Wenn man mit Tränen Feuer löschen könnte – Das Museu Nacional in Rio de Janeiro

Am 3. September 2018 ist das Nationalmuseum Rio de Janeiro abgebrannt. Dieser außerordentliche Verlust von kulturellem Erbe hat mich damals so sehr zu Tränen gerührt, dass ich wünschte, dass ich mit diesen, das Feuer hätte löschen können. Tatsächlich ist eine unglaublich interessante wissenschaftliche Institution Opfer der Flammen geworden. Es handelt sich um einen Verlust für weltweite Forschungen, um das Verschwinden der Herzen verschiedener Kulturen. Bilder von Wissenschaftler*innen die immer wieder in das brennende Gebäude rannten, um zu retten, was sie greifen konnten gingen um die Welt. Bilder von Menschen die die Hände über dem Kopf zusammen schlugen und mit ansahen, wie ihr Lebenswerk, und die Lebenswerke ihrer Vorgänger*innen ein Opfer eines Flammeninfernos wurden.

Lichterloh brannte das Museum

Das wollte ich nicht einfach so stehen lassen und habe deswegen darum gebeten, dass in diesem Semester in meinem Museumsmanagementstudium dieses Museum mein Hauptthema sein darf. Ich wollte an dieses Museum erinnern. Nachdem ich meinen Vortrag gehalten habe, war es mir auch ein Bedürfnis, euch darüber zu berichten, warum der Verlust dieses Museums so gravierend ist. Festzuhalten, was in dieser Nacht verloren ging, und daran zu erinnern. Dieser Beitrag ist also eine schriftliche Version meines Vortrages, den ich für diesen Artikel noch viel weiter ausgebaut habe. Die Informationen habe ich aus dem Internet, teilweise habe ich Wissenschaftler*innen die in dem Museum gewirkt haben einfach persönlich auf Twitter angeschrieben.

Die Bilder, die ich hier verwende werden von Wikimedia zur Verfügung gestellt. Sie stammen von einer Bildersammelaktion, die an das Museum erinnern und auf diese Art gemeinsam mit den Freund*innen dieses Museums auf der ganzen Welt trauern. Alle weiteren Nachweise findet ihr wie immer unter dem Artikel. Und natürlich könnt ihr euch an den Aktionen, die an das Museum erinnern beteiligen. Die Betroffenen in Rio de Janeiro freuen sich über eure Anteilnahme. Aber was ist nun eigentlich in Rio de Janeiro passiert?

200 Jahre Forschungsgeschichte in Flammen

2018 hätte ein Jubeljahr für das Museum werden sollen

Am 30 Juli feierte das Nationalmuseum Rio de Janeiro das 200 jährige Jubiläum. Zu diesem Zeitpunkt war es 200 Jahre her, dass die ehemaligen portugiesischen Kolonialherrscher*innen über Brasilien das Museum ins Leben gerufen haben. Damals wurde ihr Palast der Wissenschaft und der Wissensvermittlung zur Verfügung gestellt. Ab diesem Zeitpunkt entstand eine Geschichte, die 200 Jahre lang Lebensläufe von Wissenschaftler*innen geprägt haben. Lebenswerke von Forscher*innen verschiedenster Fachrichtungen wurden hier geschaffen, erprobt und konserviert. Berühmte Besucher*innen wie Albert Einstein und Marie Curie wurden hier empfangen.

Marie Curie und ihre Tochter Irene Joliot-Curie (ebenfalls Nobelpreisträgerin) bei einem Besuch im Nationalmuseum Rio de Janeiro 1926.

Das Museum war nicht ohne Grund eine Institution auf ihrem Gebiet. Es wurden hier bis zu dem Brand 20.000.000 Objekte gesammelt, bewahrt und ausgestellt. Diese kamen aus der ganzen Welt. Das besondere war, dass es sich hierbei vielfach um Objekte handelte, welche diplomatische Geschenke an Brasilien gewesen sind. Damit war das Nationalmuseum auch ein Ort der politischen Diplomatie und der Repräsentation internationaler Zusammenarbeit und Freundschaft. Die Objekte stammten aus 6 verschiedenen Wissenschaftsrichtungen, in denen geforscht wurde. Die Universität von Rio de Janeiro war direkt an dieses Museum angebunden. Nicht wenige Studierende haben hier ihre Abschlussarbeiten verfasst und verteidigt. Außerdem waren Labore und Bibliotheken, für Forscher*innen der Fachrichtungen die in dem Museum ausgestellt wurden in dem ehemaligen Palast untergebracht. Aber in welche Richtungen wurde hier denn eigentlich geforscht? Hier ein Einblick mit einzelnen Beispielen, was im Nationalmuseum Rio De Janeiro zu finden war:

1. Anthropologische Biologie

Luzia – Das wohl bekannteste Exponat des Nationalmuseums Rio de Janeiro

Die Evolution des Menschen und Prähistorische Kuturen waren Bestandteile dieser Sektion des Museums. Ein besonderes Aushängeschild dieser Sammlung war ein fast 12.000 Jahre alter Frauenschädel namens Luzia. Dieser Schädel einer Frau, war der älteste bekannte Homo Sapiens, der bislang auf dem südamerikanischen Kontinent gefunden wurde. Er ist Beleg dafür, dass der Kontinent zu dieser Zeit bereits von Menschen bewohnt wurde.

Ein Schrumpfkopf aus der Kultur der Shuar.

