Matriarchat oder Patriarchat – Wie das Wohnen mit einer Gesellschaftsstruktur zusammenhängt

Matrilokalität und Patrilokalität, das sind zwei Fachwörter, die eine Wohnfolgeordnung bezeichnen. Matrilokal, dass bedeutet bei einer Eheschließung zieht der Mann zu der Frau, bei Patrilokalität ist es andersherum. Verschiedene Kulturen, haben bei dieser Frage verschiedene Lösungen gefunden. Man könnte meinen mit dieser Erklärung sei das Thema beendet. Aber so einfach ist es nicht. Denn der Umstand wie sich Gesellschaften an dieser Stelle strukturieren führt zu ganz unterschiedlichen Ausprägungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Ein guter Grund mal einen näheren Blick darauf zu werfen:

Die Unterteilung in Matrilokal und Patrilokal ist im Grunde genommen eine Verkürzung. Denn es gibt ethnologische Beobachtungen über Kulturen, bei denen z.B. beide Partner bei ihren Eltern wohnen bleiben, hierfür wird der Fachterminus natolokal oder doulokal verwendet. Oder aber ein Paar wechselt gemeinsam mit den eigenen Kindern regelmäßig zwischen dem Wohnsitz des Mannes (virilokal) und der Frau (uxorilokal). Gründet ein Paar einen eigenen Wohnsitz, der keinen Bezug auf die Elternhäuser hat nennt man das Neolokal. Bei all diesen Modellen wird von einer Kernfamilie ausgegangen. Kernfamilie heißt, es gibt Mutter, Vater und Kinder. Doch Kulturen sind Komplizierter und das heißt: Diese Worte beschreiben Modelle, die Realität kennt noch komplexere Situationen.Pergament mit der Aufschrift: Oftmals wird die Wohnfolgeordnung in einem Zusammenhang gesehen mit matriarchalen oder patriarchalen Gesellschaften. Das bedeutet, dass wenn die Familie bei der Frau lebt, die Herrschaft oft als von den Frauen ausgehend interpretiert wird und andersherum. Das leitet sich davon ab, dass diese Wohnfolgeordnung meist mit einer Vererbungsregel verbunden ist. Also, dass das Eigentum in die Hände des jeweils weiblichen oder männlichen Erben geht. Aber, dieses Merkmal alleine reicht noch nicht aus um von einem Matriarchat oder Patriarchat zu sprechen. Archäologisch ist es allerdings eines der wenigen Merkmale, die sich (nur unter bestimmten Umständen) untersuchen lassen. Aber es gibt noch weitere Hinweise: Beispielsweise die Venusfiguren der Steinzeitkunst können so gedeutet werden, dass Frauen in der Gesellschaft eine führende Position hatten. Es gibt auch Andeutungen darauf, dass die Minoer matriarchal lebten, da sie immer wieder weibliche Götterfiguren verehrten. Aber ein Beweis sind diese Kunstwerke nicht. Sie erzählen auch nicht, wie das alltägliche zusammenleben ausgesehen hat. Und so gibt es auch Wissenschaftler*innen, die sagen, es hätte noch nie, und zu keinem Zeitpunkt der gesamten Menschheitsgeschichte ein Matriarchat gegeben.

Die minoische Wandmalerier der dri weissen Frauen aus Knossos. Drei Fraun stehn nbneinandr, Sie tragen kurze Orangeblaue Jäckchen, die den Blick auf ihre nacktn Brüste freigeben. Die Frauen stehn vor einem blauen hintergrund, und sie tragn eine lange, mit perln verzierte Lockenfrisur.

Klar, die Darstellungen von Frauen, die von den Minoern gemacht wurden, sind wunderschön. Hier zum Beispiel die drei weißen Frauen aus Knossos. Aber ein Beweis für ein Matriarchat sind sie nicht.

Ein Blick in die Ethnologie enttarnt diese Auffassung allerdings als Falsch. Und um einmal genau zu zeigen, wie anders eine Geschlechterordnung sein kann, folgt nun ein Blick auf eine Kultur, die in dieser Hinsicht ganz anders lebt als wir: Die Khasi, sind eine Kultur, die in Nordostindien lebt. Es handelt sich um ca. 1,5 Millionen Menschen aus der Region Meghalaya. Die Kultur hat einige beeindruckende Techniken entwickelt. Dazu gehört, dass sie Megalithen aufstellen oder auch, dass sie lebende Brücken aus Lianen bauen. Die Kultur ist Matriarchal strukturiert. Es gibt Texte die bereits aus dem 8. Jahrhundert stammen, welche ein Frauenkönigreich beschreiben, dass sich einer Invasion erfolgreich widersetze. Aufgrund der Beschreibung der regionalen Gegebenheiten, ist es sehr wahrscheinlich, dass dabei die Vorfahren der heutigen Khasi gemeint sind. Sie haben eine eigene Religion, die noch von 40 % der Menschen dieser Kultur gelebt wird. Christliche und hinduistische Missionare haben diese Kultur aber zum Teil gespalten. Zum Beispiel, weil die christliche Vorstellung der Ehe den traditionellen Vorstellungen der Khasi widerspricht.

