2017. Dr. Victoria Gibbon, durchforstet alte Listen. Sie ist für die Sammlung der Universität Cape Town in Südafrika verantwortlich. Da fällt ihr etwas auf. Dieser Schädel sollte nicht hier sein. Und dieser auch nicht. Es sind insgesamt 11 Schädel, die die Universität nicht in ihrer Sammlung haben sollte. Der Grund: Sie sind ethisch gesehen aus nicht vertretbaren Gründen hier. Ein Sklavenhalter hatte die Überreste seiner verstorbenen Zwangsarbeiter der Unisammlung übergeben. Der Startpunkt einer besonderen Forschung über: Die Rückgabe der Würde.
Aber wo sind die Knochen überhaupt hergekommen?
Carel Gert Coetzee spendete diese Knochen in den 1920er Jahren der Universität Capetown. Er selbst war es, der den Friedhof, auf dem die Sklaven seiner Familie beerdigt wurden, ausgrub, um die Knochen dann zu übergeben. Dabei hatte er ein anatomisches Interesse. Er war Medizinstudent, zu der Zeit, in der er die Knochen an sein Institut spendete. Natürlich informierte er die Angehörigen dieser Toten nicht darüber.

Ein alter Zeitungsartikel vom 27.8.1931 ermöglicht uns einen Blick in die Sammlung zu werfen. Auf dem Bild ist Matthew Drennan abgebildet (Bild: Rubiera (CC BY-ND 4.0 Deed)).
Er sah diese Gebeine als sein Eigentum an, schließlich waren das doch die Sklaven seines eigenen Großvaters gewesen. Aber immerhin gab er, als er diese Skelette spendete, die Namen der Personen an, zumindest wenn sie ihm bekannt waren. Es handelt sich um Cornelius Abraham und Klaas Stuurman, Saartje, Jannetje, Voetjie und Totje – besonders interessant: Als die Körper gespendet wurden, hat ein Bruder von Cornelius noch gelebt, das geht aus Aufzeichnungen hervor. Es war die Zeit der Rassenkunde. Diese Schädel sollten also dazu verwendet werden, genau diese Studien voranzutreiben. Sie wurden vermessen und für Studierende als Lehrmaterial zur Verfügung gestellt.
Was waren die verstorbenen für Menschen?
Es gibt von der Universität ethische Richtlinien, die die Rückgabe erfordern. Und für diese Rückgabe wurden die heute lebenden Nachfahren gesucht und gefunden. Dafür suchte man die Familiennamen und bemühte DNA Analysen. Es handelt sich bei den Betroffenen um Angehörige der San und der Khoekhoe. Das sind zwei indigene Gruppen, die bis heute u. a. in Südafrika leben. Die in der Sammlung aufgetauchten Menschen, sind Mitglieder der Familie Stuurmann und der Familie Abraham. Diese Familien gibt es noch. Man konnte sie also finden, und mit einer DNA-Analyse herausbekommen, wer genau die Angehörigen sind.

Dawid Stuurmann war einer der ersten Freiheitskämpfer Südafrikas und der erste politische Gefangene dieser Region (Bild: Herkunft unbekannt, bei copyrigth Problemen bitte melden).
Alfred Stuurmann zum Beispiel, sein Großvater, der auch Alfred Stuurmann hieß, war vmtl. der Neffe von Klaas, er redet gemeinsam mit seiner Cousine Sensa Mietas öffentlich über den Fund seiner Angehörigen – Das besondere ist, sein Großvater war auch dierekt mit dem Freiheitskämpfer Chief Dawid Stuurman verwand, der sich gegen die Kolonialherren auflehnte. Mietas sagte im Interview, dass was sie am meisten gefreut hat ist, dass es endlich wirklich interessiert, was ihrer Familie angetan wurde.
Wie funktioniert Forschung mit Respekt?
Die Familien von 9 der Skelette wurden also gefunden. Und ja, sie forderten ihre Angehörigen zurück, für eine richtige Beisetzung. Aber zunächst wollten sie wissen, wer ihre Vorfahren überhaupt waren. Um dies auch zu respektieren, machte die Universität nun Untersuchungen an den Skeletten. Und zwar genau die Untersuchungen, die die Angehörigen wünschten.

