Die starken Frauen der Kelten

Geschlechterstereotype sind nicht immer gleich. Zum Beispiel, bei den Kelten gibt es Geschichten, die von dem Klischee der starken Kelten Frauen berichten. Der griechische Historiker Polybius schrieb im 2. Jahrhundert v. Chr. darüber, dass die Keltinnen gemeinsam mit den Männern in den Krieg zogen, dass sie fast so groß gewachsen waren wie sie und genauso mutig. Ammanius Marcellinus fügte einige Jahrhunderte später an, dass ein ganzes Männerheer nichts ausrichten kann, wenn ein Kelte seine Frau zur Hilfe ruft. Überprüfen lassen sich solche Überlieferungen natürlich nicht. Wie Keltinnen wirklich über sich selber dachten, kann nicht Untersucht werden. Aber es ist allemal ein interessanter Hinweis und über die Jahrhunderte berichten die antiken Chronisten vor allem immer wieder von einer Sache: Der unbeugsamen Selbstbestimmung dieser blonden starken Frauen. So zum Beispiel: Pergamet mit der Aufschrift: Die Frau des Stammesfürsten Chimora, wurde in römischer Gefangenschaft vergewaltigt. Daraufhin köpfte sie ihren Vergewaltiger, um den Kopf dann ihrem Mann zu schenken.

Solche abenteuerlichen Geschichten müssen allerdings im Zusammenhang betrachtet werden. Sie wurden geschrieben von Männern, die einen anderen kulturellen Umgang mit Frauen kannten. In der griechischen und römischen Antike, war so etwas wie Gleichberechtigung so unbekannt, dass sie im Grunde nicht einmal gedacht werden konnte. Es ist gut möglich, das sogar die Körperverständnisse zwischen Kelten und Römern unterschiedlich gewesen sind. Eine Kultur, welche in dieser Hinsicht auch nur geringfügig anders war, in der Frauen also ein paar mehr Rechte hatten, muss auf diese männlichen Autoren absolut exotisch gewirkt haben. Das heißt, es ist möglich, dass diese Geschichten auf Übertreibungen aufbauend, aus diesem exotischen Blickwinkel heraus gemacht wurden. Deswegen ist es interessant einmal nachzusehen, was Archäolog*innen denn so finden, in den Gräbern dieser Frauen.

Ein Pergament mit einer Europakarte, die ungefähre verberitung der Hallstattkultur im nördlichen Alpenraum ist rot gekennzeichnet.

Die ungefähre Verbreitung der Hallstattkultur im 6. Jahrhundert v. Chr. in Rot markiert. Das ist die Region, in der wir die keltischen Frauengräber finden.

Die Zeit der Kelten nennen Archäologen Hallstatt- und Latenékultur. In diesem Zeitraum sind viele schöne, spannende und teilweise auch imposante Fundplätze bekannt. Ganz vorne mit dabei sind sog. Fürstengräber. Ein leicht irreführender Begriff, er leitet sich nämlich nicht von einer politischen Funktion ab, sondern davon, dass diese Gräber sehr fürstlich ausgestattet gewesen sind. Aber mit dem Wort Fürst kam auch die Idee, dass diese reich bestatteten Männer eine führende Aufgabe hatten. Auch, wenn man nicht so recht weiß welche. Frauen kommen in dieser Idee nicht vor. Und das ist schade, denn es gab sie die reichen Frauen der Eisenzeit, die man genauso interpretieren könnte. Und zwar in verschiedenen geografischen Bereichen der keltischen Gesellschaft.

Grafik einer Hallstattfrau die im Magdalenenberg gefunden wurde. Zu sehen ist ihr Schädel im Profil von links und von rechts. Sie trägt einen Ohrring und Haarnadeln, die mit Bernsteinen verziehrt sind.

Viele reichere Frauen trugen in ihren Gräbern Bernstein, wie diese Frau aus dem Magdalenenberg, die bei der eine Frisur aus Haarnadeln mit Bernsteinköpfen nachgewiesen wurde (Grafik frei nach Spindler interpretiert).

