Nichts bringt mir mehr Spaß – nicht einmal Archäologie –

Es ist seit einigen Wochen so. Genauer gesagt, seit dem ich mein Masterzeugnis habe. Ich habe im Sommer zunächst Jobangebote bekommen und auch Bewerbungen geschrieben. Und war dabei recht erfolgreich. Nur wurde mir dann klar, dass ich wegziehen muss – und ich wohne jetzt schon weit weg von dem Leben, dass ich als mein Leben empfinden würde. Für eine Karriere muss ich dann noch weiter weg – Denn in Hamburg gibt es für mich beruflich keine Perspektive – sehr guter Abschluss hin oder her – wo keine Jobs sind, sind keine Jobs.
Aber: Ich habe Heimweh, großes Heimweh. Seit 2013, wo ich meine Wohnung an meiner geliebten Stresemannstraße aufgeben musste, träume ich von meinem Streseleben. Seit 2017 lebe ich nun auf der Elbinsel. Hier gibt es nichts von dem, was ich brauche, damit sich mein Leben lebendig anfühlt. Es ist totenstill hier. Anstelle von coolen Clubs, Punkrock und Bars gibt es hier einen stinklangweiligen Deich. Es gibt nicht einen – es gibt null Orte, wo ich als Queerer Mensch gerne hingehen mag, um mich wohl zu fühlen, wie ich bin. Ich hasse es hier zu leben. Abgrundtief und jede einzelne Sekunde hier fühlt sich scheiße an und das einzige, was ich will, ist: weg hier.

Was ich so dringen brauche – Krach und Dreck

Als ich aus Wien nach Hamburg zurückgekehrt bin, war das aus Heimweh. Heimweh zu meinem Stresemannstraßenleben. Ich habe damals direkt an den Bahnschienen gelebt. Meine Freunde haben sich immer darüber lustig gemacht, weil meine Wohnung war wie bei den Bluesbrothers – wenn ein Zug fuhr wackelten die Wände – und irgendein Zug fuhr immer. Ich lebte direkt an einer 6-spurigen Bahntrasse und konnte von meinem Bett aus sehen, wohin die Züge fuhren. Ich habe nächtelang am Fenster gesessen und mich daran gefreut zu lesen, wo die Bahnen denn hinfahren. Auf diese Art war ich mit der Welt so richtig verbunden. Das habe ich sehr geliebt. Dazu kommt: die Stresemannstr. ist eine 6-spurige Hauptstr. Die meist befahrende Straße Deutschlands, sie hat, glaube ich, sogar einen Preis für die meisten Staus bekommen und sie ist die Straße mit der bundesweit höchsten gemessenen Feinstaubbelastung. Viele meckern, dass sie sehr laut und dreckig ist.

Ich habe genau das sehr geliebt. Ich musste nur das Fenster aufmachen und war mitten im Großstadtalltag. So hatte ich mir das Leben immer vorgestellt – genauso bin ich glücklich, wenn um mich herum möglichst viel Trubel ist. Zu Fuß maximal 30 Minuten, egal was ich wollte oder brauchte war einfach da – sogar die liebsten, verrücktesten Treffpunkte, mit den buntesten Leuten. In meiner Umgebung viele Freunde und Bekannte. Viele Freaks, die wie ich den Trubel und den Dreck brauchen, um glücklich zu sein – und in meinem Falle auch um mich zu konzentrieren. Wenn man meine Uni-Hausarbeiten ansieht, alle in denen ich eine 1 habe, haben eines gemeinsam: Ich habe sie auf irgendwelchen Punkkonzerten geschrieben – meistens während ich dort Barschichten übernommen habe. Ich brauche das – frei nach dem Motto, je krasser mir jemand besoffen auf den Tresen kotzt, umso besser wird meine Note. Mit meiner Therapeutin habe ich dieses Phänomen genau betrachtet, dass Ergebniss:
Ich mag den Geruch von St. Pauli nicht einfach – ich brauche ihn. Gerade den Geruch der Ecken in St. Pauli wo die Touristen reiß ausnehmen. Da wo es ranzig ist, da fühle ich mich wohl. Und es war bevor ich nach Wien ging so: ich war einfach die Punkerin in Hamburg, die permanent mit einem Buch vor der Nase herumgelaufen ist – und das war für alle Leute in meinem Umfeld damals voll okay. Ich kann sogar Fachtexte lesen während dich demonstriere. Und das sogar besser, als wenn es um mich herum ruhig ist. Denn aufgrund von meiner Legastheniegeschichte habe ich Angst, wenn es so ruhig ist wie damals in der Schule. Wenn etwas mich zu sehr an die Provinz erinnert, in der ich aufgewachsen bin, bekomme ich Panik. Wenn es ein bisschen stinkt, wenn es laut ist, wenn Trubel da ist, dann habe ich hingegen das Gefühl, dass ich in Sicherheit bin – das eben nichts aus diesem Früher, dass mir so große Angst macht gleich wieder da ist. Und das, weil es zusätzlich in meinem Punkumfeld einige unumstößliche Verhaltensregeln gab, die alle schützen, sowas wie “Nein heißt nein” oder “Frag’ gefälligst bevor du wen anfässt”. Anders gesagt: Das dreckige Umfeld auf St. Pauli hilft mir die mentale Stabilität zu haben, die ich brauche um mit meinen Traumata langfirstig zurecht zu kommen.

