Ein wasserdichter Eskimo-Lifehack

Alaska im 19. Jahrhundert. Eine Eskimo Familie der Yup’ik-Kultur isst zusammen. Es gibt Lachs. Goldlachs um genau zu sein. Gut gesättigt werfen sie die Fischüberreste dann aber nicht weg. Sie säubern die Fischhaut und scheiden die Flossen aus der Tierhaut. Jedes bisschen Fischfett wird entfernt. Der Grund: Die Fischhaut soll nicht verwesen. Deswegen legen sie diese ein, und zwar in Urin. Das Aceton im Urin entfernt auch die letzten Fettreste. Die Fischhaut wird dann, in kalter Luft getrocknet. Wenn die Eskimos damit fertig sind haben sie harte Stücke Fischrohleder. Diese werden zum Weichmachen in Tiergehirn eingelegt und einige Zeit eingefroren. Schließlich wird die Fischhaut aufgetaut und dabei mit den Händen massiert, gezerrt und auseinandergezogen. Während dieser Massage trocknet die Fischhaut. Der Prozess dauert zwischen 8 und 10 Stunden, in denen die Fischhaut permanent bearbeitet werden muss. Am Ende entsteht ein geschmeidiges Fischleder – aus diesem wird eine wunderschöne Tasche gemacht.

Eie Golde Braue Tasche. Sie ist bestickt, ud glitzert ein bisschen

Eine Tasche aus Fischleder (Bild: © The Trustees of the British Museum [CC BY-NC-SA 4.0])

Das Fischleder wird zunächst zurecht geschnitten und dann mit Sehnen von Robben oder Wahlen vernäht. Eine besondere Rolle spielt dann noch eine Robbenspeiseröhre. Die Eskimos kennen diese Tiere seit lagen. Sie jagen und essen Robben. Irgendwann haben sie entdeckt, dass man ein wunderbar weißen Stoff bekommt, wenn man die Speiseröhre einer Robbe gefriertrocknet. Teile einer so präparieren Speiseröhre werden genommen und als Dekoration auf die Tasche aufgenäht. Und das ist nur einer der Dekotricks der Eskimos. Die fertige Fischhauttasche ist fein und weich, ein edles Stück. Die Fischhaut ist so dünn, dass man sie Sonne durch sie hindurch leuchten sehen kann. Gleichzeitig ist die Fischledertasche ein echter Lifehack der Eskimos, denn sie ist unfassbar praktisch. Fischleder ist extrem stabil, die nähte sind Wasserfest, das heißt man kann alles Mögliche mit ihr transportieren und es bleibt trocken. 1888 kommt dann Hugh Cecil Lowther, 5th Earl of Lonsdale, auf seiner Arktisexpedition mit den Yup’ik Eskimos in Kontakt. Wie er zu dieser Tasche gelangt ist, ist unklar. Bekannt ist aber 2 Jahre später spendet er sie dem British Museum. Dort wurde die Tasche nun für die Arktisausstellung restauriert.

Die Tasche von der Seite

Ein echter Helfer beim Transport (Bild: © The Trustees of the British Museum [CC BY-NC-SA 4.0])

Im Zuge dessen kommen auch heute lebende Eskimos zu Sprache. Als Bewohner Alaskas sind sie Bürger*innen der USA. Die Kulturen der Native Americans haben sich im Kultursektor in den USA zunehmend ein Mitspracherecht erkämpft. Sie bewahren  ihre Kulturen zunehmend selbstbestimmt – das bedeutet: Sie entscheiden was sie wie dokumentieren wollen, sodass die Darstellungen ihrer Kulturen weniger von oben herab gestaltet werden. Die Betrachtung von außen, war immer wieder mit Stereotypen oder auch herabsetzenden Darstellungen verbunden, also für viele Kulturen oft beleidigend. Das soll sich jetzt, durch die Mitsprache, ändern. Durch entstand bei der Restauration der Tasche eine Win-win-Situation. Nicht nur Respekt wurde gewahrt, sondern auch Wissen ausgetauscht. Aus der Perspektive der Forschung hilft dies, weil dieses Wissen bei der Betrachtung einzelner Objekte hinzugezogen werden kann. So kommt es, dass u.a. die Yup’ik gegenüber dem Smithonian Institute ihre Fischleder-Verarbeitungstechniken erklären. Auch die Restauratorin dieser Fischledertasche, die heute in England steht, konnte so Nachhilfeunterricht bei den Yup’ik erhalten. Die Restauratorin kann mit diesem Wissen, Objekte aus Fischleder jetzt natürlich viel besser pflegen.

Wenn ihr auch ein bisschen Nachhilfe im Umgang mit Fischleder haben möchtet, dann habe ich für euch eine ganze Youtubereihe hinter die Literatur gepackt, die das Smithonian Institute nur zu diesem Thema erstellt hat.

Literatur:

https://www.britishmuseum.org/collection/object/E_Am1890-0908-30

https://alaska.si.edu/culture_yupik.asp?continue=1

How to conserve a fish skin bag

 

4 Gedanken zu „Ein wasserdichter Eskimo-Lifehack

  1. Wow, total interessant. Ich wusste zwar, dass man aus Fischhaut Leder machen kann, aber nicht, dass sie so stabil ist! Die Videos werde ich mir auch noch ansehen. Danke, für den schönen Bericht 🙂

  2. Ich bin heute (zum Glück) über Deinen Blog gestolpert und finde ihn super spannend und informativ. Danke dafür.
    Ich habe eine Frage zu dem Begriff “Eskimo”. Ist der politisch korrekt oder sollte man “Inuit” benutzen? Ich habe da leider nur ein unwissenschaftliches Halbwissen dazu. Vielleicht kannst Du mir etwas dazu erklären?!
    Mach weiter so!!

    • Du hast recht, Respekt vor den Kulturen ist sehr wichtig und liegt mir am Herzen. Deswegen habe ich die Begriffe auch nachgesehen. Bevor ich diese Artikel geschrieben habe. Und vor allem geschaut, welche Begriffe verwenden die Natives selbst.

      Eskimo ist ein Oberbegriff für viele Kulturen, die Hoch oben in Nordamerika leben. Die Inuit sind eine dieser Gruppen. Die Inuit findest du an der Atlantikküste. Die Hier gezeigte Tasche stammt aber aus Alaska, von der Pazifikküste. Angefertigt wurde sie von den Yup’ik. Eine andere Eskimo-Kultur. Das Wort Eskimo wird als Überbegriff selber von den Native Americans verwendet, die versuche zu rekonstruieren, wie diese Tasche angefertigt wurde. Diese Menschen sind aber nicht alle Yup’ik. Sie stammen aus verschiedenen nordamerikanischen Kulturen. Die Nähtechik ist nämlich zum Teil durch die Kolonialzeit verloren gegangen. Das, was rekonstruiert wird, ist also nicht Yup’ik. Sondern übergeordnet das zusammenstückelte Wissen verschiedener Eskimo-Kulturen mit ähnlichen Kulturtechniken, weswegen hier das Wort Eskimo benutzt wird. Wie es auch die Natives in diesem Falle selbst tun. Eine Eskimo-Kulturgruppe ist bei diesem Versuch, herauszubekommen wie diese Nähtechnik funktioniert, allerdings nicht dabei gewesen: Die Inuit. Deswegen wäre es auch grob falsch zu sagen, es wäre eine Inuittechik. Es ist zwar möglich, dass es bei den Inuit eine ähnliche Technik gibt, das kommt aber in diesem Beispiel nicht vor.

      Danke für deine Aufmerksamkeit. Und frohes lesen noch.

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