Lepenski Vir – Ein seltsamer Kult in den ersten Siedlungen Europas

Im Mesolithikum (Mittelsteinzeit) entstanden die allerersten Siedlungen Europas an der Donau. Genauer gesagt, beim Eisernen Tor an einer Engstelle des Flusses, die sich dadurch ergibt, dass dieser hier hufeisenförmig um eine Landzunge herum fließt. Die Bekannteste dieser Siedlungen ist Lepenski Vir. Sie erstreckt sich am Küstenstreifen, und zwar über 170 m lang. Die Menschen hatten sich direkt am Wasser niedergelassen, an einer Stelle, an der man gut 6 km des Flusses überblicken kann. Die Siedlung ist zunächst mesolithisch und ab 4.300 v. Chr. gilt sie als neolithisch (Jungsteinzeitlich). Das begründet sich mit der Entwicklung der Kultur dahingehend, dass die Menschen zunächst saisonal und dann zunehmend sesshaft lebten. Ackerbau und Viehzucht betrieben diese frühen Siedler*innen aber noch nicht.

Die Hausgrundrisse von Lepnski Vir. Die Ausgrabungsstätte ist von einm Glasdach geschützt. Am Boden zeichnen sich haufenweise Hausgrundrisse ab. Sie haben einen roten Boden.

Die Hausgrundrisse von Lepenski Vir. Die rote Farbe kommt von dem Bodenbelag, mit dem die mittelsteinzeitlichen Häuser ausgekleidet gewesen sind (Foto: Weigell (CC BY)).

Es gibt ähnliche Fundplätze, mit dieser ersten Art der Sesshaftigkeit, in Rumänien und in Serbien. Es gab anscheinend eine Entwickelung einer Jäger*innen und Sammler*innen Kultur zu einer Jäger*innen und Fischer*innenkultur. Die frühen Häuser scheinen dabei von Menschen ohne große bautechnische Erfahrung errichtet worden zu sein. Sie bestanden im Grunde genommen nur aus Satteldächern, die direkt auf den Boden gestellt wurden und wahrscheinlich aus Holz und Tierfellen gebaut waren. Der Raum, der dadurch entstand, wurde noch mit Estrich aus rotem Kalkstein versehen. In der Mitte befand sich ein Opferaltar neben einer Herdstelle. Und auch wenn es eine ganz frühe Phase des Hausbaues war, lässt sich erkennen, die Gebäude wurden mit einem einheitlichen symmetrischen Baukonzept war errichtet. Allein 136 solcher Häuser wurden in Lepenski Vir gefunden.

Ein Hausgrundgriss aus Lepenski Vir. Der Boden ist mit rotem Stein verfüllt. in der mitt befindet sich eine Herdstelle. Das Haus ist trapezförmieg. Die Breitere Seite des Trapezes zeigt nach Vorne.

Der Grundriss eines Hauses, so wie er freigelegt wurde. Man sieht ein Gebäude von der Vorderseite, also dem Eingang aus (Foto: Nemezis (CC BY-SA)).

Seltsame Steinfiguren fanden sich in diesen Häusern. Schnell entwickelte sich anscheinend der Brauch auch Sakralbauten zu errichten, nur für diese Steinfiguren. Es handelt sich um Figuren, die etwa einen halben Meter hoch sind und Menschen zeigen oder auch Fische. Vielleicht auch beides gleichzeitig als Hybridwesen. Auffällig ist, es gibt auch Fischförmige Altarsteine und die Ernährung bestand überwiegend aus Fisch. Die Donauanwohner*innen hatten also allen Grund Fische zu verehren. Und dies zeigt sich auch in den allerersten Bestattungen. Bei diesen wurden nur Männer beerdigt, und auch nur ihre Köpfe. Ihnen wurden aber große Fische beigegeben. Schnell änderte sich der Brauch und alle Menschen wurden beerdigt, aber die Fischsymbolik blieb. Hauptsächlich in Form dieser seltsamen Skulpturen. Überhaupt fallen Geschlechterunterschiede in diesen Gräbern nicht mehr auf. Wohl aber, dass die Knochen erst nach der Verwesung in die Gräber drapiert wurden und dabei teils kunstvoll arrangiert sind. Zudem gab es eine scheinbar eine Altershierarchie. Es gilt: Je älter ein Mensch wurde, umso reicher war die Bestattung. Diese Gesellschaft strukturierte sich als anscheinend eher nach diesem biologischen Merkmal.

