Geheimtipp Sitia auf Kreta: Hafen, Geschichten & venezianischer Charme

Schlangenlinien mit dem Auto, durch die Kretische Berglandschaft. Immer die Küste entlang nach Osten – irgendwann gibt es sogar ein Stück Autobahn und dann ist man in Sitia. Einfach mal ungeplant irgendwo landen. Das kann man gut in dieser Stadt.

Becken mit blauen Wasser. Am Horizont eine Hafenmole mit vielen kleinen Booten.

Es wird schon langsam düster, als ich am Hafenbecken von Sitia ankomme (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Man sollte aber einige Zeit für die Anreise einplanen. Hauptproblem ist: Die Straßen schlängeln sich nicht nur um die Berge, sodass alles viel weiter voneinander weg ist als es auf der Karte wirkt, nein man muss Vorsichtig sein, beim fahren, der Straßenbelag ist nicht immer der Beste. An einer Stelle schien sogar kurz zuvor die Straße an einer Steilküste ins Meer gestürzt und notdürftig repariert zu sein.

Kaputter Gehweg, der zu Großteilen schon ins Meer gestürzt ist.

Am Wegessrand findet man dann den ein oder anderen Gehweg, der in Richtung Meer gestürzt ist (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

So dauert der Weg doppelt so lange wie gedacht. Wenn man das nicht bedenkt, hat man weniger Zeit für diesen Ausflug als gedacht.

Ein gemütliches Nest aus der Tiefe der Geschichte

Es gibt einen Pavillon am Hafen, in dem ein besonderer Fund aus Palaikastro ausgestellt ist. Es handelt sich um eine Art Sonnenuhr aus minoischer Zeit. Die Steinplatte ist Kreisförmig und mit einem Strahlenkranz verziert. Auf dieser Platte befinden sich Symbole welche nicht nur aus Palaikastro, sondern auch aus Sitia selbst bekannt sind. Auch einige Funde werden in dem Pavillon ausgestellt, zudem widmet er sich der Linear A  Schrift. Diese, bis heute nicht entschlüsselten Symbole zieren zum Beispiel den Diskus von Phaistos. Ein Artefakt, dass bis heute mehr Fragen aufwirft, als Antworten gibt. Die Linear B Schrift, welche ebenfalls minoisch ist, kann heute als entschlüsselt bezeichnet werden. In dem Pavillon am Hafen finden sich 500 übersetzte Symbole. Merkwürdig ist jedoch, dass ich in der Fachliteratur keine Erwähnung dieses Objektes gefunden habe, das als Sonnenuhr ausgestellt ist. Vielleicht, ist das ganze doch mehr Effekthascherei und Touristenköder als ein archäologisches Objekt. Vielleicht kenne ich aber auch nicht die richtige Literatur, weil meine Spezialgebiete in anderen Bereichen der Archäologie liegen.

Eine Art Tisch aus Marmor in gezackter Form, in der Mitte eine kreisförmige Struktur und ein symmetrisches Kreuz, das den Kreis in 4 Abteile teilt. In der Mitte ist ein Zeiger, um einen Schatten zu werfen. Vmtl. eine Sonnenuhr.

Wer kennt Literatur zu diesem Objekt aus Palaikastro? (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Es gibt in Sitia neben Spuren der Minoer auch Spuren aus hellenistischer Zeit, vor allem aber fällt auf, es gibt ein riesiges geometrisch angelegtes Hafenbecken. Die Venezianer haben einen mächtigen Fußabdruck hinterlassen. Bis heute ist die Stadt streng geometrisch angeordnet. Die Spuren dieser Ära: die Art wie Städte in Häfen strukturiert wurden, um alles zu optimieren. Es ging darum, den größtmöglichen Profit zu erzeugen. Der Mittelmeerhafen von Sitia ist dabei deutlich größer und für ganz andere Schiffarten geeignet, als beispielsweise der gleichzeitig errichtete venezianische Binnenhafen von Desenzano. Die Größendimensionen der Anlagen, welche für den Überseehandel gebaut wurden, fallen im Vergleich gigantisch aus.

Ein Hafenbecken. Im Vordergrund liegen kleine Boote und Gondeln. Am Ende des Beckens ist ein Durchgang zum See, der unter einer niedrigen Brücke hindurchführt. Im Hintergrund stehen drei Pinien.

