Berufsbilder in einem Archäologiemuseum

Ein Gastbeitrag von Marcus Coesfeld

Als ich gefragt wurde, ob ich nicht die verschiedenen Berufsgruppen in einem Archäologiemuseum behandeln könnte, dachte ich zunächst: „Klar! Leiter, Kurator, Museumspädagoge, Pressereferent, Verwaltung, Techniker – das geht schnell!“ Dann dachte ich darüber nach. Ich habe in und für einige Archäologiemuseen gearbeitet, und meine Erfahrungen resümierend stellte ich schnell fest: Ganz so einfach ist es nicht!

Die Theorie: Vielfalt von allen Seiten

Gerne hätte ich dem Leser eine idealtypische Liste angefertigt, etwa nach dem Muster: Position, Tätigkeiten, Zugang zum Beruf. Idealtypisch existiert so eine Liste bereits besser, als ich sie je anfertigen könnte. Vom Deutschen Museumsbund gibt es die Broschüre „Museumsberufe – Eine europäische Empfehlung“. Dabei handelt es sich um eine sehr lesenswerte Übersicht!

Ein Funktionsschema. Ein Punkt in der Mitte mit Direktor beschriftet. Und drumherum drei Cluster, die jeweils gegenläufige Pfeile zur Mitte und zueinander haben. Beschriftet mit: 1. Sammlung und Forschung, 2. Verwaltung und Management, 3. Bescuherbetreuung.

Man kann diese Berufsgruppen zusammenfassen und in Bereiche einteilen, wie es der Deutsche Museumsbund in genannter Broschüre (S. 18) vorschlägt:

Sammlungen und Forschung

 

Kurator/in

 

Leiter/in Inventarisierung

 

Registrar/in

 

Sammlungsassistent/in

 

Leiter/in des

Dokumentationszentrums

 

Ausstellungskurator/in

 

Ausstellungsgestalter/in

Besucherdienste

 

Leiter/in Vermittlung und Museumspädagogischer Dienst

 

Vermittler/in

 

Leiter/in Besucher- und Aufsichtsdienst

 

Leiter/in Bibliothek/Mediathek

Webmaster

 

Verwaltung, Management und Logistik

 

Verwaltungsleiter/in

 

Leiter/in Logistik und Sicherheit

 

Leiter/in Informationstechnik

 

Leiter/in Marketing, Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising

 

Leiter/in Pressestelle

 

Idealerweise gibt es in einem Museum all diese Berufsgruppen – in Vollzeit und teilweise in mehrfacher Besetzung. In einem gut koordinierten Gesamtteam weiß dann jede/r Mitarbeitende stets, welche spezielle Aufgabe er/sie hat und kann sich in die unterschiedlichen Langzeitaufgaben sowie befristeten Projektarbeiten einbringen. Was ein Traum!!!

Die Praxis: Die eierlegenden Wollmilchsäue

In der Praxis gleicht kein Museum dem anderen. Museen gibt es in den unterschiedlichsten Ausrichtungen, selbst innerhalb der Archäologiemuseen. Sie stehen in unterschiedlichen Trägerschaften, haben unterschiedlich viele (oder besser: wenige) Finanzmittel zur Verfügung – und sie haben unterschiedliche Stellenbesetzungen.

Es gibt einige große Museen mit 100+ Mitarbeitenden, aber die allermeisten der rund 6800 Museen in Deutschland – 7,8 % davon archäologische und historische Museen – sind kleine, oft ehrenamtlich geführte Häuser. Und auch die professionell geführten Archäologiemuseen weisen selten einen Personalstamm von über 10 festangestellten Mitarbeitenden auf.