Alfred Stuurmann und Sensa Mietas bei einer Pressekonferenz (Bild: Je’nine May (CC BY-ND 4.0 Deed)).
Hierzu wurden die Nachfahren zu einem gemeinsamen Moratorium zusammengerufen, wo besprochen wurde, was denn nun eigentlich ihr Wunsch ist. Denn das kann ja ganz unterschiedlich sein. Es gibt für so eine Situation, keine Blaupause. Zu Forderst gab es vor allem einen Wunsch: dass diese Gebeine nicht wieder gezeigt werden sollen. Diese Menschen waren lang genug zu Objekten degradiert. Es ging darum herauszufinden, wer diese Menschen gewesen sind. Deshalb sollte ihnen vor allem wieder ein Gesicht gegeben werden.
Was wurde dann gemacht?
Zunächst: Nicht alles an dieser Forschung ist einsehbar. Die Familien haben das Recht, das zu entscheiden. Und sie haben auch entschieden, wo die Wiederbestattung vorgenommen werden soll. Genetische und medizinische Analysen der Skelette wurden durchgeführt, dann kam Arbeit von den Fächern Geschichte und Archäologie hinzu. Dieses Team hat gemeinsam die Geschichten der Verstorbenen ergründet. Auch der Bestattungsplatz auf der Farm wurde noch einmal ergraben.

Die Gesichtsrekonstruktionen wirken, als ob man durch die Zeiten hindurch springen könnte. Diese Bilder hier zeigen Saartje und Voetjie (Bild: Je’nine May (CC BY-ND 4.0 Deed)).
Dort wurden tatsächlich die leeren Gräber gefunden. Die sind mit einem Kopf und einem Fußstein ausgelegt gewesen, so wie es damals für christliche Bestattungen in dieser Region üblich war. Und es wurden forensische Gesichtsrekonstruktionen angefertigt. Die Familien waren am Ende des Projektes davon besonders begeistert, weil man ihren Angehörigen nun wie auf einem Foto begegnen kann.
Und was ergaben die ganzen Analysen?
Übergeordnet gesagt handelt es sich um Skelette, an denen man die Spuren harter Arbeit erkennen kann. Die Menschen verstarben zwischen 1870 und 1880, eine Person allerdings erst 1913 und ein etwa 40 Jahre alter Mann verstarb bereits gegen 1830/1840, er war also ein Zeitgenosse von Dawid Stuurmann. Und ein Sonderfall zeigte sich: Dieses Skelett war nämlich 700 Jahre älter und stammt höchstwahrscheinlich aus einem anderen Kontext. Zwei der Skelette konnten bislang keinen Angehörigen zugeordnet werden. Bei 8 der Personen wissen wir sicher, dass sie auf der Kruisrivier Farm Zwangsarbeiter*innen gewesen sind.

Ein Portait von Votije (Bils: University of Cape Town News).
Ihr Kochen zeigen Spuren der Gewalt, die sie zeitlebens ertragen mussten und auch Spuren der harten Arbeit. Alle hatten Zahnkrankheiten, was auf eine schlechte Zahnmedizin schließen lässt, Jannetje, Saartje and Voetjie hatten sogar so schlimme Entzündungen, dass sie vermutlich am Ende ihres Lebens nur sehr schwer, oder gar nicht mehr essen konnten. Bei zwei Skeletten ließ sich außerdem eine Todesursache feststellen: z.B. Totje starb an Tetanus. Anders gesagt:
Man kann die Geschichten der Personen auch ganz individuell erzählen:
Cornelius Abraham war mit 1,63 m Körperhöhe mit Abstand der größte der hier bestatten Personen – und das, obwohl sich bei ihm ein Merkmal besonders stark ausgeprägt zeigt: Merkmale von Stress und Not in der Kindheit. Das hinterlässt nämlich Merkmale am Knochen, die man auch bei Erwachsenen noch identifizieren kann. Auch Jannetje, hat vmtl. in ihrer Kindheit gehungert.

Die Gesichtsrekonstruktionen nehmen einen beinahe mit auf eine Zeitreise (Bild: Gibbon ua.).
Eine ganz besonders dünn ausgeprägte Schädeldecke spricht davon. Dies kann aber auch durch Osteroporose entstanden sein. Manchmal ist eine dünne Schädledecke aber einfach nur Bestandteil der menschlichen Diversität. Ich vermute Osteoporose, den Jannetje hatte zusätzlich noch eine Gehbehinderung. Die Geschichte, die ihr Skelett erzählt, kann man auch noch bei zwei weiteren der untersuchten Personen finden. Jannetje war
Geboren in Freiheit
Auch bei Klaas und Saartje Stuurman finden sich eindrückliche Spuren: Sie haben sich in ihrer Kindheit ganz anders ernährt. Im Alter zwischen 10 und 14 Jahren ändert sich die Ernährungsweise plötzlich und radikal. Zuvor entspricht die in den Knochen festgestellte Analyse der ganz normalen Lebensweise der San. Das spricht dafür, dass die Kinder in diesem Alter versklavt wurden und erst ab dieser Zeit zur Zwangsarbeit gezwungen waren.