Deswegen möchte ich euch, bevor ich das bekannteste Beispiel dafür vorstelle ein paar weniger bekannte Beispiele zeigen: Die Analyse von dem Gräberfeld Riedenburg-Untereggersberg in Niederbayern hat gezeigt, dass es einige bemerkenswert reich ausgestattete Frauengräber aus der Hallstattzeit gegeben hat. Die Frauen trugen zum Beispiel Sechspassfibeln. Die heißen so aufgrund der sechs Kringel mit denen sie verziert sind. Außerdem trugen diese reichen Frauen schmuck wie Hals-, Arm- und Beinringe. In eine besonders prunkvolle Bestattung gehört dann auch noch ein wunderschönes Gürtelblech. Ein Gürtelblech hat die Eigenschaft, dass es zum Tragen um den Körper herum gebogen wurde. Durch dieses Schmuckstück konnte also auch der Bauchumfang der Frau ermittelt werden. 1,31 m sprechen dabei für eine gute Ernährungslage in den Lebzeiten dieser Keltin. Die Eisenzeit war also anders als die Bronzezeit. In der Bronzezeit hatten Frauen sehr viel weniger zu essen bekommen als Männer, weswegen sie kleiner wuchsen und häufig unter Mangelerscheinungen litten. Das soziale Gefälle zwischen Männern und Frauen ist also sehr deutlich gewesen. In der Eisenzeit ändert sich dieses Phänomen zugunsten der Lebensbedingungen von Frauen.

Ein Gürtelbech aus grün angelaufener Bronze.

Das Gürtelblech wurde um den Körper herum gebogen, und mit einem Haken befestigt. (Bild: Schloss Eggersburg)

Wir reden also von einer Zeit, in der es wieder starke Frauen gab, zumindest gibt es Hinweise auf einige. Das zeigt sich in einem Phänomen: Bestattungen wohlhabender Keltinnen mit einer seltsamen Armhaltung. Die Frauen lagen auf dem Rücken und hielten ihre Arme dabei grundsätzlich angewinkelt, allerdings ohne sich dabei zu überkreuzen. Dabei handelt es sich um eine sehr rätselhafte Symbolik, die vmtl. in irgend einer Weise mit der Aufgabe oder der Bedeutung dieser Frauen in zusammenhängt. Denn auffällig ist auch, dass Frauen nicht grundsätzlich in dieser auffälligen Körperhaltung bestattet wurden. Ein anderes Merkmal, dass sich bei diesen Frauenbestattungen der Hallstattzeit feststellen lässt ist Bernstein. Ein beliebtes und teures Material mit dem zum Beispiel Fibeln oder Haarnadeln verziert wurden. Solche Beinsteingegenstände finden sich ausschließlich in Frauengräbern. Dabei kann man davon ausgehen, dass Bernstein in den Alpenregionen ein eher teures Vergnügen gewesen ist.

Die entdeckung des Grabes der rinzessin von Vix. Zwei männer stehen neben dem Krater, der halb ausgegraben ist.

1952 und 53 wurde das bekannteste der reichen Gräber der Keltenfrauen entdeckt Foto:  Ausschnitt aus der TV-Doku „Mächtige Männer – Ohnmächtige Frauen? Neue Fakten aus der Vergangenheit“, die am 12. Juli um 19:30 im ZDF bei Terra X zu sehen sein wird).

Das bekannteste Frauengrab dieser Zeit gehört der Prinzessin von Vix. Eine Frau die ein einmaliges Grab bekommen hat, in einer 9qm großen hölzernen Grabkammer. Diese hölzerne Grabkammer wird gegen 570 v. Chr. reich ausgestattet zum Beispiel mit kostbarem Schmuck, teuren Importkeramiken aus dem Mittelmeerraum, oder auch einer Silberschale. Und wie bei anderen großen Fürstengräbern auch, gibt es in diesem Grab einen Wagen, auf dem die Tote ihre letzte Ruhe findet. Es handelt sich um eine Frau, die krank war. Arthrose ließ sich bei den Untersuchungen ihrer Gebeine feststellen. Eine Form dieser Knochenkrankheit, die angeboren gewesen ist und mit der diese Frau ihr leben lang zu kämpfen hatte. Dennoch: Sie wurde 35 Jahre alt. Dazu kommt: Sie ist eine Person mit einer herausragenden Position in der Welt der Kelten. In ihren Schoss lag ein 480 Gramm schwerer, mit Löwenpranken verzierter, Torques. Bei so einem Torques handelt es sich um einen schmuckvollen Halsring, der eng an die Identität der Kelten gebunden ist. Am bekanntesten ist in diesem Grab aber der Krater:

Der Kratert steht vor einer Wand. Er hat aufrechte Spiralgriffe, einen bauchigen Körper und einen Oben umlaufenden Fries.

Der Krater (Foto: French Ministry of Culture [CC BY-SA])

Der Krater von Vix besteht aus Bronze und hat eine unfassbare Höhe von 1,64 m und ein Fassungsvermögen von 1.100 Liter. Er wurde im 6. Jahrhundert v. Chr. In Norditalien in einer griechischen Werkstatt gefertigt und gelangte über die Alpen an den Fuß den Mont Lassois nach Vix. Auch im Vergleich mit anderen Gefäßen dieser Art ist der Krater von Vix besonders groß und prunkvoll. Kratere wurden in der Regel mit Drinks gefüllt, welche so für ein Gelage vorbereitet wurden. Es handelt sich also um eine Art Bowleschale der reichen Oberklasse in der Hallstattkultur.

