Es ist gerammelt voll im Hörsaal 2091/92 der Humboldt-Universität Berlin. Lautes, leises Murmeln. Ein Mikrophontest, alles wird still. Zu still. Gespräche gehen weiter – und dann geht es los. Es ist wieder viel zu still. Es ist nicht stickig, und doch wäre es eine Untertreibung zu sagen, das man die Luft schneiden kann. Man müsste sie schon mit einer Axt zerhacken – so groß ist das Gemisch aus Angst, Wut, Trauer und Hoffnung, das in der Luft liegt.
Das archäologische Institut der Humboldt-Universität soll nach 200 Jahren geschlossen werden!
Hier, die Petition zur Rettung: https://weact.campact.de/petitions/schliessung-des-instituts-fur-archaologie-an-der-hu-berlin
Es sind mehr Sorgen und Nöte in der Luft während Tonio Hölscher redet, als das man ihm wirklich zuhören kann. Und doch schafft es der Archäologe mit einem charmanten Humor die Aufmerksamkeit zurück auf die Archäologie zu bringen. Wer ihn nicht kennt: Er ist quasi der erste Archäologe, den man im Studium der Klassischen Archäologie kennenlernt.

Die Studierenden haben aus Protest die Skulpturensammlung ihres Instituts ein wenig umdekoriert (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Der Grund: Er hat DAS Einführungswerk geschrieben, dem auch ich es verdanke, meinen – Klassischen Archäologie Nebenfach Bachelor – geschafft zu haben. Es ist nicht irgendein Archäologe, der da redet, und er erzählt auch nicht irgendetwas. Er argumentiert für die Rettung des Fachs. In einigen Tagen soll seine Rede auf YouTube gestellt werden *ich werde sie dann hier verlinken.*
Aber warum sollte man Archäologie überhaupt retten?
Da stellt sich die Frage: „Warum ist sie überhaupt bedroht?“ Sparmaßnahmen sind das eine. Das andere ist die Botschaft der archäologischen Fächer. Eigentlich können wir nämlich sehr viel, und das wir ein Orchideenfach sind stimmt ganz und gar nicht. Und damit meine ich nicht, meine eigene Arbeit auf Lampedusa. Oder die Aufarbeitung von Massenmorden. Die sind wichtig. Aber: Wir können noch so viel mehr. Was wir lernen, lehren und versuchen zu verstehen ist kulturelle Logik. Wie funktioniert Gesellschaft. Wie haben Lebenswelten funktioniert. Und oft kommen wir an einen Punkt wo alles Interpretation ist.

Die Laokoongruppe, welcher aktuell im Institut eine Ausstellung gewidmet wird, haben die Studierende mit einer Protestaktion verpackt (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Gerade in meinem Fach, der Prähistorie, ist das oft so. Und doch können wir eines zeigen: Es hat schon verdammt viele Lebensentwürfe gegeben, verdammt viele unterschiedliche Kulturen, die alle ihre Eigenheiten, seltsamen, lustigen und auch kuriosen oder sehr beschissenen Seiten hatten. Die archäologischen Fächer zeigen vor allem eines: Leben ist divers. Und es ist dieser Beleg für die Unterschiedlichkeit funktionierender Gesellschaften, der Autokraten Angst macht. Und dieser Blick auf die Welt muss erhalten bleiben – deshalb hier noch einmal der Link zu Petition: https://weact.campact.de/petitions/schliessung-des-instituts-fur-archaologie-an-der-hu-berlin
Aber, ihr erzählt doch so oder so immer nur die Geschichte der Sieger
Nein – das stimmt nicht. Mit unseren Methoden können wir einen multiperspektivischen Blick auf verschiedensten Zeiten werfen. Und ja, da gibt es die Geschichte der Sieger. Aber eben auch die des Alltags, und damit auch immer wieder die Geschichte der Verlierer.

Die Skulptur der Tyrannenmörder sind ein gutes Beispiel für die Wirkmacht der Bilder – sie symbolisierten im alten Griechenland, den Sturz der Autokraten, und den Beginn der alten griechischen Demokratie (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Armutsforschung gehört zum Beispiel genauso zur Archäologie, wie die Untersuchung von verschiedenen Lebenswelten von Kranken, oder von Kindern, von Frauen uvm. Wenn du das nicht glaubst, schau dich ruhig auf meinem Blog um – du wirst viele Überraschungen finden. Und letztendlich können wir mit unserem Wissen sogar Macht und Machtstreben entzaubern. Und das mit allen Archäologieen, vor allem auch mit der klassischen Archäologie.
Was ist denn überhaupt der Unterschied – und warum Archäologieen – es gibt doch nur eine Archäologie oder?
Die Menschheitsgeschichte ist so groß, das kann ein Mensch gar nicht alles lernen, deshalb ist das Fach unterteilt in mehr als 10 Fachgebiete, die unabhängig voneinander forschen. Ich mache Prähistorie – Ägyptologie zum Beispiel hat einen Fokus auf Ägypten – eine Region die so reich an Archäologie ist, das es ein ganzes Fach abdeckt. Es gibt die Christliche Archäologie, oder zum Beispiel auch die Mesoamerikanische Archäologie, die Mittelamerika betrachtet. Und es gibt die Klassische Archäologie.