Der malerische Hafen von Dezenzano sieht im Vergleich aus wie Spielzeug (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Venezianische Hafenlagen, sind ein hochinteressantes Thema, und vielfach unerforscht. Für Sitia gilt sogar: Der Ort war zu beginn des 20. Jahrhunderts für die Erforschung der Insel Kreta, nicht von ausreichender Wichtigkeit, als das ausreichend über ihn geschrieben würde. Der Geologe und Geograph Dr. Leonidas Chalikiopoulos schreibt 1903, dass er sich darüber wundert, dass es im gesamten Ostgebiet der Insel Kreta keinerlei Hafenanlagen gäbe. Tja weit gefehlt, denn wir können eindeutig sehen, dass das nicht stimmt. Die Häfen Sitia, Chania und Rethimon sind drei Haupthäfen der Venezianer auf Kreta gewesen. Alle drei wurden an bereits bestehenden Siedlungen gebaut und venezianischen Standards angepasst.

Im Vordergrund kleine Boote in einem großen Hafenbecken, im Hintergrund eine hohe Ladzuge auf der sich ein Ort erstreckt, der von einer braunen Festung gekrönt wird.

Die Stadt zieht sich schachbrettartig angelegt vom Geometrische Hafenbecken weg, über allem thront ein Fort. Eine typisch venezianische Stadtstrucktur (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Chalikiopoulos nennt neben seinen Angaben aber den Ort Limin, der heute Sitia heißt, als Anlegepunkt, für Schiffe. Er beschreibt den Hafen, eben so, wie er heute aussieht, bemerkt aber nicht, dass es sich um einen Hafen handelt. Er berichtet von einer großen Isolation dieser Gegend. Es scheint so, dass es aus längerfristigen wirtschaftlichen Problemen heraus und einem Mangel an kulturellen Austausch dazu kam, dass das Hafenbecken zu Chalikiopoulos Zeit, nicht als solches gepflegt wurde. Es war verfallen.

Aussicht auf ein riesiges Hafenbecken. Eine Mole ist weit hinten am Horizont zu sehen.

Oder ist das Hafenbecken so weitläufig, dass es gar als Teil der Landschaft wahrgenommen wurde? (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE))

Das Auftreten von venezianischen Gebäuden und Anlagen auf Kreta überrascht wenig. Die gesamte Insel stand ab 1211 unter ihrer Herrschaft. Nach zahlreichen Konflikten zwischen den Venezianern und den Türken, wurde die Insel schließlich 1669 von den Türken erobert. Davor diente Kreta immer wieder als Fluchtpunkt für Christen, die vor den Türken geflohen sind. Sitia war eine christliche Siedlung, in der es eine bescheidene gotische Kapelle gab, die von den Venezianern 1336 gegründet wurde, und 1566 offiziell mit einem Bischof besetzt war. 1645 nach der Besetzung durch die Türken wurde dieses Gebäude in eine Moschee umgebaut.

Blick auf die Kaimauer des Hafens von Sitia. Deutlich zu sehen ist, es ist achteckig.

Heute gibt es am Hafenbecken eine hübsche Promenade (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Davor diente die Insel den Venezianern auch als eine Art Alcatraz. Zum Beispiel wurde Josepo Foscari, der Sohn eines Dogen, 1450 auf die Insel verbannt, nachdem ihm zunächst das Illegitime überreichen von Geschenken an fremde Mächte, und später dazu noch der Mord an einem Zeugen vorgeworfen wurde. Wirtschaftlich war Kreta vor allem für Salzabbau, Olivenöl, und die Getreideproduktion für Venedig interessant, da die Getreidepreise in den Italienischen gebieten teils stark schwankten, und Kreta in dieser Hinsicht ein sicherer Hafen gewesen ist. Gegen Ende der venezianischen Besatzung war die Insel allerdings mehr Militärsitz als Gefängnisinsel, denn die immer währenden militärischen Auseinandersetzungen mit den Türken stellte eine größer werdende Bedrohung dar. Und Kreta, galt als der kostbarste Besitz der Venezianer.

Das Heute von Sitia

Heute scheint die 20.000 Einwohnergemeinde einige Probleme zu haben. Schnell wird mir klar, die Wirtschaftskrise gab es auch hier. Stellenweise trotzen liebevoll zurecht gemachte Ecken diesen Problemen, doch daneben stehen zerfallene Häuser und Kaputtes wieder zusammengeflicktes Zeug.

