Mu und der Wandel der minoischen Macht in Malia: Ein Blick auf die Bronzezeit

Es ist ein besonderer Tag vor ca. 4.000 Jahren. Im schattigen Innenhof eines großen Gebäudekomplexes treffen die wichtigsten Leute der Stadt eine Entscheidung. Sie werden einen Palast bauen – direkt neben den Häusern vom Quartier Mu.

Überblicksbild über die Ausgrabung. Alles ist aus rotem Stein gemacht.

Ein Blick auf den Fundplatz Quartier Mu (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Es war keine einfache Entscheidung. Doch die Einwohner*innen von Malia wollten es den größeren Städten auf Kreta gleich tun und ebenfalls ein eigenes großes administratives Zentrum bauen. Die Verwaltungsaufgaben wurden bislang in dem reichen Quartier Mu vorgenommen – und diese Macht wollten die Familien von Mu natürlich nicht abtreten. Es kam zu einem Kompromiss – nicht alle Regierungsaufgaben sollten in den neuen Bau verlagert werden, sodass von Mu weiterhin eine Macht ausging.

Aber, was wissen wir eigentlich genau über Mu?

Mu erinnert aufgrund der Bauweise selbst schon fast an einen typischen Palast dieser Zeit der Minoer – der Bronzezeit. Archäologisch betrachtet handelt es sich um eine Siedlung, die aus zwei-, etwas eigenwilligen, aber sehr aufwändigen Häusern besteht. Sie haben Innenhöfe, und eine prachtvolle Westfassade wie die Paläste in dieser Zeit – Es gibt sogar Lustralbäder, das sind für die minoische Kultur typische Kultbäder. Es gab hier also auch einen Kult, oder anders gesagt eine gelebte Religion. Man könne fast meinen, zwei besonders reiche Familien haben sich hier Miniaturpaläste erschaffen, und demonstrierten damit macht und Einfluss.

Ein Lustralbad, ein verputzter Raum in Boden, in den eine Treppe führt. Alles ist leicht rötlich.

Das Lustralbad im Heiligtum von Mu (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Bis heute ist auf dem Fundplatz zu sehen, wie aufwändig die Architektur angelegt wurde. Während der Palast und die Siedlung selbst aus roten Stein besteht, der direkt aus der Region kommt, gibt es in Mu Wände aus importiertem Sandstein. Bei Ausgrabungen kamen teilweise Mauern zu Tage, die mit einer Tiefe von bis zu 2 m teils in Kellerräume führen. Treppen, die vom Erdgeschoss aus in ein höheres Stockwerk führen und die dann der Zahn der Zeit abgenagt hat, sind ebenso erhalten. Zudem sind die Wände massiv gebaut, sodass sie sicher noch weitere Stockwerke tragen konnten. Die Überreste lassen den Schluss zu: Es handelte sich um sehr reiche Wohngebäude.

Treppen, die in dem Fundplatz von ebene zu ebene Führen. Sie scheinen aus allen Richtungen zu kommen, und haben immer nur 2-4 Stufen.

Anders gesagt, der Fundplatz sieht teils aus wie ein Treppengewirr (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Doch in Mu gibt es mehr als den Prunk einer reichen Oberschicht: Auf einer Seite des Quartiers sind 4 Handwerksstätten angebaut. Kleinere Gebäude, bei denen man vermuten kann, dass die Handwerker*innen mit ihren Familien in einem darüberliegenden Stockwerk gelebt haben. Eine Töpferei, eine Bronzeschmelze und eine Siegelwerkstatt konnten hier nachgewiesen werden.

Der Grundriss eines Hauses, mit mehreren rechteckigen Kammern, zeichnet sich in den ca 20 cm hoch erhaltenen Mauern ab.

Die Siegelwerkstatt von Mu (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Drehscheiben, Schmelzöfen und Gussformen, aber auch die Überreste von schadhaften Siegeln wurden hier bei Ausgrabungen gefunden und das zeigt: hier wurde in der Bronzezeit wirklich handwerklich gearbeitet. Es handelt sich dabei um Spezialhandwerke. Sonderanfertigungen könnten hier hergestellt worden sein. Besonders dabei ist: Für gewöhnlich wohnen minoische Handwerker*innen nicht gemeinsam mit ihren Familien im Handwerkshaus. Doch in Mu ist alles anders.

Da stellt sich die Frage: Wie sah das Leben aus in der frühen minoischen Siedlung?

Handelt es sich evtl. um Mitglieder einer Art minoischen Regierung, die in Mu leben? Und trafen sich diese Leute in der Krypta um wichtige Themen zu besprechen – wurde hier also wirklich der Bau des ersten Palastes von Malia beschlossen? Die Gebäude stammen aus der alten Palastzeit – sind aber tatsächlich etwas älter als der älteste Palast in diesem Ort. Und hinweise darauf, das hier ein teil der Ortsverwaltung ihren sitz hatte, gibt es durchaus: So wurde ein Mu ein Archiv mit minoischen Schrifttafeln gefunden, welche für administrative Zwecke gemacht wurden. Die Tontäfelchen, welche in der Schriftart Linear A beschriftet sind, zeigen eine Kommunikation, die teile Nordkretas verwaltete.

Ein Innenhof ist Kniehoch erhalten. Im Inneren sieht man, dass hier schmuckvolle Säulen standen, und Bänke zum Sitzen eingebaut gewesen sind.

