Archäologische Dokumentation im September 2023 – Metalboote überall!

Die Exkursion September 2023. Ich bin nicht alleine unterwegs, sondern mit Jonny. Es ist der erste Tag, und wir kommen auf Lampedusa an. Zuerst orientieren wir uns, suchen die ersten Orte auf, vor allem, den Schiffshof des Hafenmeisters. Ich will, um eine Erlaubnis fragen, die Boote zu dokumentieren. Will wissen, was er beobachtet. Und was er uns zeigt, können wir im ersten Moment gar nicht glauben: Nussschalen aus rostigem Metall.

Der erste Blick auf die Metallboote

Wir hatten für Holz und Schlauchboote, vielleicht Boote aus Plastik geplant. Doch als wir den Hafenmeister treffen, sahen wir eine Bootform, welche uns ganz unbekannt war. In keinem Nachrichtenbeitrag zuvor hatte ich so etwas gesehen. Nicht einmal in einem Sea-Watchvideo. Als ich den Hafenmeister traf, kam er gerade mit einem LKW zurück. Auf der Ladefläche: einige dieser Boote gestapelt. Ich erklärte mein Anliegen. Er zeigte mir freundlich die Boote, die er gerade aus dem Hafen geholt hatte.

Ladefläche eines LKW. Darauf sind gestapelt Metallboote

Mein erster Eindruck der Metallboote am 10. September 2023 (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

So etwas hatte ich noch nie gesehen. In dieser Situation machte ich kaum Fotos. Es war wichtiger, die Erlaubnis vom Hafenmeister zu bekommen, Boote auszumessen. Er war irritiert. Sagte (auf Deutsch übersetzt) „Mädchen – was willst du da messen – Die Dinger sind immer 6,50 m oder 8 m lang – das ändert sich nicht, auch wenn du noch so viele dieser Boote misst“. Am Ende bekam ich meine Erlaubnis, auch wenn er nicht verstand, warum ich denn jetzt unbedingt mit meinem Maßband Boote messen wollte. Das war am Vorabend einer Situation, die die Insel überfordern sollte.

September 2023: Metallboote überall

Zwischen dem 11. und dem 15. September 2023 sind mehr als 10.000 Flüchtende auf der Insel angekommen. Johnny und ich mittendrin. Was uns dabei am meisten überrascht hat, waren die Boote selbst. Die allermeisten der Geflüchteten haben das Meer in Metallbooten überquert, die wirkten wie selbst gebaut. Wir waren genau im richtigen Moment da, um diese Boote zu fotografieren und zu messen. Der Hafenmeister behielt recht. Die Boote waren alle 6,50 oder 8 m lang und 2,30 breit. Sehr akkurat nach metrischem System gebaut.

Ein Metallboot im Wasser an der Steilküste. An der Küste liegen Sachen zerstreut.

Mal ein Blick aus weiterer Entfernung, damit ihr euch einen besseren Eindruck machen könnt (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Damit meine ich: Die Boote sind exakt 6,50 m lang, nicht 6,51 m in keinem Ausnahmefall, oder auch nur ein paar Millimeter mehr oder weniger – die Außenmaße sind unglaublich akkurat. Die Boote bestehen regelhaft aus zurechtgebogenen und geschweißten Metallplatten, die 1 mm dünn sind. Außer das Heck – das besteht größtenteils aus einer 2 mm dicken Metallplatte. Und im Inneren gibt es eine Versteifung. Fast immer aus 5 Rippen gebaut, die aus Hohlstangen besteht. Und auch die sind immer gleich groß. 3 cm am Boden 5 cm an den Querstreben. Es sind

Massenhaft produzierte Individualprodukte

Wat bidde? Miss Jones, bitte, rede so, dass man dich versteht, was meinst du damit? Was ich damit meine ist: diese Boote haben so große Ähnlichkeiten, dass es an Massenproduktion denken läßt. Gleichzeitig sehen alle etwas unterschiedlich aus. Sie sind vmtl. selbstgebaut, aber anscheinend, nach einer ähnlichen Anleitung. Die Schweißnähte sind von schlechter Qualität, offenbar von Menschen gemacht, die kaum Erfahrung im Schweißen haben.

Nahaufnahme eines rostigen Metalls mit Schweißnaht.