Wie kommt man denn mit solchen Vorraussetzungen in einem Auslandstudium in Wien zurecht?

Kurz gesagt: garnicht. Lang gesagt: Als ich in Wien lebte, hatte ich permanent Heimweh. Habe manchmal z.B. Dosenfisch etwas in der Sonne gammeln lassen, um einen Geruch zu erzeugen, der so ähnlich war wie zu Hause. Das muss niemand verstehen – Aber in Wien habe ich irgendwann wircklich alles vermisst. In Wien gibt es keine Reeperbahn, keine Möven und das alternative Umfeld ist schrecklich klein und zersplittert. Punkrock ist in Wien ganz anderes als in Hamburg. Die Luft in Wien schmeckt seltsam, es ist kaum Salz darin, der Regen kommt von oben und nicht von der Seite und beim Bäcker kann ich mir keinen Hanseaten kaufen. Keine Lakritze im Supermarkt und keine Fritz Cola – geschweige denn Club Mate. Einmal recherchierte ich eine Woche wo ich Niederegger Marzipan bekommen könnte, weil ich wenigstens einmal etwas schmecken wollte, was mich an zu Hause erinnert – und fand am Ende ein kleines Kellergeschäft in der MAHÜ, das eine einzige Packung im Angebot hatte. Irgendwann war mein Heimweh so schlimm, ich konnte nicht mehr zur Uni gehen. Ich konnte nicht mal aufstehen. 2016 wurde mir klar: Ich muss nach Hause zurück, sonst gehe ich endgültig kaputt.

Man lässt mich nicht nach Hause – 5 Jahre Wohnungssuche

Seit dem bin ich wieder in Hamburg – Aber: Es ist nicht mein Leben, sondern ein Leben in einer Warteschlange, in der ich auf mein Leben warte: Ich wohne seit 2017 auf der Elbinsel Wilhelmsburg – übergangsweise, bis ich was anständiges gefunden habe – anders gesagt, der Lockdown begann für mich schon 2017 und ist bis jetzt nie beendet gewesen – denn dieser Übergang dauert jetzt schon Jahrelang. Ich wache morgens auf, und vermisse die Trubelgeräusche  – anstelle dessen Vogelgezwitscher. Ich gehe durch die Straßen, die sich anfühlen wie aus dem Provinzleben vor dem ich so große Angst habe. Ich kann nur selten nach St. Pauli fahren, weil das Bahnticket zu teuer ist. Freunde habe ich nur sehr noch wenige, weil ich zu weit weg wohne, bei Punkkonzerten helfe ich auch nicht mehr. Auch wenn ich es sosehr vermisse und um ehrlich zu sein, meine Noten darunter ganz schön gelitten haben – Aber: Der Weg ist zu weit. Ich habe eine neurologische Erkrankung, das ist einfach zu gefährlich, weil ich im Notfall nicht rechtzeitig nach Hause komme. Mit dem Fahrrad würde das von der Entfernung her gehen – aber ich darf wegen der Krankheit nicht Fahrrad fahren – und die Öffis brauchen viel zu lang. Ich bin abgeschnitten von meinem Leben, auf einer grünen einsamen Insel, von der ich, wenn, dann nur mit viel Vorbereitung herunterkommen kann.