Ein Blick in die eindrucksvolle Krypta (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Der Palast wird gebaut, und 300 Jahre lang steht das neue administrative Zentrum neben dem reichen Quartier mit seinen zwei Miniaturpalästen, und es wird Parallel zu den alten Strukturen gelebt, gearbeitet und gewohnt. Es ist gut möglich, das über die gesamte Zeit auch die Regierung des Ortes über die drei Gebäude verteilt blieb. Doch diese anscheinend sehr friedliche Zeit wird plötzlich von einem Erdbeben beendet. Dabei werden alle Gebäude von Malia einfach umgeworfen und unbrauchbar. Die Spuren sind im Befund deutlich zu sehen – zum Beispiel blieben zerbrochene Treppen zurück, die von der Gewalt des Erbebens zeugen. Das Quartier Mu bleibt in Trümmern, aber an alter Stelle wird ein neuer Palast errichtet. In diesem neuen Palast finden sich nun alle Aufgaben der Administration der Umgebung wieder. Malia ist spätestens jetzt genauso zentralisiert wie die größeren Städte der kretischen Bronzezeit, wie zum Beispiel beim Palast von Knossos. Vielleicht war es an der Zeit dazu. Vielleicht war es durch den neuen größeren Palast auch nicht mehr nötig ein Quartier wie Mu zu erreichten.

Blick auf einen Bereich von Mu mit hüfthoch erhaltenen Mauern. Eine Treppe mit 5 Stufen führt nach oben, doch die Treppe ist seitlich durchgebrochen.

Wer genau hinsieht, findet die Spuren des Erdbebens. Zum Beispiel eine zerbrochene Treppe (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Ein kleines Problem gibt es bei der Erforschung leider: Da der neue Palast auf dem Alten erreichtet wurde, müsste man die jüngeren Bronzezeitlichen Ruinen abreißen, um die älteren zu untersuchen. Das geht natürlich nicht – und so müssen wir uns mit den Ergebnissen zufriedengeben, die unter diesen Umständen erforschbar sind. Es wurden Sondagen gemacht – das sind Miniaturausgrabungen zwischen den Ruinen – bei denen sich zeigt, das der ältere Palast anscheinend auch deutlich kleiner war als der neuere. Und auch das spricht dafür, das in Malia erst nach dem Erdbeben alle Regierungsaufgaben in einem Gebäude gebündelt werden. Denn sonst hätte man ein viel größeres Gebäude gebraucht.

Ein weites Feld mit Mauerzügen die Kniehoch erhalten sind, die Mauern sind leicht rötlich.

Die Ruinen des neuen Palastes sind zwar interessant, stehen aber auf älteren Funden, und damit für die Erforschung früherer Epochen im Weg (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Diese Fundlage zeigt: Die Entwicklung der minoischen Gesellschaft ist komplex. Die Geschichte verlief nicht an allen Orten gleich, und sie fand Stück für Stück statt. Das heißt aber auch: genaue Strukturen ist nicht exakt zu ermitteln mit den heutigen Methoden der Archäologie. Die Fundplätze, und Funde wie Keramik, geben dabei nur einen kleinen Einblick in die Geschehnisse der Bronzezeit. Worauf sich Herrschaft und Reichtum in dieser Kultur begründete, das bleibt beispielsweise Dunkeln – auch wenn es wahrscheinlich ist, dass es etwas mit den spezialisierten Handwerksbetrieben zu tun hat. Das Rätsel, das uns Mu aufgibt, ist aber ein anderes. Es ist die Frage:

Wie hat sich die Gesellschaft im Laufe der Jahrhunderte entwickelt?

Die Beobachtung zeigt: Die Zentralisierung der Aufgaben, welche für das Regieren einer Region bei den Minoern typisch ist, ist in Malia nicht plötzlich entstandenen. Es handelt sich um einen Entwicklungsprozess, bei dem es Zwischenschritte gab. Dieser Entwicklungsprozess ist eine spannende Beobachtung darüber, wie sich Gesellschaften im Laufe der Zeit verändern. Und es ist tatsächlich gut möglich, dass vor 4.000 Jahren

Blick in den Befund. Im Vordergrund ist der Rest von einem runden Schmelzofen zu sehen.

Ein Blick in die Metallwerkstadt (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

in Mu die Menschen darauf angestoßen haben, dass sie sich auf den Bau des ersten Palastes und eine modernere Verwaltung ihrer Siedlung geeinigt haben. 300 Jahre später gab es dann ein Erdbeben, das alles zerstörte, woraufhin die Minoer nur noch einen, dafür aber einen großen Palast errichteten, der dann gut sortiert und strukturiert errichtet wurde. Es ist spannend zu sehen, wie sich eine Gesellschaft über die Jahrhunderte verändert.

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Literatur:

Angelos Chaniotis, From Minoan Farmers to Roman Traders – Sidelights on the Economy af Aincent Crete, Stuttgart 1999.

J. Lessley Fitton, Völker der Antike – Die Minoer, Stuttgart 2004.

Lambert Schneider, Kreta – 5000 Jahre Kunst und Kultur: Minoische Paläste, byzantinische Kapellen und venezianische Stadtanlagen, Hamburg 2005.

11 Gedanken zu „Mu und der Wandel der minoischen Macht in Malia: Ein Blick auf die Bronzezeit

  1. Das ist eine unglaublich spannende Geschichte. Wenn man sich dann noch klarmacht, dass es in Malia eine Fischereiindustrie gab und hoch talentierte Goldschmiede, entsteht der Eindruck einer bedeutenden regionalen Macht, die zweifellos nach und nach mit den anderen Palaststädten konkurrierte.

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