Daraus ergibt sich, dass Museumsteams nicht nur multiprofessionell aufgestellt sind, sondern dass jeder einzelne Mitarbeitende über Kompetenzen aus ganz unterschiedlichen Bereichen verfügt (bzw. verfügen muss). Das bedeutet, dass es eben nicht so ist, dass ein Ausstellungskurator sich ausschließlich auf die Betreuung der Sammlung konzentrieren kann. Ein Leiter Vermittlung (auch: Bildungsreferent oder Museumspädagoge) beschränkt sich nicht nur auf die Vermittlung museumspädagogischer Programme – und allein für die Öffentlichkeitsarbeit ist auch selten jemand angestellt. Natürlich gibt es Berufsgruppen (wie etwa den/die Restaurator/in), die eine gezielte Ausbildung benötigen. Zugangsvoraussetzungen gibt es für jede Stelle, doch diese sind meistens (wie die Stellen selbst): sehr dehnbar und eine Auslegungssache!

 

Denn: Je kleiner das Museum, desto weniger Mitarbeitende, desto mehr Berufsbilder vereinigen sich in einzelnen Personen. Das Aufgabengebiet Sammlung und Forschung wird dann meist komplett von einer einzigen Person abgedeckt, dem Kurator. Der Bereich Vermittlung wird, das ist eine beliebte Kombination, mit den Bereichen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und Veranstaltungsmanagement zusammengelegt. Einige Häuser haben Grafiker, mit denen sie zusammenarbeiten, in vielen anderen müssen die Mitarbeitenden selbst sämtliche Grafiken erstellen, meist ohne das je gelernt zu haben.

Das gipfelt in den Museen, in denen im Grunde nur ein Museumsleiter arbeitet, der allein mehr oder weniger für alle Bereiche zuständig ist. Natürlich stehen auch ihm in der Regel ehrenamtliche Helfer und andere Stakeholder zur Seite. Aber wenn jemand eine archäologische Wissenschaft studiert hat und in einem archäologischen Museum arbeitet, kann es je nach Struktur des Hauses und besetzter Position sein, dass er fast bis gar nicht inhaltlich arbeiten kann, obwohl das Stellenprofil das eigentlich vorsieht und man ohne das Studium auch gar nicht erst für die Stellenbesetzung infrage gekommen wäre.

Die Zugänge: So unterschiedlich wie du und ich

Viele Studierende haben die Befürchtung, dass sie nie einen Fuß ins Museum bekommen, wenn sie nicht vom ersten Semester an eine strikte Linie verfolgen. Dieser Artikel soll ein Handtuch sein, mit dem Ihr Euch den Schweiß von der Stirn wischen könnt! Euer Studium ist die Grundvoraussetzung, um im Museum zu arbeiten. Wenn es Euch danach drängt, zu Eurem Spezialthema zu arbeiten, wird höchstwahrscheinlich am ehesten eine (einzige) Sonderausstellung infrage kommen, auf deren wissenschaftliche Stelle(n) ihr euch bewerben könnt. Eine langfristige Arbeit in einem Museum setzt jedoch immer Offenheit und Lernbereitschaft für vollständig fachfremde Bereiche voraus. Das sollte Euch bewusst sein! Am Ende geht es immer darum, das gemeinsame Projekt bestmöglich in die Ausstellung zu bringen!

 

Tipps, um schon während des Studiums erste Erfahrungen zu sammeln und Kontakte zu knüpfen, weichen nicht von denen in anderen Berufen ab: Die meisten Museen betreuen gerne Praktikantinnen und Praktikanten. Ein studentisches Praktikum bietet eine ausgezeichnete Möglichkeit, erste Einblicke in die Museumsarbeit zu erhalten und vielleicht schon praktische Interessensgebiete zu erkunden, die einem an der Uni verwehrt bleiben. Auch suchen viele Museen die Unterstützung durch ehrenamtliche Helfer für unterschiedlichste Aufgaben. Im Gegenzug dafür bieten sie Einblicke in die Museumsarbeit. Im Lebenslauf sind diese Tätigkeiten auch ganz einfach erste Referenzen, die für die, die Euch einstellen sollen, schon mal einen Pluspunkt darstellen. Die Scheu vor dem (zunächst) unbezahlten Arbeiten zahlt sich in der Regel wirklich aus!