Hier eine Nahaufnahme von einer Schweißnaht an einem Bug. Das hat eindeutig jemand gemacht, der nicht weiß, wie man schweißt, sonst wäre das nicht so tropfenförmig (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Die einzelnen Bauteile sind auch immer unterschiedlich zusammengebaut. Hier und da steht mal ein Stück Metallplatte über. Das nächste Boot ist schief zusammengeschweißt, das übernächste hat Griffe, und ein weiteres hat eine Bugplatte, die wirkt als wäre es Dekoration. Denn sie ist so klein, dass von ihr keinerlei Nutzen ausgeht. Oft gibt es überstehende scharfe Ecken aus Metall, und die können ein Rettungsboot aufschlitzen – Rettungsorganisationen erzählen mir später von den Problemen, die sie deshalb mit diesen Booten haben. Die Boote sind auf ihre Art irgendwie alle gleich, und irgendwie alle verschieden. Es wirkt fast vergleichbar mit einem Projekt, dass ich mal in der Grundschule gemacht habe.

Zwei Metallboote nebeneinander, man sieht bei beiden den Bug im Profil.

Schaut euch zum Verständnis einfach mal genau den Bug dieser beiden Boote an. Da gibt es schon auffällige Unterschiede (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Damals sollten wir ein Stofftier nähen, ein Kuschelschwein. Wir bekamen exakte Maße. Alle nähten sehr sorgfältig ihr Stofftier. Alle mit der gleichen Anleitung. Und bei jedem kam etwas anderen heraus, obwohl die Maße stimmten. Bei dem einen wurde es krumm, bei dem nächsten fehlte ein Ohr, ich hatte als einzige in der Klasse blaue Knöpfe für die Augen benutzt. Alle Schweinchen waren irgendwie gleich und irgendwie verschieden. Und in ungefähr diesem Ausmaß sind auch die Metallboote individuell zueinander.

Und was sagt uns das jetzt über die Flucht über das Mittelmeer?

Das sagt uns viel. Auf so einem Boot sind 35 – 40 Personen. Das kann man mit den genommenen Massen in ein Verhältnis setzen, um sich klarzumachen, wie gefährlich eine solche Überfahrt ist. Denn: man kann die Umstände so genauer rekonstruieren. Ein solches Metallboot ist nicht massiv. Es wabbelt. Wenn man damit auf dem Meer steht, fühlt es sich an, als würde man auf einem Blatt Papier stehen.

Die Außenwand eines Bootes

Wenn du dir die Struktur des Rostes genau ansiehst, kannst du im oberen Bereich eine Kannte erkennen. Diese Kante von vielleicht maximal 5 cm hat bei der Fahrt über Wasser gelegten, der Rest des Bootes lag unter Wasser. Im Rost sieht man auch relativ genau in welchem Bereich sich die Wellen gegen das Boot bewegt haben (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Sind die Boote mit Passagieren gefüllt, also mit viel Gewicht beladen, drücken sie sich tief ins Wasser. Die Oberkante ragt dann teils nur noch 5 oder 10 cm aus dem Wasser. So kann leicht Wasser in das Boot eindringen, also zum Beispiel eine Welle hinein schwappen. Ein solches Metallboot kann dadurch ziemlich einfach sinken. Ich habe flüchtende am Ufer kennengelernt, die mir erzählt haben, dass sie das auf See gesehen haben. Und dass es dann nur einmal laut Blubb macht, und dann sind alle 40 Leute auf dem Boot Tod.

Warum sind die denn dann Tod, können die nicht schwimmen?

Ja, viele können nicht schwimmen. Auf den Booten liegen deshalb Autoreifen für das subjektive Sicherheitsgefühl. Meinen ersten Beobachtungen nach bekommt jeder einen Reifen (warum das nicht stimmt, dazu schreibe ich einen weiteren Beitrag). Mit Glück kann man sich an einem solchen Autoreifen festhalten. Aber wirklich tragend sind die nicht. Rettungswesten gibt es auf diesen Booten in der Regel nicht. Es sind meist  die ärmsten Fluchtgruppen, die in den Metallbooten über das Mittelmeer flieht. Und 2023 haben mir einige dieser Geflüchteten erzählt, dass sie lieber mit einem Metallboot fahren wollten, weil sie dachten, die seien sicherer als die Schlauchboote.

Zwei Boote im Wasser an der Küste. Sie sind voll mit Autoreifen. Die Boote bestehen aus rostigen Metall. Sie sind 6,5 m lang, 2,3 m breit und ca. 50 cm hoch. Sie sind offenbar selbstgebastelt.

Diese beiden Boote habe ich am 12. September 2023 gefunden. Die Menschen die da drinn saßen habe ich kenen gelernt. Ihre Anzahl deckte sich mit der Anzahl der Autoreifen in den Booten (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Ein Trugschluss, der sich langsam herumgesprochen hat. Aber dass viele Leute sterben, liegt an einer Substanz, die ich „Die Pampe“ getauft habe. Teil dieser Mischung ist herunter gekleckerter Treibstoff. Beim Sinken eines Bootes wird also Treibstoff freigesetzt. Nimmt man von diesem Gebräu aus Versehen einen Schluck, dann wird man sofort bewusstlos und geht unter. Und dass man in so einer Situation aus Versehen etwas Meerwasser schluckt, kann leicht passieren.

