Archäologie im Wasserschloss Werdringen

Mitte diesen Jahres war ich eingeladen mir einmal das Wasserschloss Werdringen anzusehen. Das Schloss, das etwas außerhalb von Hagen gelegen ist, war allerdings nicht ganz so leicht zu erreichen. Doch für denjenigen, die mit den Öffis anreisen, sei gesagt, der Weg sieht auf der Karte länger aus als er tatsächlich ist. Es ist ein angenehmer Spaziergang bis zu dem malerischen Wasserschloss.

Der erste Eindruck: Dieses Schloss ist wirklich schön

Das Wasserschloss selbst wird zum ersten Mal um das Jahr 1300 als der Sitz der Herren von Volmarstein erwähnt. Sie sind in dieser Gegend bis ins 15. Jahrhundert hinein Lehnsherren gewesen. 1429 wurde der Besitz der Familie Volmarstein von der einzigen Erbin Neyse (Agens) von Volmarstein geerbt und mit in ihre Ehe, mit Godert II von der Recke, eingebracht. Der Familienzweig von der Recke-Volmestein entstand. Bis ins 19. Jahrhundert hinein blieben die Nachfahren dieser Familien Lehnsherren in der Region. Das Wasserschloss selber war zu Beginn ein Steinhaus, welches als Wohnsitz von adeligen Familienangehörigen genutzt wurde. In dieser Funktion wurde es mehrfach verkauft und einzelnen Häuser der Anlage waren dabei zeitweise im Besitz verschiedener Familien. Deswegen haben Teile des Schlosses auch architektonisch eigene Geschichten. Erst 1692 gelangte das kleine Schloss wieder in den Besitz einer einzelnen Familie, der Familie Berchem. Diese ruinierte sich finanziell in einem Rechtsstreit. Die Burg zerfiel infolgedessen am Ende des 18. Jahrhunderts. Bei Renovierungsarbeiten im 19. Jahrhundert wurden dann Bauelemente hinzugefügt, die das Anwesen heute so erscheinen lassen, als habe es sich einmal um eine mittelalterliche Burg gehandelt. Tatsächlich handelt es sich dabei aber nur um den romantischen schick der Neuzeit. In den 70er Jahren erwarb die Stadt Hagen das Schloss, um es zu einem archäologischen Museum umzubauen.

Die Installation eines Mammuts

Wer heute das Schloss betritt, der wird erst einmal von einem Mammut begrüßt. Für Kinder gibt es hier schöne Dinge zu beobachten. Vor allem die tollen Installationen wie das Mammut wecken ihre Aufmerksamkeit. Eltern lesen sich Ausstellungstexte durch, während ihre Kinder gebannt auf dieses überlebensgroße Tier starren. Die Rekonstruktion des Uhrzeitelefanten geht über zwei Stockwerke und ist unglaublich eindrucksvoll. Ein Kind verkündet irgendwann, dass das einzig doofe an Mammuts sei, dass man nicht auf ihnen reiten kann. Ich kann die Faszination der Kinder verstehen, denn die Darstellungen der Urzeittiere sind unglaublich liebevoll gearbeitet. Aber nicht nur auf diese Art und Weise finden Kinder hier einen Raum. Immer wieder stehen kleine Stationen zum Anfassen und mitmachen im Museum. So kann man zum Beispiel einen Kratzer aus der Steinzeit ausprobieren und Leder damit bearbeiten. Das Museum in Hagen ist ein schönes Ziel für einen Sonntagsausflug mit den Kids.

Eine der vielen Probierstationen.

Das weitere Museum ist herrlich normal. Schöne Installationen wechseln sich mit Mitachstationen aber auch mit klassischen Vitrinen ab. Um Details zu betrachten, gibt es manchmal kleine Lupen an den Vitrinen, was jeden Museumsbesucher zu einem kleinen Entdecker macht. Alles ist luftig und liebevoll gestaltet. Besonders ist ein Ausstellungsteil über die Blätterhöhle. Dabei handelt es sich um den bekanntesten Fundplatz in Hagen. Die Blätterhöhle ist ein besonders interessant, weil hier Bestattungen aus der Steinzeit gefunden wurden. Die Ausgrabungen dauern aber noch an.

Dieser Schädel wurde in der Blätterhöhle gefunden. Es ist der Schädel einer 17-22 Jahre alten Frau, die vor rund 5.600 Jahren gelebt hat.

