Römisches Landleben in Rätien: Die Villa Rustica bei Leutstetten im Fokus

Es ist das 2. Jahrhundert n. Chr. Clementia wirbelt schon seit dem frühen Morgen über den Hof ihrer Villa Rustica. Es ist Erntezeit und viel zu tun. Vor einigen Jahren ist sie mit ihrem Mann Publius Iulius Pintamus aus der Region des heutigen Portugal in die römische Provinz Rätien gekommen. Sie haben sich hier, nahe des Starnberger Sees niedergelassen, um sich etwas aufzubauen. Und jetzt muss Clementia acht geben, dass alles funktioniert, und dass die Tagelöhner ihr Werk vollbringen.

Aber was ist eigentlich eine Villa Rustica?

Grob gesagt, handelt es sich um einen landwirtschaftlichen Gebäudekomplex. Diese Gebäudekomplexe waren der Landwirtschaftliche, und somit auch der wirtschaftliche Fuß der römischen Gesellschaft. Villa war dabei eine Bezeichnung, die nicht wie heute einen besonders edlen Bau beschreibt, sondern ein Haus, welches vor den Stadttoren steht. Eine Villa Rustica meint immer ein Haus, was mit einem umliegenden Bodenbesitz in Zusammenhang steht.

Grundriss von 3 Räumen.

Blick auf die Struktur der Villa Rustica von Leutstetten (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Diese Häuser können sehr unterschiedlich aussehen – aber sie haben alle landwirtschaftliche flachen, liegen alle maximal 5 km von einer wichtigen römischen Straße entfernt, und haben alle eine Frischwasserversorgung bspw. Einen Fluss in der Nähe und sind nicht weit von einem dichter besiedelten Ort entfernt. Meistens ist es ein großes Gebäude, mit verschiedenen Bereichen und 1/3 Wohnraum. Dass es sich um Höfe handelt, die aus mehreren Wirtschaftsgebäuden bestehen, ist extrem selten. Ansonsten heißt es aber:

Eine Villa Rustica kann sehr individuell gestaltet sein

Von klein und arm bis groß und opulent, mit Innenhof oder sogar Peristylhof, das ist ein Säulenumlauf, Mosaike und Wandmalereien, können in diesen Villen zur Ausstattung gehören. Diese Wirtschaftshöfe findet man im gesamten römischen Raum. Das landwirtschaftliche Prinzip in Rom hatte sich im Lauf der Zeit verändert. Reiche Bürger konnten Großgrundbesitzer sein und gleich mehrere Höfe besitzen, ohne sich ein einziges Mal in der Landwirtschaft selbst die Hände schmutzig zu machen.

Blick in den Bodenbefund. Die Bodenheizung besteht aus aufeinandergestapelten Steinen, die einst einmal Bohlen eines Fußbodens trugen.

Kleiner Luxus in der Provinz Rätien – die Fußbodenheizung der Villa in Leutstätten (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Sie verpachteten ihre Anwesen, nahmen dafür Miete von den Pächtern, die wiederum Sklaven die Arbeit verrichten ließen. Die Eigentümer blieben dann zum Beispiel in Rom und genossen ihr Geld und lebten als Bestandteil der Aristokratie. In anderen Fällen waren es kleine Höfe im Besitz einer einzelnen Familie. Und in den römischen Provinzen konnte es wieder ganz anders sein.

Wie war das denn in Rätien, wo Clementia lebte?

Die Provinz Rätien war eine, die erst recht spät landwirtschaftlich genutzt wurde. Die Bevölkerung war hier, im heutigen Bayern, ausgedünnt. Deshalb lockten die Römer Menschen aus anderen Provinzen an, die hier etwas aufbauen wollten. Auch in der Villa Rustica in Leutstetten kann man davon ausgehen, dass dies passiert ist. Denn die Familie, die hier lebte, kam aus Spanien. Die Villen, die hier entstanden, wurden meist zunächst aus Holz und erst später aus Stein gebaut – die meisten Villen blieben aber langfristig Holzbauten. Es zeigt sich also, die Villa von Clementia war etwas erfolgreicher, etwas reicher als andere rätische Villae Rusticae – wenngleich bei weitem nicht so reich wie die Höfe in anderen römischen Regionen, Wandmalereien oder Mosaike sind hier also nicht zu finden.

Grundrisszeichnung der Villa Rustica von Leutstätten.

Der Grundriss der Villa Rustica in Leutstätten konnte bei einer archäologischen Ausgrabung freigelegt werden (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

In Rätien ist zu beobachten: fast immer kann man eine Fußbodenheizung finden. Außerdem ist hier das passiert, was in allen Provinzen geschah: Die Gestaltung der lokalen Bautradition und römische Bauformen mischten sich und etwas Neues, anderes, entstand. Die Villa Rustica, in der Clementia lebte, hatte so z.B. keinen Innenhof, sondern war L-förmig, wenn man von oben den Grundriss betrachtet. Hier in Rätien gab es auf den Landwirtschaftsbetrieben auch keine Sklaven, sondern Tagelöhner verdingten sich.

Und was machten die Tagelöhner so?

Sie halfen, den landwirtschaftlichen Betrieb aufrechtzuerhalten. Eine Villa Rustica konnte nur bestehen, wenn sie eine Überproduktion hatte, und landwirtschaftliche Güter verkaufte. In Rätien wurde Dinkel, Hafen, Einkorn, Emmer und Gerste angebaut. Es gab aber auch andere Feldfrüchte: Erbsen, Bohnen, Linsen, aus Rom wurden die Gemüsesorten Weinraute, Koreiander, Mangold und Portulak eingeführt, und auch die aus Ratien stammenden Gemüsesorten Möhren, Pastinaken und Porree wurden angebaut.

