Bilder auf Baobs – Einzigartige Baumglyphen in Australien

„Bei dem Baum mit den zwei Kängoroos rechts abbiegen!“. Wenn es zu der Zeit, bevor die ersten europäischen Schiffe Australien „entdeckten“ schon Navigationsgeräte auf dem Kontinent gegeben hätte, dann wäre das möglicherweise eine Anweisung gewesen, mit der man sich hätte orientieren können. Diese Orientierung ging einfacher als gedacht, denn es gab in Australien schon lange die Idee Bilder in die Rinde von Bäumen zu ritzen, sodass man sich gut orientieren konnte:

Ein Baum mit einem Stamm der aussieht wie eine riesige Kugel.

Der vermutlich bekannteste gravierte Baum Australiens, der sog. Prison Tree. Dass er als Gefängnis diente, ist aber vmtl. eher eine Legende (Bild: Martin Kraft (CC BY-SA 3.0)).

Doch nicht nur das können solche Baumglyphen oder Dendroglyphen genannten Bilder. Deswegen beschäftige ich mich dieses Mal mit dem zu Unrecht fast unbekannten Kulturgut:

Dendroglyphen aus Australien

Es gib eine Vielzahl an Bildern, die in die Rinden australischer Hartholzbäume geritzt wurden – und manchmal wurden diese Bilder dann noch zusätzlich mit Farben ausgemalt. Die Abbildungen finden sich auf verschiedensten Baumarten – je bewaldeter die Region, je unterschiedlicher die Baumarten, an denen sich Bilder finden. Diese Kunst scheint dabei auch bestimmte Bereiche der Lebenswelt zu zeigen. Die Bilder sind dabei unterschiedlich und nach derzeitigem Forschungsstand zeichnet sich ab:

Eine Frau steht neben einer Ritzung, die eine Schlange zeigt. Es ist deutlich zu sehen, das Bild überragt die Frau, es ist also sehr groß.

Die Baumritzungen können sind teils sehr groß sein. Diese hier ist Größe als Brands Garstone, die traditionelle Besitzerin dieses Baobs (Bild: O´Connor (CC BY 4.0)).

Symmetrische Muster findet man auf Bestattungsplätzen, während Tierfiguren und menschenähnliche Darstellungen eher an Ritualorten auftreten. Aber ganz so einfach ist diese Unterteilung nicht, denn die Dendroglyphen finden sich auch entlang gern genutzter Wegstrecken. Teils dienen sie als einfache Wegzeichen.

Zwei Frauen stehen vor dem Baum, und diskutieren über die Bedeutung der Zeichnung auf dem Baum. Die Frauen halten Händchen. Im Hintergrund ist eine Bergkette zu sehen.

Ich habe für euch gezeichnet, wie zwei Frauen eine Baumglyphe lesen (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Zum Teil werden mit den Bildern aber auch Geschichten erzählt, die an diesem Ort passiert sind. Da schattige Plätze unter den Bäumen an besonders heißen Tagen von der indigenen Bevölkerung Australiens gern zum Rasten genutzt werden, sind es manchmal aber auch einfach nur die Graffitis gelangweilter Leute.

Ein in vier Teile zerbrochener Rest einer Keramikschale. Die Schale ist grob.

Ein Keramikrest – einer der vielen Funde, die an diesen schattigen Plätzchen zeigen: Man hat sich hierhin zurückgezogen – und auch kleine handwerkliche Arbeiten gemacht (Bild: O´Connor (CC BY 4.0)).

Archäologische Funde zeigen, unter Bäumen wird in Australien schon lange Rast gemacht. Ein solches Baumbild kann also viele Funktionen haben, und manchmal mehrere zugleich. Das jüngste bekannte Baumbild wurde erst in den 60er Jahren angefertigt.

Baumglyphen erzählen Australiens Geschichte

Die Baumglyphen erzählen also die Geschichte der indigenen Bevölkerung Australiens. Bäume, welche als Bestattungsplatz dienten und an deren Füßen wichtige Menschen beigesetzt wurden, sind besonders verziert. Die Forschung ist an dieser Stelle noch recht jung. Lange ging man zum Beispiel davon aus, dass eine Bestattung unter einem Baum mit einer solchen Verzierung einflussreichen Männern vorbehalten war. Nun aber hat man auch Frauen gefunden, die auf diese Art bestattet wurden. Es wird also spannend sein, welche Geschichten hier in Zukunft noch erzählt werden, wenn weiter geforscht wird.

Zwei Abbildungen der Lingaschlage

Diese Abbildungen zeigen die Lingaschlange, und zum Teil noch mehr Tiere (Bilder: Darell Lewis (CC BY 4.0)).

Leider ist der koloniale Einfluss in Australien so groß gewesen, dass kulturelles Wissen teils verloren gegangen ist. Gleichzeitig stammen diese Baumglyphen nicht nur von der indigenen Bevölkerung, sondern auch von Europäern. Es hat sich als sinnvoll erwiesen, sich anhand solcher Zeichen zu orientieren. Vor allem in den Wüsten und Steppengebieten, wo es nur wenige, dafür aber eindrucksvolle Bäume gibt: die Baobs. Und so gibt es Ritzungen, die auch die Geschichte der Europäer in Australien erzählen, wie z.B. der Baob in dem die Anlandung der Mermaid dokumentiert wurde. Doch nicht nur dieser, sondern alle Baobs sind besonders:

Baob – Der australische Baobab

Die Boabs sind eine in Australien endemische Baumart, welche den afrikanischen Baobabs, also dem Affenbrotbaum stark ähnelt. Wie dieser Baum nach Australien gelangte, ist in der Forschung bisher in der Diskussion. Aber es scheint möglich, dass es einen gemeinsamen Vorfahren dieser Baumarten bereits auf dem Superkontinent Gondwana gab, bevor die Erdplatten auseinander brachen.

