Mary Kingsley und ihre Stimme für Afrika – Die Miss Jones 2026

Es ist 1892. Die 30-jährige Mary ist in Trauer. Sie hat in diesem Jahr kurz hintereinander sowohl ihren Vater, als auch ihre Mutter verloren. Wie soll es jetzt weiter gehen? Ihr ganzes bisheriges Leben sollte sich nun ändern. Denn Mary setze sich etwas in den Kopf: Das Lebenswerk ihres Vaters zu Ende bringen. Und dafür würde Mary Kingsley allein in das Land der Kannibalen reisen. Und für diesen Mut ernenne ich Mary Kingsley, zur Miss Jones 2026. Ein Blick auf eine spannende Lebensgeschichte:

Wie alles begann

Mary Kingsley wird am 13. November 1862 in Islington, London geboren. Sie ist zu Beginn ihres Lebens vor allem eines: nicht standesgemäß! Ihr Vater George Henry Kingsley war Arzt und forscht in seiner Freizeit ethnologisch, Marys Mutter ist seine Hausangestellte und Köchin. Eine Verbindung aus Liebe, die sich 1862 nicht gehört. Die Familie zieht häufig um und der Vater unternimmt oft Reisen, für seine Hobbyforschung.

Eine Frau mit langem Haar in einer Ritterrüstung mit Schwert.

Mary Kingsley in jungen Jahren kostümiert als Janne da arc (Gemeinfrei).

Mary bleibt allein zurück im Elternhaus. Doch sie hat einen Fluchtpunkt: die Bibliothek ihres Vaters. So lernt sie Deutsch, Mathematik, Physik, eben alles, was sie in der Bibliothek finden kann. Dazu gehört auch Ethnografie und Anthropologie. Als Mary älter wird, erkrankt ihre Mutter, die sie schließlich bis zu deren Tod pflegt und die im selben Jahr stirbt wie ihr Vater.

Das Lebenswerk des Vaters vollenden

Henry Kingsley erforschte Rechtsprechungen und Religionen Afrikas und war mit dieser Arbeit 1892 befasst, als er plötzlich verstarb. Mary beschließt im folgenden Jahr aufzubrechen, um diese Arbeit zu Ende zu bringen. Marys Freunde sind davon nicht begeistert. Die Regionen, die Mary bereisen will, gelten in dieser Zeit als Malaria verseucht. Der Kontinent ist Mythen- und sagenumwogen.

Mary Kingsley schräg von vorne. Sie hat ein langes Gesicht und Blumen im hochgesteckten Haar.

Mary Kingsley als erwachsene Frau (Gemeinfrei).

Viele Geschichten über Kannibalismus und dunkle Magie sind in der viktorianischen Gesellschaft mehr als nur Legenden. Für die Briten dieser Zeit sind es Wahrheiten, gute Gründe, um den Sklavenhandel zu legitimieren. Mary Kingsley, die sich seit Langem mit allem, was sie in Büchern finden konnte, befasst, verabscheute die Idee, Afrikaner seien weniger entwickelt. Mary ist in den Bann gezogen und so brach die 30-Jährige schon 1893 auf nach Afrika.

Marys Spuren in Afrika

Mary Kingsley will nach Französisch Kongo. Um da hinzukommen, macht sie halt in Sierra Leone. Damit war sie die erste weiße Frau in Westafrika. Gleichzeitig wurde sie die erste Wissenschaftlerin, die sich lautstark gegen den Kolonialismus aussprach. Ihre Reise führte sie dann nach Kamerun und schließlich in die Region in Französisch Kongo, in der sie die Forschungen ihres Vaters abschließen wollte: Der Ogooué (Ein Fluss, heute in Gabun gelegen). Mary sammelte hier Fische und Reptilien für Forschungszwecke. Die waren für das British Museum vorgesehen. Drei Arten wurden nach ihr benannt.

Zeichnung von einem Fisch

Der Ctenopoma Kingsleyae ist nach Mary Kingsley benannt (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Außerdem lernte sie die Menschen der Region kennen. Am Ogooué begegnete sie den Fang. Eine Kultur die damals als Kannibalenkultur galt. Für Mary sind es schöne Erlebnisse. Sie lernt die Kanus der Einheimischen zu lenken und hat dabei besonderen Spaß. Doch schließlich ist es Zeit nachhause zu fahren. Im Gepäck: reihenweise Proben und Aufzeichnungen, kehrt Mary 1894 zurück nach England, schon 1895 publiziert sie ihre Ergebnisse.