Besonders toll an der Ausstellung der Blätterhöhle ist, dass sich hier die Atmosphäre der Höhle wieder findet. Die Höhle darf nicht jeder betreten, aber die Art wie sie im Museum gezeigt wird, ist ein toller Ersatz auf allen Ebenen. Nicht nur, dass es ähnlich dunkel ist und das Funde von diesem einzigartigen Fundplatz gezeigt werden. Im Hintergrund läuft ein Video das zeigt, wie die Forscher durch die Höhle kriechen. So betrachtet man die Funde mit der originalen Geräuschkulisse, mit der sie erforscht wird. Es ist tatsächlich ein bisschen so, als wäre man selber in der Höhle gewesen. Auf einem Flachbildschirm wird erklärt, wie die Gesichtsrekonstruktution des Schädels gemacht wurde. Diese Erklärung ist besonders gut gelungen.

ein Schritt bei der Rekonstruktion des im Bild zuvor gezeigten Schädels

Nicht ganz so gut gelungen ist die Gesamtausstellung selbst. Alles ist modern und im Grunde sehr hübsch. Aber irgendwie wirkt das Museum voll gestellt und trotzdem leer. Vielleicht ist dies der ungewöhnlichen Vitrinenform geschuldet. Bedauerlich ist, an einigen Ausstellungstücken fehlen die Nummern. Zwar werden sie an der Vitrine erklärt, aber für einen fachfremden Menschen ist das nicht zu verstehen.Die Erklärungen verweisen nämlich auf Nummern, die sich nicht immer an den Artefakten befinden. Woher soll ein Besucher so wissen welcher Gegenstand aus der Vitrine überhaupt gemeint ist.

Dunkel, voll gestellt, und doch Leer. Man könnte mit wenig Aufwand noch mehr aus diesem Museum herausholen. Auch wenn jetzt schon zu sehen ist, mit wie viel Liebe es gestaltet wurde.

Die Ausstellungsobjekte sind sehr vielfältig gewählt und zeitlich beginnt dieses Museum nicht wie sonst in der Altsteinzeit, sondern lange davor, mit der Zeit der Dinosaurier. Der erste Stock ist dann aber ganz der Steinzeit gewidmet. Hier finden sich Artefakte aus dieser Zeit zum Beispiel eine Scheibenkeule. Diese Keulenart war in der Jungsteinzeit weit verbreitet. Es gab sie aber auch schon in der Mittelsteinzeit. Eine solche Keule bestanden meistens aus einem weichen Stein, zum Beispiel einem Sandstein. Dieser wurde mit Flintstein bearbeitet, der besonders hart ist. Der Sandstein wird mit kleinen Schlägen kreisrund gepickt. Auch das Schäftungsloch in der Mitte wird so hergestellt. Dafür werden Flintsteine genommen, die wie Bohrer spitz zulaufen. Von beiden Seiten wird das Loch gepickt, sodass es am Ende leicht sanduhrförmig ist. Zum Schluss wird die Geröllkeule dann noch mit Sand geschliffen. Experimente zeigen, dass die Herstellung einer solchen Keule ca. 11 Stunden dauert. Ob diese diskusförmigen Keulen nun aber Statussymbole gewesen sind, ob sie tatsächlich als Waffen verwendet wurden oder aber ob sie als Netzsenker dienten, ist bis heute in der Forschung umstritten.

Eine 11.000 – 7.000 Jahre alte Scheibenkeule aus Flussgeröll.

Eine andere Fundgruppe, die im Museum gezeigt wird, ist auch innerhalb der Archäologie eine Wissenschaft für sich. Es handelt sich um winzig kleine Steingeräte aus Flintstein sog. Mikrolithen. Diese Steingeräte sind in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Sie sind ein offensichtliches Zeichen dafür, wie professionell man auf einer Ausgrabung arbeiten muss, um ein solch kleine Geräte überhaupt zu entdecken und dazu noch zu erkennen. Es gibt immerhin Steinwerkzeugchen die nur wenige Millimeter groß sind. Es ist darüber hinaus eine Herausforderung sie korrekt einzuordnen. Auf dem Bild seht ihr Segmente und Dreieckspitzen. Diese Mikrolithen zeichnen sich durch ihre geometrische Grundform aus. Es gibt sie bereits im Spätpaläolithikum, also am Ende der Altsteinzeit. Am populärsten sind sie aber im Mesolithikum (Mittelsteinzeit). Es handelt sich um eine sehr materialsparende Variante der Nutzung von Flintstein. Die kleinen Steinchen wurden als Pfeilspitzen genutzt oder aber zum Beispiel in ein geschäftetes Holzstück eingelassen um zum Beispiel eine Harpune zu bauen.

Mikrolithen aus Iserlohn-Grürmannsheide aus der Zeit vor 9.000-10.000 Jahren.