Mein Alltag – ist zum heulen

Ich sitze also seit 2017 jeden Abend am Deich und schaue über die Elbe – wie ein Katze die man ausgesetzt hat. Da auf der anderen Seite, da wo der Fernsehturm steht, etwas links, da ist zu Hause – wenn Dom ist sehe ich sogar das Riesenrad. Ich schaue dahin und habe Heimweh. Ich stelle mir dann vor, was da wohl gerade passieren mag, es roch immer so schön nach Popcorn und Süßkram, wenn Dom war. Das tut es immer noch, aber es ist so weit weg, dass ich es mir vorstellen muss. Ich habe das Gefühl aussortiert worden zu sein, dass mein eigenes Leben mich weggeworfen hat und, dass dort drüben irgend eine andere Person mein Leben lebt. Dass sich diejenigen, die dort leben dürfen, wo zu Hause ist, sich über mich lustig machen. Und es ist ja wirklich so, dass ich fast alle Freundschaften verloren habe, einfach nur, weil ich nie da sein kann. Ich glaube, die meisten haben mich einfach vergessen, weil ich aus deren Perspektive verschwunden bin. Und das ja schon seit 2013 als ich nach Wien gezogen bin – und zu Freunden in Wien habe ich logischerweise auch kaum noch kontakt. Wien ist ja noch weiter weg. Manchmal glaube ich, der einsamste Mensch der Welt zu sein.

Der totale Breakdown

Als ich nun da saß, vor ca. 2 Monaten, mit dem fertigen Master und daran dachte ganz wegzuziehen, wegen Job, wegen Karriere, wurde mir klar, dass ich seit Jahren dafür kämpfe, dass mein Leben, also das Leben, so wie es in meiner geliebten Bluesbrothershütte war, zurückzubekommen. Oder wenigstes etwas Ähnliches – etwas mit Punkrock – etwas in St. Pauli – Ich will keinen dekadenten Kram – ich will ein Zuhause – die hinterletzte Bruchbude ist mir lieb. Als ich da so saß und an meine Zukunft dachte wurde klar, dass ich, wenn ich wegziehe, das, wirklich endgültig aufgebe. Dass mein Leben, so wie es zu mir passt, dann nie wieder existieren wird. Und dass in dem Wissen, dass ich jetzt schon Schwierigkeiten habe von Herzen zu lachen, und dass es seit Jahren jeden Tag schwieriger wird optimistisch zu bleiben, und weiter von Wohnungsbesichtigung zu Wohnungsbesichtigung zu ziehen. Mir wurde schlagartig klar: Wenn ich ganz aufgebe und in eine ganz andere Region ziehe, dann wird mein Lachen niemals wiederkommen.
Und so habe ich vor zwei Monaten die Wohnungssuche noch mehr intensiviert. Versucht irgendwie zu kämpfen. Versucht irgendwie ein Leben aufzubauen, dass zu mir passt. Miss Jones wird gerade zu einer Firma für Wissenschaftskommunikation. Aber das macht die Wohnungssuche noch schwerer – und ich habe in den letzten 5 Jahren bereits sage und schreibe 996 Wohnungen besichtigt. Jetzt es ist so: Ich muss mir eingestehen, die letzten Kraftreserven sind aufgebraucht. Um ehrlich zu sein, die Freude in meinem Leben, sie ist mittlerweile so klein. Ich finde sie manchmal tagelang gar nicht mehr. Ich schaffe es nicht mehr gute Artikel zu schreiben. Ich brauche die Zeit, um gegen wirklich schlimme Gedanken anzukämpfen – die ich bekomme, durch diese Lebenssituation, in der ich immerzu leide und aus der es einfach keinen Ausweg zu geben scheint. Zu meinem Alltag gehören mittlerweile 4-5 Stunden am Tag, in denen ich nichts anders tue als weinen.