Aber es waren hier auch weitere menschliche Überreste aus der südamerikanischen Geschichte konserviert. Dazu gehörte eine Sammlung mit Mumien, aber auch beispielsweise dieser Schrumpfkopf, der von einem Shuar gefertigt wurde. Es handelt sich um eine außergewöhnliche Mumifizierungstechnick, welche im heutigen Ecuador praktiziert wurde. Die Köpfe der Personen wurden durch diesen Prozess zu Heiligen gemacht. Solche Schrumpfköpfe werden von besonderen verstorbenen Gegner*innen in kriegerischen Auseinandersetzungen angefertigt. Es handelt sich um Personen, welche in ihrem Leben eine besondere physische oder psychische Kraft hatten oder besonders tapfer waren. Solche Menschen werden bei den Shuar als Kakaram bezeichnet. Diese Eigenschaft steht dabei nicht direkt in Verbindung mit dem Körper der Person, welche in dieser Kultur eine untergeordnete Rolle hat, sondern mit den Charaktereigenschaften des Menschen. Die Gesellschaft der Shuar ist stark binär orientiert, wobei es eine gesellschaftliche Asymmetrie zu Gunsten der Männer gibt. Als Kakaram können aber sowohl Frauen als auch Männer gelten. Ein Schrumpfkopf wird von einem Kakaram angefertigt, da er nach dem Glauben der Shuar sonst als gegnerischer starker Geist existiert. Über den Schrumpfkopf werden die Kräfte dieses starken Geistes aber gebündelt, und kommen dem *der Besitzer*in des Schrumpfkopfes zu gute. Ein außergewöhnliches Zeugnis für den Ideenreichtum mit dem Menschen mit Körpern von verstorbenen umgehen.

Sarkophag der Sha-amun-en-su

2. Archäologie

In dem Nationalmuseum befand sich außerdem eine Abteilung für Archäologie. Berühmtestes Ausstellungsstück war der Sarkophag der Priesterin Sha-amun-en-su, der in etwa 750 v. Chr. datiert. Dieser Sarkophag wurde dem Museum 1876 als diplomatisches Geschenk Ägyptens überreicht. Es war das erste Ausstellungstücke dieser Art. Die weiteren Sammlungstücke der Ägypologie waren ebenfalls diplomatische Geschenke Ägyptens gewesen. Dazu gehörte auch eine Sammlung von Uschebtis. Uschebtis, dass sind kleine Figürchen, die Menschen darstellen, und die Gräbern beigegeben wurden. Diese Figuren sollten der verstorbenen Person im nächsten Leben als Diener*innen zur Seite stehen.

Diese Wandmalerei aus Pompeii gehörte ursprünglich zum Isis Tempel ,der in der Antike von einem Vulkan verschütteten Stadt.

Aber nicht nur Ägyptologie wurde hier gezeigt .Auch mediterrane Funde, wie zum Beispiel griechische Keramik, etruskische Artefakte, oder auch originale Wandmalereien aus Pompeii waren hier Ausgestellt. Ein weiteres Augenmerk lag aber auf der archäologischen Erforschung des südamerikanischen Kontinents. Eine beeindruckende Sammlung der Materialkulturen verschiedenster südamerikanischer Kulturen der präkolumbianischen Zeit wurde hier zusammengetragen. Ich für meinen Teil bin immer ganz besonders von Darstellungen von Menschen fasziniert. Und hier wurden einige sehr außergewöhnliche Menschendarstellungen der Archäologie Südamerikas erforscht, welche ich euch nicht vorenthalten möchte. Andererseits, würde es den Rahmen vollständig sprengen, wenn ich sie einzeln vorstellen würde. Deswegen habe ich einige dieser Figuren und Keramiken in einer Galerie für euch gesammelt:

3. Die Ethnologie

Wie schon die beiden ersten Themen gibt es auch zu diesem dritten Thema, dass in diesem Museum behandelt wurde Überschneidungspunkte. In der Ethnologie wurden Kulturen aus dem pazifischen Raum und aus Afrika, aber wiederum auch südamerikanische Kulturen erforscht. Besonders interessant ist dabei die Erforschung der Kultur der Karajas. Dieser Kultur war eine ganze Untersektion gewidmet.

Figürliche Darstellung der Karajás. Die Figur zeit eine Frau mit dem Namen Litxo. Auch der Name der Töpferin, UÈRIKO OEXARO ist bekannt. Die Figur zeigt die Frau in ihrer traditionellen Kleidung und Bemalung. Der traditionelle Lendenschurz ist noch als Abdruck sichtbar, aber nicht mehr vorhanden.

Die Figuren der Karaja sind nicht nur besonders hübsch, sondern sie sind Bestandteil eines kulturellen Phänomens, dass wir heute auch kennen. Die kleinfigürliche Kunst diente den Karaja nämlich als Kinderspielzeug. Sie funktionieren wie Puppen, welche dem pädagogischen Konzept der Karaja nach, dazu dienen die Erwachsenenwelt nachzustellen, um so diese Welt nach und nach zu erlernen. Sowohl Jungen als auch Mädchen spielen mit solchen Puppen, die Litjoko genannt werden. Da diese Puppen aber sehr hübsch sind, sind sie ein beliebtes Touristenmitbringsel geworden. Die Frauen die die Puppen herstellen verdienen sich mit dem herstellen solcher Puppen heute Geld dazu, und haben deswegen einen hohen Status in der Karajagemeinde. Auch innerhalb der Gemeinde haben sich die Puppen so zu einer Art Währung entwickelt. Ursprünglich war das Spielzeug aber absichtlich kindgerecht hergestellt. Deswegen zeigen sie auch Merkmale der einzelnen Clans, die ohne eine Erklärung nicht zu versehen sind. Es handelt sich dabei zum Beispiel um bestimmte Muster bei der Körperbemalung. Verschiedene Tätigkeiten wurden abgebildet, um diese Dinge zu erklären. Teilweise ist das Leben der Karaja so detailreich dargestellt, dass die Puppen explizite existierende Menschen zeigen.

Die Farben mit denen die Figuren bemalt sind bestehen aus Ruß, für schwarz, weißer Erde, für das weiß und den Saft aus bestimmte Baumrinden für die Rottöne. Es sind die gleichen Materialien mit denen sich auch die Karaja selbst bemalen, weil sie Heilkräfte haben sollen. Wissenschaftlich konnte immerhin ein Sonnenschutzfaktor nachgewiesen werden.

