Zwischen Romantik und Kinderfressern – Bern im hier und jetzt

  Für mich als norddeutschen Flachlandbewohner, sind kleine Hügel bereits Berge. Die Alpen versetzten mich dementsprechend in ein atAufzugemloses Staunen. Auch wenn es sehr gruselig ist, wie steil und scheinbar plötzlich sich der Boden zum Himmel hinauf recken kann. Ich könnte dieses Phänomen stundenlang beobachten. Um so absurder ist es auf einmal in einer Stadt zu sein, in der man ganz selbstverständlich mNydeggtreppeit dem Aufzug von einem Teil der Stadt in einen anderen gelangt. Nachdem ich mich von meinen Kulturschock erholt hatte entschiede ich mich dann doch lieber eine der Treppen zu benutzen, um mir Bern anzusehen. Als ich die Stufen der Nydeggtreppe hinaufsteige frage ich mich dann aber Endgültig, ob es in dieser Stadt Menschen mit Höhenangst gibt, und wenn ja, wie sie überleben?

Das allgemeine Touristenspektakel

ArkadenWieder festen Boden unter den Füssen laufe ich durch lange überdachte Gassen. Die Arkaden bilden die längste überdachte Einkaufstrasse der Welt. 6 Km überdachter Trubel im historischen Gewand. Doch ich versuche mich von all dem Fern zu halten vom Gewusel des Kapitalismus. Zugegeben dafür ausgerechnet in die Schweiz zu fahren ist skurril. Das historische Bern zu sehen, ohne das Touristenspektakel bedeutet sich in Nebenstraßen aufzuhalten. Die stille Idylle die sich hier finden lässt ist nach kurzer Zeit massiv kitschig. Sie wird nur von dem Moment überboten in dem eine Reisebusladung Asiaten mit gezückten Kameras an einem vorbei marschieren, und das obwohl man glaubt man hätte sie grade abgeschüttelt. Ich bin irgendwie in der nähe der Zytglogge gelandet, von der der Volksmund behauptet, dass sie nur für die Touristen errichtet wurde.

ZytgloggeZytgloggeII

Zu jeder vollen Stunde rücken hier die Menschen an um sich das Mechanische Schauspiel der frühen Neuzeit anzusehen. Einige Figuren drehen sich im Kreis, und eine Sanduhr wird umgedreht. Ist das Theater vorbei, ziehen die Reisegruppen in alle Richtungen weiter. Dann wird es wieder still in dieser Gegend.

Die Stadtstruktur

Die Stadt ist errichtet auf einer Moräne, um die sich die Aare schlängelt. Die dadurch entstehende Halbinsel ist lang und schmal. Die offizielle Stadtgründung fand zwar im Mittelalter statt, dennoch ist eine Nutzung des idealen Siedlungsplatzes bereits seit der Vorgeschichte bekannt. Besonders macht die Stadt nicht nur, die Laubenhäuser, welche es ermöglichen bei Regen trockenen Fußes durch die Stadt zu laufen. Auch ist es gut zu beobachten, wie sich die Stadt seit dem Mittelalter weiter entwickelt hat. Wesentliche Elemente der Stadtstruktur sind erhalten geblieben.

Die Straßenführung und die gleichmäßig abgesteckten Grundstücksgrößen sind Bestandteil dieser Betrachtung. Kleine Seitengassen führen gelegentlich zwischen den Straßen hin und her, und geben einen einen Einblick in große und kleine Innenhöfe die für Licht in den großen Gebäudekomplexen sorgen. Als ich in einem dieser durchgängige bemerke, dass mich eine Schaufensterpuppe von einer Art Balkon aus beobachtet erschrecke ich fast zu Tode.

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Bei Betrachtung des Stadtplanes ist sehr deutlich zu erkennen, dass am westlichen Ausläufer der Moräne eine ursprünglich Runde Struktur zu finden ist. Es handelt sich um Überreste der Struktur der Nydeggburg. Die Siedlung erstreckte sich bis zum 13ten Jh. bis zu einem Wall, auf der Höhe der Zytglogge. Dann musste der Ort erweitert werden. Ein neuer Wall, wurde auf der Höhe des Käfigturmes errichtet. Eine letzte Stadterweiterung folgte im 14ten Jh, bis auf die Höhe des heutigen Hauptbahnhofes der Stadt. Bis heute befinden sich auf diesen Wallanlagen die größten Querstraßen über die Moräne. Die Stadt hat sich jeweils nach Osten weiter ausgedehnt. 1405 Brannte nahezu alles nieder, da Häuser bis zu diesem Zeitpunkt mit Holz gebaut wurden. Ein neuer Ort wurde in der gleichen Struktur in Stein errichtet, und in dieser Struktur existiert Bern bis heute. 1421 wurde dann auch der Grundstein des Berner Münsters gelegt, der bis heute Symbol der Berner Unabhängigkeit ist.