So privat wurde ich hier noch nie – und das hat eine Grund, Miss Jones kann so nicht mehr – Ich kann erst wieder richtig weiter machen wenn eine Lösung da ist

Es ist mittlerweile so: Ich schaffe nichts mehr. Und als ich gerade in meinen Archäologiebüchern geblättert habe, um für euch einen Artikel zu schreiben, wurde mir klar, dass ich nicht einmal mehr dafür Freude empfinde. Meine Leserzahlen sinken – kein Wunder, ich klatsche in letzter Zeit alles nur noch hin. Das mache ich zwischen den Tagen, an denen ich so traurig bin, dass ich garnicht mehr aufstehen kann. Und das tut mir leid. Ich kann es besser und ich will das auch besser machen. Aber ich bin so lieblos – weil ich absolut keine positiven Ressourcen mehr übrig habe, weil wircklich jeder Tag damit beginnt, das ich aufwache und mich in eine Leben wiederfinde, in dem ich totunglücklich bin. Das einzige, was ich noch habe, ist Heimweh und krasse Einsamkeit. Und ich kann mittlerweile nichts anders mehr fühlen, nichts anders mehr denken und sehe auch keinen Ausweg mehr aus dieser Situation. Und deswegen kann ich gerade einfach nicht mehr Bloggen.

25 Gedanken zu „Nichts bringt mir mehr Spaß – nicht einmal Archäologie –

  1. Hallo,

    Ich kann dir leider keine Lösung anbieten, möchte mich aber für das Blog bedanken.

    Momentan bist du nach Zeit der Anspannung in ein Loch gefallen: Entlastungsdepression. Und der “Ernst des Lebens” soll anfangen: Beängstigend.
    Es gibt die Möglichkeit psychotherapeutischer Hilfe, manche nehmen eine Auszeit…

    Kann deine Situation zum Teil verstehen, hatte 14Jahre WG Holstenstraße, war 10 Jahre in der Uni eingeschrieben und war verzweifelt, als ich anfangen musste zu arbeiten. Es kann (geringen) Trost geben, sich das Leben anderer Menschen vorzustellen; du bist jetzt als Akademikerin einigermaßen privilegiert, woanders leben kann auch aufregend sein.

    Ich hoffe ich war nicht grob und wünsche dir wirklich alles Gute.

    • Moin!
      Holstenstraße – Dann sind wir ja sowas wie Nachbarn gewesen. Ich will wieder zurück genau dahin.
      Danke für die lieben Worte
      LG

  2. Liebe Miss Jones,
    Die Entscheidung, ob Leben oder Karriere wichtiger ist, müssen alle in dieser Lebenphase treffen. Und ich würde sagen, bei Dir ist es das Leben. Das ist dann so. Ich habe mich damals auch für meine Szene und gegen die Karriere entschieden, es ging gar nicht anders. Im Alter bereue ich das manchmal ein bisschen, Sicherheit oder Rente gibt es für ein wildes Leben halt nicht. Aber ich würde es wieder so machen, wenn ich nochmal gefragt würde. Heute ist Karriere ja auch nicht mehr so ortsgebunden wie vor 40 Jahren. Mein Tipp: Mach Pause, such dir ne WG oder einen Zusammenhang, der für Dich richtig ist, hol erst mal Luft (dreckige) und dann guck, wie es weitergeht. Du bist jung, Du hast Zeit. Keine Panik. Ich verstehe Dich und halte dir alle Daumen.
    Pass auf dich auf. Liebe Grüße Martina

  3. Oh je … ich kann Dich schon irgendwie verstehen, deinen Kummer, deine Not. Ich kann Dir nicht helfen aber ich drück die Daumen, dass von irgendwo her das, vielzitierte kleine Licht herkommt und zwar bald.
    Lieben Gruß aus Kiel!

  4. liebe miss jones – es klingt nicht gut was du schreibst. ich bin selbst archaeologin aus wien und verstehe deinen hang zum chaos und “dreck”. meine hilfe war immer in die wüste zu gehen, in irgendwelchen nomadendörfern rumzuhängen….jetzt ist mein ziel der balkan und im frühling geht es los….schau mal ob du da nicht irgendeinen job findest. es gibt soviele projekte in serbien und bulgarien. wenn es auch nicht die schmuddelige ecke in hamburg ist. der balkan ist ähnlich und laut und fröhlich. anders als hamburg – aber sehenswert und erlebniswert.
    klopf mal bei öaw an in wien….viel glück für job und leben!

    • Moin Moin!

