Der Flirt zwischen Homo Sapiens und Neandertalern

Ich war 12 als wir in der Schule den Film, an Anfang war das Feuer gesehen haben. Die Geschichte ist einfach erzählt. Ein Paar ungepflegte grunzende Neandertaler treffen auf zivilisierte Homo Sapiens. Ein Film, der auf meiner nicht-Empfehlungsliste, wegen mangelnder fachlicher Korrektheit, eingeordnet ist. Es ist bekannt, Neandertaler waren eine sehr geschickte Menschenart, sie grunzten nicht, denn sie konnten sprechen. Das wurde spätestens mit dem Fund eines Neandertaler-Zungenbeins bewiesen. Aber nicht nur Menschen können sprechen, sondern auch Tiere Kommunizieren, Bonobos Beispielsweise haben einen Wortschatz von bis zu 36 Worten. Also kurz gesagt, so war es schon einmal nicht:

Aber immerhin: Es ist belegt, Neandertaler und Homo Sapiens sind sich wirklich begegnet. Deine und meine DNA sind der Beweis dafür, denn bis heute tragen wir alle ein Stück DNA aus dieser Zeit in uns. Aber wie ist es abgelaufen, das Rendezvous zwischen den beiden Menschenarten. War es wie im Film, ein paar brutale Neandertaler treffen auf eine hilflose Homo Sapiens? Oder ist es so, wie auf dem Bild aus der Ausstellung 2 Millionen Jahre Migration, und es kam zu romantischen Flirts und gegenseitigen Verführungen? Es ist das gleiche Problem wie so häufig, wenn es um Sexualität in der Vorgeschichte geht: Um einen solchen Flirt zu beobachten, müssten wir eine Zeitreise machen. Doch was können wir mit modernen Methoden denn eigentlich herausfinden?

Ein Homosapiensmann gibt einer Neandertalerfrau einen Kuss auf die Wange. Herzchen fliegen herum. Darüber steht "Liebe kennt keine Grenzen"

So wurde die Begegnung in der Ausstellung 2 Millionen Jahre Migration dargestellt.

Wie schon gesagt: Neandertaler haben ihre DNA auch in uns hinterlassen. Seit einigen Jahren ist nachgewiesen, dass sich Homo Sapiens und Neandertaler nahe gekommen sind. Sehr nahe sogar, sie hatten gemeinsame Kinder. Und einige dieser Kinder sind unsere Vorfahren. Im Durchschnitt ist jeder von uns bis zu 4% Neandertaler. Das ist eine interessante Forschung, wenngleich sich schnell die Frage stellt, wie dieses Näherkommen vor 50.000 Jahren wirklich ausgesehen hat. DNA – Analysen können uns solche tollen Einblicke in die Vergangenheit geben. Doch sie können nicht alle Fragen beantworten. Und dabei geht es nicht nur um das Flirtverhalten der Neandertaler. Es gibt auch ganz andere Ergebnisse, welche eher auf einer komplizierteren Basis stehen. So gibt es zum Beispiel viele Annahmen, über das Verschwinden der Neandertaler vor 35.000 Jahren. Was läge da näher, als bei den vorhanden Knochen DNA Analysen zu machen, in der Hoffnung auf interessante Ergebnisse zu stoßen. Die entsprechenden Analysen zeigen, dass die Neandertaler Zahlenmäßig zurückgingen, und zwar so massiv, dass sie sich am Ende mit sehr engen Familienmitgliedern fortpflanzen. Solche Umstände können das Ende für jede Population sein. Wie zum Beispiel bei den letzten Mammuts. Inzucht wirkt sich auf schlecht auf die Gesundheit der nachkommen aus.

Zwei lebensgroße Wachsfiguren die Neandertaler zeigen. Ein Älterer mit einer Halbklatze, der Sich auf einen Stoc stützt, und ein Jüngerer mit kurzem blonden Haar, der einen Speer in der Hand hält. es wirkt als würde der Alte dem Jungen etwas erklären.

Eine Moderne Darstellung zweier Neandertaler aus dem Neandertalmuseum in Mettmann (Foto: Niesert CC BY-SA)

Bei diesem Beispiel wird sehr klar, DNA-Analysen sind auch eng gekoppelt an Analysen bzgl. des Sexualverhaltens. Die Frage wer mit wem lässt sich anhand des daraus entsprungenen Kindes klar beantworten. Doch wie das kulturell abgelaufen ist und wie z.B. die Kindererziehung ausgesehen hat, das beweist ein DNA-Test nicht. Und im Falle der schrumpfenden Neandertalerpopulation ist wegen der aufkommenden Inzucht die erhaltene DNA so wenig variabel, dass nur noch an einem Modell erdacht werden kann, wer mit wem wie verwand war. Wirklich beweisen lässt sich das alles nicht, so stark war die Inzucht ausgeprägt. Das klingt nach einem traurigen Ende der Neandertaler. Aber wie es scheint haben wir Homo Sapiens mit unseren evolutionären Cousins*Cousinen einen gemeinsamen Draht gehabt zu haben. So gibt es die Vermutung, dass sich einige der letzten Neandertaler zu den Homo Sapiens Gruppen gesellten und mit ihnen zusammen lebten, ohne dabei groß aufzufallen.

Der Schädel eines Homosapiens und der Schädel eines Neandertalers im Vergleich einander Gegenübergestellt. Es fällt auf, Der Neandertaler ist viel Größer.

Wobei bei den Schädeln schon auffällt: Neandertaler waren ein bisschen anders gebaut als wir. (Foto: Begemot CC BY-SA)

In unserer DNA sieht diese mögliche Integration so aus, dass sich bis heute mehr von der männlichen Neandertaler DNA in uns erhalten hat, hat als von der weiblichen. Aber, das bedeutet nicht zwangsläufig, das sich mehr Neandertaler Männer eine Homo Sapiens Frau gesucht haben als anderes herum. Die genetische Entwicklung bis zum heutigen Tag kann auch etwas damit zu tun haben wie DNA weiter vererbt wird. Männliche Chromosomen haben in dieser Hinsicht eine bessere Erhaltungschance. Das bedeutet: Über die kulturellen Abläufe der Flirts in der Altsteinzeit und welches Rollenbild vielleicht daran geknüpft war, dass sich hier zwei Menschenarten begegneten und auch gemeinsam Kinder zeugten, kann nur spekuliert werden. War es liebe, oder waren es vielleicht sogar gewalttätige Begegnungen. Oder verlief jede Begegnung zwischen den beiden Menschenarten ohnehin ganz anders und einzigartig? Derzeit lässt sich das nicht erforschen. Und es ist fraglich, ob man jemals eine Antwort auf die Frage finden kann, wie er aussah, der Flirt mit dem Neandertaler.

Anmerkung: Den Denisovamenschen habe ich aufgrund der noch sehr jungen Faktenlage bei diesem Artikel außen vor gelassen.

Literatur:

https://www.mpg.de/7666290/neandertaler_genomprojekt

https://science.sciencemag.org/content/351/6274/737

https://www.spektrum.de/news/das-erbgut-der-mensch-neandertaler-mischlinge/1374138

Die Neandertaler konnten sprechen