Die Puppen wurden aus Ton gefertigt, die Frisuren bestehen aber teils aus Wachs. Stilistisch ist bei diesen Figuren auffällig, dass die Beine der dargestellten Menschen oftmals überdimensioniert erscheinen. Das hängt mit einem Schönheitsideal zusammen, welches ich auch in anderen Merkmalen äußert, die dargestellt werden. So werden Frauen stets mit einem Lendenschutz gezeigt, der so eng gebunden ist, dass sich eine Bauchfalte über dem Schurz ergibt. Diese Falte gilt als besonders Zeichen der Schönheit bei den Karaja. Außerdem sind die Frisuren charakteristisch dargestellt, nach dem jeweiligen Alter das die dargestellte Person hat. Wie die Karaja selbst tragen auch die Puppen Stammeszeichen auf den Wangen. Diese Stammeszeichen sind meist Kreise, welche in dieser Kultur den Jugendlichen als Initiationsritus mit einer speziellen Technik tätowiert werden. Das Schönheitsideal der Frau umfasst allerdings nicht, wie man vielleicht vermuten könnte eine besonders weiblich geformte Brust. Dieses Merkmal wird nicht nur bei diesen Puppen stark vernachlässigt. Es scheint in der Kultur insgesamt nicht von besonderem Belang zu sein. wie man an diesem Beispiel sieht, sind hier Gegenstände verloren gegangen welche  Ausgangspunkt für viele weitere Forschungen hätten sein können, darüber wie der Mensch sich selber betrachtet.

Besonders interessant wurde dieses Museum durch das Zusammenspiel von Fachwissenschafter*innen verschiedener Ausrichtungen, die ohnehin alle im gleichen Gebäude saßen. So konnte die Karaja Kultur anhand ihrer Federkronen in besonderer Weise erforscht werden. Und zwar mit Hilfe Ornithologischer-Ethnologie. Für diese Arbeit wurden die Vogelarten der Federn bestimmt, die sich in einer Federkrone befanden. Bei dieser Arbeit wird nicht nur die Zusammensetzung der Krone analysiert, sondern auch die verschiedenen Vogelarten beschrieben von denen die Federn genommen wurden. auf diese Art und Weise konnte echtes Wissen, sowohl über die Artenvielfalt, als auch über die Kultur die hier erforscht wurde gewonnen werden.

Eine weitere Federkrone der Karaja. Es gab eine ganze Sammlung dieser Kronen, die leider mit dem Museum verbrannt ist.

Bei einer Krone wurden insgesamt 154 einzelnen Federn untersucht. Die Analyse ergab, dass hauptsächlich Federn von Landvögeln verwendet wurden. Tatsächlich stammten nur 7 der Federn von Vögeln, welche domenstizert gewesen sind. Die anderen Federn stammen von Wildvögeln. Damit die Federn eine andere Farbe haben, wurden sie gelegentlich eingefärbt. Teilweise stammen diese Federn von Vögeln, welche aufgrund der ökologischen Veränderungen bedroht, oder bereits verschwunden sind. So ist die Erforschung einer solchen Federkrone ein tolles Beispiel dafür wie vielfältig die Forschung an dem Museum war und wie wichtig. Denn es geht um das Verständnis vom Leben und dem geografischen Einflussbereich der Menschen, um Vogelkunde, Biologie, kulturelles Verhalten, und auch um Ökologie.

Eine Tikuna Maske mit einer skurrilen Kopfform.

Aber auch weitere Kulturen, wie die Tikuna wurden hier ausgestellt. Diese Maske der Tikuna stammt aus dem 19. Jahrhundert. Diese Masken gehören zu ganzen Kostümen, die von den Menschen bei bestimmten rituellen Festen getragen wurden. Sie sind jeweils nach dem Geschmack desjenigen gefertigt, der das Kostüm dann auch getragen hat. Die Familien fertigen diese Masken um damit auf Festen die Familie zu repräsentieren. Das bekannteste Fest findet ein oder zwei Nächte nach dem Vollmond statt, welcher auf diese Art gefeiert wird. Außerdem werden bei diesem Anlass Paare getraut. Die Tikuna leben matrilokal. Das bedeutet, dass nach der Hochzeit der Mann zu der Familie der Frau zieht. Die Partnerwahl ist dabei abhängig von dem Willen der Frau. Letzteres gilt auch für das Ausüben von Sexualität. James Sullivan berichtet in seiner Dissertation sogar davon, dass in dieser Kultur Vergewaltigungen gänzlich unbekannt seien.

Die Kostüme der Tikuna können sehr groß sein. Einige haben eine Spannweite von einem halben Meter von Ohr zu Ohr. Manche Masken sind so hoch, dass der Mensch der sie trägt auf eine Körpergröße von bis zu 2 1/2 Meter anwächst.

Die Masken, die zu diesen Kostümierungen gehören, werden sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen bei Feierlichkeiten getragen. Sie lassen sich grob ich 2 stilistische Kategorien einteilen, da aber die Gestaltung dem Geschmack der Person unterliegt, der sich das Kostüme ausdenkt, ist das teilweise schwierig. Heute werden auch moderne Gegenstände wie z.B. Flugzeuge mit auf die Kostüme gemalt. Masken die Dämonen zeigen zeichnen sich durch grotesk wirkende Gesichtszüge aus. Die Kostüme der Erwachsenen sind dabei oftmals noch ergänzt mit obszöner Motivik. So gehören zu einigen Kostümen beispielsweise überdimensional dargestellte Genitalien. Wer bei den Festen des Dorfes eine Maske trägt, oder aber, die Entscheidung wer die Masken bastelt, ist eine Freiwillige, und kulturell nicht geregelt. Jede*r der möchte darf eine solche Maske bauen, und wer das nicht möchte kann es bleiben lassen. Auch die Maskentänze sind sehr individuell, und die Gesänge, die es dazu gibt, denken sich die Maskenträger*innen jeweils selber aus. Im Zentrum stehen aber thematisch oftmals Dämonen, welche in den Mythen um die weiblich Pubertät eine sehr bedeutende Rolle haben. Es gibt unzählig viele Dämonen in der Kultur der Tikuna, sogar einen Schmetterlingsdämon.