Es wurde immer wieder berichtet, das seit Februar, seit das Institut von Schließung bedroht ist eine Ausnahmesituation dort herrscht (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Die erforschen, grob gesagt, die Kulturen der Antike – also die Griechen und Römer. Von uns werden sie scherzhaft Lockenzähler genannt. Das liegt daran, dass viele klassische Archäologen einen kunsthistorischen Ansatz haben, und sich die Skulpturen dieser ansehen – und dabei auch ihre Locken zählen. Aber im Grunde genommen, ist diese Definition zu kurz gedacht. Denn in dieser Forschung wird die ganze Lebenswelt der Antike betrachtet.
Aber darüber weiß man doch eh schon alles – und wirklich was für die Gesellschaft tun die ja nicht!
Ohhh doch! Die Welt der Römer und Griechen scheint uns manchmal so ähnlich, das es wirkt, als bräuchten wir sie nicht mehr zu untersuchen. Aber sie ist uns so nah und doch so fern. Viele Details und Zusammenhänge, sind immer noch unbekannt. Und eine Sache können die Skulpturen und die Antike Bilderwelt, wie Tonio Hölscher in seiner ruhigen Art wunderschön formuliert hat:

Am Ende versuchte Tonio Hölscher noch dem Institut Mut zu machen (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Es ist bei der Betrachtung der Bilderwelt der Griechen und Römer oft so, als ob wir in einen Spiegel schauen und gerade den Autokraten unserer Zeit unangenehm den Spiegel vorhalten. Aber, es ist mehr als das: Es ist eigentlich kein Spiegel, sondern ein Fenster in eine andere Welt. Wenn man durch dieses Fenster blickt, findet man einen spannenderen Eindruck: Es ist eine Lebenswelt, ein Ausdruck von Politik. Ich sehe dort nicht nur Vergangenes, sondern auch Lösungskompetenzen. Und deshalb noch einmal hier der Link zu der Petition: https://weact.campact.de/petitions/schliessung-des-instituts-fur-archaologie-an-der-hu-berlin
Aber warum kämpfst du gerade für ein Fach, das du nur am Rande studiert hast, an einer Uni mit der du nichts zu tun hast?
Ganz einfach: Die Archäologie ist nur mit all ihren Fächern vollständig, und mit all ihren Instituten. Das eine kann eine Analysemethode, das andere ergänzt unsere Forschung mit etwas anderem. Jede Arbeit ist wichtig. In der Gesamtheit können wir die Vielfalt des menschlichen Lebens abbilden. Die Alternativen die es zu unserer Realität geben kann – im Guten wie im Schlechten. Es vermittelt interkulturelle Kompetenz. Das Fach Klassische Archäologie kann dabei eben zum Beispiel zeigen, wie Bilderwelten politisch funktionieren.

Die Startfolie des Vortrags (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Das ich das im Nebenfach gelernt habe hilft mir z.B.in der Orientierung in unserer heutigen bildgewaltigen Welt ungemein – weil ich bestimmte Narrationen, meist Machtnarrationen, die ein Bild enthält sofort entlarven kann. Eine Kompetenz, die mit der aufkommenden KI-Gesellschaft noch wichtiger wird. Diese Kompetenz würde uns ohne Klassische Archäologie im Gesamtbild fehlen. Deshalb hier noch einmal der Link zu der Petition: https://weact.campact.de/petitions/schliessung-des-instituts-fur-archaologie-an-der-hu-berlin
Aber es ist ja nur ein Institut das geschlossen werden soll
Jaaa – neeee. Der Rotstift geht um an den Unis. Erst kürzlich wurde die Schließung des Grabungstechnikerstudiums beschlossen. Seitdem ich angefangen habe zu studieren, mussten wir immer wieder hier oder da helfen ein Institut zu retten. Doch im Moment ist es international wie national so: Viele Archäologische Institute sind von Schließung bedroht – und das mehr oder weniger stark, aber an zu vielen Orten. Und nur gemeinsam sind wir stark, und können unsere Forschung, unser Wissen und unsere Kompetenzen, langfristig gesehen insgesamt retten.

Tonio Hölscher zeigte beispielhaft die Sprengung von Palmyra durch den IS (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Das mit den Schließungen hat oft finanzielle, aber auch politische Gründe. Autokraten haben lange verstanden: Man kann die Vergangenheit in die Luft sprengen, um sie zu beseitigen, und so Träger einer angeblich einzig möglichen Gesellschaftsstruktur zu sein. Oder man kann die Archäologie verdrehen. So wie sie einem in die eigene Ideologie passt. Und da stört eine gute kritische Wissenschaft. Da stört es, das die Gesamtheit unserer Fächer die Diversität des Lebens zeigt.
Es steht unsere Vielfalt gegen ihre Einfalt
Und da stört vor allem der Widerspruch einer gebildeten Fachöffentlichkeit, die Belege und Argumente kennt – und die dieses Wissen auch noch mit der Bevölkerung teilen könnte. Letzteres tun wir zugegeben viel zu wenig. Aber ich gebe mir in dieser Hinsicht ja die größte Mühe wie ihr ja auf dem Blog sehen könnt. Aber: Dafür brauchen wir alle unsere Institute.

Protestaktion der Studierenden in ihrem Institut (Bild: Geesche Wilts (CC BY-NC 3.0 DE)).
Eine gute Ausbildung – Raum zum Forschen – Platz für eine Gesellschaft, die wirklich wissen will, wie Gesellschaft funktioniert, und sich dagegen stellt, dass Vergangenheiten ideologisch verdreht und vereinnahmt werden. Die dafür jeden Winkel und jede Kuriosität der Kulturen kennt, die verdreht werden könnten. Und deshalb bitte ich dich, unterschreibe diese Petition, die in wenigen Tagen dem Berliner Senat vorgelegt werden soll: https://weact.campact.de/petitions/schliessung-des-instituts-fur-archaologie-an-der-hu-berlin
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