Luftbild vom Flugzeug aus über die landwirtschaftlichen Flächen im Würmtal beim Starnberger See.

Auf dem Luftbild sieht man deutlich: Hier ist eine fruchtbare, aber feuchte Region (Bild: Hansen (CC BY-SA 3.0)).

Hinzu kamen Ölpflanzen wie Mohn. Hanf und Lein, brauchte man auch für die Herstellung von Seilen. Es gab Obst wie Kirschen, Schlehen, Äpfel und Pflaumen. Zudem wurden einige Pflanzen als Tierfutter angebaut: Roggen und Rispenhirse zum Beispiel. Verfüttert wurde dies an Ziegen, Schafe und Schweine – in Rätien wurden aber vor allem Pferde und Rinder gezüchtet. Es gab Milchwirtschaft, den Käse war sehr beliebt. Die Pferde wurden hier gebraucht, denn zwischen 10 und 11.000 Mann einer Legion waren in Rätien stationiert. Sie waren auch der Hauptabnehmer der landwirtschaftlichen Produkte.

Wurden hier also übliche, römische Produkte angebaut?

Nein, denn hier im Alpenvorland, war es aber schwer die Produkte anzubauen, auf die die römische Wirtschaft aufbaute. Das waren in der Hauptsache Oliven und Wein. Oliven konnte man hier gar nicht anbauen, aber nach einiger Zeit entstanden Weingüter, welche einen Tropfen produzierten, der allseits gelobt wurde und der teils bis heute produziert wird.

Der Grundriss der Villa Rustica von Leutstetten markiert auf einer grünen Wiese.

Die Villa Rustica von Leutstetten (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Man hat sich also darauf fokussiert, Produkte anzubauen, die in diesem Naturraum gut gedeihen – das war hier in der Hauptsache Viehzucht und Getreide. Und Getreideanbau war hier schwierig. Der Boden in dieser Region ist viel feuchter als die Römer es kannten. Deshalb gab es Probleme mit Pilzbefall. Von daher wurde Dinkel häufig angebaut, denn dieses Getreide ist resistenter gegen Pilze.

Also haben die Bewohner von der Villa Rustica in Leutstetten Dinkel angebaut?

Vermutlich ja. Denn man hat hier nicht nur eine Heizung gefunden, sondern bei den archäologischen Ausgrabungsarbeiten wurde auch eine Darre entdeckt. Das ist eine Art Trocknungsofen für landwirtschaftliche Produkte. Und der Dinkel muss getrocknet werden. Zu 100% sicher ist das aber nicht, da man z.B. auch Flachs in Darren getrocknet hat. Aber es ist ein Hinweis, dass hier Produkte hergestellt wurden, welche man getrocknet hat.

Eine Öffnung führt unter einer sauber verputzte Platte. Alles ist aus Stein gebaut.

Die Darre von Leutstetten (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Das kann man bis heute sehen. Die Villa Rustica ist nämlich nicht einfach nur ausgegraben worden, es gibt hier eine Erkundungsstätte mit einem kleinen Museumshaus. Das heißt, ihr könnt die Villa erkunden, wenn ihr mal in der Nähe seid und euch selbst einen Eindruck machen, wie Clementia hier lebte.

Woher weißt du eigentlich, dass hier eine Frau namens Clementia lebte?

Ich weiß es nicht ganz genau, aber es liegt sehr nahe. Als nämlich die nahegelegene St. Alto Kirche umgebaut wurde, ist ein Grabstein gefunden worden. Und zwar ein besonderer Grabstein. Er stammt aus der Zeit der Römer und ist längs gestaltet, mit einer Aufschrift. Das ist typisch für einen römischen Grabstein, der Personen gedenkt, die die Gründer einer neuen römischen Bürgerfamilie gewesen sind. Es waren meist freigelassene Sklaven, oder andere Personen ohne Bürgerrecht sog. peregrini, die begonnen hatten für ihre Nachfahren etwas aufzubauen, denen mit so einem Stein gedacht wurde.

Eine Marmorne Platte mit einer Inschrift.

Der in der Umgebung gefundene Grabstein (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Da dieser Grabstein sagt erzählt, dass er für Publius Iulius Pintamus, Sohn des Gaius, aus der Tribus Quirina, dem aus Braga in der Provinz Hispania Citerior stammenden Veteranen gesetzt wurde. Er diente als Rittmeister in einem Reiterverband und als Ratsherr der Stadt Aelia Anto[…]. Und es steht vermerkt, dass Clementia Po(m)peia diesen Stein für den besten Ehemann und sich selbst gesetzt hat. Da der Stein ganz in der Nähe gefunden wurde, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie diejenigen gewesen sind, die die Villa Rustica bei Leutstetten einst aufgebaut haben. Ein toller Fund, macht er die Geschichte dieses Ortes, doch erst so richtig lebendig.

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Literatur:

Schlagwort Villa in: Christoph Metzler: Metzler Lexicon Antiker Architektur, Weimar 2004.

Ursula Heimberg: Villa Rustica – Leben und Arbeiten auf römischen Landgütern, Darmstadt 2011.

Mareike Rind: Die römische Villa als Indikator provinzialer Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen, Oxford 2015