      Und Danke! Ja vielleicht sollte ich mal wieder in Wien anfunken, um zu einem dieser tollen Projekte zu kommen, das könnte klappen, da hast du recht, und mal wieder ein paar Monate Feldforschung währen auch nicht schlecht. Vielleicht genau das, was mir mal wieder den Schädel gerade rückt, du hast recht. Mal sehen, ob ich was finde. Im Sommer ist Corona ja dann vmtl. auch nicht mehr ganz so schlimm.
      .. Vielleicht bucht mich ja auch ein Forschungsteam als Medientante – das wäre toll. Ansonsten mal wieder die Kelle und das Oni bewegen ist auch keine schlechte Idee. Danke für die guten Gedanken.

      LG

  5. Alles Gute! Bei mir hat nach dem Magisterabschluss der Körper rebelliert, hatte eine Gürtelrose. Obwohl kein Umzug anstand und ich sogar in einem Uniprojekt mitarbeiten durfte. Das dieses wie auch die Diss nicht der richtige Weg für mich war, hat sich erst später erwiesen… Der hat sich dann abseits der Archäologie gefunden. Hör auf dich, deinen Körper!

  6. Liebe miss Jones
    Ich verstehe dich voll und ganz
    Nicht verzweifeln es wird wieder besser werden
    höre auf dein Herz und nicht auf den Kopf
    Danke führ deine einblicke und viel Glück auf deinen
    Wegen herzlichst heinz

  7. Liebe Miss Jones,

    mit Blick auf die Gleise hätte ich es an der Stresemannstraße sicher besser ausgehalten, leider wohnte ich im Erdgeschoss zur Straße raus, das war ziemlich furchtbar. Züge und Schiffe triggern immer mein Fernweh und geben mir das Gefühl – selbst als passiver Beobachter – ein wenig mit der weiten Welt verbunden zu sein. Das kann ich so gut verstehen!

    Punk und Undergrond war ebenfalls ein wichtiger Teil meines Lebens, aber ich glaube, man kann das in der Form nur als junger und ja, auch naiver Mensch wirklich leben (manche nennen das “selige Unwissenheit” – ein Zustand zu dem man nicht zurück kann, wenn man einmal darüber hinausgegangen ist, zb durch den Gewinn von Lebenserfahrung).

    Ich habe den Eindruck, das was du suchst, was dir so sehr fehlt momentan, ist nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit verschwunden. Sprich, selbst wenn du wieder eine Wohnung in der richtigen Gegend finden solltest, ist das keine Garantie, dass es dir wieder besser gehen wird. Nach so vielen Jahren sind es andere Clubs, andere Bands, andere Leute … du selbst bist älter geworden und hast Lebenserfahrung dazugewonnen, in den Clubs sind die meisten jetzt jünger als du und sind – trotz aller Gemeinsamkeiten – in vieler Hinsicht anders sozialisiert. Ich denke, es wird wohl nie wieder genau so sein wie früher™. So ging es mir zumindest, nachdem ich als Berufsanfänger zwei Jahre aus Hamburg weg war … ich habe nie wieder den selben Zugang zur Szene gefunden wie damals mit der glorreichen Partyclique, die längst zerfallen war.

    Ich glaube, dass du dir keinen Gefallen tust, dich so sehr auf diese Vergangenheit zu fixieren, du wirst sie in der Form nicht zurückbekommen. Wenn du in dich hineinhorchst – gibt es wirklich nichts anderes, was du dir für dich vorstellen könntest?

    Dass die Stille der Provinz für dich so ein Trauma darstellt, empfinde ich als tragisch. (Ich war immer auch – und zunehmend – ruhebedürftig, und lebe heute weit draußen im Holsteinischen, sehe nur Grün aus allen Fenstern und es tut meinen Nerven unglaublich gut.) Vielleicht würde es wirklich helfen, eine Weile ins Ausland zu gehen (etwas aufregenderes als Wien ;)), oder einen Job zu finden, in dem du viel in der Weltgeschichte unterwegs sein kannst. Reisen war für mich immer ähnlich aufregend wie Punkrock, man muss sich einfach reinstürzen, und weiß nie, wo man am Ende des Tages landen wird … gerade diese Unberechenbarkeit habe ich am Reisen immer geliebt – vielleicht kannst du in einem rappelvollen bolivianischen Überlandbus ähnlich gut lernen und schreiben wie in einem Underground-Club …?

