Wenn das Meer zur Gefahr wird, eine bronzezeitliche Hafengeschichte

Es ist das 12. Jahrhundert vor Christus. Auf Kreta geben einige verbliebene Siedler*innen der Stadt Gournia endgültig ihr Zuhause auf. Seit Jahrhunderten gab es hier eine lebendige und reiche Gemeinde. Doch dann kam sie, die Katastrophe, ein Tsunami hatte alles verwüstet. Diejenigen die überlebten versuchten zwar den Ort wieder aufzubauen, doch die Stadt war nach dieser Katastrophe auf ca. 10 neu errichtete Häuser zusammengeschrumpft. Schließlich gaben die Bewohner*innen ganz auf, sie zogen in höher gelegene sicherere Gebiete.

Im Hintergrund befindet sich eine Blaue Mittelmeerbucht, im Vordergrund ragen steinernde Ruinen aus dem Boden

Blick von der Siedlung zum Hafen

Um die Frage zu klären, warum es so weit gekommen ist, lohnt es sich einen Blick auf die bronzezeitlichen Hafenanlagen zu werfen.

Aber zunächst: Was war Gournia für ein Ort?

Gournia ist wie Malia eine bronzezeitliche Siedlung mit einem direkten Anschluss zum Mittelmeer. Die bronzezeitliche Siedlung kuschelt sich in der Nähe des Meeres an einen Hügel, der in einem geschützten Tal liegt. Die Siedlung gehört zu den kleineren Siedlungen der Minoer, doch sie liegt an einem wirtschaftlich interessanten Ort. Vom Meer aus gesehen durchzieht die Insel Kreta direkt hinter Gournia ein kleines Tal, dass sich bis auf die Südseite der Insel zieht. Durch dieses Tal ist einerseits eine schnelle

Gournia von weitem.

Überquerung der sonst bergigen Insel möglich. Der Hafen liegt am Beginn der kürzesten Strecke, die von der Nord- auf die Südseite der Insel führt. Zum anderen sind in diesem Tal viele Farmen der Bronzezeit belegt, die vermutlich zum Reichtum des minoischen Hafens beigetragen haben. In der Siedlung selber gibt es Spuren von der Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte, beispielsweise den Nachweis von Weinherstellung. Es ist also möglich das sich Gournia hinter diesem Hafen gründete, weil es sich um eine äußerst günstige Position handelt.

Und was weiß man über den Hafen von Gournia?

Untersuchungen aus den Jahren 2008 und 2009 zeigen: Die Siedlung hatte eine ausgebaute Hafenanlage auf einer kleinen Halbinsel, die sich in das Meer schiebt. Gebäudereste legen davon Zeugnis ab. Ein Problem bei der Erforschung ist: Die kleine Halbinsel ist in den letzten 3.000 Jahren zu Teilen vom Meer weggerissen worden.

Die HAfenbucht von Gournia etwas von der Seite betrachtet, zu sehen sind Landzungen die sich in das Meer schieben.

Die Minoer nutzen die Halbinseln, die sich in die Mirabellobucht schieben, um Hafenanlagen zu erreichten.

Unterwasserarchäologische Untersuchungen mit Taucher*innen zeigten aber wie gut Gournia seinen Hafen ausgebaut hat. Gefunden wurden nicht nur die Reste von Hafengebäude oder Teile von Treppen. Auch weitere Mauerlinien ziehen sich bis heute direkt an der Mittelmeerküste entlang. Bereits zu Beginn der Erforschung von Gournia entdeckte Harriet Ann Boyd Hawes ein Hafengebäude direkt an der Küste. Schon vor mehr als 100 Jahren konnte sie dort ein Haus freilegen, dass vermutlich ein administratives Zentrum für den Hafen war. Der Grund für diese Interpretation: Ein Büro wurde entdeckt. Und auch wenn sich die Methoden zu der Erforschung in den letzten 100 Jahren stark verbessert hat, ist dieser Hafen noch lange nicht endgültig entschlüsselt.

Der Ausblick von der Siedlung Gournia aus auf den Hafen.

Der Ausblick von der Siedlung Gournia aus auf den Hafen.