Die Figurenbrunnen

Im Zuge der Feuerschutzmaßnahmen, und der Trinkwasserversorgung wurden die Städtischen Brunnen immer weiter ausgebaut. Im 16ten Jahrhundert führe dies dazu, dass viele bestehende Brunnen der Stadt durch Steinbecken aufgewertet und mit Renaissancefiguren verziert wurden. Zwar sind viele dieser Kunstwerke im Zuge verkehrspolitischer Maßnahmen verschwunden, allerdings gibt es noch 11 dieser Figurenbrunnen. In ihnen verewigte sich die damalige Weltanschauung.

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Sichtbar wird dies im Kindlifesserbrunnen. Seine Figur zeigt eine Schreckfigur, welche Kinder frisst. Die Darstellung mit dem spitzen Hut zeigt im VerstBrunnenfigurVIändnis des 16ten Jahrhunderts deutlich, dass es sich um einen Juden handeln soll. Damit ist die Brunnenfigur eine Darstellung des Antisemitismus im ausgehenden Mittelalter. Die Figuren zeigen also mehr als die Qualität des Handwerkes und den Reichtum der Stadt im 16ten Jahrhundert. Es sind Figur gewordene Gedanken und Mythen dieser Zeit. Bestandteil vergangener Lebensrealitäten, die in diesem Falle Zeitzeuge und Bestandteil diskriminierender Verhältnisse, und damit entstehenden Leides zugleich darstellen. Der Erhalt dieser Kunst lässt es zu, sich in die Welt dieser Zeit einzufühlen, auch wenn man aufgrund ihrer Pracht zum romantisieren neigt. In Hinblick auf Darstellungen wie beim Kindlifreserbrunnen ist dies ohne aufgeklärte Erklärung sicherlich problematisch.

Auch die anderen Brunnenfiguren Zeigen haben eine Weltanschauliche Seite. So wird beispielsweise die Justitia dargestellt, welche ebenfalls polarisieren kann. aber keiner dieBrunnenfigurIIser Kunstwerke ist so eindringlich in seiner Symbolik, und zeigt so deutlich wie wichtig eine gute Aufklärung in Bezug auf Kulturgüter ist.

Wer sich tiefer in die Alltagswelt des 16ten jh. begeben möchte, der kann sich im Bernischen Historischen Museum noch 2 Wohnstuben ansehen, welche dort wieder errichtet wurden und betreten werden können. Das Besondere für mich ist allerdings, die freie Zugänglichkeit von Wasser, welche heute immer mehr eingeschränkt wird. Mit dem offenen Zugang zur Befriedigung eines menschlichen Grundbedürfnisses hatte das historische Bern der heutigen Gesellschaft offenbar eine Sache voraus.

UNESCO Weltkulturerbe

Wer durch die Straßen Berns läuft der sollte auf kleine graue Schilder achten, fällt mir irgendwann auf. Die gesamte Altstadt ist aufgrund ihrer Struktur ist UNESCO Weltkulturerbe. Und so finden sich auf Schildern der UNESCO immer wieder Erklärungen und Beschreibungen über einzelne Gebäude. Besonders interessant dabei finde ich wie immer nicht den offensichtlichen Pomp und Protz, den es bei der Repräsentativen Baukunst des Alte Rathauses zu sehen gibt. Auch wenn es zugegeben einen einzigartigen Charme versprüht.

Viel faszinierende Empfinde ich die roten unauffälligen klappen an einem Haus, wenige Meter weiter, in der Postgasse. Hierbei handelt es sich tatsächlich um ein früheres Postamt. Die Roten klappen sind die Läden, die vor den einzelnen Postarmschaltern angebracht wurden um diese verschließen zu können. In der Stille der von Touristen wenig besuchten Straße, kann man sich vorstellen, wie Menschen vor diesen Schaltern in der Arkade Schlange standen um eine lang ersehnte Nachricht abzuholen.

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Und nicht nur dieses Haus ist interessant. Wer sich für die historische Realität des 16ten Jahrhunderts interessiert dem kann ich empfehlen durch weitere Nebenstraßen, auch in der unteren Stadt, zu gehen. Die Stadt wirkt mit den Erklärungstafeln zu teilen wie ein Museum. Doch es ist keines, hier leben Menschen. Dies bitte ich zu bedenken wenn man in diesen Straßen Zugast ist.

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2 Gedanken zu „Zwischen Romantik und Kinderfressern – Bern im hier und jetzt

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