    Dein Posting lässt mich besorgt und etwas hilflos zurück, ich habe hier immer sehr gern gelesen, auch dass du deine Persönlichkeit hier ziemlich schonungslos eingebracht hast, hat mir immer gut gefallen, und – wenn auch einseitig – eine gewisse Nähe hergestellt. Ich vermag dir keine großartigen Ratschläge zu geben, deshalb entschuldige bitte, wenn ich hier nur ein paar Allgemeinplätze und unsortierte Gedanken anbringen kann. Ich habe den Eindruck, deine Krise ist existenziell und du brauchst dringend professionelle Hilfe (möglicherweise hast du die schon, das weiß ich natürlich nicht).

    Deshalb bleibt mir an dieser Stelle nur, dir von Herzen alles alles Gute zu wünschen; ich hoffe sehr, dass du vielleicht doch noch etwas findest, was sich für dich gut und richtig anfühlt. Die Rückkehr in die Zeit(!) deiner Jugend ist sicher keine nachhaltige Lösung für den Rest deines Lebens; ich hoffe du kannst bald wieder nach vorn schauen und was ganz neues ausprobieren … love & peace, Dampier

    • Hey, von dir habe ich lange nichts gehört. Aber du schreibst umso schöner. Danke dafür. Und ich weiß auch was du meinst. Und ich weiß auch wie du auf diese Gedanken kommst. Aber das ist nicht so. Das hat mit “Jugend” nicht soviel zu tun. Ich habe irgendwie das Gefühl ich kann deinem wirklich gut geschriebenen Kommentar gerade nicht gerecht werden, schaffe es keine gute Antwort zu schreiben. Aber es ist innerhalb von 5 Jahren Verzweiflung alles tausendmal durchdacht, alles tausendmal reflektiert, mit therapeutischer Begleitung durchgekaut bis zum Gehtnichtmehr, es gibt nur eine vernünftige und nachhaltige Lösung für mich. Die Lösung ein Zuhause zu finden, in dem ich keine Angst habe, wo ich mich wohlfühle.

      • Danke für deine Antwort. Du musst hier nix und niemandem gerecht werden, schreib einfach … 🙂

        Ich dachte mir, dass du das wahrscheinlich alles schon tausendmal durchdacht hast, auch mit therapeutischer Begleitung, und dass ich letztlich im Nebel stochere … danke für die Klarstellung. Du weißt genau, was du jetzt brauchst. Da wünsche ich dir nur noch, dass du so bald wie möglich wieder ein richtiges Zuhause findest, wo du erstmal durchatmen und neue Pläne schmieden kannst! Vielleicht findet sich ja auf diesem Wege jemand, der/die dir etwas vermitteln kann. Ich drück dir ganz doll die Daumen! Und hoffe, dass wir weiterhin von dir hören werden 🙂

  8. Liest sich nicht gut.
    Sie brauchen Hilfe.
    Klärung ob burn out oder Depressive Störung.
    Erstmalig,wiederholt(“Therapeutin”?)
    nicht selten treten solche Zustände nach Phasen hochgradiger Belastung auf( auch nach einem Masterexamen)
    Queere Menschen haben es oft nicht leicht,brauchen aber Hilfe wie jeder andere auch.
    Das muss alles bis ins Detail die Therapeutin erfahren und klären.
    Wenn ihr nichts einfällt,unbedingt andere Therapeutin in Anspruch nehmen.
    Gute Besserung wünsche ich,auch aus Egoismus:
    Ich möchte sehr gern ihre Artikel weiterlesen.

  9. Liebe Miss Jones,
    Wir kennen uns nicht, doch ich kenne die Legsthenie und es ist schön so offene Worte über die Auswrikungen zu hören, die es haben kann wenn Erwachsene denken sie könnten “helfen”.
    Wahrscheinlich kennen Sie das Buch von Ronald D. Davis.
    Der Artikel spricht mich auch an, weil ich gerne so wohne wie sie jetzt.
    Mir ist drei Großstadt Zuviel und schon die Haupstrasse in unserem kleinen Ort stört mich seit 23 Jahren. Zum Glück haben wir Schallschutzfenster.
    Und das Meer vermisse ich seit ich ein Kind bin, ich habe es nicht geschafft in den Norden zu ziehen, wohne jetzt jedoch am Fluss.
    Ich kenne solche Phasen, wie sie Sie jetzt erleben auch und bei mir hilft tatsächlich mir einen Auszeit zu nehmen und einfach mal in den Tag hineinzuleben ohne irgendeine Form der Arbeit, Langeweile zu haben ….
    Danach kann es in gemäßigtem Tempo weitergehen.
    Ich habe den Block nicht wirklich verfolgt nur die Posts auf Facebook ab und an.
    Ich bekomme die Beiträge denke ich nagezeigt da wir gemeinsame Freunde aus “der Mittelalterszene” haben .
    Ich wünsche eine schöne wundervolle langweilige kurzweilige….Auszeit und möchte bekräftigen es hilft.
    Liebe Grüße
    Dori