Der goldene Torques der Prinzessin von Vix. Er hat zwei Knaufenden, die mit kugeln versehen sind.

Der Torques, der der Fürstin von Vix beigegeben wurde (Bild: Rosemania CC BY).

Und was sagen uns diese tollen Funde aus den Frauengräbern der Hallstattzeit? Sie zeigen, dass es Frauen deutlich besser ging als in der Bronzezeit und das sie zu der Ehre gekommen sind solche Bestattungen zu erhalten. Es gibt auch Frauengräber, in denen Waffen gefunden wurden. Die Gesellschaft war also stärker gleichberechtigt, als es bei anderen Kulturen der Fall ist. Aber wirklich Einzug in die Interpretationen, oder in unserem Blick auf diese Kultur, haben diese Ergebnisse bislang selten gefunden. Und das liegt auch daran, dass Funde wie das Grab aus Vix einen Namen bekommen wie „Prinzessin“ von Vix. Dabei ist dieses Grab genauso fürstlich ausgestattet wie die Fürstengräber der Männer dieser Zeit. Das Problem daran ist: Das Wort Fürstin oder Prinzessin malt ein anderes Bild in unseren Köpfen. Die Männer werden als Fürsten bezeichnet. Ein Wort, das man mit der Vorstellung eines mächtigen Mannes verbindet, der die Politik seiner Region aktiv und administrativ steuert. Eine Frau bekommt hingegen den Namen Prinzessin. Und dieses Wort macht in unseren Köpfen die Vorstellung an, über ein junges Mädchen, dass ein Anhängsel eines hochstehenden Hauses ist, dabei aber nicht mehr als eine repräsentative Funktion hat, sei es denn als Heiratsmöglichkeit für eine gute politische Allianz. Bei dem Wort Prinzessin wird keine Form der Eigenständigkeit der Person beschrieben. Dabei wurde die Frau, die beispielsweise in Vix bestattet wurde, auf Augenhöhe mit den männlichen Prunkgräbern dieser Zeit niedergelegt. Letztlich wissen wir aber bei keinem dieser Menschen wie sie zu so großen Ehren gekommen sind.

Eine Zeichnung einer aufwändig gearbeiteten Sechpassfiebel auf einem Pergament. Die Fiebel besteht aus einem Mittleren Rad mit sechs Speichen, an denen jeweils eine Spirale und eine Radnadel angedockt ist.

Und so eine Handgroße Sechspassfiebel aus einem Frauengrab ist eine hohe Ehrung (Bild: Gestaltet frei nach Nikulka)

Man kann mit diesen Funden kein politisches oder gesellschaftliches System rekonstruieren. Es ist unsere Sichtweise und unsere Sprache, die die Geschlechterrolle dieser Vergangenheit dabei prägt. Wissenschaftlich gesehen bedeutet das: In diesem Falle genauso legitim entweder von der Fürstin von Vix zu sprechen, oder aber von den Prinzenbestattungen in der Hallstattzeit. Das wird aber oft nicht so gehandhabt, denn gesellschaftlich gesehen widerspricht dieser Wortgebrauch unseren heutigen Vorstellungen von Gesellschaft. Das ist schade und wird den starken Frauen der Hallstattkultur nicht gerecht.

Literatur:

Bruno Chaume, Laurent Oliver und Walter Reinhard, Das keltische Heiligtum von Vix. In: Heiligtümer und Opferplätze der Kelten, Hamburg 2005.

Jasper Gaunt, Two krateres lakonikoi? The Dedications of Phanodikos son of Hermokrates of Prokonessos and of Phalaris tyrant of Acragas. In: Babesch 88, 2013.

Ch. Huth, Stichwort: Vix, in RGA 2006, Berlin 2006.

S.Kurz/S.Schiek, Bestattungsplätze im Umfeld der Heuneburg. In: Forschungen zur Vor- und Frühgeschichte in Baden Würtemberg Bd. 87, Stuttgart 2002.

Bettina Musall, Aufrecht im Streitwagen. In: Die Kelten, München 2018.

F. Nikulka, Das hallstatt- und frühlaténezeitliche Gräberfeld von Riedenburg-Untereggersberg, Lkr. Kelheim, Niederbayern, Rahden 1998.

https://schloss-eggersberg.de/index.php/de/laengster-keltenguertel.html