Liebevoll, unglaublich liebevoll legt der älteste Sohn seine Mutter in das Grab. Sein bester Freund trauert daneben um seinen Bruder, dessen Frau, seine Neffen. Eine beste Freundin weint, und verabschiedet sich, legt dem Jungen noch eine Steinaxt mit ins Grab. Das ganze Dorf ist in Trauer. Es gab einen Überfall, 13 Menschen wurden aus dem Herzen ihrer Gemeinde gerissen. Nun ist es an der Zeit, sich zu verabschieden. 4 Gemeinschaftsgräber werden angelegt, drei davon bekommen noch einen Grabhügel. Ein Monument, das an die Tat von Eulau erinnert, die noch 4.600 Jahre später Bestürzung auslöst.
Was war passiert?
Man weiß es nicht ganz genau, aber 13 Tote wurden gleichzeitig bestattet. Bei 5 konnte der Tod durch Gewalteinwirkung nachgewiesen werden. Deshalb geht man davon aus, dass alle Menschen umgebracht wurden. Es gibt den Fund einer Pfeilspitze in einem Wirbel – deshalb gibt es die Überlegung, das erst die Männer erschossen wurden, und dann die Frauen und Kinder erschlagen. Aber: tödliche Verletzungen an den Weichteilen lassen sich nach so langer Zeit nicht mehr nachweisen, sie sind aber auch eine häufige Todesursache in Konflikten.

Blick auf eines der 4 Gräber – ausgestellt im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Außerdem gibt es typische Abwehrverletzungen. Zum Beispiel an den Unterarmen. Solche Verletzungen entstehen, wenn man versucht sich gegen Gewalt zu schützen, oder zur Wehr zu setzen. Und weil diese Umstände zusammenkommen, geht man von einem gewalttätigen Anschlag auf eine Gemeinschaft aus.
Wer waren die Toten?
Es handelt sich vor allem um Frauen und Kinder. Es gibt auch Männer, bei diesen fällt auf, dass sie aufgrund von Verletzungen zum Zeitpunkt des Überfalles nicht wehrfähig gewesen sind. Man überlegt deshalb, ob der Ort überfallen wurde, während alle wehrfähigen Personen gerade unterwegs waren und nur einige Menschen zu Hause im Ort blieben. Es gibt eine auffällige Alterslücke: Die Kinder sind maximal 10 Jahre alt, und die Erwachsenen mindestens 30 Jahre alt, in der Altersgruppe dazwischen gibt es keine Toten. Sollte das stimmen, dann haben wir hier einen anderen interessanten einblick über die Kultur erfahren: Mit 10 Jahren war man in dieser Zeit offenbar erwachsen.

Die Frage ist also: wie sah Familie in dieser Zeit wircklich aus – eine oft fehleranfälige Disskusion (Bild: Goldie Nagy (CC BY-NC 3.0 DE)).
Dafür, dass die Personen von Angehörigen bestattet wurden, die nach dem Überfall das Massaker entdeckten, spricht aber auch die Anordnung der Toten: Sie wurden liebevoll beieinander bestattet und dabei wurden kulturelle Regeln und Verwandtschaftsverhältnisse beachtet. Wer auch immer diese liebevollen Gräber angelegt hatte, kannte die Toten, und zwar ziemlich gut.
Welche kulturellen Regeln und Verwandschaftsverhtnisse gab es denn?
Das Unglück betraf eine Gruppe Menschen aus der Kultur der Schnurkeramiker. Eine Kultur, die sich zu dieser Zeit in der Region Sachen-Anhalts verbreitete, und die ganz am Ende der Jungsteinzeit und damit quasi fast am Beginn der Bronzezeit lebte. In dieser Kultur gab es den Ritus, Menschen in Hockerbestattung beizusetzen und auch speziell nach den Himmelsrichtungen auszurichten. Das war geschlechtsabhängig (wobei es auch Untersuchungen gibt, die das Gegenteil zeigen). Die Toten wurden in dieser Hockerlage akkurat in die Himmelsrichtungen ausgerichtet bestattet, in 4 Gruppen.