Ein Terrakottafarbnr Stein. Er ist Rund, und zwi Kuglrunde Augen, eine Nase und einem Schlauchartiger nach unten gebogener Fischmund sind in den Stein graviert.

Beispielsweise diese Figur wurde bei einem Grab gefunden (Foto: Mickey Mystique (CC BY-SA)).

Die seltsamen Figuren wurden im 7.000 – 6.000 v. Chr. aus Geröllsteinen gefertigt. Gut möglich, dass die Figuren eine mythische Symbolik hatten. Es lässt sich eine stilistische Entwicklungsgeschichte über die Jahrhunderte an diesen Figuren erkennen: Zunächst handelt es sich um menschliche Darstellungen, bei denen der Kopf klar herausgearbeitet ist und der Körper nahezu unbetont. Dass das Geschlecht der Figur scheint unwichtig zu sein. Dann folgte eine Phase, in der zunehmend auch Tiere dargestellt wurden: meist Fische oder Hirsche. Darauf folgt eine Phase, in der nicht so viel Mühe in die Figuren investiert wurde. In der letzten Phase gibt es dann wieder Skulpturen, die mit sehr viel Aufwand gestaltet werden. Gleichzeitig werden die Köpfe unnatürlich groß dargestellt, bestimmte Elemente des Körpers verschmelzen zu Ornamenten, die einzelne Flächen bilden und die Gesichter wirken wie groteske Masken.

Eine Figur aus Lepenski Vir. Sie hat einen Kopf mit inem hrausgarbiteten gsicht, der auf inem Körpr sitzt, dr nur auf inm Klumpen besteht.

Die vmtl. älteste Figur aus Lepenski Vir. Sie hat einen Körper der offenbar zweitrangig ist, auch das Geschlecht scheint keine Rolle zu spielen (Foto: Mickey Mystique (CC BY-SA)).

Klar ist bei diesen Figuren: Sie sprechen eine klare Bildsprache, die sich über die Zeit hinweg entwickelt hat. Die Idee Geröllgestein zu bearbeiten ist dabei älter als die Siedlung selbst. Geröllsteine mit ähnlichen kunstvollen Bearbeitungsspuren aus der Zeit vor den Siedlungen am Donauufer deuten darauf hin. Man geht davon aus: Für alle Angehörigen dieser Kultur war klar verständlich, was mit diesen Figuren gemeint ist. Mit viel Aufwand schnitzten sie diese, in etwa so wie man auch Holz schnitzt. Dafür verwendeten sie wahrscheinlich Feuersteinmeißel. Danach wurden die Figuren bemalt. Leider haben sich von der Bemalung bis heute nur minimale Reste erhalten, so ist es schwierig diese zu rekonstruieren. Aber was hat diese Symbolik, in die so viel Mühe gesteckt wurde bedeutet? Diese Frage kann man zwar nicht abschließend beantworten, aber es gibt Interpretationen, und in denen spielt auch das Thema Geschlecht eine Rolle. Aber möglicherweise nur, weil wir unsere Weltsicht aus Versehen auf diese Kultur projiziert haben:

Ein Figur aus Lepnski Vir. Si hat viele Ornamente und in der mitte ein Gesicht. Die Augen sind kreisrund, und der Mund ist Schlauchartig und mis gelaunt nach unten gebogen.

Eine späte und reich verzierte Figur aus Lepenski Vir (Foto: megalithic.co.uk (CC BY-SA 2.0)).