Eine weitere Tikunamaske aus dem Nationalmuseum Rio de Janeiro, sie ist wie viele Masken der Tikuna aus verschiedenen Materialien gefertigt.

Noch viele weitere Kulturen waren in der Ethnologiesammlung zu finden. Und es ist ein Jammer, dass ich hier nicht den Platz habe alle diese wunderbaren Kulturen hier zu zeigen. Aber wirklich in der Seele brennt der Verlust der Ethnolinguistischen Sammlung. Die Mitarbeiter*innen der Hamburger Staatsbibliothek haben sich vermutlich daran gewöhnt, dass ich gelegentlich vor einem Buch sitze und weine. Aber als ich in der Stabi eine Auflistung, der hier erfassten Aufnahmen in den Händen hielt, heulte ich Sturzbäche welche das normale Maß bei weitem überschritten haben. Archivnummer für Archivnummer blätterte ich mich durch 500 Seiten lange Liste von Aufnahmen, die hier nur verzeichnet waren, damit man sich das Tonband aus Rio ausleihen kann. Es handelt sich um Aufnahmen der Sprachen Indigener Kulturen. Diese Sammlung war weltweit einmalig. Stimmen wurden aufgenommen, von Menschen die aus Völkern stammten, die es heute nicht mehr gibt. Ihre Sprachen, und ihre Gesänge wurden so konserviert. Zum erforschen der Sprachgeschichte, zum erforschen der Kulturgeschichte, und vor allem als Erinnerung an die Vorfahren der Indigenen Menschen in Brasilien.

Sprache ist der wichtigste Bestandteil zwischenmenschlicher Interaktion. Vergessen wir die Sprache einer Kultur, verlieren wir eine ganze Lebenswelt.

Es ist ihre Geschichte, die in diesem Museum verbrannte. Die Erinnerung an hunderte Kulturen aus der ganzen Welt, der Vergangenheit und das Lebenswerk hunderter Wissenschaftler*innen, welche das Leben dieser Kulturen dokumentierten sind verbrannt. Dazu kommt eine Besonderheit; Die Ethnolog*innen, die diese indigenen Gruppen erforscht haben, waren nicht, wie wir es aus Europa kennen, in der Regel weiße Menschen aus der westlichen Welt, die somit eine rein etische (von außen gesehene) Perspektive haben. An diesem Museum erforschten Nachfahren und Angehörige indigener südamerikanischer Kulturen ihre eigene Vergangenheit. Das ist wissenschaftsgeschichtlich und wissenschaftsethisch eine der wichtigsten Entwicklungen unserer Zeit. Um so mehr schmerzt der Verlust einer solchen Institution. Nicht nur Sprachaufnahmen, auch einzigartige Fotos finde ich in der Liste, die mir Sammlungsbestände aufzählt, von einer Sammlung, die es jetzt nicht mehr gibt. „Es ist als wären wir ein zweites Mal ausgestorben“ soll ein Vertreter der indigenen Gruppen Brasiliens gesagt haben.

Bendego, der 5 Tonnen schwere Meteorit, eines der Lieblingsstücke der Museumsbesucher*innen.

4. Geologie

Ein Forschungszweig, der in dem Nationalmuseum Rio de Janeiro sehr wichtig war, war die Geologie. Also ein Gebiet über das ich leider nicht soviel Wissen habe. Gleich in der Einganghalle war das Vorzeigestück der geologischen Sammlung positioniert gewesen. Der Bendego, einer der größten Meteoriten der Welt. Dieser Meteorit wurde 1784 nahe der Stadt Monte Santo in Bahia entdeckt. Der Finder war ein junger Bauerssohn, der eigentlich nach einer verloren gegangen Kuh suchte. Dieser Meteorit, hat so wie einige andere Meteoriten, das Feuer halbwegs gut überstanden. Das ist kein Wunder, haben diese Exponate doch bereits einiges mehr hinter sich, als ein Feuer im Museum.

Drei Riesenfaultierskelette

5. Paläonthologie

Die paläonthologische Abteilung vom Nationalmuseum Rio de Janeiro war unglaublich interessant. Hier fanden sich zum einen Dinosaurierknochen, zum anderen aber auch eine Fossiliensammlung, und eine Sammlung von Tieren und Pflanzen, die im Gestein konserviert geblieben sind. Besonders bekannt sind aber die elefantengroßen Riesenfaultierskelette, die zu der Megafauna-Sammlung gehörten. Die Faultiere lebten im Pleistozän, also vor etwa 1,8 Millionen Jahren in der brasilianischen Region. Bei den drei Skeletten handelt es sich um Rekonstruktionen. Die Originale wären für die Ausstellung zu wertvoll gewesen.

Dieser Dinosaurier war der erste der jemals in Brasilien gezeigt wurde.

Dinosaurierfans kamen im Nationalmuseum Rio de Janeiro voll auf ihre Kosten. Der auf dem Bild gezeigte Titanosaurus (auch als Maxilla bezeichnet) wurde in Brasilien gefunden, und stammt aus der Kreidezeit. Er ist 13 m lang und wurde im Museum rekonstruiert und erforscht. Auch einen Schädel vom Tyrannus Saurus Rex, und von anderen faszinierenden Dinosauriern, hat es im Nationalmuseum gegeben. Einige Dinofans hatten die Hoffnung, dass den versteinerten Knochen Feuer nichts anhaben kann. Doch die Wissenschaftler*innen des Museum berichteten auf Twitter das Dinosaurierknochen durch solch einen Brand großen Schaden nehmen, weil sie die Hitzeeinwirkung nicht verkraften, und eben auch entflammbar sind. Außerdem können bei starken Temperaturschwankungen die Knochen schnell zerspringen. In einer Tageszeitung wurde später aber verkündet, dass zwei Dinosaurierwirbel aus den Museumstrümmern geborgen werden konnten, wenn auch mit starken Brandschäden.

