Ein rätselhaftes Totenhaus in der Piratensiedlung Lato

“Seltsam – sehr, sehr seltsam” ist der Gedanke der französischen Archäolog*innen, die Anfang der 70er Jahre an der archäologischen Fundstätte graben. Auf einer der vielen Terrassen, die für die Strukturierung der Piratenstadt Lato angelegt wurden, ist bis jetzt nur der Bau eines Tempels bekannt. Nun aber haben die Archäolog*innen auf genau dieser Terrasse einen zweiten Bau entdeckt. Er ist etwas versteckt hinter dem Tempel

Eine Grundrisskarte von Tempel, und dem dahinterliegenden Bau. Die Räume des Nebengebäudes sind mit A B C Beschriftet. Es ist deutlich, das der Eingang nach Norden zur Siedlung Lato zeigt, und das der Bau aus einem zweigeteilten Raum A,B besteht und Raum C davon Abgeht, und ungefaähr so groß ist wie A und B zusammen

Die Terrasse mit Tempel und dem Nebenhaus mit den Räumen A, B und C.

und wurde – wie viele anderen Häuser in Lato – zum Teil in den Fels geschlagen und zum Teil gemauert. Das Haus war etwas mehr als 10 Meter lang und gut 6 Meter breit. Drei Räume werden langsam aus der Erde freigelegt. Es stellt sich eine Frage:

Was ist das für ein seltsames Gebäude direkt neben dem Tempel?

Gebaut wurde das Haus vermutlich schon im 7. Jahrhundert v. Chr. Damit fällt der Bau in die Geometrische Epoche (Was das ist kannst du hier nachlesen). Benutzt wurde dieses Gebäude aber bis in das 3. Jahrhundert v. Chr. – also dem Zeitalter des Hellenismus. Das zeigen die Fundstücke, die allesamt aus dieser Epoche stammen. Die erste Idee: Es handelt sich um eine Werkstatt. Haben die Forscher*innen etwa den

Die Ruiene eines Hauses das aus grauem Stein gemauert war. Sie ist etwa hüfthoch erhalten.

Der Blick auf den Eingang des Hauses.

Hausmeisterschuppen des Tempels von Lato freigelegt? In dem als Raum C bezeichneten Zimmer finden sich Spuren davon. Eisenschlackereste – ein rechteckiger Mühlstein, ein rundes Bassin aus Stein und eine Sitzbank  – ebenfalls aus Stein – wurden hier gefunden. Aber haben die Einwohner*innen Kretas eine kleine Werkstatt direkt neben ihren Tempel gebaut, an einer so prominenten Stelle, mit einer eigens dafür angelegten Terrassierung? Das erscheint unwahrscheinlich – Es sei denn die Hausmeisterei hätte in Lato einen der höchsten Stellenwerte in der gesamten Gesellschaft der Stadt gehabt. Aber auch das würde nicht zu dem Fund passen.

Der Blick in einen Gemauerten Raum der Kniehoch erhalten ist.

Ein Blick in Raum C

Denn es fällt auf: Das Haus ist für Lato ungewöhnlich. Das heißt, es ist ungewöhnlich groß – es hat ungewöhnlicherweise keine eigene Zisterne und noch ungewöhnlicher: Das Haus hat keine eigene Herdstelle – ein Merkmal, dass eher dafür spricht, dass das Gebäude einen religiösen Zweck hat. Zudem steht es ungewöhnlicherweise auf der Tempelterasse, was ebenfalls für einen kultischen Bau spricht. Schaut man in die

Ein Berg ist durch Terrassen aus goßen grauen Steinen verändert

Prominente Platzierung – die obere der beiden Terrassen ist die Tempelterasse.

anderen beiden Räume, so wird dieser Charakter noch deutlicher. So wurde zum Beispiel eine Keramik gefunden, die verziert ist, mit dem Kopf einer Medusa. Andere Keramiken können frühen griechischen Bestattungskulten zugeordnet werden. Und auch die Art wie der Raum B gestaltet ist erinnert stark an andere Grabbauten welche in dieser Zeit und in der gesamten Region als Bestattungsgebäude genutzt wurden.  Hier finden die französischen Forscher*innen auch einige Reste von Knochen. Dabei handelt es sich zwar um Menschenknochen, doch nur sehr kleine Knöchelchen können entdeckt werden. Und ein solcher Zusammenhang ist oft ein Hinweis für etwas, dass man Sekundärbestattung nennt.

Was ist eine Sekundärbestattung?

Bei einer Sekundärbestattung wird ein Mensch sozusagen mehrfach beerdigt. Die verschiedensten Kulturen haben dabei die verschiedensten Ideen entwickelt. Immer wieder gibt es Kulturen, bei denen der Körper zunächst der Verwesung preisgegeben wird und danach werden dann die Knochen beerdigt. Und bei diesem Prozess gehen ganz kleine Knochen oft verloren. Sie fallen einfach herunter. Für so einen Brauch spricht im Falle von Lato auch, dass es einen Friedhof gibt, der zu dieser Siedlung gehört. Die Archäolog*innen der 70er waren also zunächst berechtigterweise verwirrt eine Architektur anzutreffen, die an die Grabbauten der vorangegangenen kretischen Bestattungskulturen erinnert (hier ein Beispiel). Die in Raum B und C gefundenen

Ein Raum aus grauen Stein gemauert auf gelben Sand. Es scheint eine gemeuerte empore oder einen Altar gegeben zu haben.

Ein Blick in Raum A – Leider kann man aus Raum A kaum Erkenntnisse ziehen, da hier eine Grabung im 19. Jahrhundert viel zerstört hat, und dabei nicht erkannt hat, das hier noch ein weiteres Gebäude steht.

Objekte sprechen für einen Grabkult. Bei der in Raum C gefunden Bank wurden außerdem viele Überreste von Mahlzeiten – also Muschelschalen und Tierknochen gefunden. Sie eröffnen die Möglichkeit, dass es hier einen Raum für eine Art Totenmahl gab – Weitere Funde von Hörnern oder auch edler Keramik sprechen allerdings auch dafür, dass hier Gegenstände einer Gottheit geopfert wurden. Verwirrend scheint dabei,

Die westhangbesiedlung der hellenistischen Siedlung Lato. Ruinen zeihen sich durchgestuft den Berghang hoch.

Von dem Grabhaus aus hat man übrigens eine wunderschöne Aussicht über fast ganz Lato.

dass in Raum C offenbar auch ein Arbeitsraum für Metallfertigung war. Doch die Verbindung einer Metallwerkstatt mit einem kultischen Bereich ist in der griechischen Welt nicht selten. Es ist also möglich, dass die Archäolog*innen hier eine Art Andachtsgebäude gefunden haben, und vielleicht sogar eine Art Aufbahrungsraum, in dem Verstorbene möglicherweise bis zur Skelettierung verblieben. Ein Ort, an dem den Toten gedacht wurde und bestimmte Rituale abgehalten wurden, bevor sie dann endgültig beigesetzt wurden.

Literatur:

Florece Gaignrot-Driessen: The ‘Temple House’ at Lato reconsidered. In: OXFORD JOURNAL OF ARCHAEOLOGY 31(1).

Auch Informationen aus meiner Masterarbeit sind mit in diesen Artikel geflossen.

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