In den Tiefen der Rocca del Sasso

Auf den Dach von Verucchio steht die Rocca del Sasso, die Felsenburg. Eine Burg mit einer kleinen Ausstellung und einem großartigen Ausblick. Wer die Burg der Malatesta-Familie und das örtliche Museum an einem Tag besichtigt, der muss für beides nur einmal Eintritt bezahlen. Dieses Angebot sollte man wahrnehmen, denn beide Ausflugsziele sind auf verschiedene Art empfehlenswert.

Die Rocca del Sasso, ein Sitz der Malatesta-Familie

Die Rocca del Sasso überragt die gesamte Stadt. Sie wurde auf einem Felsensporn erreichtet, und hat daher auch ihren Namen. Von weither ist sie zu sehen, denn sie Überragt die weitläufige Landschaft in richtung Rimini. Bereits seit dem 12ten Jahrhundert beherrschte die Malatesta-Familie, dass zu Füssen liegende Marecchia Talgebiet, von den Biergipfeln herab. Dies stellte einen Machtwiederspruch zum Stadtherrschaftlichen Rimini dar. Ebenso dominierte die Montefeltro-Familie den Oberlauf der Marecchia. Auch dies führte zu Spannungen, denn die beiden Familien blieben wärend ihrer gesamten Herrschaftszeit erbitterte Feinde. Diese abenteuerliche Vergangenheit der Burg, lässt sich bis heute bei bloßer Betrachtung erkennen.

Ausblick von der Burg in das Marecchia Tal

Einer der Burgtürme wurde bei einem Angriff stark beschädigt, der Rest der Burg konnte nach diesem Angriff weiter benutzt werden. Es wirkt fast so als hätte jemand die Burg aus der Zeit geschnitten, nach diesem Angriff, denn der beschädigte Turm steht in der Burganlage, als wäre der Angriff erst vor wenigen Tagen geschehen.

Eingang zur Burganlage

Ein beschwerlicher Aufstieg

Der Aufstieg auf das Plateau auf dem die Rocca del Sasso steht ist gar nicht so einfach, zwar trage ich feste Schuhe, und doch rutsche ich ein Paar mal ab auf dem alten Pflastersteinen. Das ist definitiv kein Ort für High Heels. Doch man wird mit einem wunderschönen Ausblick über das Dorf und das Umland belohnt. Die Schönheit der Stadt aus dieser Perspektive ist atemberaubend, und es bedarf nicht mehr viel Phantasie sich die mittelalterliche Lebenswelt in Italien vorzustellen. Der weite Ausblick, zeigt deutlich, welche Funktion die Festung für die Malatesta-Familie hatte.

Die Ausstellung

Das Museum in der Burg ist ein wenig skurril. Es handelt sich um eine Art Heimatmuseum, welches hier eingerichtet wurde. Die Ausstellung selbst hat dabei ein merkwürdiges Konzept. Hier wird der Stammbaum der Malatesta-Familie gezeigt, und dort altes Spielzeug. In einem weiteren Raum steht die Skulptur einer Etruskerin bei Textilarbeiten. Es wirkt eher, als hätte jemand mit einem merkwürdig unkoordinierten Sammeltick versucht die Burg zu dekorieren. Teilweise gibt es alte Malereien an den Wänden. Ich vermute es sind Originale. Doch diese bleiben leider hinter der Ausstellung ein wenig zurück, obwohl sie doch die eigentlichen Highlights des Ausstellung sein könnten. An stelle dessen: Bewunderung für Dreiräder und Spielzeugautos.