Dieser Kopf eines Tyrannus Saurus Rex ist ebenfalls Opfer der Flammen geworden. Er hörte auf den Namen „Stan“.

Bei einer Auflistung der Fossilientypen der Paleovertebradensammlung des Museums habe ich mir noch einmal Zeit genommen, um etwas näher nachzulesen. Namen von Dinosauriern reihen sich aneinander. Dinge mit denen ich mich nicht auskenne, denn ich bin Archäologin, keine Paläontologin. Eine 14 Seiten lange Liste mit Namen von Spezien, die ich noch nie gehörte habe. Die Liste ist schon älter, sie wurde im Mai 2000 aufstellt. Sie umfasst 72 nominale Arten. Die Arbeit der Wissenschaftler*innen bestand darin die Knochen dem richtigen Tier zuzuordnen, die Knochen zu katalogisieren und zu analysieren. Naturwissenschaftliche Methoden wurden dabei ebenso angewendet wie geologische Vergleiche. Die Einordung von Stratigraphien (Bodenschichten) in denen solche Funde gemacht wurden, kam mir aus meinem eigenen Fach ungewohnt bekannt vor. Für zukünftige Analysen, sind diese Knochen nun aber leider verloren gegangen.

Besonders bekannt: Die Schmetterlingssammlung des Museums

6. Zoologie

Die letzte Abteilung des Museums war gleichsam eine der vielfältigsten. Die Zoologie in Rio de Janeiro verfügte zum einen über eine große ornithologische Sammlung, zum anderen aber auch über große Sammlungen von Schalentieren, Insekten, Molusken und Krebs- sowie Spinnentieren. Außerdem gab es eine kleine Sammlung mit ausgestopften Säugetieren. Mit am bekanntesten war aber die Schmetterlingssammlung. Zu dieser gehörte ein Schmetterling mit etwa 12 cm Spannweite, der blaue Flügel hat. Diese Schmetterlinge sind nicht nur außergewöhnlich schön, sondern auch außergewöhnlich selten. Ihre Flügel wurden von indigenen Gruppen im brasilianischen Raum als Schmuck verwendet. Diese Tiere wurden also in diesem Museum gemeinsam von Zoologen und Ethologen untersucht.

Gleich mehrere Arten von Schmetterlingen mit Blauen Flügeln wurden im Nationalmuseum Rio de Janeiro ausgestellt.

Für meine Recherche zu den 6 verschiedenen Instituten, durchforstete ich alle mir zugänglichen Schriften des Nationalmuseums. Nachdem ich bei meiner Recherche plötzlich Band 73 der Schriftenreihe Publicacoes Avulsas Di Museu Nacional in der Hand gehalten habe, entdecke ich einen Band nach dem anderen. Forschung zu den verschiedensten Themen flogen mir um die Ohren. Eine Arbeit zur Vielfalt von Insektenarten. Die Verbreitung von Pflanzen, die Geschichte der Demokratie Brasiliens, eine Liste der 806 Holotypes, die ein besonderes Alleinstellungsmerkmal des Museums gewesen sind. Holotypes, dass sind, wenn ich es richtig verstanden habe, so eine Art zooologische Leitfossilien. Die wichtigsten wurden noch während des Brandes aus dem Museum herausgetragen. Die ganze Sammlung hat allerdings nicht überlebt. Diese Sammlung in Rio, war auch aufgrund dieser besonderen Holotypes für die weltweite Forschung von immenser Wichtigkeit. Sie sind ein bedeutender Teil eines Wissenschaftsschatzes, der hier verloren gegangen ist.

Die Vielfalt der Unterwasserwelt war ebenfalls Bestandteil der Zoologischen Sammlung, wie diese Krebsart hier.

Aber nicht nur das „Was“, sondern auch das „Wie?“ war im Nationalmuseum in Rio de Janeiro besonders

Ich wusste bis zu diesem Feuer nicht viel über das Nationalmuseum in Rio de Janeiro. Aber was ich wusste war, dass dieses Museum eine Sonderstellung eingenommen hat in Bezug auf pädagogische Programme. Brasilien hat eine Gesellschaft, welche große Probleme mit Armut hat. Die Gewalt in den Farvellas schäumt zu heftigen Bandenkriegen und großer Gewalt über. Dies wirkt sich auch auf die Bildung der Kinder aus. Das Nationalmuseum hat Programme betrieben, welche auf Kinder aus bildungsfernen Familien zugeschnitten gewesen sind. Es ging darum Verantwortung für dieses Problem zu übernehmen. Außerdem gab es zahlreiche innovative Schulklassenprogramme. U.a. das Programm „Nachts im Museum“, bei dem die Kinder in dem Museum übernachtet haben. Inspiriert vom gleichnahmigen Film, entdeckten bei diesem Programm Kinder nachts die Welt eines Museums. Bildung wurde für diese Kinder ein Abenteuerspiel. Im Internet gibt es viele Berichte von heute Erwachsenen, die erzählen, dass sie in diesem Museum das erste Mal in ihrem Leben gemerkt haben, dass sie Bildung Spaß machen kann. Das Museum war also ein Ort mit dem sich Menschen und vor allem Kinder identifiziert haben, weil sie tolle Erlebnisse damit verbinden. Auch diese Welt ist am 2. September verloren gegangen.

Mit den liebevollen Gestaltungen in dem Museum wurde Faszination für die Wissenschaft vermittelt.