Zwei Brücken doe über einen Flussführn. Die Brücken bestehen aus gflochtenen Lianen.

Zwei lebende Brücken aus der Region Meghalaya. Die Khasi bauen diese Brücken (Foto: Harikrishnan S CC BY-SA).

So eine Familie sieht bei den Khasi ganz anders aus. So anders, dass das Khasiwort iing an dieser Stelle besser passt. Ein iing bezeichnet den Zusammenhang in dem gelebt, Kinder aufgezogen, die Religion ausgeübt und der Lebensunterhalt bestritten wird. Diese Menschengruppe besteht aus der Mutter, manchmal einem Onkel mütterlicherseits oder einem Bruder und den Kindern. Auch groß und Urgroßeltern können Teil der iing sein. Der Vater gehört allerdings regelhaft nicht in dazu, er lebt bei seiner Familie. Er gehört auch nicht zur Wirtschaftseinheit seiner Frau, sondern untersteht seiner Mutter oder Schwester. Es gibt Fälle, bei denen zieht der Mann zu der Familie der Frau. Dadurch wird er das rangniedrigste Familienmitglied, noch hinter den Onkeln und Brüdern seiner Frau. Die Aufgabe der Männer ist die Arbeit auf den Feldern die der Frau gehören, wobei er von der ranghöchsten Frau autoritär beaufsichtigt wird.

Zwei Khasi Mädchen. Sie Tragen silberne Kronen mit gelben und Roten Federbüschen oben drauf. Ihre Kleidung besteht aus gelben und roten Farben, sie ist allerdings kaum zu sehen, da die Mädchen Massiv Ketten tragen, die ebenfalls Silbern gelb und rot sind

Zwei junge Khasi Frauen in traditioneller Kleidung (Foto: Bogman (CC BY-SA)).

Das gesamte Vermögen einer iing wird immer an eine Tochter weiter gegeben, und zwar an die jüngste, sie wird als Khaddu bezeichnet. In einer iing gibt es aber auch immer eine männliche Autoritätsperson den Avunkulat. Dabei handelt es sich um einen Onkel oder einen Bruder der Khaddu. Diese Position, wird an Männliche nachkommen der Khaddu vererbt. Die älteren Schwestern einer Khaddu können selber eine iing bilden. Ein neues Haus für eine neue iing wird meist unweit des Hauses der eigenen Mutter gebaut, denn diese neue iing gilt als Bestandteil der iing der Mutter. Alle iings die wiederum von der gleichen Urgroßmutter abstammen bilden gemeinsam eine Sippe. Das Wort für Sippe, kpoh, bedeutet gleichzeitig auch Gebärmutter. Mehrere kpoh, die miteinander verwand sind, bilden gemeinsam einen Klan. Diese Definition dient der Vorbeugung von Inzucht, denn das Heiraten innerhalb eines Klans gilt als massiver Tabubruch. In einem Dorf können Angehörige mehrerer Klans leben. Der Khasi-Mythologie zufolge stammen aber alle Khasi von einer Urmutter ab, bei der sie sich nach dem Tode wieder versammeln.

Drei aus Holz und Blech gebaute Pfahlbauten, die auf dem Land stehen.

Der Blick in ein Dorf der Khasi (Foto: Shmunmun (CC BY-SA)).

Ich hoffe mit diesem Beispiel klargemacht zu haben, dass unsere Vorstellung von Familie nur eine Vorstellung neben anderen ist. Kennen wir also die Wohnfolgeordnung einer Kultur, ist diese wichtig für die Interpretation der gesellschaftlichen Prozesse. Eine solche Wohnfolgeordnung kann man manchmal an Bestattungen ablesen, wie beispielsweise bei der Frau von Molzbach, die ich euch in wenigen Tagen vorstellen werde. Oft ist aber auch die Isotopenanalyse ein guter Hinweis. Bei dieser Analyse kann festgestellt werden, ob ein Mensch in der Region aufgewachsen ist, in der die Person bestattet wurde, oder woanders. Stellt man diesbezüglich fest, dass in einer Kultur regelhaft Frauen im jungen Erwachsenenalter den Wohnort wechselten, dann ist das in Hinweis auf Patrilokalität.

