamente auf den Fibeln dargestellt, welche in Knochen oder Gold gefasst gewesen sind. Einige Wissenschaftler*innen gehen sogar davon aus, dass es sich um eigene technische Innovationen handelt, mit denen die Fibeln hergestellt wurden, und das in Verucchio das Zentrum der Beinsteinverarbeitung gewesen ist. Argument hierfür ist, dass es viele Bernsteingegenstände in den Gräbern gibt, welche offenbar als Auftragsarbeiten angefertigt wurden.

Für die Herstellung solcher Fibeln bedurfte es außerordentliches handwerkliches Geschick.

Besonderheiten der Bestattungen

In der Ausstellung besonders, sind die einzeln gezeigten Bestattungen, welche teilweise Fundstücke von überwältigen Erhaltungsgrad enthalten. Es handelt sich um Brandbestattungen, welche in Urnen sog. „Dolio“ in Steinkammern beigesetzt wurden. Den Urnen wurden zahlreiche Beigaben hinzugefügt. Durch die teils gute Textilerhaltung konnte gezeigt werden, dass die Urnen anscheinend in Stoff gehüllt, also quasi bekleidet beigesetzt wurden. Die schmuckvollen Fibeln hielten dabei die Stoffe zusammen.

Filigran geschnitzte Möbel, wie dieser Stuhl, wurden in den Gräbern entdeckt. Das Besondere an diesem Stuhl ist: Die Schnitzerei zeigt den Prozess der Textilherstellung.

Bogenförmige Fibeln, verschiedene Schmuckgegenstände, und ab dem 8ten Jahrhundert vielfach auftretende Werkzeuge des Textilhandwerkes, finden sich in Frauengräbern. Waffen, Nadeln, Drachenfibeln, Toilettutensilien und Werkzeuge sind in Männergräbern anzutreffen. Die Grabinventare verändern sich im Laufe der Zeit, und Aristokratische Familien bestatten ihre angehörigen mit immer reichhaltigeren beigeben. Hierzu gehören Wägen, Pferdegeschirre, Möbel und Schmuckgegenstände aus kostbaren Material wie Silber, Gold und Bernstein. Die Gräber waren Teils mit einer Vielzahl an Gebrauchskeramiken ausgestattet gewesen. Es konnte zum Teil gezeigt werden, dass diese Keramiken mit Getränken oder Nahrungsmitteln gefüllt gewesen sind. Ganze Bankette wurde mit den Toten beerdigt.

Gebrauchskeramiken, und ganze Bankette wurden mit den Toten beerdigt.

Die Schönheit liegt im Charme

Ich war nach diesem Museumsbesuch vollständig begeistert. Natürlich kann ein kleines Ortsmuseum nicht auf die finanziellen Ressourcen zurückgreifen wie etwa das Landesmuseum in Halle. Doch im Vergleich, hat dieses kleine Museum es gerade deswegen geschafft mich zu mehr berühren als das Landesmuseum. Es wurde mit den Funden, die nur aus der direkten Umgebung stammen, und vielen Kreativen liebevoll gestalteten Ideen, ein Museum errichtet, dass es schafft jeden ins staunen zu versetzen. Klar spielen eindrucksvolle Funde, wie die Bernsteinfibeln, dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle, aber Beinsteinfibeln und Textilreste alleine, hätten mich nicht in dem Masse beeindruckt. Vielmehr ist es die liebevolle Art der Inszenierung, die Unkompliziertheit der Darstellung, ein entscheidender Faktor dafür, dass ich dieses Museum so unendlich schön finde. So schön, dass auch ein Museum mit besserer Finanzlage es schwer hat, gegen dieses Kleinod zu bestehen.

Natürlich begeistern Funde wie dieser, Merkwürdig verzierte, abgebrochene Keramikknauf. Aber ohne die Zeichnung, wäre dieses Objekt für den Museumsbesucher nur irgendein Klumpen.

Andere kleinere Museen, wie das Schwedenspeichermuseum in Stade, geben sich ebenfalls große mühe Funde aus der Umgebung ansprechend zu inszenieren. Doch oft endet dies in Textlastigkeiten. Das besondere an der guten Gestaltung der Grabinventare in Verucchio jedoch ist, dass die Inhalte auch für Menschen verständlich waren, die nicht lesen können, zum Beispiel, weil sie dafür noch zu klein sind. So kann an sich diese Museum auch gemeinsam mit Kindern ansehen, und durch die ansprechende Gestaltung mit den Inventarkarten ein Familienabenteuer daraus machen. Wer möchte kann sich zusätzlichen Inhalt von einigen Wandtexten abholen. Dass das in einem kleinen Dorfmuseum in einem verschlafenen Ort in Italien so gut gelungen ist, hat mich echt beeindruckt!

Die Faszination der Funde

Aber auch die Funde haben mich Fasziniert. Ich habe euch deswegen hier eine kleine Bildergalerie erstellt, mit Bildern von Fundstücken, die mich so begeistert haben, das ich sie gemalt habe. Ich habe dabei versucht diese Faszination zu Dokumentieren:

Fächer aus Holz
Fächer aus Holz
Besonders begeistert war ich von den erhaltenen Holzgegenständen auf dem Fundplatz Verucchio. Es ist nicht nur spektakulär, wenn die Erhaltungsbedingungen es zulassen, dass es Holzerhaltung gibt, sondern in diesem Falle, ist die hohe Handwerkskunst, die hier betrachtet werden kann, besonders erwähnenswert. Der Fächer umfasst ein fein geschnitztes Muster, welches filigran in das Holz geschnitzt wurde. Dieses Objekt ist damit eines von vielen besonders kunstvoll gearbeiteten Gegenständen aus den Gräbern von Verucchio.
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Wo ihr was nachlesen könnt:

Und wer jetzt Lust bekommen hat mehr über den Fundplatz zu lesen, dem empfehle ich einmal in: Museo Civico Archeologico – Verucchio von Patriza von Eles zu schauen. Das Buch gibt es auf italienisch und auch in einer englischen Übersetzung. Die Gräber aus der Ausstellung werden hier einzeln vorgestellt.

Über Textilreste findet ihr einen leicht verständlichen Artikel in „die macht der Toga“ … ab Seite 96.

Und wer sich für Bernsteine besonders interessiert, dem Empfehle ich den interessanten, und einfach verständlichen AID Sammelband „Die Bernsteinstrasse“ aus dem Jahre 2014. Hier findet ihr auch in einer kleinen Übersicht auf S. 38 den Fundplatz Verucchio wieder.

Und wer sich jetzt noch nicht Statt gesehen hat, der kann sich weitere Eindrücke von dem Museum in einer Bildergalerie ansehen.

6 Gedanken zu „Das wahrscheinlich schönste Museum, dass ich je gesehen habe

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