Bislang wurde immer angenommen, dass die Seite, auf der der bestattete Mensch liegt, mit seinem Geschlecht zusammenhängt (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Zwei Gruppen fallen dabei besonders auf. Zwei Erwachsene und zwei Kinder konnten genetisch als eine Kleinfamilie identifiziert werden. Die Eltern wurden mit ihren 4-5, und 8-9 Jahre alten Söhnen so platziert, dass sie sich die Hände halten und ihren Kindern in die Augen sehen. Um das zu ermöglichen, weicht die Platzierung der Kinder vom Bestattungsritus ab. In einem anderen Grab liegt eine Frau mit zwei Kindern, die Geschwister sind, aber nicht mit der Frau verwandt.
Das heißt, es gab damals schon Kleinfamilien und Patchworkfamilien?
In Falle der vier Toten ist dies anzunehmen. Der Fund der Frau mit den beiden genetisch fremden Kindern zeigt aber, dass das nicht unbedingt immer der Fall gewesen sein muss. Die Kinder und die Frau schienen sich nahe gestanden zu haben, sonst währen sie nicht gemeinsam bestattet worden. Vielleicht war sie die Stiefmutter. Oder die Kinderpflegerin, oder auch eine Tante väterlicherseits – das ist genetisch möglich, denn man hat die mitochondriale DNA untersucht, die sich über die Mutter vererbt.

Die Bestattung einer ganzen Familie (ausgestellt im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle/ Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Offensichtlich war Familie und Gemeinschaft auch am Ende der Jungsteinzeit schon etwas sehr Liebevolles. Aber dieser Fund legt nahe, dass genetische Verwandtschaft dabei eben nicht alles ist, sondern vielmehr Zuneigung im Vordergrund stand. Und mit Zuneigung wurden die Lieben hier beigesetzt. So fand sich im Grab eines ca. 9-Jährigen eine Steinaxt, die er eigentlich erst als Erwachsener haben durfte. Man hatte sie ihm als letztes Geschenk in das Grab gelegt.
Wer hat das Dorf überfallen?
Diese Frage ist mit archäologischen Methoden schwer zu beantworten. Bei der Entdeckung des Fundplatzes geriet aber zunächst einen Konflikt mit der Glockenbecherkultur in Verdacht. Aber: Die absolute Datierung zeigt – die Tat ereignete sich bevor die Glockenbecherkultur in Sachsen-Anhalt ankam, eher in der Zeit als die Schnurkeramiker selbst noch neu in der Region gewesen sind. Vergleicht man die Pfeilspitzen der Kulturen mit den Tatwaffen, so wird klar – es handelt sich um Querschneider, die Waffen der Glockenbecherkultur sehen ganz anders aus.

Diese Kultur wurde Glockenbecherkultur genannt, wegen der Form ihrer Keramiken. Dieses hier ist ein besonders schmuckvolles Exemplar (ausgestellt im Landesmuseum für Vorgeschichte in Kassel / Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Dass es einen Konflikt innerhalb der Schnurkeramiker gab, ist auch unwahrscheinlich – diese kannten zwar Pfeil und Bogen, nutzten im Konflikt aber eher Axt und Beil – auch wenn in dieser Hinsicht Ausnahmen die Regel bestätigen. Unter Verdacht stehen deshalb die Schönfelder Kultur und die Kugelamphorenkultur – in beiden Kulturen gab es ganz ähnliche Pfeilspitzen.
Und welche der beiden Kulturen kommt eher in Frage?
Das Flintgestein, aus dem die Pfeilspitzen sind, stammt von der Ostsee. Die Kugelamphorenkultur hatte eine Verbindung bis in diese Region. Allerdings wurde mit diesem hochwertigen Flint gehandelt, sodass es auch ein normaler Werkstoff bei anderen Kulturen in Mitteldeutschland war. Die Pfeilspitzen der Schönfelder-Kultur sehen den verwendeten Pfeilspitzen am ähnlichsten.