Eine Interpretation ist, dass es einen Zitat „Obersten Mann“ in dem Ort gegeben hat und das dieser frei gewählt wurde. Das wird damit begründet, das Männer und Frauen schon kurz nach Beginn der Besiedlung körperlich sehr gleichstark, und gleich gut ernährt waren, weswegen sie als gleichberechtigt interpretiert werden. Dabei wurde bei dieser Interpretation dazu gesagt, dass unklar sei, welche Aufgabe dieser oberste Mann gehabt habe und das es generell keinen Nachweis für so eine gesellschaftliche Struktur gäbe. Als Hinweis wird erwähnt, dass zu Beginn ausschließlich Männerschädel bestattet wurden. Aber die Siedlung Lepenski Vir hat mehrere Phasen durchlebt und die Kultur ändert sich merklich innerhalb einer Generation dahingehend, dass alle Menschen bestattet wurden. Auch die Kunst dieser Menschen zeigt einige gesellschaftliche Wandel seit der Entstehungszeit dieser Siedlung. Dabei ist ein Merkmal die unterschiedliche Relevanz der Darstellung von Geschlechtern der Steinfiguren. Sie existieren mal in Form von Zwitterwesen, und dann wieder als männliche und weibliche Figuren. Außerdem gibt es Darstellungen von Vulven auf den Figuren, und zwar so wie diese im Schwangeren zustand aussehen. Eine Figur besteht gar nur aus einem Schwangeren Bauch und einer Vulva. Diese Darstellungen treten in einer Zeit erhöhter Kindersterblichkeit auf, die sich an Gräbern nachvollziehen lässt. Das Geschlecht scheint also in dem Moment relevant zu werden, wo es aufgrund der hohen Kindersterblichkeit eine Rolle spielt. Deswegen gibt es nicht nur die Interpretation eines obersten Manns, sondern auch die eines Fruchtbarkeitskultes.

Eine Kopffigur mit hervor gearbeiteter Vulva.

Es ist auffällig, dass die Figuren sich Phasenweise ändern. Und möglicherweise hängt das mit einer sich verändernden Lebensrealität, innerhalb der mehrere Jahrtausende andauernden Siedlungsgeschichte, zusammen. Dabei fällt auf, dass durchgehend immer rund um 100 Personen in Lepenski Vir lebten. Das heißt aber auch, dass der enge Radius, in dem Nahrung beschafft werden konnte, die Ernährung von mehr Personen nicht zuließ. Für Überbevölkerung musste eine Lösung gefunden werden, aber auch für Phasen, in denen es zu wenig Nachwuchs gab. Doch, so ein Dorf hat auch viele weitere Probleme und vielleicht erklären sich so die Unterschiede dieser seltsamen Figuren. Möglich ist also, dass nicht jede Figur das Gleiche bedeutet, sondern, dass sie jeweils den Problemen der Siedlung angepasst wurden. In diesem Sinne hätten wir dann keine übermäßige Betonung von Rollenverteilungen, die sich an Geschlechtern orientieren, sondern vielmehr Hinweise auf die dringenden wünsche, der Zeiten in der diese Menschen lebten. Und einer dieser Wünsche, war möglicherweise Nachwuchs. Es scheint, also ob Geschlechterrollen, außerhalb dieses Wunsches, in dieser Kultur aber kaum Bestandteil ihrer gesellschaftlichen Struktur gewesen sind. Ganz im Gegensatz zum alter. Und wenn wir einen Moment nachdenken, ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass es immer wieder Kulturen gab, bei denen dieses Merkmal im Fokus der Gesellschaftsstruktur stand.

Literatur:

Wer sich an den Figuren nicht satt sehen kann, hier noch mehr Bilder: http://www.narodnimuzej.rs/prehistory/lepenski-vir-collection/?lang=en

Dragoslav Srejovi´c: Lepenski Vir – Menschenbilder einer frühen europäischen Kultur, Köln 1981.

Dragoslav Srejovi´c: Lepenski Vir – Eine vorgeschichtliche Geburtsstätte europäischer Kultur, Bergisch Gladbach 1973.

Begleitheft: Lepenski Vir – Prähistorische Plastik vom Eisernen Tor – Ausstellung des Nationalmuseums Belgrad, sozialistische Förderative Republik Jugoslawien. Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Ur- und Frühgschichte, Bodemuseum 1987.

https://www.gw.uni-jena.de/Exkursion_2017_SRB_LepenskiVir

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