Besonders schön ist ein im Schloss Werdringen ausgestellter Glasarmreifen. Solche Glasarmreifen lösen aufgrund ihrer Farbenpracht häufig Begeisterung aus. Es handelt sich um elegante Schmuckstücke aus der Zeit der Kelten. Solche, oft farbenfrohen Armreifen waren ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. nördlich der Alpen weit verbreitet. Glas war ein kostbares Handelsgut in der Eisenzeit, sodass davon auszugehen ist, dass dieser Ring einer wohlhabenden Frau aus der Laténekultur gehört hat. Die Herstellung dieser Glasarmreifen ist dabei hochqualitativ. Bis heute versuchen Experimentalarchäologen solche Schmuckstücke zu fertigen, immer mit der Frage wie die Kelten es mit ihren Methoden geschafft haben, dass diese Ringe so ebenmäßig sind. Es ist absolut keine Nahtstelle zu erkennen, die eigentlich an der Stelle entsteht, wo der heiße formbare Glasfaden miteinander verbunden wird. Funde wie diese beweisen die handwerkliche Begabung der Kelten vor über 2000 Jahren.

Glasarmreif aus der jüngeren Eisenzeit. Gefunden in Iserlohn Lehmate am Burgberg. Der Glasarmreif ist ca 2.100 Jahre alt.

Ein anderer Teil der Ausstellung zeigt die weniger schönen Seiten der Hagener Geschichte. Bei Luftangriffen im 2. Weltkrieg wurden große Teile der archäologischen Sammlung und das Museumsgebäude selbst stark zerstört. Die Fundkartei und weitere Dokumente und auch die Fachbibliothek gingen verloren. Im Trümmerschutt fanden sich nur wenige Teile der Sammlung wieder, die wieder in städtischen Besitz gelangten. Zu Beginn des Wiederaufbaues des Gebäudes im Jahr 1947 durchsuchte der Eigentümer den übrig gebliebenen Schutt nach einzelnen Artefakten, um sie zu verkaufen. Dadurch gingen dann weitere Teile der Hagener Geschichte verloren. Auch an diese Epoche wird im Schloss Werdringen erinnert. Mit einer Installation, die besonders gut gelungen ist. Hier werden Artefakte zwischen Trümmern ausgestellt. Dieses Element finde ich persönlich besonders toll, da das Problem der Kulturgüterschädigung in Kriegen sehr selten dargestellt wird. Und das, obwohl es einen massiven Einfluss auf das kulturelle Erbe hat. Es macht klar, dass das Gesamtbild, das wir von der Geschichte haben, aus einer Vielzahl an Gründen nicht vollständig ist.

Die Sammlung liegt in Trümmern.

Abschließend ist zu sagen, dass dieses kleine Museum ein toller Zeitvertreib für einen entspannten Nachmittag ist. Immer wieder finden sich in dem Museum überraschend innovativ gestaltete Elemente, die Spaß bringen. Die Mitmachstationen sind gut gewählt und die Installationen von Urzeittieren, aber auch zum Beispiel die Darstellungen von diesem Kriegsschutt, sind mit viel bedacht, und sehr detailverliebt gestaltet. Die Inszenierungen bleiben alle einem liebevollem Realismus treu und sind dadurch authentisch und fesselnd. Viele interessante Objekte werden hier gezeigt und alles ist mit viel Mühe gestaltet. Das Ergebnis ist ein gemütliches Ausflugsziel für die ganze Familie. Aber nicht nur deswegen lohnt sich ein Besuch im Schloss Werdringen. Tatsächlich möchte ich empfehlen gleich etwas länger zu bleiben und das Museumscafé zu genießen. Hier ist es nicht nur ein besonders schöner Ort zum Entspannen entstanden, sondern es gibt auch unglaublich gute Kuchen und Torten. Ein ernsthaft selten sensationeller Gaumenschmaus wartet in Hagen auf euch den ihr euch nicht entgehen lassen solltet.

Nur zu empfehlen: Der Kuchen

Literatur

Ralf Blank, Werdringen – Adelssitz Wasserschloss Museum, Essen 2015.

Anselm Darfehn, SDS – Systematische und digitale Erfassung von Steinartefakten. Journal of Neolithic Archaeology, April 2014.

Irina Görner und Andreas Sattler, Unter unseren Füßen – Altsteinzeit bis Frühmittlalter, Kassel 2016.

Manfred Pfeiffer, Die Herstallung einer Scheibenkeule, Neustadt 2014.

Benjamin Spies, Das Mesolithikum im Lkr. Main-Spessart, Kiel 2015.

http://www.jungsteinsite.uni-kiel.de/2002_diedrich/herford_3.htm#Tafel%201

https://www.praehistorische-archaeologie.de/wissen/die-steinzeit/mesolithikum/

https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/philosophische-fakultaet/fachbereiche/altertums-und-kunstwissenschaften/ur-und-fruehgeschichte-und-archaeologie-des-mittelalters/abteilungen/juengere-urgeschichte/forschungsprojekte/aktuelle-forschungsprojekte/heidengraben/

http://www.freilichtmuseum-elsarn.at/cms/website.php?id=berichte/data6201.php