Die Kultur hieß übrigens Schnurkeramik, weil ihre Keramik aussah, als hätte man die Zier mit eingedrückten Schnüren gemacht (Ausgestellt im Vorgeschichtsmuseum in Berlin/Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Aber: typischerweise werden in dieser Kultur Pfeilspitzen abgeschliffen, dieses Merkmal fehlte hier. Außerdem zeigen ethnologische Vergleiche: Immer wieder fälschen Kulturen Waffen für einen Überfall, um den Verdacht von sich weg auf eine andere Gruppe zu lenken. Auch das ist bei diesem Fundplatz nicht auszuschließen. Und dass es zur Schönfelder-Kultur auch positive Beziehungen gab, das zeigen die Importgegenstände aus dieser Kultur zwischen den Funden in Eulau.
Kamen denn dann sicher alle getöteten aus der schnurkeramischen Kultur?
Gute Frage! Man hat dazu Isotopenanalysen an den Zähnen vorgenommen (was das genau ist, erkläre ich in einem anderen Artikel). Die Zähne wurden untersucht, weil sie sich in der Kindheit bilden, und man dann herausfinden kann, wo die untersuchten Menschen ihre Kindheit verbracht haben. Das Ergebnis: Die Männer und Kinder stammen aus der Region um Eulau. Die Frauen aber von weiter weg, die meisten vmtl. aus einer gut 55 km entfernten Region im Harz.

Wie war das Leben so einer Frau, die auszog, um am gefühlt anderen Ende der Welt zu leben? (Foto: ©Jens Boeck, Ausschnitt aus der TV-Doku „Mächtige Männer – Ohnmächtige Frauen?“ Neue Fakten aus der Vergangenheit“, von ZDF Terra X).
Die Frauen wanderten zum heirateten an andere Dörfer ein. Dieses Prinzip nennt man patrilokal, und es hat sich spätestens in der Bronzezeit in Mitteleuropa durchgesetzt. Dass es aber z. B. zu einem Streit um solche sozialen Regeln oder deren Folgen kam, kann man mit heutigen Methoden der Archäologie nicht untersuchen. Klar ist aber, man findet hier viele Kulturen auf engem Raum in einer Zeit des Umbruchs. Es gibt also viele Möglichkeiten, wie es zu einer massiven Meinungsverschiedenheit gekommen ist.
Könnte man auch um Ressourcen gekämpft haben?
Möglich, aber das ist nicht untersucht. Klar ist, die Schnurkeramiker haben sich auf gute Böden gesetzt. Löß ist ein solch guter Boden. Auch die Bestattungen lagen in dieser Region, in einer Kiesschicht unter dem fruchtbaren Löß. 2005 wurden sie beim Kiesabbau entdeckt. Der Lößboden war in der Jungsteinzeit aufgrund der guten Qualität natürlich begehrt.

Nachbau eines der in Flintbek gefundenen Hauses aus der Jungsteinzeit, nachgebaut im Steinzeitpark Dithmarschen – in etwa so kann man sich die Lebenswelt der Menschen von Eulau vorstellen (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Die Schnurkeramiker lebten als landwirtschaftliche Kultur, mit Feldanbau und Tieren. Ein guter Boden ist da viel wert – und das gilt natürlich auch für die Nachbarkulturen. Aber nachweisen, worum es in dem Konflikt ging, das ist so explizit nicht möglich. Was uns bleibt ist, dass wir Anteil nehmen können, an der Trauer der Angehörigen vor 4.600 Jahren. Und vielleicht die Botschaft, dass egal wann und wo – am Ende eines Konfliktes verlieren alle, im schlimmsten Falle das, was ihnen am liebsten war.
Literatur:
R. Ganslmeier und N. Henkel: Die Tatwaffen aus einem Grab der Schnurkeramik von Eulau, Burgenlandkreis Ein Beitrag zur Verwendung von Pfeilen in den Kulturgruppen des 3. Jts. v. Chr. In: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte Band 94, 2014.
W.Haak, G. Brandt, C. Meyer, H. de Jong, R. Ganslmeier, A. Pike, H. Meller, K. Alt: Die schnurkeramischen Familiengräber von Eulau – ein außergewöhnlicher Fund und seine interdisziplinäre Bewertung. In Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle, Band 4 (2010)
H.N. de Jong, G.L. Foster, V. Heyd & A.W.G. Pike, Further Sr isotopic studies on the Eulau multiple graves using laser ablation ICP-MS. In: Anthropologie, Isotopie und DNA. Hrsg. von H. Meller & K.W. Alt (Halle), p. 125-131. (2010)
https://www.landesmuseum-vorgeschichte.de/dauerausstellung/bronzerausch/eulau-tragoedie-am-ende-der-steinzeit
https://content.time.com/time/specials/packages/article/0,28804,1855948_1863947_1863934,00.html
Vortrag: „Cold Cases der Archäologie und Archäologie in Cold Case Ermittlungen“ Tilo Spich Mario Pahlow.