Gesichtsrekonstruktion von Saartje Stuurmann (Bild:University of Cape Town News).
In der Versklavung wurden ihnen dann ihre, heute unbekannten echten Namen, aberkannt, und man gab ihnen neue Namen. Die DNA-Analyse zeigt ein weiteres interessantes Detail: Laut Aufzeichnungen waren Saartje und Klaas Stuurman ein Ehepaar, die Analyseergebnisse zeigen aber, sie waren enge Verwandte. Vielleicht sogar Geschwister. Möglicherweise haben sie geflunkert, um in der Sklaverei nicht voneinander getrennt zu werden. Und das bringt uns zu einem weiteren Rätsel:
Wer sind die beiden Kinder?
Bei den Gebeinen wurden auch zwei Kinderskelette gefunden. Ihre Namen sind nicht bekannt. Die Nachfahren haben ihnen deshalb in einem Ritual neue Namen gegeben. Der Junge heißt G!ae (Springbock), und das Mädchen Saa (das ist ein spirituelles Tier der Kultur). Das sind Namen in der Sprache N/uu der San Kultur. Wer die Nachfahren sind, weiß man ziemlich genau: Die Familie sind Mitglieder der Familie Stuurmann. Die DNA-Analyse hinterlässt allerdings Rätsel.

Den Kinder hat man also nicht nur das Gesicht, sondern auch den Namen zurück gegeben (Bild: Gibbon ua.).
Es waren nicht die Kinder von Klaas oder Saartje. Die genetische Verwandtschaft ist dafür zu weit entfernt. Möglicherweise sind es aber Enkel der beiden. Die Ausgrabungen haben gezeigt: Die Kinder wurden zwischen den beiden Erwachsenen liegend beigesetzt. Saartje und Klaas hatten also Familie, und Saartje hat die Kinder, die möglicherweise ihre Enkel waren, auch gekannt. Sie wurde nämlich relativ alt. Während Klaas schon jung verstarb. Bei ihm zeigen sich die Spuren der Gewalt durch die Kolonialherren sehr deutlich. Klaas wurde ermordet.
Und was sagen uns diese Geschichten?
Dieses Projekt zeigt die Ungerechtigkeit, die diesen Menschen, die versklavt wurden, widerfahren ist. Sie wurden, wurden entmenschlicht. Sie wurden zu Werkzeugen der Farm, und dann zum Objekt einer rassistischen Wissenschaft. Das muss aufgearbeitet werden. Als die Gebeine dieser Personen aufgetaucht sind, wollte man einen möglichst respektvollen Umgang mit ihnen finden. Die Ungerechtigkeit, die diesen Menschen angetan wurde, die kann niemand wiedergutmachen.

Diese Bilder sollen den betroffenen im Endeffekt ihre Würde zurückgeben (Bild: Je’nine May (CC BY-ND 4.0 Deed)).
Man kann ihnen aber durch eine Forschung, die wie diese gemeinsam mit den Angehörigen geplant wurde, ihre Geschichte wieder geben. Zeigen, dass es sich um Menschen gehandelt hat, die unfassbar schlecht behandelt worden sind. Den Familien gegenüber respektvoll sein und dafür sorgen, dass man sich an diese Geschichte erinnert. Diese Forschung zeigt, was die Archäologie und die Nachbarwissenschaften alles können, deshalb wollte ich euch diese Forschung zeigen.
Literatur:
https://www.sapiens.org/biology/repatriation-ethics-south-africa/
https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0284785
https://theconversation.com/science-and-race-in-south-africa-lessons-from-old-bones-in-boxes-179774
https://www.news.uct.ac.za/article/-2019-11-04-using-archaeology-to-correct-injustice
https://www.news.uct.ac.za/article/-2019-11-04-we-knew-their-names
https://www.news.uct.ac.za/article/-2019-11-04-restoring-dignity-through-forensic-art
https://www.news.uct.ac.za/article/-2023-05-25-new-research-on-sutherland-nine-remains-digs-deeper-into-their-lives-deaths-1
https://www.news.uct.ac.za/article/-2018-10-12-khoisan-skeletons-to-be-returned-home