Das Nationalmuseum war aber nicht nur ein Ort für Kinder, es war von hoher Bedeutung für viele Brasilianer*innen, auch weil ein Teil der Universität in dem Museum untergebracht gewesen war. Halbfertige Forschungsarbeiten, kurz vor der Fertigstellung stehende Masterarbeiten, akademische Karrieren, welche noch nicht begonnen haben verbrannten in dieser Nacht. Damit verbrannte nicht nur die Vergangenheit Brasiliens, sondern tatsächlich auch ein wichtiger Teil des gegenwärtigen Lebens in Rio de Janeiro, und der gegenwärtigen Forschung und mit diesen Lebenswerken auch ein Stück Zukunft. Hieran anknüpfen zu können wird Jahrzehnte dauern, wenn es überhaupt jemals möglich sein wird. Das Nationalmuseum in Rio de Janeiro war also ein Ort, der die Menschen in Rio in Kindheit und Jugend, aber auch als Studierende begleitet hat. Ein Ort wo Menschen groß geworden sind. Und das ist ein Verlust, der in keiner Art und Weise wieder aufgebaut werden kann.

Oder fällt euch ein besserer Ort für Bildungsprogramme ein als solch heilige Hallen?

Aber wie konnte das denn überhaupt passieren, dass dieses Museum ausgebrannt ist?

Vorab lässt sich in einem Satz sagen: Es gibt keine offizielle Stellungnahme, warum in diesem Museum ein Feuer ausgebrochen ist, auch die Mitarbeiter*innen des Museums wurden nicht über die Brandursache informiert und auch nicht darüber an welcher Stelle des Hauses das Feuer entstanden ist. Es gibt nur Vermutungen, Spekulationen, und Verschwörungstheorien. Verschwörungstheorien? Wie kommt es denn zu Verschwörungstheorien?

Das erkennt man spätestens, wenn man sich die Finanzierung ansieht. Diese war unter der Präsidentschaft von Michel Tremer massiv zusammen gekürzt worden. Zuletzt auf ein Jahresbudget von 13.000 $, dass sind etwa 11.400 €. Von so einem Budget kann man auch in Brasilien nicht einmal einen einzigen Angestellten beschäftigen. Deswegen konnten eine Vielzahl notwendiger Arbeiten nicht mehr durchgeführt werden. Auch die  Löhne für das Aufsichts- und das Sicherheitspersonal, wurden schon lange nicht mehr gezahlt. Der mittlerweile ehemaligen Regierung Brasiliens wird von daher von den Freund*innen des Museums eine Mitschuld an dem Feuer gegeben. Denn Sprinkleranlagen hätten ein rasches ausbreiten der Flammen verhindern können. Dafür fehlte aber das Geld. Einige Räume des Hauses waren wegen Termitenbefalls schon lange geschlossen. Es gab große Problem mit der Elektrizität. Die Finanzierung der Gebäudeinstandhaltung war von der Regierung bereits vor Jahren gekürzt worden. Der marode Zustand des Museums war also sicherlich ein Bestandteil davon, dass sich dieses Feuer so rasend schnell ausbreiten konnte. Solche Zustände, in denen eine Bildungsinstitution offenbar unerwünscht ist, ist nicht nur Nährboden von Verschwörungstheorien, sondern auch der Näherboden von einer unendlichen Wut. Am Morgen nach dem Brand entlud sich diese Wut und Trauer dann in Protesten vor dem Museum.

Ein Demonstrant hält ein Schild in die Kamera. Darauf steht „200 Jahre Geschichte, 20 Millionen Objekte, zu Asche reduziert“

Menschen die unter solchen Bedingungen trotzdem weiter Arbeiten, lieben ihren Job. Über Fundraising wurde versucht Geld für notwendige Maßnahmen aufzutreiben. Vor allem um gegen die Termiten anzukämpfen. Aber auch für eine neue Elektrizitäts-versorgung wurde Geld gebraucht. Tatsächlich gab es, bevor das Gebäude in Flammen aufging die Auflage, dass jeden Abend jemand alle Stecker aus den Steckdosen ziehen musste, weil die Elektrik so veraltet war, dass die Gefahr eines Kurzschlusses bestand. Mit einer Finanzierung, welche eine moderne Instandhaltung ermöglicht hätte, wäre der Brand vmtl. weniger verheerend ausgefallen, oder vielleicht gar nicht erst entstanden. Nun aber brannte das Museum bis auf die Grundmauern nieder. Dazu kam: die Hydranten in der Umgebung führten kein Wasser. Und das in direkter Umgebung zu Rio´s Olympia-Stadion, für dessen Bau Brasiliens Regierung wiederum Unsummen bereit gestellt hatte. Dieses Zusammenspiel einzelner Umstände, macht den Brand im Nationalmuseum auch zu einem politischen Symbol.

Kann das auch bei uns passieren?

Natürlich können Katastrophen überall passieren. In diesem Falle wurde die Katastrophe von fehlenden Feuerschutzmaßnahmen sicherlich begünstigt. Aber auch in Deutschland gibt es zum einen unterfinanzierte Museen, und zum anderen gibt es immer wieder Katastrophen und einige davon sind gar nicht so unbekannt.

Am bekanntesten ist vermutlich, der Einsturz des Stadtarchives in Köln. Am 3. März 2009 begann das Gebäude zu wanken und zu zittern, und stürzte schließlich in sich zusammen. In Panik gelang es den Menschen aus dem Gebäude heraus zu laufen. In einem Nachbargebäude wurden zwei Menschen verschüttet und starben. Der Schutt der von dem 70er-Jahrebau übrig blieb, begrub tausende Archivalien, und damit einen riesigen kulturellen Schatz unter sich. Wie konnte das passieren?

Dieser Trümmerhaufen, war einmal das Stadtarchiv in Köln

In der direkten Umgebung des Gebäudes wurde ein U-Bahntunnel unterirdisch angelegt. Doch der Boden sackte ab, sodass ein Krater entstand. Das Archivgebäude rutschte in diesen Hohlraum hinein. Die Bergung der Dokumente, die mit dem Gebäude in das Loch rutschen war eine Meisterleistung. Die Archivalien des Archivs waren bis zu 28 m tief in den Boden gestürzt und wurden vom Grundwasser bedroht. Dennoch konnten gut 95% der Dokumenten geborgen werden.