Die Zeichnung iner Jungen Erwachsenen. Sie trägt einen kurzn Rock und ein Bauchfreies Shirt.

So sah die Frau vmtl. aus (Bild: FinnWikiNo (( CC BY-SA).

Eines der bekanntesten Ergebnisse einer solchen Analyse betrifft das Egtvedmädchen. Eine 16-18 Jahre junge Frau aus einer bronzezeitlichen Baumsargbestattung in Dänemark. Gegen 1.370 v. Chr. wurde die Frau aufwändig beigesetzt und hatte sich ganz besonders gut erhalten. So gut, dass sogar ihre Haare noch vorhanden waren. An diesen konnte eine Isotopenanalyse vorgenommen werden. Das Ergebnis: Die Frau war nicht in Dänemark aufgewachsen, sondern in England, oder Tschechien, oder im Schwarzwald, denn dort waren vergleichbare Isotopenwerte bekannt. Es Endstand ein großer medialer Hype um diese junge Frau, die zu alledem noch mit dem ältesten bekannten Minirock der Welt bestattet wurde. Sie war ein Hinweis auf die große Mobilität von Frauen der Bronzezeit. Doch Nachuntersuchungen brachten dann Ernüchterungen. Es wurde mittlerweile ein Ort gefunden zu dem die Werte, die bei der jungen Frau gemessen wurden, passen und der nur 10 km von dem Grab entfernt liegt. Das Problem ist: Isotopenanalysen sind fehleranfällig.

Aber auch, wenn diese Methode fehleranfällig ist gibt sie uns tolle Hinweise auf Migration und Mobilität in vergangenen Zeiten. Und diese Faktoren waren teils eng daran gebunden wie die Gesellschaft aufgebaut gewesen ist. Nur, wenn wir solche Faktoren betrachten können wir uns dem Zusammenleben in archäologischen Zeiten nähern. Die Frage, ob eine Kultur eine Wohnfolgeordnung hatte, kann also eng geknüpft sein an die Frage welche Geschlechterbilder sich in dieser Kultur ausgeprägt haben. Aber: Sie muss es nicht. Deswegen ist es wichtig nicht mit einem voreingenommenen Blick auf eine vergangene Gesellschaft zu schauen, sondern sich die Merkmale einer Gesellschaft sehr genau anzusehen.

Und was es dabei für tolle neue Forschungen gibt, dass könnt ihr am 12. Juli um 19:30 im ZDF bei Terra X in einer brandneuen Dokumentation sehen. Ich durfte schon einmal in den Film, „Mächtige Männer – Ohnmächtige Frauen? Neue Fakten aus der Vergangenheit“, die am 12. Juli um 19:30 im ZDF bei Terra X zu sehen sein wird. reinschauen und muss sagen: Er ist wircklich gut. Ich hoffe das ihr mit den Zusatzinformationen aus den Genderwochen noch mehr Spass beim zuschauen habt.

Literatur:

Guido Brandt, Corina Knipper, Christina Roth u.a.: Beprobungsstrategien für aDNA und Isotopenanalysen an historischem und prähistorischem Skelettmaterial. In: Anthropologie, Isotope und DNA – 2. Mitteldeutscher Archäologentag vom 08. bis 10. Oktober in Halle (Saale). In: Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle Bd. 3 2010, Halle an der Saale 2010.

Sabine Herzog: Das Matriachat als geschlechtersymmetrische Gesellschaftsform? Die Khasi in Meghalaya. In: Spektrum – Berliner Reihe zu Gesellschaft, Wirtschaft und Politik in Entwicklungsländern 81, Hamburg 2001.

Mohan Krischke Ramaswamy: Ethnologie für Anfänger – Eine Einführung aus entwicklungspolitischer Sicht, Wiesbaden 1985.

Thomas Tütken: Die Isotopenanalyse fossieler Skelettreste – Bestimmung der Herkunft und Mobilität von Menschen und Tieren. In: Anthropologie, Isotope und DNA – 2. Mitteldeutscher Archäologentag vom 08. bis 10. Oktober in Halle (Saale). In: Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle Bd. 3 2010, Halle an der Saale 2010.

DGUF: 3.6 Das Egtvedmädchen kam doch nicht aus dem Schwarzwald. In: DGUF Newsletter 12.4. 2019. https://www.dguf.de/fileadmin/user_upload/Newsletter-Archiv/DGUF-Dok_78_DGUF-Newsletter_2019-04-12.pdf

https://en.natmus.dk/historical-knowledge/denmark/prehistoric-period-until-1050-ad/the-bronze-age/the-egtved-girl/