Eine Burg ist eine ewige Baustelle

Etwas abseits im Museum befinden sich interessantere Ausstellungstücke. Rekonstruktionen der Burg selbst zu verschiedenen Zeiten, in ihren verschiedenen Bauphasen. Man kann sehr viel Zeit damit verbringen, sich die einzelnen Bauphase zu vergegenwärtigen. Auseinandersetzungen und Modernisierungen haben die Rocca del Sasso in ihrer heutigen Form massiv geprägt.Hauptgrund dafür ist, dass diese Burg einer der Kerne der Herrschaft der Malatesta-Familie war, und deswegen auch Rocca Malatestiana di Verucchio genannt wird. Diese ermächtigte sich zeitweilig riesigen Ländereien in Italien. Im 14ten Jahrhundert erlangten sie die Herrschaft über Rimini und dehnten dann ihr Herrschaftsgebiet über die Toskana, und im Süden ganz bis nach Cesena aus. Doch selbst in der größten Blütezeit dieser Herrschaftsdynastie, blieb ihnen ihr Antagonist die Montefeltro-Familie in direkter Nachbarschaft erhalten. In der Umgebung von Verruchio gab es von daher viele feste und mobile Verteidigungspunkte, welche heute aus dem Landschaftsbild weitestgehend verschwunden sind. Die Rocca del Sasso ist einer der letzten Orte dieser Zeit, die Heute noch gut zu erkennen sind. Die Festung ging für die Familie Malatesta allerdings im Jahre 1462 nach einer zermürbenden Belagerung verloren. Sigismundo Malatesta bemerkte hierbei die List von Fedrico da Montefeltro zu spät, bei der dieser seine gut getarnten Truppen quasi unsichtbar den Berg hochklettern ließ. Sigismundo verlor in der Rivalität mit der Montefeltro-Familie große Teile seiner Ländereien, und wurde nach einer Schmutzkampagne die ihn als gottlosen Renaissance Herrscher brandmarkte exkommuniziert.Wen dieses Thema interessiert, der kann noch mehr über die Malatesta-Familie und ihre Festungen in „Malatestianische Burgen und Kastelle“ nachlesen.

Das trügerische Mittelalteridyll

Fenster in der Haupthalle

Wenn man die Burg heute besichtigt, so wirkt alles wie ein unglaubliches Idyll. Dabei zeichnet sich die Burg gerade durch die Bauphasen und Angriffsspuren als Typische für eine Burg der Malatesta-Familie aus. Sie wurde in ihrer Geschichte ständig erneuert, und umgebaut. Es ging darum, eine möglichst sichere Festung zu haben, und diese möglichst Verteidigungsstark und Kriegsbereit zu halten. So war alles an diesem Ort auf Funktionalität getrimmt. Die vermeintliche Mittelalterliche Idylle, die man hier zu empfinden glaubt, es gab sie nicht. Vielmehr waren alle Kriegsbauten in dieser Umgebung bis ins Ende des 15ten Jahrhundert hinein Bestandteil eines Hochsicherheits-Verteidigungsringes. Dabei hatte Verucchio eine tatsächliche Sonderstellung innerhalb dieser Festungen, denn der Ort galt als die Wiege der Malatestas, auch zur Zeit ihrer Herrschaft über Rimini. Das alltägliche Burgleben war also geprägt von vor allem gewalttätigen Konflikten.

Der alte Treppenaufgang zur Rocca del Sasso

Alter Burgaufgang

Auf den Modellen mit den Bauphase ist deutlich zu erkennen, dass es ursprünglich einen anderen Aufgang zur Rocca del Sasso gegeben haben muss. Mit der Frage, wie der wohl ausgesehen hat mache ich mich auf die Suche nach möglichen Überresten dieser Treppe. Hinter der großen Haupthalle der Burg führt der Weg auf eine Terrasse, die einen Blick weithin in das Land zulässt. Als ich über die Brüstung sehe entdecke ich tatsächlich den alten Wehraufgang. Er ist stark eingewachsen. Ich überlege ob ich ihn vielleicht einmal herauf oder herunter klettern sollte. Doch die alte Treppe wirkt lebensgefährlich, und ist vermutlich nicht ohne Grund gesperrt. Schade, mit ein wenig mehr Pflege könnte dieser Wehraufgang ein Highlight sein. Und dabei auch ein gutes Symbol für eine beschwerliche Lebensrealität im Mittelalter. Denn auf dieser Treppe auch nur die Gegenstände für den täglichen Bedarf zu transportieren muss ein Knochenakt gewesen sein.