Der Einsturz des Stadtarchives in Köln ist dabei eine der bekannteren Katastrophen. Tatsächlich kommt es immer wieder zu kleineren und größeren Unglücken die Museen betreffen und die nicht so bekannt werden, wie in diesem Falle. So ist in etwa 5 Wochen nach dem Brand in Rio de Janeiro, in Ingolstadt, im Depot des Deutschen Museums, ein Feuer ausgebrochen, das 8000 Objekte beschädigte. Diese beiden Beispiele zeigen: Katastrophen können überall passieren und wir tun gut daran, Kulturschätze in soweit zu finanzieren, dass vielfältige Sicherheitsmaßnahmen für sie getroffen werden können.

Warum ist es besonders schlimm, dass dieses Museum verloren gegangen ist?

Das Feuer im Nationalmuseum hat nicht ohne Grund Proteste ausgelöst. Vielmehr handelt es sich um eine Zuspitzung, ein Symbol für die problematische politische Situation, in der sich Brasilien befindet. Das zeigte sich auch bei dem Umgang des Museumspersonals mit der Katastrophe. In ihrer ersten Stellungnahme rief das Nationalmuseum dazu auf, 4 Tage nach dem Feuer einen gemeinsamen Spaziergang zum Museum zu machen und sich damit für ein demokratisches Wissenschaftsverständnis auszusprechen. Eine Aufforderung, die für uns Europäer*innen erst einmal merkwürdig klingt.

Die Museumsfassade nach dem Feuer. Es ist deutlich zu sehen, die Ausstellungsräume sind komplett verschwunden.

Logisch wird dies erst, betrachtet man die politische Situation Brasiliens. Eine 12 Jahre alte Wirtschaftskrise nagt an den Nerven der Menschen und die Faschist*innen bekommen einen immer größeren Zulauf. Das Ganze passiert in einem Land in dem es viele Minderheiten gibt. Minderheiten welche eben durch genau solche Orte, wie dieses Museum, repräsentiert werden und die die Leidtragenden einer faschistischen Politik wären. Gleichzeitig machten eine Vielzahl von Korruptionsskandalen in den politischen Parteien, welche nicht dem faschistischen Lager zuzurechnen sind, eine Wahl dieser Parteien unattraktiv. Der Brand dieses Museum spielte also in mehrerer Hinsicht in die Hände dieser Faschisten, welche bei der anstehenden Wahl gute Gewinnaussichten hatten. Und tatsächlich: 8 Wochen nach dem Brand wurde in Brasilien der Kandidat der Faschisten, Bolsonaro, in das Präsidentschaftsamt gewählt. Dieser Präsident sprach sich gleich in seiner aller ersten Ansprache gegen das Lebensrecht indigener Gruppen aus. In diesem Zusammenhang, ist es kein Wunder, dass Verschwörungstheorien darüber entstehen, warum das Museum gebrannt hat. Auf Flugblättern war zu lesen, dass die Faschist*innen, Orte wie Museen hassen. Und tatsächlich äußerte sich Bolsonaro zu dem Museum in der ersten Zeit überhaupt nicht und verkleinerte zu Beginn seiner Regierungszeit das Kulturministerium, in dem er es mit dem Ministerium für Sport- und Entwicklung zusammenlegte.

Und wie geht es jetzt weiter im Nationalmuseum?

Das ist eine gute Frage, denn Informationen zu diesem Thema sind spärlich gesät. Und das obwohl bereits am Morgen nachdem Feuer Marcelo Crivela (der Bürgermeister von Rio de Janeiro) öffentlich davon sprach das Museum wieder aufbauen zu wollen. Am 10. September verkündete der brasiliansche Präsident Tremer als Reaktion auf diese Katastrophe, eine brasilianische Agentur für Museen ins Leben rufen zu wollen, welche für den Wiederaufbau verantwortlich sein wird. Zunächst wurde aber eine Stelle eingerichtet bei der Anwohner*innen Gegenstände aus dem Museum abgeben können, die bei Explosionen aus dem Gebäude geschleudert wurden oder durch den starken Sog des Feuers nicht verbrannten, sondern durch die Luft flogen und irgendwo in Rio de Janeiro wieder herunter gefallen sind. Einige Zeit kursierte beispielsweise das Bild von einer Schublade voller Käfer auf Twitter, welche leicht angesengt, in dem Vorgarten einer Familie gelandet war. Unter dessen erklärten sich zahlreiche Institutionen und Regierungen dazu bereit das Nationalmuseum zu unterstützen. Solidaritätsbekundungen und Aussprachen des Mitgefühls landeten tonnenweise in Rio de Janeiro. Bereits einen Tag nach dem Brand drückte die Staatsministerin Michelle Müntefering ihre Erschütterung aus, und sagte dem Museum Hilfe aus Deutschland zu. Dies führte sie allerdings inhaltlich nicht weiter aus, als das sie in direktem Kontakt mit dem Museum stehen würde.

Vielleicht liegen einzelne Scherben dieser korinthischen Kanne unter den Trümmern. Und das ist nur ein einziges Beispiel von Objekten, die sich in dem Trümmerhaufen, der von dem Museum geblieben ist verbergen können.

Die Aufräumarbeiten in so einem Museum sind unglaublich mühsam. Im Grunde gleicht es fast einer archäologischen Ausgrabung, bei der aber jedes einzelne Trümmerstück als Fund angesehen werden muss, und daraufhin untersucht werden muss ob es ein Bestandteil eines alten Exponates ist. Gleichzeitig, sind die noch stehenden Gebäudemauern, auch noch einsturzgefährdet. Menschen, die so eine schwierige Situation bereits kennen sind diejenigen, die nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs die Aufräumarbeiten gestaltet haben. Diese Expert*innen wurden als Unterstützung aus Deutschland nach Rio de Janerio geschickt.