    • Danke für die lieben Worte. Und das Buch, das du meinst, kenne ich leider nicht. Aber ich werde mal Ausschau danach halten – schließlich kann es nie genügend Bücher geben.
      Herzliche Grüße

  10. Hallo, du stehst noch am Anfang, ich dagegen habe “das Schlimmste” schon hinter mir. Ich abe vor vielen Jahren etwas ähnliches durchgemacht. Und es hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass das Klammern, das Festhalten an bestimmten Lebensumständen mir nicht hilft. Erst das Loslassen hat mir Freiheit gebracht, die Freiheit, so zu leben wie ich möchte. Ich habe es gelernt, überall glücklich zu sein. Deshalb mein Rat. Lass los, steh Dir mit deinen Wünschen nicht selbst im Weg! Ich weiss, du willst das jetzt nicht hören. Aber vielleicht denkst Du mal drüber nach!
    Ich wünsche Dir, dass Du das Glück findest, das Du Dir wünschst, aber auch, dass Du mit den Umständen leben lernst, die vielleicht jetzt gerade nicht günstig sind, Wer weiss, was noch kommt!
    LG Ulrike

    • Hallo – ich weiß, du meinst es nur gut,

      Aber genau die Denkweise, die du mir empfiehlst, hat in meinem Leben ja dazu geführt, dass ich so todunglücklich geworden bin.
      Es ist also ein wirklich schlechter Rat. Und man merkt, dass du wirklich nicht verstanden hast, was das Problem ist.

      • Deine Antwort zeigt mir, dass ich Dich besser verstanden habe, als Du jetzt bereit bist zuzugeben. Was kann an dem Rat, über meine Antwort nachzudenken schlecht sein? Schade, dass du im Moment so gar keine Hilfe annehmen willst. Es waren ja auch in anderen Kommentaren gute Vorschläge dabei. Aber so ist das bei Dir im Moment. Das muss ich akzeptieren. Mach’s gut. Ulrike

        • Ernsthaft – ich finde das wirklich toxisch und unverschämt von dir. Ich sage Nein! Das heißt nein! Und nichts anderes! Ich sage sogar warum – weil es das Gegenteil von Hilfe ist! Und du bestehst darauf mich besser zu kennen als ich mich selbst – mich besser Therapieren zu können als eine Therapeutin. Und das, obwohl wir uns noch nie persönlich begegnet sind. Übergriffiger wird es nicht mehr. Weißt du, genau deswegen sagt man Ratschlag – es ist eine Form von Schlagen – anders gesagt von prügel. Erwarte keinen Dank, wenn du jemanden so behandelst. Du überschreitest damit Grenzen. Hör auf damit! Und bezeichne es verdammt nochmal nicht als Hilfe, jemand anderen dazu bringen zu wollen, sich immer tiefer in die Scheiße zu reiten!

  11. Liebe Miss Jones,

    was Du beschreibst klingt schrecklich, vor allem über den langen Zeitraum! Kein Zuhause zu haben, an dem wir uns gut und sicher fühlen ist grausam, egal, ob das ein berufliches, familiäres, freundschaftliches oder geographisches Zuhause ist, das wir vermissen.
    Den Absturz nach dem Examen kenne ich auch. Offenbar verbrauchen wir da so viel Energie, dass anschließend nix mehr übrig ist um unsere Schwiergkeiten anderer Natur im Griff zu behalten.
    Bessere Ratschläge als hier schon gegeben kann ich auch nicht bieten. Reisen klingt für mich am besten. Vielleicht gibt es auch Möglichkeiten, in einer anderen lauten, lebhaften und bunten Stadt am Meer vorübergehend zu arbeiten?

    Ich schicke Dir eine Tüte Liebe und gute Wünsche und drücke die Daumen, dass Du bald eine Perspektive findest.

    Herzliche Grüße

    Esther

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