Der Turm

Ausblick aus einem der Turmfenster

Der Aufstieg auf den Burgturm hingegen ist möglich. Zwar ist dieser Bereich der Burg nicht ganz so erkenntnisreich, doch mit jedem Stockwerk wird die Aussicht großartiger, und die Luft kälter. Ich versuche immer wieder einige Fotos von dieser unglaublichen Aussicht zu machen, doch manchmal kann Schönheit einfach zu überwältigend sein, als das sie sich mit einer Kamera einfangen lässt. Oben angekommen, bin ich fast ein wenig enttäuscht, dass ich nicht noch höher klettern kann. Aus den kleinen Fenstern aber ist die Sichtachse zu den umliegenden Berggipfeln zu sehen, welche einst ebenfalls Bestandteil der örtlichen Verteidigungsstrategie gewesen sind.

Ein unerwartetes Abenteuer

Bei dem alten zerfallen Turm gibt es einen kleinen Eingang, welcher in einen beleuchteten Raum führt. Es gibt keine Erklärungstafeln, aber alles wirkt ein bisschen wie ein alte Gefängniszelle. Auch wenn ich eher vermute, dass es sich um ein altes Magazin handelt. Eine gruselige, und irgendwie ungleich authentische Atmosphäre geht von diesem Ort aus, welcher sich leider nicht selbst erklärt.

Als ich wieder aus diesem eingentiefen Raum heraus komme, entdecke ich eine weitere Treppe, und rechne eigentlich nicht mit dem Abenteuer, dass mich dort erwartet. Die Treppe führt mich in eine unglaubliche Dunkelheit. Immer tiefer und tiefer klettere ich in den Berg hinein, viel zu neugierig um umzudrehen. Die Hand ist vor den Augen kaum zu sehen. Irgendwann frage ich mich, wo ich bin, und wie ich dort hingekommen bin. Plötzlich ist ein Lichtstrahl zu erkennen. Der Boden unter mir wird stellenweise rutschig, und so bin ich froh als ich endlich halbwegs sehen kann wohin meine Füße treten. Als ich dort hin geklettert bin, wo das Licht herkommt bemerke ich, dass es sich um eine kleines schießschartenartiges Fenster handelt. Ich kann einen Weg und einen Busch erkennen. Aber ich habe nicht den blassesten Schimmer wo ich bin.

Schließlich entscheide ich mich umzukehren, in der Hoffnung mich nicht vollständig in der Dunkelheit zu verlieren. Ein paar mal stoße ich mich an irgendwas, rutsche fast aus, halte mich an Steinen fest, die ich nicht sehen kann, und nur durch das Gefühl in meiner Hand identifiziere. Warum bin ich hier überhaupt her gekommen? Und wie bin ich hier überhaupt her gekommen frage ich mich nach einiger Zeit. Irgendwann wird die erbarmungslose Dunkelheit etwas heller. Ich hab den Ausgang gefunden, und trete über einige Stufen ins helle. Das Sonnenlicht erschlägt mich fast. Der Eingang durch den ich herein gekommen bin ist jetzt abgesperrt. Hoffentlich hat mich keiner bemerkt. Ich klettere über die Absperrung, die nicht da war als ich gekommen bin, und bin froh mich selbst wieder gefunden zuhaben.

Ein Burgberg wie ein Schweizer Käse

Der Burgberg ist durchzogen ist, mit großen Unterkellerungen die durch Ausgrabungen zu Tage gefördert wurden. Diese stammen vmtl. aus dem 12ten Jahrhundert, der Weg, der in dem eckigen Turm vor dem Fenster endete, ist dabei vermutlich ein Notfallversorgungsweg gewesen. Die Bauart des polygonen Turmes ist dabei typisch für Festungsanlagen des 12ten Jahrhunderts in dieser Region, die Bauart unterscheidet sch also beispielsweise von der, der gleichzeitig errichteten Scalinger-Burg in Sirmione. Die Unterkellerung diente also kriegswichtigen Versorgungen, oder auch Versorgungsmaßnahmen für Belagerungen. Es wird vermutet, dass ein Teil der Burgunterkellerung aus der Zeit von Sigismundo stammt.

Turm aus dem 12ten Jahrhundert mit kleiner Schiessscharte.

Weitere Bilder findet ihr in der Galerie

2 Gedanken zu „In den Tiefen der Rocca del Sasso

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