Die laute Mary

Zurück auf den britischen Inseln spitzt Mary ihre Feder und dabei wird es für ihre Zeit unerhört. Denn: Nicht nur, dass Mary eine Frau ist, die über ihre Zeit ganz allein in Afrika schreibt. Sie erschafft eine neue Form des Journalismus.

Eine Strohhütte. Davor sitzen etwa 6 Personen. Sie spielen eine Art Xylophon.

Dieses Bild veröffentlicht Mary in: Travels in West Africa (1897/Gemeinfrei).

Und sie macht dabei etwas, dass sich weder für Wissenschaftler dieser Zeit, noch für Frauen gehört: Sie schreibt humorvoll! Um eine größere Plattform zu haben. Für dieses unangepasste Verhalten gründet sie kurzerhand ihr eigenes Magazin – die Hauptkritik daran: Mary Kingsley würde den Journalismus feminisieren – manche Dinge ändern sich also anscheinend nie – und Dann äußert sie sich auch noch politisch.

Mary stehend neben einer Anrichte. Sie trägt ein schwarzes langes Präriekleid.

Mary Kingsley im Jahr 1895 (Gemeinfrei).

Sie fordert einen Stopp für die Einfuhr von Alkohol nach Westafrika und ein Ende des unfairen Steuersystems, das die indigene Bevölkerung benachteiligt – das Wort, das Mary für dieses System findet, ist: kriminell. Den Bau von Krankenhäusern in den afrikanischen Kolonien fordert sie lautstark. Dass die Afrikaner*innen, die in den Kolonien leben, von den Briten dämonisiert werden, ist für Mary nicht akzeptabel. Deswegen fordert sie: Die afrikanischen Kulturen sollen in ihrem Kontext verstanden werden. Es mangele in der britischen Gesellschaft an Wissen über die afrikanischen Kulturen. All das gibt viel negative Presse, für die unangepasste Mary – aber: Es gibt auch lobende Stimmen. So ist gerade die New York Times von der Abenteuerlust und der frischen, unkonventionellen Art von Kingsley beeindruckt.

Die berühmte Abenteurerin Kingsley

Gerade weil Mary sich nicht nur Freunde macht, wird sie zur Berühmtheit, mit Einfluss. Als 1899 ihr Buch „West African Studies“ erscheint, wird es bereits in der ersten Woche 1.200-mal verkauft – eine gigantische Zahl in dieser Zeit. Und das bei einem Wissenschaftsbuch, geschrieben von einer Frau. Die Frage ist, wie sehr es ihr um diese Berühmtheit ging und wie sehr sie eigentlich nur ihren Einfluss nutze, um ihre Abenteuer nach ihren Vorstellungen durchzusetzen. Aus einem Briefwechsel geht hervor, dass sie der Diskussionen um den britischen Imperialismus müde ist. Sie stellte den Sinn des Empire infrage und sieht sich selbst nicht als Bürgerin davon. Sie hatte sich durch ihre Reise von sehr vielen Konventionen gelöst, sosehr, dass sie nicht mehr den Eindruck hat, Bestandteil davon zu sein.

Zwei Frauen und zwei Kinder sitzen auf einem Hügel vor dem Fluss.

Das war nun Marys Welt: die Fang am Fluss Ogooué – Das Bild entstand 1892 (Gemeinfrei).

Nun störte sie sich an der Ignoranz des Empire und an der Ignoranz gegenüber Frauen. Ihr nächster Plan: Den Mount Kongo zu besteigen. Damit wurde Mary für einige Leute endgültig zum Kuriosum, denn wenn es eine Sache gibt, die als ernstlich männlich angesehen wird im britischen Empire, dann ist es Bergsteigen. Auf ihren neuerlichen Reisen nach Afrika, macht Mary nun noch etwas, was für die Briten gänzlich neu ist.

Ein Mann und eine Frau. Sie sitzen nebeneinander und halten Händchen. Vor ihnen sitzen zwei kleine Kinder auf dem Boden.

Ich finde – man sieht der Art wie Mary fotografiert hat an, dass sie die Fang nicht als Studienobjekte, sondern als Freunde angesehen hat (Bild: Travels in West Africa (1897/Gemeinfrei)).

Sie nennt die Namen ihrer afrikanischen Angestellten, und spricht ihnen damit Individualität zu. Mehr noch: Sie spricht von ihnen, wie von ihren Freunden und betont, dass diese eher Lust haben auf einen gemeinsamen Abend, denn darauf sich gegenseitig zu bekämpfen.