Eine Straßenecke mit einem kleinen Café vor dem bunt bemalte Stühle und Tische stehen. Die Mauer des Cafés selbst ist rosa bemalt.

Es gibt immer wieder einige unerwartet hübsch zurecht gemachte Ecken in der Stadt (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Das ist schade, und ergibt eine Athmosphäre, bei der man sich immer wieder fragt, wie die Familie wohl hieß, die hier einmal gelebt hat, wo sie jetzt sind und ob es ihnen gut geht.

Eine Häuserzeile an einer Straße, die so abschüssig ist, dass sie hauptsächlich aus Treppen besteht. Das vordere Haus steht leer.

Einige Häuser scheinen aber noch länger leerzustehen (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Die Opfer der Wirtschaftskrise, dass sind immerhin nicht diejenigen, die diese verursacht haben, sondern diejenigen, die es ohnehin schon nicht leicht hatten. Und das ist das eigentlich tragische an der griechischen Geschichte des letzten Jahrzehnts.

Aufstieg in eine andere Zeit

Wirklich interessant in Sitia ist das Kastell Kazarma. Es stemmt ebenfalls von den Venezianern. Ursprünglich wurde eine Wehranlage von Kreuzfahrern des 12ten Jahrhunderts errichtet, dann aber zur Zeit der venezianischen Besetzung im Sinne der Venezianer umgebaut. Ein Schriftverkehr aus dem Jahr 1316 belegt, dass in dieser Zeit begonnen wurde die Befestigung der Stadt vorzunehmen.

Oben auf dem Hügel ist die Festung Kazarma gut zu sehen. Sie besteht aus braunen Sandstein.

Die Skyline von Sitia (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Es ist ein wirkliches Abenteuer dort hinauf zu gelangen. Die Straßen sind steil und immer wieder sind es Treppen statt Straßen. Aber ein hemmungslos schöner Ausblick ist die Belohnung. Wer das Kastell von innen sehen will muss die kurzen Öffnungszeiten einplanen.

Vom leben zur Zeit der Besatzung

Die venezianische Herrschaft über Kreta begann nach der Eroberung Konstantinopels im Jahre 1204 durch Kreuzritter. 450 Jahre dauerte diese Herrschaft an. Zunächst siedelten sich venezianische Adelsfamilien an, die keine Rücksicht auf die alten Ortsstrukturen nahmen. Das führte zu einer Diskrepanz der Lebensweise zwischen den venezianischen Städten und den kretischen Dörfern. Erst 1399 schlossen die Kreter mit den Venezianern ein Abkommen. Der Bau von Byzantinisch orthodoxen Kirchen, also der Religion, die die Besatzer mitgebracht hatten, begann aber erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts. So sind die Festungsbauten, meist die ältesten Spuren der venezianischen Herrschaft. In Sitia ist die gesamte Stadt auf die Festung hin angelegt. Hierbei ist zu bedenken, dass damals c.a. 3000 Besatzer einer Bevölkerung von 500.000 Inselbewohnern gegenüber standen. Diese Besatzung wurde mit Militärischen mitteln aufrecht erhalten. Die Art wie Sitia angelegt ist, ist ein Relikt dieser Machtausübung.

Blick von der Festung auf den Hafen, man kann das Becken, die Mole und die weißen mediterranen Häuser sehen.

Von der Festung aus, lässt sich das Umland wunderbar beobachten (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Die Anlage der Kastelle diente also nicht nur der Sicherung des Seehandels, sondern auch als Schutz gegen die Inselbevölkerung. Die Venezianer beuteten die Landwirtschaft der Insel massiv aus – so kam es immer wieder zu Aufständen der Bauern und Hirten. In Sitia ist eine Festung zu beobachten, die aus dieser frühen Phase der Besatzung stammt. Diese Festung wurde, im Gegensatz zu einigen anderen Festungen, nie auf einen neueren Architektonischen stand gebracht, welcher z.B. mit dem der Festung von Peschiera zu vergleichen wäre, sondern belassen wie sie war.

Im Vordergrund befindet sich die Mincino-Brücke, im Hintergrund eine Bastion, von der aus diese Brücke überblickt werden kann.