Das Museum soll wieder aufgebaut werden. Bilder eines Planes kursieren im Internet, allerdings ohne das ich eine dezidierte Beschreibung finden konnte. Die Informationen die ich über diesen Plan gefunden habe widersprechen sich. Aber es gibt Internationale Unterstützung bei dem Vorhaben dieses Museum wieder zu errichten. Verschiedenste Länder spenden Know how, Geld oder Exponate. Dennoch geht die UNESCO davon aus, dass der Wiederaufbau 10 Jahre dauern wird. Die Kampagne #MuseoNacionalVive unterstützt den Wiederaufbau des Nationalmuseums, aber irgendwie sieht diese Kampagne immer wieder relativ Hilflos aus (überzeugt euch selbst auf Twitter). Aber: Bereits am 17. Januar wurde unter diesem Slogan die erste Ausstellung in Rio de Janeiro eröffnet. Ausgestellt wurden hier Objekte, welche aus dem abgebrannten Museum geborgen wurden. Ebenfalls Mitte Januar lenkte Präsident Bolsonaro schließlich ein, und stellte dem Museum umgerechnet 12,8 Millionen Euro zur Verfügung. Dieses Geld wird allerdings nur dafür ausreichen, die Außenfassade und das Dach des Gebäudes zu rekonstruieren. Wie es also weiter geht in Rio de Janeiro, das kann nur die Zukunft zeigen. Aber Eines ist klar: Ein ganz besonderes engagiertes Kollegium kämpft in Brasilien für dieses Museum!

Und zum Abschluss noch ein paar gute Nachrichten:

Relativ schnell nach dem Brand war klar, dass es ein Backup der digitalisierten Stücke der Sammlung und der Ausstellung gab, welches sich in der Ecke eines Raumes befand, die das Feuer glücklicherweise nicht erreicht hat. Das war ein Glück, denn am 31. August (Also zwei Tage vor dem Brand) war ein Projekt zu Ende gegangen, bei dem die Exponate der ägyptischen Sammlung mit 3D-Scanneren erfasst worden waren. Diese Dokumentation, ist ein kleiner Trost, denn diese Objekte können nun mit einem 3D-Drucker als originalgetreue Repliken wieder ausgedruckt werden.

Auch diese beliebte Katzenmumie ist im Nationalmuseum in Rio verbrannt. Sie war eines der ersten Exponate, bei dem versucht wurde es dreidimensional wieder auszudrucken.

Am 19. Oktober gab es dann noch eine Nachricht, die ebenfalls Freude ausgelöst hat. Die Überreste des ältest bekannten Homo Sapiens, welcher auf dem südamerikanischen Kontinent jemals gefunden wurde, konnte aus den Trümmern geborgen werden. Das Skelett von Luzia war in einem besonderen Behälter aufbewahrt gewesen, welcher einen ausreichenden Feuerschutz geboten hat. Und damit kann ich diesen traurigen Artikel immerhin mit kleinen Lichtblicken beenden:

Luzia lebt! Das Museum wird auch Leben!

Besonders möchte ich diesen Artikel über das Nationalmuseum in Rio de Janeiro empfehlen:

https://www.newyorker.com/news/dispatch/brazil-lost-more-than-the-past-in-the-national-museum-fire

Literatur:

www.museonacional.ufrj.br

Die Schriftenreihe: Publicacoes Avulsas Di Museu Nacional. Rio de Janeiro

Hartmann, Günther Hartmann, Litjoko – Puppen der Karaja, Brasilien, Berlin 1973.

Nimuendajú, Curt Nimuendajú, the Tukuna. In: University of California publications in American archaeology and ethnology Bd. XLV. Los Angeles 1952.

Perruchon, Marie Perruchon, I Am Tsuki – Gender and Shamanism amog the Shuar of Western Amazonia, Uppsala 2003.

Soares, Marília Faco Soares, Guia de Fontes e Bibliografia sobre Linguas Indigenas e Producao Associada, Rio de Janeiro 2010.

Sullivan, James Lamkin Sullivan, The impact of education on Ticuna indian culture. An historical and ethographic field study – Disertation North Textas State University, Denton, 1970.

Aus den Medien:

https://derstandard.at/2000096547776/Das-Museu-Nacional-lebt

https://www.stadt-koeln.de/politik-und-verwaltung/presse/nach-brand-im-nationalmuseum-koeln-bietet-rio-de-janeiro-hilfe

https://www.welt.de/wissenschaft/article181410586/Rio-de-Janeiro-Feuer-brennt-Nationalmuseum-nieder.html

https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/brand-im-brasilianischen-nationalmuseum-200-jahre-geschichte-gehen-in-flammen-auf/22990280.html

https://www.forbes.com/sites/kristinakillgrove/2018/09/05/heres-how-you-can-help-document-rios-national-museum-collections-after-the-catastrophic-fire/

https://en.unesco.org/news/unesco-emergency-mission-rio-janeiro-helps-guide-global-efforts-restore-brazil-s-national

https://www.citylab.com/perspective/2018/09/what-rio-really-lost-in-the-fire/570475/

https://www.stadt-koeln.de/leben-in-koeln/kultur/historisches-archiv/der-einsturz-des-historischen-archivs?kontrast=schwarz

https://www.smithsonianmag.com/smart-news/these-are-latest-updates-brazils-devastating-national-museum-fire-180970232/

https://www.sueddeutsche.de/muenchen/ingolstadt-deutsches-museum-bangt-nach-brand-um-wertvolle-exponate-1.4222736

https://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.millionenschaden-in-ingolstadt-brand-in-lagerhalle-auch-deutsches-museum-ist-betroffen.bd9b044c-a87a-4e1e-9c35-88260c52789d.html

http://agenciabrasil.ebc.com.br/en/geral/noticia/2018-09/unesco-restoration-rio-national-museum-take-ten-years

https://www.atlasobscura.com/articles/students-collecting-photos-of-museu-nacional

https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/muentefering-brand-nationalmuseum-rio-de-janeiro/2132500

Indigener Forscher: Der Brand im Nationalmuseum von Rio ist ein kultureller Ethnozid

3 Gedanken zu „Wenn man mit Tränen Feuer löschen könnte – Das Museu Nacional in Rio de Janeiro

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