Was schaust du dir denn archäologisch an diesen Booten an?

Nunja, ich messe den Zustand und schaue auf die Objektstreuung und beziehe beides aufeinander. Der Zusammenhang gibt mir verschiedene Informationen. Zum Beispiel kann ich feststellen, wo ein Boot gestartet ist, wenn ich den Proviant analysiere. Eine solche Herkunftsanalyse (Provinienzanalyse) ist eine ganz typische archäologische Arbeit. Und ich arbeite dabei tatsächlich an einer von mir und drei anderen Wissenschaftler*innen selbst erstellten Typologie, die vor allem den Vergleich von PET-Flaschen im Fokus hat. Weil diese besonders aussagekräftig sind. Mittlerweile brauche ich oft nur wenige Minuten, um herauszufinden, ob ein Boot in Libyen oder Tunesien gestartet ist.

Blick in ein Boot hinein. Es liegen verschiedenste Sachen an Board - ein heilloses Durcheinander.

Dieses Boot ist ein gutes Beispiel dafür, wie es auf so einem Boot aussieht (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Außerdem betrachte ich die Objekte selbst nach verschiedenen Maßstäben. Auch dabei ist der Proviant relevant. Ist er sehr einheitlich, ist es wahrscheinlich, dass eine Menschenhändlergruppe das für alle organisiert hat. Ist der Proviant individueller, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Menschen sich selbst ausgestattet haben. Das heißt, ich kann an dem Boot, das ich anschaue wie einen archäologischen Befund, sehen, wie hoch der Organisationsgrad der Menschenhändler ist, die dahinter stehen. In seltenen Fällen finde ich noch Menschen auf oder neben ihren Boot, und kann nachfragen. Diese Angaben decken sich meist mit meinen Beobachtungen. Und deshalb weiß ich auch ganz genau:

Matteo Salvini hat gelogen

Gut, das wundert niemanden. Aber: Als im September 2023 die 10.000 Flüchtenden auf der Insel angekommen sind, konnte ich ihre Boote untersuchen. Es handelt sich regelhaft um eben diese Metallboote aus Tunesien. Die werden auf Lampedusa schwimmende Särge genannt, weil es keinen gefährlicheren Weg gibt, um auf die Insel zu kommen. Matteo Salvini hat damals zu der Situation gesagt, dass die gleichzeitige Flucht der 10.000 Personen ein Kriegsakt gewesen sei.

Ein total verbeultes Fluchtboot aus rostigem Metall am Ufer von Lampedusa.

Die überfahrt mit so einer Klapperkiste soll also ein Kriegsakt sein. Solche Aussagen machen mich sauer – weil sie an der Realität vorbei gehen, und das eigendliche Leid unsichtbar machen (Bild: Jonathan Kündiger (All rights reserved)).

Und das kann ich entkräften. Denn zu einem sind die Boote so klapprig, dass alle versuchten einen windstillen Moment abzuwarten, und diesen zu nutzen, um die Überfahrt zu wagen. In dem angesprochenen Zeitfenster war es windstill. Und: Die Boote sind zu unterschiedlich, um als militärisch eingestuft zu werden. Der Proviant auf diesen Booten ist noch individueller. Kriegsakt würde bedeuten, es wäre geplant und organisiert von einer übergeordneten Struktur. Doch was ich dokumentieren konnte, war das exakte Gegenteil davon. Die Flüchtenden haben sich ihr Wasser und ihren Proviant selbst organisiert. Bei einem militärischen Manöver wäre das nicht der Fall gewesen.

Die Metallboote: ein besonderes Phänomen

Was ich erfassen konnte, war also ein Phänomen, das für diesen Zeitabschnitt sehr relevant war. Etwa ein Jahr zuvor wurde erstmals ein solches Boot gesehen, 2023 waren sie dann sehr dominat, und jetzt gibt es sie nicht mehr so häufig. Die Art der Flucht ändert sich immer wieder. Sie passt sich veränderten Bedingungen in Politik und Klima an. Und das kann ich, dadurch dass ich die Boote genau messe und vergleiche, sehr gut erkennen. (2015 sahen die z.B. noch ganz anders aus)

Ein Metallboot mit einem großen breiten Bug mit Metallplatte. Es hat Bänke aus Holz.

Dieses Boot ist wieder ganz anders. Es hat Holzbänke. So habe ich einige Boote dokumentiert, die Ausreißer von der Norm sind – darüber werde ich aber an anderer Stelle berichten (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

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