Heimweh nach Afrika

Aus den Briefen von Kingsley wird es immer klarer, die fühlt sich nicht mehr wohl auf der Regeninsel. Vor allem missfällt ihr der Umgang der Briten, welche afrikanische Hausangestellte ausnutzen, und sich selbst dabei überheblich als die besseren, die Christen, aufführen. Mary nennt dieses Verhalten albern. Als sie 1889 am Cheltenham Ladies Collage unterrichtet, druckt das Magazin dieses Colleges Geschichten zu ihrer Person, Kernpunkt dieser Darstellungen ist vor allem: Mary Kingsley ist unverheiratet. Ihr ganzes Schaffen, ihre Arbeit wird nicht gesehen.

Eine Gruppe Männer sitzt zusammen und diskutiert lebhaft.

Ob Mary wohl ihre Bilder angesehen hat, wenn sie Heimweh hatte? (Bild aus: Travels in West Africa (1897/Gemeinfrei)).

Und unter solchen Umständen wächst das Heimweh von Mary nach Westafrika. Sie sehnt sich nach den Fang. Wenn man sie auf ihre Zeit bei den Kannibalen anspricht, äußert sie immer öfter, dass sie dort mehr zu Hause sei als in England. Der psychische Zustand zeigt sich bei Mary auch körperlich: Migräne, Rheuma, Krankheiten, die immer dann wieder kommen, sobald sie in Europa ist. Und so ging sie immer wieder zurück nach Afrika.

Ein einsamer Tod in Südafrika

Im Juni 1900 starb Mary Kingsley im Alter von nur 38 Jahren in Simonstown. Sie hatte sich dort verpflichtet, im Anglo-Bor-Krieg als Krankenschwester Soldaten zu versorgen. Ich vermute aber, dass sie glücklich starb, weil sie ja in Afrika sein wollte. Und sie tat immer, was sie wollte.

Viele Leute stehen an einem Anleger. Daneben ist ein kleines, schwarz verhülltes Boot im Wasser.

Die Seebestattung von Mary Kingsley im Jahr 1900 (Gemeinfrei).

Deswegen glaube ich auch, dass sie sich im Grabe bzw. im Meer umdrehen würde, wenn sie wüsste, dass ich sie am 8. März zur Miss Jones des Jahres gekürt habe. Denn, Mary, die durch ihr abenteuerliches Leben und bislang alle genannten politischen Ambitionen so gut zu diesem Titel passt, wie kaum eine andere Forscherin der Forschungsgeschichte, betonte stets, dass sie keine Feministin sei. Vielmehr sah sie sich als Frau, und zwar als typische Frau des viktorianischen Zeitalters. So zeige sie sich immer gesittet gekleidet, mit allen femininen Attributen ihrer Zeit und legte darauf auch während ihrer abenteuerlichen Expeditionen wert. Es wirkt paradox. Aber eine der ersten Personen, die sich für die Rechte der Afrikaner in den Kolonien einsetze, sprach sich gegen ihre eigenen Rechte aus.

Mary Kingsley im hochgeschlossenen Kleid in einem Stuhl. Sie ist im Profil zu sehen. Ihr Gesicht ist lang, und sie hat kleine Grübchen an den Wangen. Sie trägt einen Hut.

Mary sah sich selbst trotz allem als englische Lady (Gemeinfrei).

Was rückblickend keinen Sinn macht, lässt sich wohl nur verstehen, wenn man sieht, dass auch Mary Kingsley ein Kind ihrer Zeit war. Und dass auch eine sonst so stark von Konventionen der Gesellschaft losgelöste Person den Einflüssen ihrer Zeit unterliegt. Gerade deswegen möchte ich sie zur Miss Jones des Jahres ernennen. Weil sie sich ihre Rechte einfach genommen hat und dieses Leben einfach gelebt hat. Damit ist sie Vorbild und zeigt uns, dass wir alle immer auch widersprüchlich sind und, dass das auch okay ist.

Du hättest ohne Miss Jones nie von Mary Kingsley gehört? Na vielleicht ist dir das ja ein kleines Trinkgeld wert, damit ich die Kosten für diesen Blog nicht ganz allein stemmen muss.

Literatur:

Alison Blunt: Travel, Gender, and Imperialism: Mary Kingsley and West Africa, London 1994.

Margaretta Jolly: Schlagwort Mary Kingsley – Encyclopedia of Life Writing: Autobiographical and Biographical Forms, London 2001.

Kingsley, Mary: Travels in Westafrica, Reprinted 1962 – London,

https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/mary-kingsley/