Andere Kulturen, andere Körperverständnisse

Wir kennen sie aus klischeehaften Darstellungen und Schauermärchen. Schrumpfköpfe. Doch das ist ein sehr geprägter Blick, der sich wohl daraus gründet, dass es für westliche Menschen grausam und ekelig erscheint aus einem menschlichen Kopf einen Schrumpfkopf anzufertigen. Tatsächlich aber ist es auch ein kulturelles Phänomen. Eine von vielen Möglichkeiten menschliche Überreste zu konservieren. Versucht man das Phänomen Schrumpfköpfe einmal nicht über diesen Gruselfaktor, sondern, als ein Bestandteil einer Kultur zu sehen, so sind es doch ganz erstaunliche Kulturgüter. Ergebnisse einer Mumifizierungstechnik, die mindestens so spannend ist, wie bei ägyptischen Mumien. Die Haut des Menschen wird am Hinterkopf aufgeschnitten, und dann von mit dem Gesicht vom Körper entfernt. Anschließend wird die Haut über eine Kugel aus Holz oder Ton gezogen, und das ganze über Feuer geräuchert, sodass sich die Haut zusammenzieht. Ein Beispiel sind die Schrumpfköpfe, der Shuar aus dem heutigen Ecuador. Der Kopf einer Person wird, im Verständnis dieser Kultur, durch diesen Konservierungsprozess heilig gemacht. Solche Schrumpfköpfe werden von besonderen verstorbenen Gegner*innen in kriegerischen Auseinandersetzungen angefertigt.

Es handelt sich um Personen, welche in ihrem Leben eine besondere physische oder psychische Kraft hatten oder besonders tapfer waren. Solche Menschen werden bei den Shuar als Kakaram bezeichnet. Das Besondere in dieser Kultur ist, der Körper wird anders wahrgenommen, als wir es im Westen kennen. Eigenschaften wie z.B. Stärke stehen nicht direkt in Verbindung mit dem Körper der Person. Dieser hat eine eher untergeordnete Rolle hat, gegenüber den Charaktereigenschaften des Menschen. Die Gesellschaft der Shuar ist dennoch stark binär orientiert, wobei es eine gesellschaftliche Asymmetrie zugunsten der Männer gibt. Aber aufgrund dessen, dass aber Kraft nicht dem Körper zugeordnet wird, können sowohl Frauen als auch Männer als Kakaram gelten. Ein Hybrid aus dem ist gemeint, was wir als körperliche Stärke und mentale Fähigkeiten bezeichnen würden, wenn von Kraft geredet wird, auch wenn das eine verkürzte Erklärung ist. Auch Körperkraft Kraft gilt, anders als bei uns, nicht als Geschlechtsmerkmal. Ein Schrumpfkopf wird aus dem Körper eines Kakaram angefertigt, da dieser, nach dem Glauben der Shuar, sonst als gegnerischer starker Geist existiert. Über den Schrumpfkopf werden die Kräfte dieses starken Geistes aber gebündelt, und kommen dem *der Besitzer*in des Schrumpfkopfes zu gute. Es ist dabei völlig unerheblich, ob man einen weiblichen oder männlichen Schrumpfkopf anfertigt, er wendet Böses ab. Ein interessantes Beispiel das zeigt, dass Geschlechter innerhalb von Gesellschaften mal mehr und mal weniger relevant sind, jeh nach dem auf welche Aspekte einer Kultur man schaut. Und die Merkmale die für diese Rollen relevant sind können sich stark voneinander unterscheiden. Zusätzlich zeigt sich: nicht jede Kultur definiert auf Basis der gleichen biologischen Merkmale Geschlechter.

Literatur:

Perruchon, Marie Perruchon, I Am Tsuki – Gender and Shamanism amog the Shuar of Western Amazonia, Uppsala 2003.

3 Gedanken zu „Andere Kulturen, andere Körperverständnisse

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