Ein Museum stelle Objekte nicht einfach hin, es stellt sie aus – wie hier, um zu zeigen, wie etwas funktioniert (Foto hat Miss Jones im Landesmuseum in Kassel gemacht)

Die beste Einstiegsstelle ins Museum bieten dann nach der Uni die wissenschaftlichen Volontariate. Sie sind oft die Brücke zwischen Studium und einer Festanstellung im Museum – ähnlich wie bei Lehramtsstudierenden und dem Referendariat! Während eines Volontariats werden umfassende Einblicke in alle Bereiche der Museumsarbeit gewährt und es bietet sich die Möglichkeit, umfassende Kenntnisse und Fähigkeiten zu entwickeln. Wie auch ein Referendariat läuft ein Volontariat in der Praxis nicht immer so idealtypisch ab, wie man es sich wünschen würde, aber auch dann bietet es eine gute Grundlage für eine Anschlussstelle.

Der Berufsweg ist selten schon am Anfang in Stein gemeißelt.  Karrierewege sind häufig fluide. Ich bin – um nur wenige Beispiele zu nennen – auf eine diplomierte Geologin gestoßen, die im Archäologiemuseum Marketing macht, auf einen Mittelalterarchäologen, der Sonderausstellungen zu unterschiedlichsten Themen kuratiert, einen Vor- und Frühgeschichtler, der ein Industriemuseum leitet – und so weiter.

Ein Mann mit 8 Armen, der alles Mögliche gleichzeitig macht.

Im Grunde genommen muss man alles mal machen

Ich selbst bin das beste Beispiel für einen fluiden, wechselnden Berufsweg. Angefangen habe ich als Geschichtslehrer, bin über den historisch-didaktischen Zugang in den Bereich Museumspädagogik im Archäologiemuseum, von da aus in sämtliche Bereiche des Museumsmanagements und schließlich in die Direktion eines Archäologiemuseums gekommen. Und so geht es vielen, wenn nicht den allermeisten: Man fängt seine Reise irgendwo an und kommt ganz woanders heraus, als man anfangs gedacht hatte. Das ist spannend und abwechslungsreich!

Eine Kunstausstellung, zu sehen sind drei Bilder. Zwei mit vielen gemalten bunten Menschen. Und ein Bild mit Fotos von ganz verschiedenen Menschen.

Aber ich will nichts schönreden! Stellen im Museum sind vergleichsweise rar. Sie werden dafür, dass so hohe Qualifikationen wie Studienabschlüsse und weitere Erfahrungen Zugangsvoraussetzungen sind, häufig nicht besonders gut bezahlt. Ähnlich wie an den Universitäten sind viele Stellen befristet. Hinzu kommt außerdem, dass sehr viele Stellen in Teilzeit ausgeschrieben sind, die nicht selten aber Tätigkeiten abdecken sollen, für die man eigentlich mehrere Vollzeitkräfte bräuchte. Es ist nicht selten, dass man sich jahrelang von befristeter Projektstelle zu befristeter Projektstelle entlanghangelt und auch gleich in mehreren Museen und unterschiedlichen Projekten mitmischt, bis man die ersehnte Festanstellung erhält. Das kennt man aus dem wissenschaftlichen Mittelbau an Universitäten gleichermaßen.

Zum Abschluss ein Mutmacher

Die Arbeit in einem Museum kann zwar herausfordernd sein, besonders in Anbetracht der oft befristeten und teilzeitigen Stellen, aber sie ist auch ungemein bereichernd. Museen sind Orte des lebenslangen Lernens, nicht nur für ihre Besucher, sondern auch für ihr Personal. Die Vielfalt der Aufgaben und die Möglichkeit, sich ständig weiterzuentwickeln und zu lernen, machen die Arbeit im Museum einzigartig. Wer Leidenschaft und Engagement mitbringt, wird einen Weg finden, in diesem dynamischen und inspirierenden Umfeld seinen Platz – oder wahrscheinlicher: seine Plätze! – zu finden!

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