Von dem Wall aus lässt sich der Wassergraben überblicken, der die Festung umgibt. Auch die Bastionen lassen sich gut erkennen. Die Brücke ist ein Zugang zu der Festung (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Ein Ausbau der Stadt in diesem Ausmaß hätte in Sitia allerdings auch keinen großen nutzen gehabt. Wichtig war der Überblick über das Meer. Die inneren Konflikte, auf der Insel lösten sich mit der Zeit, denn die Venezianer brachten nicht nur Unterdrückung, sondern auch Wohlstand und Handel auf die Insel, die dadurch zu einem interkulturellen Schmelztiegel wurde. Diese Zeit endete abrupt mit der Besetzung durch die Osmanen.

Ein Straßenzug der von einer Treppe gebildet wird von oben nach unten fotografiert. Links und rechts sind Häuserzeilen, am Horizont das Mittelmeer und im Vordergrund pinke Blumen.

Heute gibt es in Sitia malerische Ausblicke (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Infolge dessen verarmte die Insel, die Einwohnerzahl sank stetig, im 19. Jahrhundert sogar bis auf nur 80.000 Menschen. Das ist vermutlich auch der Grund dafür, dass das Hafenbecken zwischenzeitlich fast vergessen wurde.

Und wie ist es in Sitia mit Speis und Trank?

In der Zeit der venezianischen Besatzung, wurde der Zwieback erfunden. Ein Nahrungsmittel, dass gerade in der Seefahrt sehr wichtig wurde. im 16. Jahrhundert wurde dieser nicht nur aus dem Inselgetreide von Kreta hergestellt, sondern er gelangt von hier aus auch als Handels und Versorgungsware auf die Schiffe. Zwieback war besonders haltbar, aber zur Sicherheit wurde in jede einzelne Scheibe das Jahresdatum der Herstellung gebrannt. Es gibt die Legende, dass nachdem die Türken die Insel erobert hatten, ein 150 Jahre alter Zwieback gefunden wurde. Die Haltbarkeit des Gebäcks war angeblich von überragender Qualität. Die Finder verspeisten den alten Zwieback – er soll geschmeckt haben.

Eine Straßenlaterne in der Dämmerung am Hafenrand. Alles ist dunkelblau, nur die Laterne ist gelb.

Gemütlich sieht es aus, dass Hafenbecken am Abend, wenn in den Restaurants im Hintergrund die Menschen zu Abend essen (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Solltet ihr einmal im Sitia sein, braucht ihr allerdings nicht nach 150 Jahre alten Zwieback ausschau zu halten. Es gibt am Hafen zahlreiche Cafés und Restaurants. Unter anderem einen Tortenbäcker, der einfach unschlagbar gute Torten macht.

Vielleicht komme ich eine Tages wieder

Ich erinnere mich nicht Oft an Sitia. Und hoffe, dass ich vielleicht eines Tages wieder komme. Nicht nur um mir die Festung einmal genauer anzusehen, sondern, weil der Ort touristisch nicht überlaufen ist. Das heißt: Sitia ist nicht so aufgesetzt, wie viele andere Orte auf Kreta – nicht so gekünstelt wie Knossos, oder so ein Nepp wie Matala. Es ist ruhig, es gibt gutes Essen und eine wunderschöne Aussicht auf ein einzigartiges Hafenbecken. Es gibt viele Treppen und Ecken an denen man sich einfach hinsetzen und Entspannen kann. Sitia ist also einfach herrlich normal. Und das ist eine Form von Luxus, den ich mag.

Wenn du möchtest, dann kannst du mir hier ein kleines Trinkgeld schicken, ich würde mich freuen. Danke.

Literatur

Chalikiopoulos, Leonidas Chalikiopoulos, Sitia. die Osthalbinsel Kretas – Eine geographische Studie, Veröffentlichungen des Instituts für Meereskunde und des Geographischen Instituts an der Universität Berlin; Heft 4, Berlin 1903

http://www.cretesitia.gr/index.php/de/sight-seeing-archeological-sites/antike-astronomie

Besonders empfehlenswert für die Arbeit über venezianische Kolonien:

Georgopoulou, Maria Georgopoulou, Venice´s Mediterranean Colonies – Architecture and Urbanism, Cambridge 2001

Reimann, Jörg Reimann, Venedig und Venetien 1450 – 1650 – Politik, Wirtschaft, Bevölkerung und Kultur, Hamburg 2006

Guter Überblick über die Geschichte Kretas:

Schneider, Lambert Schneider, Kreta – 5000 Jahre Kunst und Kultur: Minoische Paläste, byzabtische Kapellen und venezianische Stadtanlagen, Ostfildern 2006