In aktuelleren Untersuchungen konnte ein gepflasterter Weg nachgewiesen werden, der von der Siedlung Gournia, zu der Hafenanlagen führt. Für die Einwohner war das notwendig, denn die Siedlung liegt gut 400 m von der Küste entfernt.

Zwei seltsame Verteidigungsmauern

Der Weg zur Stadt ist mit zwei Verteidigungsmauern in Richtung Mittelmeer ausgestattet gewesen. Um die Stadt durch die Verteidigungsmauern hindurch betreten zu können, muss man diesen Weg entlang laufen. Eine seltsame Konstruktion, sind die Minoer doch eher dafür bekannt, das sie wenige, bis gar keine, militärischen Auseinandersetzungen aufweisen. Vermutet wird deswegen, dass diese Ortsbefestigung einen eher rituellen Charakter hat, als einen tatsächlich militärischen Zweck. Diese Interpretation passt besser zu der sanftmütigen Kultur der Minoer. Der archäologische Befund zeigt zusätzlich, dass diese Verteidigungsmauern mit einem Schrein verbunden waren. Der Weg, der einen durch die Hafenmauern führt, bringt einen schnurstracks zu diesem religiösen Ort, der sich auf einer massiv gebauten Terrasse befindet. Die Interpretation, dass die Wehranlagen einen rituellen Charakter haben ist also durchaus plausibel. Aber nicht nur der Schrein spricht für einen eher symbolischen Charakter der Mauern. Denn diese sind offenbar nicht wehrfähig. Anders gesagt: Sie wurden nicht so gebaut, dass sie tatsächlich physikalisch schützende Eigenschaften hatten.

Ausblick auf den Hafen von Gournia. Es wurde von einer sehr hohen Stelle aus af die Mirabellobuch hin Fotografiert.

Aussicht von einem der höchsten Punkte der Minoischen Siedlung.

Das diese Festungsmauern nicht wehrfähig gewesen ist, zeigt die Katastrophe die sich im bronzezeitlichen Kreta ereignet hat. In der spätminoischen Periode ab 1.200 v. Chr. werden zunehmend Siedlungen aufgegeben. Das Leben verlagert sich in sicherere Gebiete. In den Jahrhunderten zuvor war es zu Naturkatastrophen wie einem Vulkanausbruch, durch den eine große Tsunamiwelle über den Ort fegte gekommen. Erdbeben erschwerten das Leben an der Küste. Gournia wurde nach der großen Katastrophe, nach einer Nachbesiedlungsphase, nach der Zerstörung des Ortes, aufgegeben. Eine funktioniere Hafenbefestigung hätte das Aufgeben der Siedlung, und einen Rückzug an sicherere Orte unnötig gemacht. Eine Festungsmauer, mit einer militärischen Funktion hätte den Schutz geboten, den die verbliebenen

Ganz weit oben ein Foto mit siedlungsteinen Von Gpurnia um Virdergrund um dem Meer weit weit im Hintergrund

Man kann sich kaum vorstellen, wie Gewaltig eine Tsunamiwelle sein muss, damit das Meer in dieser Entfernung, wie hier auf dem Bild gesehen noch alles verwüstet.

Einwohner*innen nun an anderen Orten suchten. Bei dieser Argumentation muss man aber beachten, dass nach derzeitigem Forschungsstand nicht abschätzbar ist, inwieweit die Mauer durch die Naturkatastrophen beschädigt war. Doch hätte man die Wehranlage wieder aufbauen können, wenn sie denn wehrfähig gewesen wäre – doch was genau passiert ist bleibt derzeit rätselhaft. Aber vielleicht werden uns zukünftig Forschungen diese Frage beantworten. Es könnte ein interessanter Schlüssel sein, um die Wichtigkeit von Küstenschutz aufzuzeigen, anhand von diesem Beispiel, wo eine florierende und reiche Kleinstadt nach Jahrhunderten aufgegeben werden musste.

Literatur:

Stylianos, Alexiou: Das antike Kreta, Würzburg 1967.

Mike Prent, Creatan Sancuaries and Cults – Contiuity and Change from late Minaon IIIC to the Archic Period. In: Religions in the Graeco-Roman World 154, Boston 2005.

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