Eine Zeichnung eines Angeschwollenen Bottletrees.

Ich habe diese Zeichnung nach Vorbild einer Zeichnung von Thomas Baines angefertigt und mir dafür noch viele Weitere Baobs angesehen, denn ich wollte zeigen, wie die Bäume je nachdem wie viel Wasser in ihnen gelagert ist, verschiedenartig anschwellen (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).

Eine andere Möglichkeit ist, dass die ersten Besiedler*innen Australiens diesen Baum vor 50.000 Jahren mitgebracht haben. Denn: Die Früchte dieses Baumes sind nahrhaft und das gilt sowohl für den Baob als auch für den Baobab. Möglich also, dass der Proviant der allerersten Aborigines gute Bedingungen fand, um sich immer weiter fortzupflanzen.

Vier weitere Bäume mit verschiedenen Tierglypen. Es sind teils Insekten oder auch Schlangen.

Weitere Baumgylphen (Bilder von O´Connor und Lewis (CC BY 4.0)).

Die Früchte des Baob kann man roh oder auch geröstet essen, doch der Baum ist mehr als die Quelle eines guten Snacks. Die Wurzeln sind besonders gut für die Herstellung von Seilen geeignet. Und der Saft, den die Baumrinde abgibt, gilt als gute Medizin bei Bauchschmerzen. Außerdem sind Baobs Trinkwasserquellen in Trockenzeiten. Sie gehören zu den Bäumen, die durch Regenwasser anschwellen, weil sie dieses im Inneren speichern – im Inneren haben die Bäume dafür ein schwammähnliches Gewebe – Dendrodaten wie in Europa nehmen funktioniert also nicht. Und weil sie dann aussehen wie Flaschen, die in der Landschaft stehen, heißen die Baobs manchmal auch Bottletrees – eine Bezeichnung, mit der aber auch andere Bäume gemeint sein können. Unbekannt ist bislang, ob die Baobs, genauso wie die Baobabs, ein Alter von bis zu 2.000 Jahren erreichen können.

Baumgylphen in schwarz-weiß fotografiert. Sie zeigen vmtl. schiffe oder ähnliches.

Baumglyphen, die Tiere zeigen (Bild: Darrell Lewis (CC BY 4.0)).

Die älteste Ritzung, die auch ein Datum trägt, ist die Mermaidritzung von 1820. Und diese Baumglyphe hat sich, seit dem sie angefertigt wurde, kaum verändert. Das spricht dafür, dass auch Baobs nur sehr langsam altern. Während die Baobabs in Afrika derzeit vom Aussterben bedroht sind, da sie den Folgen des Klimawandels nicht gewachsen sind, gibt es bei den australischen Verwandten gerade ähnliche Bedenken – hier aber vor allem aufgrund der zu häufig gewordenen Buschfeuer. Und diese zerstören natürlich auch die Baumbilder unwiederbringlich. Deswegen heißt es derzeit:

Baumbilder dokumentieren bevor sie weg sind

Gerade in New South Wales, also im Nordwesten Australiens, sind die Baobs verbreitet. In der Tanamiwüste. Dort gibt es nun ein Forschungsprojekt, dass sich zur Aufgabe gemacht hat, die Bilder an den Bäumen zu dokumentieren. Diese Region ist so trocken, dass sie aktuell als zu trocken für diese Baumart gilt. Dennoch gibt es hier diese Bäume noch – und sie sind verziert. Häufig ist hier das Motiv der Schlange zu finden.

Eine Karte vom Südwesten Australiens. Das Einflussgebiet des Lingaclans ist im gesamten Bereich angezeigt.

Das Einflussgebiet des Lingaclans (Bild: Carto GIS ANU (CC BY 4.0)).

Die Lingaschlange ist ein Kennzeichen dafür, dass man sich auf dem Gebiet des traditionellen Yingualyalya Landes befindet. Der Linga-Clan hat sich die Traumschlange zum Symbol gemacht und kennzeichnet so seine Region. Andere häufige Motive in dieser Region sind Emu´s und Kängurus. Es handelt sich um Bilder, die teils in 1,5 – 2 m Höhe angebracht wurden.

Ein Baob in weiter Steppe. Er sieht wie der Affenbrotbäume aus, als wäre er mit den Wurzeln nach oben gewachsen.

Ein Baob mit der Ritzung einer Linga-Schlange, die weither sichtbar ist (Foto: Darell Lewis (CC BY 4.0)).

Sie sollten weither gesehen werden und sind Teil der Techniken, mit denen die indigene Bevölkerung Australiens ihre Umwelt gestaltet, beeinflusst und den eigenen Bedürfnissen angepasst hat – und das lange bevor die ersten Europäer über den Kontinent gestolpert sind. Damit sind die Baumglyphen ein wichtiges Kulturgut in Australien.

Und wenn du jetzt denkst – cool, davon hätte ich ohne Miss Jones nie was gehört! Dieser Blog lebt von euren Trinkgeldern – also tut doch bitte eine Kleinigkeit in die digitale Kaffeekasse.

Literatur:

https://www.cambridge.org/core/journals/antiquity/article/art-in-the-bark-indigenous-carved-boab-trees-adansonia-gregorii-in-northwest-australia/A0D28A02BF4966DA6C9611DBE7AC8510